Anfang Dezember war ich wieder bei meinem Hausarzt, um mir das nächste Privatrezept abzuholen. Er freute sich mit mir darüber, dass ich mit der Spritze so gut zurechtkam und keine nennenswerten Nebenwirkungen zu berichten hatte. Er fand auch meinen gedanklichen Ansatz, mich trotz Spritze nicht gerne fremdbestimmt fühlen zu wollen, angemessen und war damit zufrieden, dass ich ohne übermäßige Eile ausprobieren wollte, was und wieviel ich essen konnte und musste, um einerseits satt zu werden und andererseits möglichst jeden Tag im Bereich des moderaten Kaloriendefizits zu bleiben, um nach und nach mein Gewicht zu reduzieren.
Ich hatte und habe nicht den Anspruch, so schnell wie möglich mein Zielgewicht zu erreichen. Erstens weil ich gar kein Zielgewicht benennen kann und zweitens weil sich meine körperlichen Funktionen und Abläufe nun einmal verändert haben und ich diesen Veränderungen gerecht werden möchte. Außerdem bin ich ja schon froh, wenn das mit dem Abnehmen überhaupt irgendwie funktioniert.

Dass das tatsächlich der Fall war und ist, war für mein geschultes Auge und mein leidgeprüftes Körpergefühl schon nach einem Monat mit der Spritze unübersehbar. Vor allem die völlig überflüssigen und ästhetisch fragwürdigen Polster auf den nach hinten gewandten Seiten meiner Hüften schmolzen erkennbar dahin – das sind schon seit Jahren die Körperregionen, an denen ich zuerst Fettpolster abbaue. Ich merkte aber auch relativ schnell, dass meine Wide Leg Jeans an den Beinen lockerer saß, obwohl sie in der Taille noch ganz gut passte. Und sogar im Gesicht waren nach etwa vier Wochen kleine Veränderungen sichtbar.
Auf die Waage wollte ich nach wie vor nicht. Ich maß in unregelmäßigen Abständen meinen Taillen- und den Hüftumfang, mehr Kontrolle wollte ich mir selbst nicht antun.
Das Allergroßartigste an meiner Diät mit der Abnehmspritze fand ich die Tatsache, dass es mich so gut wie überhaupt keine Mühe kostete, mich beim Essen an meinen eigenen Plan zu halten. Das heißt allerdings nicht, dass ich keine Fehler machte: Zu Beginn passierte es mir zwei- oder dreimal, dass meine Mahlzeiten zu viel Fett und/oder zu viel Schärfe enthielten. Das hatte vor allem damit zu tun, dass ich noch Käse im Kühlschrank hatte, der irgendwann mal weg musste. Also nutzte ich ihn zum Überbacken meines Gemüses wie in den nicht so guten alten Zeiten auch. Und siehe da: Meine Verdauung nahm übel! Spätestens eine Stunde nach dem Abendessen fing mein Bauch an zu grummeln und eine weitere Stunde später konnte ich mein Lager im Badezimmer aufschlagen, weil ich Durchfall bekam. Um diesen Zustand nicht zu oft erleben zu müssen, verzichtete ich ab sofort auf größere Mengen Käse und konzentrierte mich mehr auf eiweißreiche und gleichzeitig fettarme Komponenten im Essen. Auch ging ich sparsamer mit den Chiliflocken um, um meinen Darm nicht zu allzu heftigen Reaktionen zu provozieren.

Zu merken, dass man zu wenig isst, ist ungleich schwieriger, wenn man ein Medikament nimmt, das das Hungergefühl stark verringert. Tatsächlich hatte ich aber in der dritten Woche mit der Spritze ein bisschen das Gefühl eines Stillstands oder, wie Menschen vom Fach sagen würden, eines Plateaus. Ein Plateau, an dem das Gewicht sich nicht verändert, obwohl man im Kaloriendefizit bleibt bzw. vielleicht sogar weniger isst als vorgesehen, ist die Folge einer körperlichen Umstellung. Der Körper ist ja nicht doof und hat von Natur aus auch für aus seiner Sicht schlechte Zeiten wie z. B. Diäten einen Plan: Er geht in den sogenannten „Hungermodus“, schaltet auf Sparflamme und drosselt den Grundumsatz. Das ist nicht wünschenswert, weil der „Hungermodus“-Körper nun natürlich weniger Energie für körperliche und geistige Aktivitäten zur Verfügung stellt. Zum Ausgleich tendiert er dazu, zur Gewinnung weiterer Energie Muskelmasse abzubauen, weil das offenbar einfacher ist als Fett loszuwerden.
So ein Plateau ist lästig und gemein, wenn man sich brav an den Diätplan hält und trotzdem nicht abnimmt. Es geht aber auch wieder vorbei. Unterstützen kann man das vor allem durch mehr körperliche Aktivität und durch das Drehen an der „Zusammensetzung meiner Ernährung“-Schraube. Da ich noch nicht so viel Gewicht verloren hatte, dass sich mein Körper schon über mehr Bewegung gefreut hätte, habe ich mich vor allem auf den zweiten Punkt konzentriert und versucht, deutlich mehr Proteine und deutlich weniger Kohlenhydrate zu mir zu nehmen. Tatsächlich schien diese Veränderung die Fettverbrennung wieder anzukurbeln und bald wurde meine Jeans auch in der Taille deutlich lockerer. Der Tag, an dem ich eine Jeans anprobierte, die ich im letzten Sommer bestellt hatte und, weil ich nicht reinkam, wieder zurückschicken wollte, was ich aber vergaß, und sie sich mühelos anziehen ließ, war ein sehr guter Tag.

Was ich auch völlig irre, aber auf eine gute Weise, fand, war, dass ich überhaupt kein Bedürfnis hatte, Süßigkeiten zu essen. Weder in den Wochen vor Weihnachten noch an den Feiertagen. Von meiner kurz vor Weihnachten endenden Trauergruppe bekam ich einen großen Fresskorb mit weihnachtlichen Süßigkeiten, Tee und Kaffee geschenkt. Von all diesen Leckereien habe ich einen (in Zahlen: 1) Keks gegessen, genauer gesagt eine Kräuterprinte, die ich sehr zuckrig fand. Den Rest hat der große freundliche Mann zu sich genommen, während ich neben ihm auf dem Sofa saß. Und das Verrückteste war, dass ich noch nicht einmal so etwas wie echte Versuchung spürte. Es war einfach überhaupt kein Problem, das Zeug nicht zu essen.
Trotz des kompletten Verzichts auf Süßigkeiten habe ich rund um Weihnachten nicht gehungert. Wenn der große freundliche Mann da war, frühstückten wir mit Brötchen und Käse, wenn ich alleine war, gab es Müsli. Abends bestellten wir meistens was, weil wir zu faul zum Kochen waren. In Hamburg ist die Auswahl bei den Lieferdiensten ja groß und ich beschloss, dass Falafel-Sandwiches, bunte Bowls, asiatische Gerichte mit Tofu und Gemüse oder auch mein indisches Lieblingsessen, Palak Paneer (Spinat und indischer Frischkäse in Currysauce), absolut diätkompatibel waren. Vorspeisen ließ ich weg, aber eine Portion eines leckeren und nährenden Hauptgerichts konnte nicht schlecht sein, fand ich. Ich aß mit gutem Gewissen fast immer meinen Teller leer (ein- oder zweimal war ich tatsächlich vorzeitig satt) und fühlte mich gut dabei.
Als ich dann am 2. Januar wieder in meine Wide Leg Jeans stieg, um ins Büro zu gehen, konnte ich es fast nicht glauben: Die Hose schlabberte an den Beinen, am Hintern und sogar in der Taille derartig, dass ich vorsichtshalber einen Gürtel anmontierte. Ha, dachte ich, das läuft doch wie fettfrei geschmiert!
Lesen Sie demnächst: Was macht Eiweiß mit der Verdauung? Bleiben wir noch einmal bei der Niedrigdosierung? Wann traue ich mich wieder ins Schwimmbad?

Anders als bei den Beiträgen, in denen Leonie Mau und Fritte Frittkowski die Hauptrollen einnehmen, muss ich bei den letzten Berichten zwar nicht so viel lachen, aber spannend sind sie fast noch mehr. Bin gespannt, wie es weitergeht.