Grünkohl und Das Leben ist Veränderung. Und anstrengend.

Eigentlich wollte ich ja heute chronologisch weiterschreiben darüber, wie es auf der Palliativstation für meinen Vater und uns weiterging. Was in meiner Erinnerung schön war und was mir, wenn ich allzu nah daran vorbeidenke, immer noch Bauchschmerzen macht. Das tue ich auch noch, aber vorher würde ich mir gerne schnell (oder auch langsam) etwas von der Seele schreiben, was mir in dieser Woche wieder hochgekommen ist. Auch wenn es, chronologisch betrachtet, noch gar nicht dran ist.

Auslöser war eine Szene in einer eher performanceartigen szenischen Aufführung von Bachs Matthäus-Passion in dieser Woche. Die „Szene“ mit dem letzten Abendmahl wurde bebildert mit einem Kühlschrank und der nachgekochten letzten Wunschmahlzeit einer schon vor längerer Zeit verstorbenen Hospizbewohnerin. Da es zur Aufführung eine kleine Broschüre mit genauer Erläuterung zu den Dingen, die auf der Spielfläche zu sehen waren, gab, wusste der Zuschauer also genau, dass es sich um geschmorte Hähnchenkeule mit Salzkartoffeln und Mineralwasser handelte. Gekocht von einem wohl sehr tollen Hospizkoch, der über seine Tätigkeit und sein Wissen um die Wichtigkeit von schönem Essen für todkranke Menschen sogar ein Buch geschrieben hat.

Ich kenne diesen Koch nicht, mein Vater war auch nicht in dem Hospiz, in dem er tätig ist. Trotzdem ging mir dieses Bild sehr nahe und ich erinnerte mich an das letzte Essen, das für meinen Vater gekocht wurde. In „unserem“ Hospiz und nicht mittags vom Chefkoch des Etablissements, sondern abends von einer wunderbaren Pflegekraft, die meinem Vater und uns in seinen letzten Tagen unglaublich geholfen hat. Es ging ihm nicht gut an diesem Abend, er war in der Nacht vorher gestürzt (seine nicht zu unterdrückende Unruhe trieb ihn auch nachts aus dem Bett, obwohl er längst zu schwach war, um alleine in der Gegend herumzugeistern). Er hatte Schmerzen, konnte aber, weil seine Kommunikationsfähigkeiten zu dem Zeitpunkt schon sehr abgebaut hatten, nicht sagen, wo genau und wie stark (erst später am Abend erfuhr ich, dass ihm seine Hüfte wehtat).

Es war der erste Abend, an dem er nicht mehr zum Essen in die Wohnküche des Hospizes kam, sondern in seinem Zimmer und sogar im Bett blieb. Dort hatte ihn in den letzten Wochen kaum mal jemand angetroffen; eigentlich war er doch immer auf Achse gewesen. Na ja, nun saß er im Bett und ich hatte das Gefühl, mich wie durch einen Zentner Watte mit ihm zu verständigen. Wenn ich ihn etwas fragte, kam meist keine Antwort. Wenn ich dann nach fünf Minuten längst über andere Dinge nachdachte, kam dann doch plötzlich eine Rückmeldung. Ich hatte nicht wirklich Ahnung davon, wie ein Sterbevorgang aussieht und wie lange er dauert, aber mir war schon seit einigen Tagen klar, dass es mit meinem Vater nun wirklich zu Ende ging.

Aber auch das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen, sondern dass die formidable Pflegekraft, nennen wir sie Frau K., trotz der wuseligen Abendbrotszeit im Hospiz und obwohl sie eigentlich an fünf Orten gleichzeitig zu tun hatte, die Zeit und die Geduld aufbrachte, meinem Vater zu entlocken, was er gerne essen würde: Grünkohl! Okay, sagte Frau K. und ich sah für einen winzigen Moment die Panik in ihren Augen.

Wir erinnern uns: Es war Ende September. Grünkohl war in der Vorratskammer nicht zu finden, weder im Glas noch im Tiefkühler. Aber Frau K. ließ sich nicht entmutigen, sie wühlte sich durch die Vorräte und sie kochte meinem Vater einen Grünkohl, der in seinem früheren Leben Spinat geheißen hatte. Mit tausend Gewürzen, Kochwurst, kleinen Kartöffelchen und allem Drum und Dran. Mein Freund und ich staunten echt Bauklötze, als sie damit das Zimmer meines Vaters betrat. Sah aus wie Grünkohl, roch wie Grünkohl.

Tja, und nun würde ich gerne schreiben, dass mein Vater sich wahnsinnig über diese Liebesdienst gefreut und den Teller voller Freude mindestens zur Hälfte geleert hat, um sich anschließend voller wunderbarer Erinnerungen an wunderbare Grünkohlessen in seinem Leben bei Frau K. für diesen Hochgenuss zu bedanken. Tja.

Die Realität war so, dass mein Vater sich offenbar durch die Aufmerksamkeit und vielleicht auch das stark duftende Essen überfordert fühlte und sich deshalb noch weiter in sich selbst zurückzog. Das Essen stand ein Weilchen auf seinem Tischchen am Bett, aber er wusste einfach nichts mehr damit anzufangen. Schließlich nahm Frau K. es weg, „für später“, aber wir wussten alle, dass es dieses Später wohl nicht geben würde.

Diese Geschichte ging mir sehr heftig durch den Kopf, während der Servierwagen mit der Hähnchenkeule über die Bühne geschoben wurde; die Frage, ob die Frau, für die der tolle Hospizkoch dieses Essen gekocht hatte, diese Mahlzeit noch hatte genießen können, beschäftigt mich noch heute. Der schöne Spinat-Grünkohl, den Frau K. mit Liebe für meinen Vater zubereitet hatte, wird wohl im Müll gelandet sein.

Die letzte Mahlzeit, die mein Vater in meiner Gegenwart zu sich genommen hat, war – einen Tag vor der Geschichte mit dem Grünkohl – ein leichtes Abendessen, bestehend aus Gurkensalat und Grießbrei. Gegessen mit einer Kuchengabel, er stippte die säuerlich angemachten Gurken in den Grießbrei, tropfte mit jeder Gabel, die er zum Mund führte, einen kräftigen Blobb auf seinen Pulli und aß den Rest, ohne daran irgendetwas seltsam zu finden. Ich kann mich so genau erinnern, weil ich beim Zuschauen einen spontanen und heftigen Würgereiz unterdrücken musste.

So, zurück zum Thema, also zu glücklicheren Zeiten auf der Palliativstation. Nachdem nun geklärt war, dass mein Vater voraussichtlich nicht sofort sterben würde, auch wenn er grundsätzlich seine Bereitschaft dazu erklärt hatte, entspannte sich die Lage tatsächlich für einige Tage.

Mein Vater wollte noch immer nicht fernsehen, lesen oder Musik hören, aber er fing an, sich mehr und mehr aus seinem Zimmer zu trauen und in Kontakt mit anderen Menschen zu treten. Er ließ sich gerne von uns im Rollstuhl über das Krankenhausgelände fahren, zum Eisessen ins Café einladen und machte auch brav Gehübungen mit dem Rollator. Weiterhin genehmigte er ausgewählten Freunden und Verwandten, ihn zu besuchen – bisher hatte er ja nur dem engsten Familienkreis erlaubt zu kommen. Er war auf der Station noch einmal umgezogen und bewohnte nun ein riesiges Zimmer gegenüber von der Wohnküche. Das Zimmer war früher wohl mal ein Vierbettzimmer gewesen und bot natürlich wunderbar viel Platz für ein Bett, einen Krankenhaussessel, einen privaten Sessel, ein Sofa, einen Esstisch mit zwei Stühlen und den Fuhrpark, der aus Rollator und Rollstuhl bestand. Und trotzdem war noch genügend Platz für Pirouetten.

Die Zimmertür stand fast immer offen und alle, die auf dem Weg zur Wohnküche waren, schauten zumindest mal herein und grüßten. Wenn sie nicht kurz ins Zimmer traten und ein paar Worte mit meinem Vater und seinen Besuchern wechselten. Und das Beispiel machte Schule. Plötzlich standen auf dem ganzen langen Krankenhausgang alle möglichen Türen offen und die Bewohner freuten sich über Kontakt, auch wenn sie es vielleicht nicht immer in die Wohnküche oder auf die hübsche hortensienumwachsene Terrasse schafften.

Eines Abends, ich war selbst gar nicht dabei, weil ich meistens die Frühschicht übernahm, was die Besuche bei meinem Vater anging (ja, er hatte inzwischen einen Kalender angelegt, in den die Besucher sich und ihre geplanten Anwesenheitszeiten einzutragen hatte), brachte mein Bruder seine Gitarre und die guten alten weiß-roten Liederhefte unserer Jugend mit. Mein Vater, der sich ja die ganze Zeit geweigert hatte, seinen CD-Player zu benutzen, war begeistert. Mit ihm zahlreiche andere Bewohner, Besucher und Mitarbeiter der Station. Es muss eine ziemlich tolle Singalong-Party gewesen sein, bei der nur das Lagerfeuer fehlte. Mir wurde noch Tage später davon erzählt, wie schön dieser Abend gewesen war.

Meine Mutter hatte ihr Vorhaben umgesetzt und angefangen, mit meinem Vater gute, tiefgründige und nach Möglichkeit ungestörte Gespräche zu führen. Über das Leben und den Tod und die eigenartige Situation dazwischen, in der mein Vater sich jetzt gerade befand. Sie war sehr glücklich, dass er dazu bereit war, und erlebte – nun endlich – die lang vermissten Momente der alten Vertrautheit und neuer Innigkeit, die ihr in den letzten Wochen und Monaten so gefehlt hatten. Mein Vater genoss diese Gespräche ebenfalls, aber sie lösten ganz offensichtlich auch Prozesse in ihm aus, die ihn gefühlsmäßig quasi auf links drehten. Will sagen, er merkte sehr schnell, dass sich da in ihm Gefühle und Ängste zu Wort meldeten, die er so gar nicht kontrollieren konnte. Die sich aber nun, einmal rausgekitzelt, nicht mehr unterdrücken ließen, sondern nach und nach an die Oberfläche kamen, ob er das nun wollte oder nicht. Meine Mutter als erfahrene Therapeutin merkte das natürlich, bewertete die Entwicklung aber überwiegend positiv, weil sie sich durchaus zutraute, meinen Vater durch diese Situation liebevoll und kompetent zu begleiten. Das konnte sie auch und sie tat es. Bis zum nächsten heftigen Einschnitt, der (für mich) den Beginn der letzten Lebensphase meines Vaters markierte und der die Verhältnisse wieder einmal ziemlich auf den Kopf stellte.

Es war ein friedlicher Vormittag, mein Vater war seit etwa zehn Tagen auf der Palliativstation und es ging ihm verhältnismäßig gut. Wir saßen in der Sitzecke und plauderten, als die freundliche Stationsärztin ihren Morgenbesuch machte. Viel Medizinisches zu besprechen gab es nicht – und das war genau das Problem.

„Sie sind jetzt recht gut stabilisiert“, sagte die Ärztin, „Ihre Verdauung funktioniert auch wieder ganz ordentlich, oder?“

„Ja“, erwiderte mein Vater.

„Haben Sie irgendwelche Schmerzen?“

„Nein.“

„Haben Sie vielleicht Luftnot?“

„Nein.“

„Haben Sie vielleicht Ängste?“

„Nein.“

„Tja“, sagte die Ärztin. „Das ist ja eigentlich sehr gut. Das bedeutet aber auch, dass ein Krankenhaus – und wir sind hier ja trotz allem in einem Krankenhaus – eigentlich gar nicht mehr viel für Sie tun kann und muss. Sie bekommen ein paar Medikamente, aber dafür müssen Sie nicht stationär untergebracht sein. Sie sollten also wohl langsam darüber nachdenken, wohin Sie entlassen werden möchten.“

„Aber ich möchte doch gar nicht entlassen werden“, sagt mein Vater. „Ich möchte hier sterben.“

„Dafür sind wir leider nicht die richtige Adresse“, gab die Ärztin zu bedenken.

„Aber hier sterben doch Patienten!“

„Ja, aber, während sie noch umfassend medizinisch behandelt werden“, erklärte die Ärztin. „Das kommt natürlich vor und gar nicht so selten. Aber wenn die Krankenhausbehandlung abgeschlossen ist, sind wir eigentlich nicht mehr zuständig. Wenn Sie nicht nach Hause zurückkönnen, sollten Sie sich um einen Hospizplatz bemühen!“

„Ein Hospiz?“ fragte mein Vater entsetzt. „Aber ich will nicht mehr umziehen! Ich möchte hier sterben.“

„Im Hospiz ist es eigentlich viel schöner als hier“, versicherte ihm die Ärztin. „Und Sie müssen ja nicht sofort umziehen. Wenn Sie sich da jetzt anmelden, kommen Sie auf die Warteliste und mit etwas Glück dauert es dann ein bisschen, bis man Ihnen einen Platz anbieten kann. Vielleicht brauchen Sie den dann ja auch gar nicht mehr…“

Zwinker, zwinker.

Mein Vater hatte gerade keinen Sinn für Subtext. „Ich will nicht ins Hospiz!“ bekräftigte er.

„Frau D., unsere Psychologin, wird Ihnen das gerne alles noch genauer erklären und Ihnen dabei helfen, sich auf die Warteliste setzen zu lassen. Ich muss jetzt weiter, aber ich bitte Frau D., so bald wie möglich zu Ihnen zu kommen.“

Ich mochte die Stationsärztin sehr und fand ihre Entscheidung, sich in diesem Moment nicht auf endlose Diskussionen mit meinem Vater einzulassen, absolut nachvollziehbar. Trotzdem hoffte ich, dass die Psychologin uns nicht zu lange warten lassen würde. Mein Vater war nämlich sehr aufgeregt und ließ sich nicht beruhigen. Und das blieb auch so.

Die Psychologin kam bald und besprach die Situation mit uns. Mein Vater sollte sich in zwei Hospizen, so war die Vorschrift, auf die Warteliste setzen lassen, das Krankenhaus übernahm die Anmeldung. Frau D. kannte natürlich alle in Frage kommenden Einrichtungen und hätte uns bei der Entscheidung geholfen, wenn wir uns nicht sofort für die beiden am zentralsten gelegenen Häuser Hamburgs hätten entscheiden können. Für die Unabhängigkeit meiner Mutter war dies entscheidend wichtig; wir wollten ihr keine Stadtteile zumuten, in denen sie sich so gar nicht auskannte und die nicht mit den Verkehrsmitteln, die ihr halbwegs vertraut waren, zu erreichen gewesen wären. So kamen wir im Handumdrehen auf die Warteliste im Hospiz Hamburg Leuchtfeuer und im Hamburger Hospiz im Helenenstift.

Als ich meinen Vater an diesem Tag verließ, war er noch immer sehr aufgeregt und unruhig. Eine normale Unterhaltung mit ihm zu führen, war fast unmöglich. Ich überlegte noch, ob ich meine Mutter, die am Nachmittag „angemeldet“ war, warnen sollte. Ich wusste, sie wollte wieder ein therapeutisches Gespräch mit meinem Vater führen und hatte schon so eine dumpfe Ahnung, dass das an diesem Tag vielleicht schwierig werden könnte. Insofern war ich nur geringfügig überrascht, als sie mich später am Nachmittag anrief, ihrerseits auch sehr aufgeregt, und sich darüber beschwerte, dass man mit meinem Vater nicht vernünftig reden konnte, weil er nicht aufhören konnte, im Zimmer auf und ab oder im Kreis um sie herumzulaufen.

 

 

7 Kommentare

      1. Erst einmal, weil er mich daran erinnert hatte, dass ich mir immer das Buch zu Ruprecht Schmidts Arbeit in der Hospizküche besorgen wollte. Ich sah den einmal in einer Talkshow und fand sehr sinnig, was er da sprach.

        Außerdem hatte ich mich neulich mit einer Freundin (arbeitet im Hospiz) darüber unterhalten, was ich z. B. vorgelesen haben wollte bzw. für Musik hören möchte in einer solchen Situation (bzw. generell auch falls ich mal im Koma liegen sollte). Sie erzählte mir, dass Sterbenden Wünsche „falsch erfüllen” diese u. U. noch sehr lange im Sterben gefangen halten kann. Und Essen, Riechen, Licht, offene Türen, Anfassen – es gehört so viel dazu, was man vorher mitteilen sollte.

        Im übrigen kann ich Deinen Papa sehr gut verstehen, da hat er sich doch nun vor Ort so tapfer eingerichtet und wollte sich jetzt auf das Unvermeidliche konzentrieren. Und eben genau nicht noch einmal umziehen. Es liest sich als hätte Dein Vater eine sehr klare Vorstellung gehabt von seinem letzten Weg und den wollte er halt genau dort.

        1. Danke für die Erläuterungen. Ich habe mir das Buch von Ruprecht Schmidt auch gerade bestellt – kann es dir gerne geben, wenn ich es gelesen habe.

          Ich glaube, da hat deine Freundin sehr recht – und Menschen, die im Hospiz arbeiten, bekommen einen Blick und sehr viel Gefühl dafür, wie sie Wünsche erfüllen können. Unabhängig, ob diese klar formuliert werden können oder nicht. Menschen am Ende ihres Lebens werden sich ja möglicherweise auch darüber klar, dass sie eigentlich ganz andere Dinge brauchen als sie bisher dachten.

          Das war auch bei meinem Vater das Problem, denke ich. Er dachte, er braucht gar nichts. Und dann kam ihm so nach und nach zu Bewusstsein, dass er doch viel mehr am Leben hängt als erwartet. Und dass er sich von den Dingen, die ihm lieb waren, auch in Liebe verabschieden muss. Das war wirklich ein „Mehrstufenprogramm“… dreimal die Hacken zusammenschlagen und sagen „Ich sterbe jetzt“ hat da irgendwie nicht genügt.

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