Der Rant zur Jahreszeit

Ja, okay, das Jahr hat eigentlich nicht schlecht angefangen. In der Hamburger Neustadt wurde relativ wenig geböllert, viel weniger als im letzten Jahr. Das fanden die Katzen gut, der kleine freundliche Hund aber fand es ungerecht, denn er und der große freundliche Mann waren nicht bei uns, sondern in Bremen. In demselben Bremen, wo es im Jahr zuvor sehr viel ruhiger gewesen war als an diesem Silvesterabend. An dem wurde nämlich reichlich geböllert und der kleine freundliche Hund kann das gar nicht gut ab. Ich fand es auch ungerecht, denn ich hätte den Jahreswechsel lieber gemeinsam mit dem großen freundlichen Mann und dem kleinen freundlichen Hund erlebt als ohne.

Frl. Leonie Mau und Frittur Frittelson alleine in Hamburg zurückzulassen und nach Bremen zu fahren, kam natürlich auch nicht in Frage. Selbst wenn die beiden wegen des Feuerwerks normalerweise nicht in Panik geraten, so freuen sie sich doch über meine beruhigende Anwesenheit. Außerdem traue ich einigen meiner Nachbarn, was den Umgang mit Knallkörpern und offenem Feuer angeht, nicht über den Weg. Deswegen bin ich am Silvesterabend lieber zu Hause.

Dass allerdings am Abend des 1. Januar ein fröhliches Schneetreiben einsetzen würde, das Hamburg, Bremen und alle Verkehrswege dazwischen in eine spiegelglatte Eiswüste verwandelt, hatten wir bei der Planung der Feiertage noch nicht auf dem Zettel. Stattdessen bin ich fest davon ausgegangen, dass ich am Wochenende für einen Tag nach Bremen fahren kann, um Mann und Hund zu besuchen. Daraus wurde nun aber leider nichts, weil ich mich beim Anblick von Schnee und Eis augenblicklich in eine Panikattacke verwandele und nach Möglichkeit die Wohnung nicht verlasse, bevor der Mist nicht vollständig abgetaut ist.

Der Wettervorhersage zufolge kann es bis dahin aber noch ein bisschen dauern. Seufz. Ich werde wohl in der nächsten Woche gelegentlich mal den einen oder anderen Arbeitsplatz aufsuchen müssen; Termine, die nicht per Videocall stattfinden können, machen das notwendig. Auf Tauwetter brauche ich wohl nicht zu hoffen, aber vielleicht hört es wenigstens auf zu schneien, so dass die Räum- und Streuarbeiten der Hamburger Stadtreinigung irgendwann mal nachhaltigen Erfolg haben. Im Moment schneit es aber gerade wieder, seufzpopeufz.

Besonders gemütlich und anheimelnd ist es zu Hause, wo die Heizung läuft und ich mich unter warmen Decken verkriechen kann, wenn der ganze Schnee, der sich oben auf unserem Dach gesammelt hat, ins Rutschen kommt und als Lawine an meinem Fenster vorbeirauscht. Beim ersten Mal dachte ich, eine Bombe hätte eingeschlagen, so laut war das! Und natürlich schneit es fröhlich weiter, unabhängig davon, was der Niederschlagsradar meiner Wetter-App gerade anzeigt.

Wehe, es ist am Montag noch glatt zwischen der Neustadt und Altona! Beim letzten Mal, als Schnee lag, hatte sich genau in der winzigen Seitenstraße, in der der Nebeneingang des Hospizes liegt, ein glänzender Gletscher gebildet, der mich, siehe oben, vor lauter Angst so krampfen ließ, dass ich für etwa fünf Meter mehr als fünf Minuten gebraucht habe.

Ob ich denn keine Spikes habe, fragen Sie? Doch natürlich, aber in der Stadt sind die meisten Wege ja doch mehr oder weniger von Schnee und Eis befreit und auf Gehweg mit Streusand läuft es sich mit Spikes doch sehr knirschig und ungemütlich. Und um sie dann, wenn ich auf einen Gletscher oder eine Schneewehe stoße, wieder anzuschnallen, muss ich mich hinsetzen, was nicht überall möglich ist. Aber in der Tasche habe ich die Dinger immer.

Die Katzen sagen, ich soll doch bitte einfach bis zum Frühjahr zu Hause bleiben und nicht ihre regelmäßige Versorgung mit Frühstück, Abendessen und Snacks gefährden. Arbeiten, so sagen sie, könne ich ja wohl ohne Weiteres von zu Hause, während es mir nach wie vor schwerfalle, sie vom Büro aus zu füttern. Im Grunde bin ich ja ihrer Meinung, weiß aber nicht so recht, wie ich das meinem Chef erklären soll:

„Pass auf, Chef. Du willst doch sicher nicht, dass meine armen Katzen verhungern?“

„Natürlich nicht.“

„Ausgezeichnet. Wir sehen uns zum Frühlingsanfang!“

„You’re fired.“

Hm. Vielleicht eher nicht. Da müssen sich die Katzen noch etwas Besseres überlegen. Fritte hat doch sonst immer so viele gute Ideen. Das Winterwetter ist aber überhaupt nicht seins – wahrscheinlich hat er es lange genug ertragen müssen, als er noch ohne festen Wohnsitz war. Wenn er jetzt aus dem Fenster guckt und das fröhliche Schneetreiben sieht, ist er mindestens so genervt wie ich. Leo hingegen findet den Winter ganz interessant. Das hat sicher damit zu tun, dass sie sich noch nie bei Kälte in diesem Draußen aufhalten musste. Ich hingegen habe in meinem Leben schon so oft so sehr gefroren, dass ich sicher war, mir würden die Ohren abfallen. Auf den freundlichen Hinweis, es gebe doch gar kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung, kann ich nur antworten: „Genau. Und davon habe ich zwei Schränke voll.“

Und das mit voller Absicht, möchte ich hinzufügen. Steppmäntel und Polarexpress-Funktionsklamotten kommen mir nicht an die Garderobe, so viel ist klar. Da friere ich lieber in meiner nur mit einem Gürtel verschließbaren, aber immerhin leicht gefütterten Wollimitatjacke, in deren Ausschnitt ich einen Baumwollschal stopfe. Es gibt halt Menschen, die für diese Jahreszeit nicht gemacht sind, so wie es Menschen gibt, die nicht basteln oder rennen können (auch beides ich bei näherer Betrachtung). Warum wird darauf eigentlich keine Rücksicht genommen?

 

1 Kommentar

  1. Ich, aufgewachsen im – mit Verlaub – pisswarmen Rhein-Main-Gebiet, lebe jetzt in München und war schon immer der Meinung, dass dieses Bayern zu kalt für menschliches Leben ist.

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