Das erste Mal. Nicht so weltbewegend wie erwartet.

„So“, sagte ich entschlossen zu dem großen freundlichen Mann. „Jetzt wird es ernst. Her mit der Spritze.“

Es war der Dienstag meiner Urlaubswoche im November, nach einem leckeren Abendessen. Möglicherweise dem letzten leckeren Abendessen für längere Zeit? Ich hatte ein bisschen Angst davor, möglicherweise in der näheren und mittleren Zukunft keinen Spaß mehr am Essen zu haben, weil ein Medikament mich genau davon abhalten wollte. Würde es wirklich so sein? Ich wusste es nicht.

Zum wiederholten Mal sagte ich mir, dass dies ja erstmal nur ein Versuch sei. Ich wollte die Abnehmspritze ausprobieren, mehr nicht. Vielleicht würde sie ja bei mir gar nicht wirken? Vielleicht würde ich nicht abnehmen, weil mein sich an den angesammelten Kilos festkrallender Körper stärker war als jedes Medikament? Vielleicht würde mir direkt nach der Einnahme, also dem Spritzen, so übel, dass ich ein für alle Mal von der Idee Abnehmspritze geheilt war? Vielleicht würde ich Durchfall bekommen oder Verstopfung oder beides? Oder Kopfschmerzen?

Leicht angespannt holte ich die unscheinbare längliche Schachtel aus dem Kühlschrank und öffnete sie. In ihr befanden sich eine weitere unscheinbare längliche Schachtel, ein Injektionspen, der so ähnlich aussah wie ein Tintenschreiber, und eine dicke, sehr klein zusammengefaltete Bedienungsanleitung. Ich setzte mich wieder zu dem großen freundlichen Mann, dem kleinen freundlichen Hund und Herrn Fryhtherich Frythersby aufs Sofa. Frl. Leonie Mau ließ sich entschuldigen, weil ihr beim Anblick von Spritzen immer übel wird.

Ich entfaltete die Bedienungsanleitung. Obwohl ich diese schon im Internet gefunden und studiert hatte, kam sie mir sehr lang und überflüssig vor – und das war nur die eine Seite, auf der stand, wie genau man sich als nichtmedizinisches Nichtfachpersonal so eine Spritze verabreicht. Die andere Seite, auf der die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen erläutert wurden, ignorierte ich – in diesem Moment wollte ich nicht noch mehr Zweifel spüren als ohnehin schon. Texte und Zeichnungen erläuterten jeden Schritt, den ich jetzt zu gehen hatte: Den Pen aus der Schachtel nehmen, die Kappe abnehmen, die Flüssigkeit durch ein Sichtfenster betrachten. Die kleinere Schachtel aus der größeren Schachtel entnehmen und öffnen. Einen der vier Nadelaufsätze aus der Halterung befreien und auf den Pen aufschrauben. Zwei Kappen von der Nadel abziehen. Mich nicht mit der Nadel in den Finger piksen. Den Durchfluss der Medikamentenflüssigkeit durch Pen und Nadel überprüfen. Dafür hinten am Pen mit einem drehbaren Ring eine bestimmte Dosiseinstellung wählen. Auf den Auslöseknopf am Pen drücken und halten, bis die Anzeige wieder auf Null steht. Kontrollieren, ob sich am Ende der Nadel ein kleiner, klarer Tropfen zeigt. Wenn ja, dann die Dosis, in meinem Fall 0,25 mg, einstellen. Die Stelle für die Injektion auswählen (empfohlen werden Oberschenkel, Oberarm oder Bauch). Den Pen aufsetzen, so dass die Nadel ins Unterhautfettgewebe eindringt. Dabei das Sichtfenster im Auge behalten. Auf den Knopf drücken und gedrückt halten, bis sechs zählen. Loslassen, Nadel rausziehen. Nadel vorsichtig in die größere der beiden Kappen einführen. Bedeckte Nadel vom Pen abschrauben. Gebrauchte Nadel in Kappe in durchstichsicherem Behältnis entsorgen. Pen wieder in die Schachtel legen. Kleine Schachtel auch. Die Bedienungsanleitung wieder so falten, dass sie auch die Schachtel passt. Fluchen. Bedienungsanleitung noch einmal falten. Gefaltete Bedienungsanleitung in die Schachtel stopfen. Schachtel zurück in den Kühlschrank. Atmen.

Erstaunlicherweise konnte ich alle Schritte bis auf einen ohne Probleme und in der richtigen Reihenfolge ausführen. Schwierigkeiten hatte ich natürlich mit dem benötigten durchstichsicheren Behältnis. Was soll das denn wohl sein? Nach einigem Hin und Her und kurzer Diskussion mit dem großen freundlichen Mann steckte ich die benutzte Nadel zurück in die Halterung und in die kleine Schachtel, bevor ich diese in die größere Schachtel und diese in den Kühlschrank tat.

Erstaunlicherweise hatte das Aufsetzen des Pens auf meinem Oberschenkel bzw. das Eindringen der Nadel nicht wehgetan. Eigentlich hatte ich es gar nicht richtig gespürt. Ich betrachtete mein Bein genauer. Die Einstichstelle konnte ich auch nicht sehen. Alle vorhandenen Löcher im Bein kannte ich schon, sie stammten von Herrn Fritte, der mit ausgefahrenen Krallen auf mir unterwegs gewesen war. Ich spürte und lauschte in mich hinein, bemerkte aber nichts Ungewöhnliches. Ich hatte vorher im Internet nach Hinweisen darauf, wann die Wirkung der Spritze einsetzt, gesucht: Die Erfahrungen reichten von „Sofort!“ bis „in einigen Stunden“. Bisher spürte ich nichts und auch der große freundliche Mann nahm keine Veränderung an mir wahr.

Na gut, dachte ich. Dann wollen wir doch mal sehen, ob und wann wir was spüren. Sehr aufregend, das alles!

Lesen Sie demnächst: Keine Nebenwirkungen? Kann das stimmen? Gibt es dann überhaupt eine Wirkung? Oder bin ich versehentlich in der Placebo-Gruppe gelandet?

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