Bye-bye, Halstenbek. Ein dramatischer Abgang.

„So, du blöde Kuh! Das war es mit uns beiden. Ich gehe und ich komme nicht wieder. Und vermissen werde ich dich auch nicht, im Gegenteil. Ich trinke darauf, dich nicht wiedersehen zu müssen! Jawohl. Lange genug habe ich auf diesen Moment gewartet und nun ist es endlich soweit. Ha. Ich würde die Tür zuschlagen, wenn hier eine Tür wäre, aber da wir hier auf einem Bahnhof sind, ist hier natürlich keine Tür. Aber moralisch! Moralisch schlage ich dir die Tür ins Gesicht, du alte Zippe. Und nun steige ich in die S-Bahn und bin weg. Jawohl. Ruf mich nicht an! Es ist aus! Bye-bye, Halstenbek!“

Niemand kann mir vorwerfen, dass mein Abgang nicht dramatisch gewesen wäre. Tat auch niemand. Ich war mehr oder weniger allein auf dem S-Bahnhof und Halstenbek, dem elendigen Kaff, das ich nun endlich hinter mir lassen wollte und zwar für so immer wie möglich, war es vollkommen egal, dass ich es beschimpfte und verfluchte. Schließlich hatte dieses Beschimpfen und Verfluchen Tradition, seit ungefähr vierzig Jahren.

Es war ein wunderbarer Moment. Die Wohnung meiner Mutter war in die Obhut der Vermieterin bzw. den Nachmietern übergeben, ich hatte den letzten Wohnungsschlüssel von meinem Schlüsselring entfernt, dem hilfreichen Nachbarn Schokolade geschenkt, mir eine gültige S-Bahn-Fahrkarte gekauft und war bereit für einen dramatischen Abgang. Oder einen undramatischen Abgang. Hauptsache: Weg!

„Was hat die Bekloppte nur mit diesem Halstenbek?“ werden Sie sich fragen. „Das ist doch nur ein Vorort und viele Menschen wohnen da sehr gerne und ihr Leben lang. Wie kann man so eine starke Abneigung gegen einen Vorort entwickeln?“

Allein das Wort: Vorort! Aber genau das ist Halstenbek. Eine Verwahrstätte für Menschen, die nicht in der großen Stadt wohnen wollen, in der sie arbeiten. Keine Stadt, kein Dorf, sondern eine Gemeinde oder – noch viel treffender – ein Vorort. Ein nicht näher definierter Ort in der Nähe eines Ortes von Bedeutung. Liegt im Speckgürtel (ganz ehrlich, das ist doch auch kein sympathisches Wort) von Hamburg, gehört aber zu Schleswig-Holstein. Es hat weder Charakter noch ein richtiges Zentrum, was vor allem daran liegt, dass man in den letzten Jahrzehnten fleißig Umgehungsstraßen gebaut hat, die lustigerweise fast alle mitten durch den Ort gehen und durch die der Ortskern (wenn es denn einen gab) nicht mehr auffindbar ist. Die Schule liegt an der Feldstraße, die Post in der Schulstraße, der Friseur in der Schmiedestraße, kein Bäcker in der Bäckerstraße und hunderttausend Möbelgeschäfte in der Gärtnerstraße. Und die Hauptstraße führt ins Nichts.

Auch sonst ist Halstenbek ein einziger Fake. Wenn Sie im Wikipediaeintrag der Gemeinde unter „Sehenswürdigkeiten“ schauen, finden Sie: Das Knickei. Das mit dem Knickei ist eine lustige Geschichte (www.knickei.de) , wirklich, aber das vor allem Faszinierende: Es ist nicht mehr da. Nach dem letzten Einsturz wurden hastig alle Spuren verwischt und eine Sporthalle herkömmlicher Bauart errichtet. Sehenswürdigkeit, my foot.

Ich habe von 1968 bis 1984 in Halstenbek gewohnt und somit meine Kindheit und meine Jugend dort verbracht. Gut war: Es gab viele Kinder und es gab Pferde. Nicht so gut: Die anderen Kinder, zumindest die aus meinem Bekanntenkreis, die aufs Gymnasium durften und aus denen mal was werden sollte, waren alle braver und angepasster als ich. Sie waren nicht dick, sie waren nicht unsportlich, sie hatten keine unordentlichen Locken auf dem Kopf und keine T-Shirts, die ihnen immer aus der Hose rutschten. Sie bekamen nicht schon mit zwölf ihre Tage und falls doch, dann völlig unmerklich. Sie waren niemals Opfer ihrer Hormone, dafür aber abends immer pünktlich zu Hause. Sie rochen nicht nach Pferd oder nach verschwitzter Jugendlicher, die noch nicht kapiert hatte, dass es zwar damals noch nicht üblich war, jeden Tag zu duschen, aber unheimlich hilfreich. Und dass man deswegen auch nicht zwangsläufig verhaftet oder ins Heim für Schwererziehbare gesteckt wurde (trotz entsprechender Drohungen von allen Seiten).

Wahrscheinlich haben die Freundinnen meiner Jugendtage weder geblutet noch geschwitzt. Wahrscheinlich haben sie die Pubertät einfach übersprungen. Sie trugen artige Klamotten, hatten glänzende, gepflegte Haare, sie hielten ihre Schulsachen in Ordnung, fanden Sportunterricht nicht schlimm und hatten lesbare Handschriften. Ihre Mütter wurden nie zu Strafpredigten in die Schule bestellt. Sie schwammen mit dem Strom, ließen sich in Schubladen packen, benahmen sich nett und unauffällig (keineswegs alle sind so brav geblieben, zum Glück, aber damals hätte ich nicht für möglich gehalten, dass nur eine von ihnen jemals aus irgendeiner Reihe tanzen würde). Sie passten nach Halstenbek, wo man abends nach zehn auf der Straße schon einen Alibihund dabeihaben musste, um nicht von den Anwohnern argwöhnisch beäugt zu werden.

Ich hatte keinen Hund, sondern eine Katze, meine „Partnerin in Crime“ und mein großes Vorbild. Sie ging raus, wann und wohin sie wollte. Kam zurück, wenn sie Hunger hatte oder schlafen wollte. Vögelte mit dem attraktivsten Kater der Straße, wurde schwanger, wollte aber nicht heiraten. Sie kackte in fremde Vorgärten und klaute Fische aus fremden Teichen. Sie war eine coole Socke und mindestens so unangepasst wie ich. Aber auch sie hatte vier weiße Pfötchen, eine rosa Nase und sah immer sauber und gepflegt aus, egal wo sie herkam…

Ungefähr eine Million Erziehungsberechtigte in Halstenbek fühlten sich über Jahre hinweg dafür zuständig, mich immer wieder spüren zu lassen, dass ich anders war. Nicht nur meine überforderten Eltern, sondern auch sämtliche Lehrer, unsere Hausärztin, der Pastor, diverse Nachbarn, die Kassiererin im Supermarkt und der Betrunkene, der abends immer am Bahnhofskiosk lungerte. Sie alle wurden nicht müde, mich darauf hinzuweisen, dass ich nicht so richtig dazugehörte, dass ich nicht hierher passte, dass ich ihnen nicht geheuer war. Dass mein Busen und mein Hintern zu schnell wuchsen, dass sie meine Haare unmöglich fanden und dass ich zu laut lachte. Dass sie mich nur in ihrer Mitte duldeten, weil ich unterhaltsam war und weil man mir überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigt hatte, die ich jederzeit gegen sie verwenden konnte. Davor hatten sie ein bisschen Angst.

Schrecklich, oder?

Ich wusste immer, wer ich war. Nicht unbedingt, was ich werden wollte, aber schon, dass ich so war, wie ich halt sein musste. Mir blieb da auch keine Wahl. Trotzdem wäre ich manchmal gerne einfach unter dem Radar geflogen und nicht überall angeeckt. Aber das ging in Halstenbek nicht. Alles musste kommentiert, bewertet und eingestuft werden. Kein Kompliment kam ohne mehr oder weniger gut versteckte Beleidigung, keine Freundlichkeit ohne Bedingung, keine Kritik ohne den Ausdruck größter Enttäuschung.

Schon früh war mir klar, dass ich in Halstenbek nicht alt werden würde. Alle Pferde dieser Welt konnten mich nicht halten und ich zog, sobald ich mit der Schule fertig war, in die Stadt. Endlich. Endlich Freiheit, endlich Ruhe, endlich Menschen, denen ich völlig egal war. Endlich Menschen, viele Menschen, die viel unangepasster waren als ich, die mich, das Vorortei, wahrscheinlich ziemlich spießig fanden. Ich fand es herrlich. Inzwischen wohne ich schon viel länger in Hamburg als jemals in Halstenbek. Und nun, nachdem meine Mutter nicht mehr dort wohnt, muss ich auch nicht mehr dorthin. Halleluja!

Halstenbek äußerte sich nicht zu meinem Abgang, es gab sich – wie erwartet – hartnäckig Mühe, mich zu ignorieren. So wie früher und wie immer. Aber ich kenne den Scheißladen: Es wird verdammt froh sein, dass ich weg bin und nicht die Absicht habe, mal wieder vorbeizuschauen, nur so zum Spaß. Wahrscheinlich schüttelt es sich seit Donnerstag immer wieder leise und beglückwünscht sich selbst, weil es mich losgeworden ist. Das ist gerade nochmal gut gegangen, flüstert es sich selbst von Zeit zu Zeit aufmunternd zu. Ein Glück. Von dieser blöden Kuh geht keine Gefahr mehr für uns aus. Alles ist gut. Und dann wendet es sich wieder seinem Leben als Scheiß-Vorort zu und verwaltet seine siebzehntausend glücklichen, alle gleich aussehenden Einwohner.

PS: Ja, ich weiß, mein Vater liegt auf dem Halstenbeker Friedhof. Aber um mich ihm nahe zu fühlen, muss ich nicht unbedingt sein Grab besuchen.

PPS: Schön finde ich übrigens auch, dass man herausgefunden hat, dass der Name „Halstenbek“ eine Kombination aus gotischen und plattdeutschen Wörtern darstellt, die „Steinsteinbach“ bedeutet. Passt, finde ich.

4 Kommentare

  1. I feel you.
    Hier: ein Kaff vor den Bergen. Das „Harmloseste“: im Alter von 13 Jahren ein Flatterkleid getragen und monatelang hielt sich hartnäckig das Gerücht, daß DIE jetzt auch noch schon schwanger sei…
    Ach ja, wir waren eine der ersten zugezogenen Familien.
    Bye-bye, ein tolles Gefühl, gell?!
    Liebe Grüße, Martina
    PS: Ich sehe auf dem Bild ein verdammt hübsches Mädchen mit klarem, offenem, verschmitzten, klugen Blick.

    1. Vielen Dank, Martina. Ich freue mich, nicht allein zu sein mit dem Gefühl, dass mir ein Ort, an dem ich viele Jahre verbrachte, nun keine Heimat mehr sein kann, darf und muss. Ja, stimmt: Ein sehr tolles Gefühl!
      Viele Grüße vor die Berge oder wohin es dich inzwischen verschlagen hat!

  2. Liebe Bettina,

    ich kann dich so gut verstehen und habe den Artikel mit viel Nicken gelesen. Mein Kaff hat mich nach einem kurzen Ausbruch wieder eingeholt, aber ich gedenke hier nicht alt zu werden. Auch wenn meine Eltern das nicht nachvollziehen können. Anders zu sein und sich immer anzupassen zu versuchen raubt so unendlich viel Kraft und Energie, gerade aus dem Wesen von Kindern. Ich bin sehr froh, dass du dir das bewahrt hast. Dein Bild ist übrigens toll. Ich sehe eine hübsche, aufgeweckte junge Frau. Und die Locken sind schön!
    Liebe Grüße, Christina

  3. Ich sehe, ich war für meine Ostberliner Kindheit bisher nicht dankbar genug. Ich war zwar auch immer etwas seltsam, aber das war dann eben so und wurde hingenommen.

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