Angehörigenabend im Seniorenheim

Es ist fünf vor sechs, als ich das Restaurant des Seniorenheimes, in dem meine Mutter wohnt, betrete. Zum jährlichen Angehörigenabend. Ich bin das erste Mal dabei. Letztes Jahr war meine Mutter gerade erst eingezogen und ich konnte den Termin so kurzfristig nicht wahrnehmen. In diesem Jahr kam die Einladung zwar auch kurzfristig, fällt aber auf einen meiner freien Abende. Um sechs soll es losgehen, die Tagesordnung enthält diverse Themen und den Punkt „Kleines Buffet und Getränke“. Immerhin. Ich bin gespannt.

Schon am Eingang begrüßt mich die wirklich immer sehr freundliche und vergnügt wirkende Direktorin und holt mir persönlich ein Glas Prosecco. Während ich mich umschaue und überlege, ob ich mich jetzt allein an einen noch leeren Tisch oder zu Unbekannten dazusetzen soll, zupft mich jemand am Ärmel: Frau L., die Wohnbereichsleiterin der Etage, auf der meine Mutter ihr Zimmer hat, fragt, ob ich mich mit an ihren Tisch setzen möchte. Sehr gerne, natürlich. Außer Frau L. sitzen noch zwei weitere Damen am Tisch, eine im Rollstuhl und eine mit Rollator, und ich überlege, ob sie beide auch Angehörige sind oder vielleicht doch Bewohner.

Die Stimmung ist locker und freundlich und überall wird geplaudert und gelacht. Offenbar kennen sich die meisten Menschen – die Bewohner dieses Heims sind ja durch die Bank sehr langlebig, so dass die meisten Angehörigen mehr als einmal die Chance haben, dieser jährlichen Veranstaltung beizuwohnen. Was ja doch sehr für das Heim spricht, finde ich.

Mit leichter Verspätung beginnt die Veranstaltung: Die Direktorin begrüßt  uns noch einmal und eröffnet das Buffet. Dieses ist klein, aber fein. Ein Abendbrotbuffet mit Schinken, Roastbeef, Aufschnitt und sehr anständigen Käsesorten, dazu Salate, verschiedene Brotsorten und zum Nachtisch exotische Früchte. Nicht luxuriös, aber sehr ansprechend und gerade richtig für diesen Anlass, finde ich. Bis alle sich bedient, geschmaust und genug gequatscht haben, ist es allerdings fast schon sieben Uhr! Ich denke an hungrig wartende Katzen daheim und hoffe, dass die Tagesordnung zügig abgehakt werden wird.

Zum Glück sind weder die Direktorin noch die Pflegedienstleitung noch die verschiedenen Therapeuten und die Kollegin, die die Betreuenden Dienste leitet, zum Schwafeln aufgelegt: Sie berichten kurz und knackig von den interessanten Ereignissen im letzten Jahr und der Planung weiterer interessanter Ereignisse in diesem Jahr. Ich fühle mich gut informiert und gleichzeitig sogar unterhalten.

Leider darf der Therapiemops, der draußen im Foyer auf- und abschreitet und uns durch die Glasscheiben schmutzige Blicke zuwirft, nicht aus seiner Arbeit mit den Bewohnern berichten. Sehr schade, aber auch meine einzige Kritik am Verlauf des Abends.

Sehr cool finde ich, dass uns Angehörigen ein Workshop „Humortraining für Angehörige von Demenzkranken“ angeboten wird, kostenlos und an zwei Terminen zur Auswahl. Ich nehme mir sofort vor, am nächsten Morgen meinen Kalender zu checken und mich für einen der beiden Termine anzumelden. Zwar gelte ich gemeinhin als verhältnismäßig humorbegabt; im Umgang mit meiner Mutter geht mir allerdings oft sehr schnell jeglicher Witz verloren. Die Kunsttherapeutin/Clownin, die diese Workshops macht, verteilt zum Schluss sogar noch Infomaterial und rote Schaumgumminasen. Obwohl mir rote Nasen supergut stehen, weiß ich natürlich schon, dass mir dieses kleine Geschenk zu Hause sofort geklaut und als Bällchen zweckentfremdet wird. Sei’s drum.

Um halb neun ist dann alles gesagt und wir werden in die Freiheit entlassen. Während ich zum Bus eile, damit meine hungrigen Mitbewohnerinnen nicht länger eingefallen aussehen müssen als unbedingt nötig, stelle ich fest, dass ich mit dem Abend sehr zufrieden bin. Dieses Seniorenheim ist wirklich in Ordnung, da hatten wir den richtigen Riecher… und das große Glück, dann auch einen Platz für meine Mutter zu bekommen. Unter schwierigen Umständen alles richtig gemacht, sage ich mir und klopfe mir lobend auf die Schulter, denn das muss ja auch mal sein.

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