Mit dem Bett in den Frühling

Der Frühling kommt. Mit Macht. Die Sonne lacht seit Tagen vom Himmel, auf Hamburgs innenstädtischen Verkehrsinseln lachen gelbe und lilafarbene Krokusse (nicht Krokeen, Kroki oder, was mir gefallen könnte, Kroküsser) lachen zurück. Auf meinen Busfahrten durch die Vier- und Marschlande sehe ich täglich mehr Menschen, die in ihren Gärten herumpuzzeln, und den Gärten sieht man das auch langsam an. Selbst die ersten Störche habe ich vom Bus aus gesehen, auf dem einen Nest sogar schon in Pärchenformation.

Im Hospizgarten merkt man den Frühling im Augenblick noch weniger an der Vegetation (die jedoch in den nächsten Tagen sicherlich nachgerüstet wird), aber dafür daran, dass Betten mit licht- und lufthungrigen Hospizgästinnen nach draußen geschoben werden. Am Donnerstag, als ich dort war, standen am frühen Nachmittag zwei Betten auf der Terrasse, eins auf der Dachterrasse im ersten Stock und eins vorne vor der Haustür. Dass das technisch möglich ist, von den Mitarbeitenden immer wieder angeboten und vorgeschlagen wird und dass nicht wenige Hospizgäste auch gerne von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, finde ich ganz wunderbar. In einem alten Haus wie unserem, das noch dazu räumlich ständig an seine Grenzen stößt, ist es sicherlich nicht ganz selbstverständlich, alle Wege, Flure und vor allem den Aufzug groß genug für ein Pflegebett zu bauen, aber es war allen Beteiligten ein echtes Anliegen. Und das aus Gründen.

Wobei Hospizgäste nicht nur bei schönem Wetter bzw. Sonnenschein an die frische Luft wollen. Auch im Winter, als es draußen plötzlich schneite, drängte es die eine oder andere Hospizgästin ins Freie, „noch einmal Schneeflocken mit dem Mund fangen“. So schön. Es gab sogar schon Gäste, die gerne draußen sterben wollten, ich bin aber nicht sicher, ob das inzwischen schon mal geklappt hat.

Für die Gäste wie auch für ihre An- und Zugehörigen ist eine Tour „mit dem Bett in den Garten“ manchmal mindestens genauso zauberhaft wie eine Fahrt mit dem großartigen Wünschewagen des ASB ans Meer, ins Fußballstadion oder an irgendeinen anderen Wunschort. Nicht nur, weil sie sehr viel einfacher und direkter umzusetzen ist als eine Fahrt mit dem Wünschewagen, sondern weil sie auch in jedem gesundheitlichen Zustand noch stattfinden kann und nicht von einer zumindest rudimentär vorhandenen Stabilität des Hospizgastes abhängig ist. Man muss sich seine Energie dafür nicht groß einteilen, der Weg zurück ins Zimmer ist meist in weniger als fünf Minuten geschafft und die vertrauten Pflegefachkräfte sind sowieso in der Nähe. Schon weil sie sich – wie natürlich auch alle anderen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden und gerade im Haus Anwesenden – an solchen Situationen selbst sehr erfreuen.

Ich persönlich hätte ja am allerliebsten ein Storchennest in Sichtweite des Hospizes. Am besten so, dass man es von der Terrasse und somit auch vom Bett aus beobachten kann. Ich glaube, das würde nicht nur mir gefallen. Vielleicht sollte ich mal den Aufbau einer „Mast-Nisthalterung“ (so heißt das in Fachkreisen) auf unseren Hospiz-Wunschzettel schmuggeln?

 

2 Kommentare

  1. Das berührt und erfreut mich sehr, Dein Bericht. Ich selbst würde auch am allerliebsten unter freiem Himmel und in der Natur sterben…
    Liebe, lebendige Sonntagsgrüsse an Dich und Deine Lieben, Martina

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