Schluss mit dem „food noise“ oder nervt die Stille vielleicht noch mehr?

Die Urlaubswoche im November, meine erste Woche mit der Abnehmspritze, verlief entspannt. Ich fühlte mich gut. Ich aß zweimal am Tag, ein spätes Frühstück und ein frühes Abendessen. Das war völlig ausreichend, ich fühlte mich weder besonders hungrig noch zu vollgegessen. Und, das war eigentlich die beste und wichtigste Erfahrung, ich hatte nicht das Gefühl, durch die Spritze fremdbestimmt zu sein, was meine Ernährung anging.

In der Zeit, in der ich auf meine Entscheidung, die Spritze zu probieren, hingearbeitet hatte, hatte ich natürlich viel über das Phänomen „food noise“ gehört und gelesen – und ebenso über die Erfahrung vieler Anwender*innen der Abnehmspritze, dass der Wirkstoff Semaglutid diesen „food noise“ zum Verstummen bringt. Oft schien die Wirkung so stark zu sein, dass die Menschen weder Hunger noch Lust aufs Essen verspüren, sondern tatsächlich eher eine Abneigung gegen das Essen, das so zu einer reinen Pflichtübung wird.

„Food noise“, wörtlich übersetzt „Essenslärm“, beschreibt das Phänomen, das viele Menschen erleben, die auf die eine oder andere Weise dem Thema Nahrungsaufnahme eine sehr große und möglicherweise übergroße Bedeutung beimessen. Ihre geistigen und mentalen Kapazitäten sind zu einem nicht unerheblichen Anteil vor allem mit einer Frage befasst: Was essen wir als Nächstes und wann essen wir?

„Food noise“ hat nicht unbedingt einen Krankheitswert. Er beherrscht nicht nur das Denken und Fühlen von Menschen mit einer Essstörung, sondern kann bei dafür empfänglichen Menschen auch durch das ständige Überangebot von Essen oder die zunehmende Überpräsenz von Ernährungsthemen z. B. in den sozialen Medien, aber auch in vielen anderen Bereichen des Lebens entstehen. Die Auswirkungen können durchaus ein dramatisches Ausmaß annehmen, wenn Menschen den „food noise“ nicht als gelegentliches leichtes Rauschen im Hintergrund, sondern als massiven Leidens- und sogar Suchtdruck wahrnehmen, weil er möglicherweise alle anderen Themen überlagert und bestimmte Handlungen oder sogar Zwangshandlungen auslöst.

Das ist bei Menschen mit Übergewicht häufig der Fall und wird oft noch schlimmer, wenn diese Menschen versuchen, mehr Kontrolle über ihr Essverhalten zu erlangen, um Gewicht zu verlieren. Das hat auch damit zu tun, dass Menschen mit Übergewicht dazu neigen, sich mit Essen zu belohnen. Wenn sie das regelmäßig tun und dabei die Erfahrung machen, dass Essen nicht nur satt, sondern auch glücklicher macht, sind die Chancen gut, dass ihr Hirn den Suchtstoff, also Essen, mit Belohnung verknüpft und im Umkehrschluss auch Nicht-Essen (z. B. bei einer Diät) als Bestrafung einordnet. Für diese lustigen Vorgänge in unseren Hirnen sind vor allem zwei Neurotransmitter, also Botenstoffe verantwortlich, die Dopamine und die Endorphine. Sie halten das körpereigene Belohnungssystem am Laufen.

Viele Menschen, die im Internet, z. B. auf Instagram, über ihre Reise mit der Abnehmspritze informieren, berichten über die Abnahme oder sogar das Verschwinden des „food noise“ durch die Spritze, oft gepaart mit der verblüfften Feststellung, dass dieser vorher ihr gesamtes Leben dominiert hat. Was sie erst jetzt in seiner vollen Tragweite erkennen, weil sie plötzlich nicht mehr in Gedankenkreiseln rund ums Essen festhängen, sondern sich entspannt mit anderen Themen beschäftigen können. Bei nicht wenigen von ihnen geht das so weit, dass sie durch die Wirkung der Spritze nicht nur keinen Hunger mehr haben, sondern einen echten Widerwillen gegen Essen entwickeln.

Ich hatte einiges über das Phänomen „food noise“ gelesen und natürlich vor allem deshalb interessant gefunden, weil es mir durchaus bekannt vorkam. Auch meine Gedanken kreisten sehr oft ums Essen und auch ich habe die Frage „Was essen wir jetzt?“ schon sehr oft in meinem Leben gestellt, mir und auch anderen, oft genug, während ich noch am letzten Bissen einer Mahlzeit kaute. Und trotzdem: Ich empfand mich nicht mehr als esssüchtig. Das war ich in meiner Kindheit und Jugend gewesen, ganz sicher. Aber schon nach wenigen Jahren als Jungerwachsene mit eigenem Haushalt und eigenen Entscheidungen, was das Essen anging, hatte der Leidensdruck durch „food noise“ mehr oder weniger beständig abgenommen. Ich führe das darauf zurück, dass ich mich nicht mehr so stark von anderen Menschen unter Druck setzen ließ – und auch nicht von mir selbst. Mit Anfang 20 gelang es mir zum ersten Mal, ganz entspannt und auf meine eigene Weise mein Gewicht zu reduzieren und – noch wichtiger – das reduzierte Gewicht auch für einige Jahre zu halten. Das hatte ich im Laufe meines Lebens noch einige Male wiederholt, ohne Regeln, die nicht meine eigenen waren, und vor allem ohne Waage. Dass ich zwischendurch auch mehrmals wieder dick wurde, war verschiedenen Zuständen zwischen Bequemlichkeit und Erschöpfung geschuldet, da war ich mir ziemlich sicher. Als esssüchtig oder besonders essgestört empfand ich mich aber nicht mehr. Und ja, ich dachte viel über Essen nach, aber das störte mich meistens nicht besonders. Schließlich liebte ich Essen und wer denkt nicht gerne an Dinge, die sie oder er liebt? (Und ja, aus heutiger Sicht kann ich bestätigen, dass mein körpereigenes Belohnungssystem, ganz klar auf Essen als Belohnung ausgerichtet war. Danke, Hirn!)

Aber – und das war die Frage, die mich vor und auch nach der ersten Spritze beschäftigte – wollte ich wirklich die Freude am Essen verlieren und dazu auch noch das Gefühl der Selbstbestimmtheit beim Essen? Sollte ein Medikament, das betrügerischerweise körpereigene Hormone nachahmt und mir Sättigung vorgaukelt, obwohl ich nichts gegessen habe, in allen Fragen rund um die Nahrungsaufnahme die Kontrolle über mich übernehmen? Die Antwort, die ich mir selbst darauf gab war: Nein, das konnte und wollte ich mir nicht vorstellen. Wenn es so sein sollte, dass ich mir plötzlich beim Essen fremdbestimmt vorkam, dann war die Spritze möglicherweise nichts für mich.

Umso größer war meine Erleichterung, als diese Wirkung bei mir definitiv nicht eintrat. Ich dachte weiterhin über Essen an sich und konkret die nächste Mahlzeit nach. Ich empfand Appetit und auch ein leichtes Hungergefühl, wenn ich zwölf, vierzehn oder sechzehn Stunden nichts gegessen hatte. Das fühlte sich gut und richtig an. Ich aß gerne, etwas achtsamer als vorher und mit Genuss – und freute mich darüber, dass ich nach einer Portion aufhören konnte, ohne dass es mir leid tat. Es machte mir nichts aus, dem großen freundlichen Mann beim Essen von Süßigkeiten zuzuschauen, ich empfand kein Verlangen danach, selbst welche zu essen. Ich fühlte mich gut, satt genug und selbstbestimmt. Halleluja. So konnte es doch weitergehen!

Lesen Sie demnächst: Kann man in der Weihnachtszeit ohne Süßigkeiten leben? Wie schaffe ich es, am Tag rund hundert Gramm Proteine zu essen? Warum schmecken künstliche Ersatzprodukte und Nahrungsergänzungsmittel bloß immer so künstlich?

1 Kommentar

  1. Da ich den Gedanken daran auch schon mehr oder weniger vor mir her trage, finde ich Deine Reise sehr interessant und freue mich darauf, mehr davon zu lesen!
    Gruß, Andrea

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