Sommer auf dem Balkon

„Los!“, schrie Frittopher Frittimschritt die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau an, die mit geschlossenen Augen und bewegungslos im Bett lag. „Draußen scheint die Sonne. Du musst uns die Balkontür aufmachen!“

„Genau“, stimmte ihm Frl. Leonie Mau zu, die mit sehr großen Augen neben dem Gesicht der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau saß und versuchte, diese per Hypnose zu wecken. „Jede Minute zählt. Du weißt, die Sonne wandert blitzschnell weiter und im Nullkommanichts liegt unser Balkon wieder im Schatten.“

„Orrrr“, machte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau und öffnete versuchsweise ein Auge. „Lasst mich. Es ist Wochenende.“

„Nichts da!“, widersprach ihr Fritte. „Du kannst dich von mir aus wieder hinlegen, wenn die Tür offen ist. Aber ich will jetzt raus in die Sonne. Los!“

Leo hatte inzwischen ein Handtuch und ihre Sonnenbrille aus der Bauchtasche gezogen. „Nun komm schon. Endlich ist mal passendes Wetter für meine Bikinifigur. Aber hier drinnen sieht mich ja keiner. Selbst du hast die Augen zu.“

„Gar nicht“, murmelte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Du siehst allerliebst aus in meinem Bikini und er passt dir wie angegossen.“

Leo verengte ihre grüngelben Augen zu Schlitzen. „Soll das ein Witz sein? Siehst du hier irgendwo Zitronen auf fünf Kilo Stoff? Das ist nicht dein Tankini, sondern mein Bikini. In XM.“

„XM?“, fragte Fritte interessiert. „Was ist das denn für eine Größe?“

„Extrem-Medium“, erwiderte Leo ungehalten. „Für Katzen mit dem gewissen Etwas. Sorg du lieber dafür, dass die Frau dir die Nase eincremt, bevor sie dich rauslässt. Nicht, dass du wieder Sonnenbrand bekommst.“

„Ich bin ein Allwetterkater“, erklärte Fritte ihr in herablassendem Ton. „Ich brauche keine Sonnencreme und auch keinen Bikini. Ich komme von der Straße, da belastet man sich nicht mit solchem Unsinn, sondern reist mit leichtem Gepäck.“

„Und warum hast du dann einen Regenschirm und warme Socken in deiner Bauchtasche?“

Fritte zog es vor, diese Frage nicht zu beantworten, und setzte sich neben die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau auf die Bettkante. Dort schwankte sie leicht hin und her, während sie noch immer daran arbeitete, beide Augen gleichzeitig aufzuhalten. Fritte brachte demonstrativ sein angeborenes Universalwerkzeug – manche nennen es Zeigekralle – in Stellung und überlegte, ob die Frau jetzt eher einen Stich in den Rücken oder ins Bein nötig hatte.

„Schon gut“, murmelte die müde und nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau, die offenbar Frittes Gedanken lesen konnte. „Ich komme ja schon. Muss aber zuerst aufs Klo.“

„Ich mach dir schon mal die Tür auf!“, rief Fritte, sprang vom Bett und ging vor der Badezimmertür in Stellung. Dort fiel ihm wieder ein, dass er noch immer nicht herausgefunden hatte, wie man Türen öffnet. Er setzte sich also genau vor die Tür und blickte der schwankenden Gestalt, die sich langsam näherte, erfreut entgegen.

„Geh mir aus dem Weg“, murmelte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau, „oder ich geh‘ zurück ins Bett.“

„Pöh!“, machte Fritte, stand auf und ging viereinhalb Zentimeter zur Seite, bevor er sich wieder hinsetzte.

„Orrrr“, machte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau und schob den Kater mit der sich öffnenden Tür aus dem Weg. Dann betrat sie das Badezimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Hey!“, rief Fritte aufgeregt. „Was machst du da drinnen? Ohne uns? Lass uns sofort rein!“

Leo, die sich inzwischen in ihren XM-Bikini gezwängt hatte, sprang elegant vom Bett und öffnete die Badezimmertür einen Spalt weit, natürlich mit links.

„Wie du das immer machst“, ärgerte sich Fritte. „Das ist echt unfair.“

Leo lächelte ihn mitleidig an und zwängte sich durch den Spalt ins Badezimmer. „Kann ich helfen?“

Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau antwortete nicht. Sie saß auf dem Klo, lehnte sich dabei an die Heizung und hatte beide Augen wieder fest geschlossen. Leo beobachtete sie einen Moment lang, überlegte kurz und sprang dann, fast ohne Mühe, ins Handwaschbecken. Sie drehte den Wasserhahn auf, hielt die Pfote in den Wasserstrahl, zielte kurz und spritzte der nicht mehr ganz so dicken Frau dann eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht.

Zwei müde Augen klappten auf und fixierten Leo, die mit einem breiten Grinsen auf dem Waschbeckenrand balancierte. „Du bist heute wieder sehr lustig, Leo. Wirklich: Sehr lustig.“

Das fand Leo auch. Elegant hüpfte sie zu Boden und verließ vorsichtshalber das Badezimmer, bevor die nicht mehr ganz so dicke Frau aufstand. Die wusch sich kurz die Hände und trat dann vor die Tür. Beide Katzen saßen da und starrten ihr erwartungsvoll entgegen. Noch etwas unkoordiniert stapfte die Frau los, durchquerte das Wohnzimmer und öffnete endlich die Balkontür, flankiert von zwei begeisterten und ungeduldigen Katzen, die sich sofort in den größten von der Sonne beschienenen Staubhaufen auf dem Balkon warfen und sich wohlig rekelten.

„So“, sagte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Da habt ihr euren Sonnenbalkon. Weckt mich, wenn der Kaffee fertig ist.“ Sie ließ sich aufs Sofa fallen, legte die Füße hoch und schloss die Augen.

Fritte versuchte, den Kopf durch das Katzennetz zu stecken, um besser sehen zu können, ob unten vor dem Café Menschen saßen. „Hallo!“, rief er dann zwei jungen Frauen zu, die gerade ein kleines Frühstück zu sich nahmen. „Könnten Sie uns bitte einen Kaffee nach oben bringen? Die Frau schafft es ohne Kaffee nicht bis in die Küche!“

Die beiden Frauen starrten Fritte mit dem Kopf im Katzennetz interessiert an. „Hallo, du kleines Kätzchen. Du miaust aber niedlich.“

„Ich bin kein Kätzchen!“, rief Fritte empört. „Ich bin Frittbert Frittelsen, von Beruf Lebensmittelkontrolleur und Räuberhauptmann. Mein Miau ist furchteinflößend und nicht niedlich!“

„Süß“, bestätigte eine der Frauen. „Ganz süß.“

„Die blöde Kuh will mich nicht verstehen!“, beschwerte sich Fritte. „Ich muss wohl runterklettern und ihr den Kaffee aus der Hand reißen.“

„Lass das lieber“, empfahl Leo. „Du weißt doch, dass du mit einem Kaffeebecher in der Pfote nicht wieder zurück auf den Balkon klettern kannst. Lass die Frau doch schlafen, während wir es uns in der Sonne gemütlich machen. Wenn der Balkon dann wieder im Schatten liegt, mache ich ihr einen Kaffee. Mit aufgeschäumter Katzenmilch.“

„Das klingt köstlich“, gab Fritte zu. „Machst du mir auch einen?“

„Vielleicht“, erwiderte Leo würdevoll. „Aber nur, wenn du jetzt mal fünf Minuten lang die Klappe hältst. Und mach dir endlich Sonnencreme auf die Nase!“

Umständlich zog Fritte die Flasche mit der Sonnencreme aus seiner Bauchtasche und drückte sich einen Schwall Creme auf die Nase. Anschließend rollte er sich noch ein bisschen durch den Staub (von dem ein nicht unbeträchtlicher Teil an seiner eingecremten Nase hängen blieb) und schloss zufrieden die Augen. Die Sonne fühlte sich wunderbar an und von irgendeinem Küchenfenster in der Nachbarschaft wehte der wunderbare Duft von gebratenem Fleisch an ihm vorbei. Im Halbschlaf leckte er sich die Lippen und auch die Nase. Die Mischung aus Sonnencreme und Dreck, die sich anschließend auf seiner Zunge festgeklebt hatte, schluckte er heldenhaft runter. Schließlich war er Fritte, der Held der Straße. Der sonnigen Straße. Während er noch an einem Plan arbeitete, das duftende Fleisch zu erbeuten, schlief er langsam aber sicher ein. Im Schlaf sah er tatsächlich etwas niedlich aus, aber das würde Leo aus gutem Grunde für sich behalten, auch wenn sie gerade ihr Smartphone gezückt hatte und ein Foto von ihm machte. Herrlich, diese ersten sommerlichen Tage in der Stadt.

 

2 Kommentare

  1. Frittimschritt – ich lache mich weg. Liebe Bettina, ich warte immer auf die Wortkreationen, die dir zu Fritte einfallen aber Frittimschritt wird wohl mein Alltimefavorite.
    Herzliche Grüße an die Katzen aus dem sonnigen Garten, Norma

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