Da stand ich nun mit dem Privatrezept für die Spritze in der Hand. Ein kurzer Besuch in der nächstgelegenen Apotheke erwies sich als frustrierend: „Abnehmspritze haben wir nicht und können wir auch nicht bestellen. Versuchen Sie es doch mal in einer anderen Apotheke, die haben vielleicht andere Lieferanten.“
Na toll. In Hamburg gibt es rund 360 Apotheken, das entspricht einer Dichte von 20 auf jeweils 100.000 Einwohner. In der Innenstadt findet man gefühlt alle hundert Meter eine Apotheke, manchmal auch mehr. Die wenigsten davon – oder keine – werben mit ihren Lieferbedingungen oder damit, die Abnehmspritze besorgen zu können.
Da ich keine Lust hatte, von Apotheke zu Apotheke zu laufen, verlegte ich meine Suche ins Internet. Das fing auch nicht besonders gut an. Die Frage an Google „Welche Apotheke in Hamburg hat Wegovy?“ führte zwar zu einer Aufzählung von Apotheken in meiner Nähe, bei genauerem Nachsehen auf den dazugehörigen Websites, sofern dort entsprechende Abfragemöglichkeiten vorgesehen und auch benutzbar waren, war mein Suchergebnis aber in allen Fällen auch „nicht lieferbar“.

Google wies mich natürlich auch auf die wunderbare Möglichkeit der Onlinebestellung hin. Einschlägig bekannte Versandapotheken haben Wegovy fast alle im Repertoire, äh Sortiment. Einziger Haken: Wegovy ist kühlpflichtig und wird deshalb von einer speziellen Spedition ausgeliefert. Ob und wie man mit dieser Spedition über die Lieferzeit verhandeln kann, konnte ich nicht herausfinden. Da ich mit fast allen Speditionen und Lieferdiensten dieser Welt schon schlechte Erfahrungen gemacht habe, empfand ich das als echtes Problem.
Nach kurzem Nachdenken fiel mir dann ein, dass ein stationäres Hospiz nicht nur ein ohnehin wunderbarer Arbeitsplatz ist, sondern auch eine Reihe von Menschen versammelt, die sich mit Medikamentenbestellungen und Apotheken-Lieferketten bestens auskennen. Ich fragte also meine Hospizleitung in Altona um Rat. Das war die richtige Idee: Nicht nur bekam ich das Angebot, die Spritze doch online zu bestellen und ans Hospiz liefern zu lassen, wo es natürlich nicht nur tolle Kolleg*innen, sondern auch mehrere Kühlschränke gibt. Nein, ich ging auch mit einer kurzen Liste von Apotheken nach Hause, die so ziemlich alles besorgen können und deswegen häufig von Einrichtungen wie Hospizen, Pflegeheimen und auch Kliniken frequentiert werden.
Meine nächste Online-Recherche war sehr viel erfreulicher als die bisherigen: Fast alle der Apotheken auf meiner Liste hatten Wegovy in der niedrigsten Dosierung vorrätig oder gaben an, es kurzfristig besorgen zu können. Ich konnte mir also in aller Ruhe die Apotheke aussuchen, die am Rande eines meiner Arbeitswege und in der Nähe einer Bushaltestelle lag.

Ich war echt aufgeregt, als ich in dieser Apotheke, die ziemlich dicht am Hamburger Hauptbahnhof zu finden ist, mein Rezept über den Tresen reichte und die freundliche Mitarbeiterin zustimmend nickte und eine kleine Schachtel aus ihrem Kühlschrank holte. Ihre einzige Frage: „Sie gehen direkt nach Hause?“
Das konnte ich bestätigen. Mein Kühlschrank freute sich schließlich schon seit Tagen auf das Medikament. Dann durfte ich bezahlen und die kleine Schachtel vorsichtig in meine Handtasche stecken. Teure Fracht, aber okay, ich hatte es ja nicht anders gewollt. Ein paar Tage würde die Schachtel noch unberührt im Kühlschrank liegen, denn ich hatte mir vorgenommen, mir die erste Spritze in meinem im November anstehenden Urlaub zu verpassen. Nur für den Fall der Fälle. Bis dahin waren meine Aufgaben klar definiert: Schon mal die Bedienungsanleitung lesen (und verstehen) und – natürlich – alle Süßigkeiten und ungesunden Lebensmittel in meinem Haushalt zu vernichten äh aufzuessen.
Freuen Sie sich auf die Erörterung weiterer weltbewegender Fragen: Was tut mehr weh? Sich selbst eine Spritze – natürlich per Injektionspen – ins Bein zu rammen oder Frittbert Frittelsen, der mit ausgefahrenen Krallen über dasselbe Bein trampelt? Kann man wirklich ohne Schokolade leben? Was ist mit diesem allgemeinen Eiweiß-Hype und was hat das mit mir zu tun?

Oh, das hört sich wirklich kompliziert an.
Hier in Finnland haben wir eine Internetseite, über die wir auf den Lagerstand von ALLEN Apotheken zugreifen können, indem wir nach dem Medikament suchen.
Vor ein paar Jahren gab es mal Lieferschwierigkeiten bei meinem Cholesterinmedikament und nur drei oder vier Apotheken in der ganzen Stadt hier hatten meinen Wirkstoff in meiner Dosierung vorrätig…
Liebe Grüße
Claudia
Nach meinen Erfahrungen mit Thrombosespritzen (okay, in den Bauch, nicht ins Bein) behaupte ich mal, Frittelinos ausgefahrene Krallen sind schmerzhafter.