Darf ich was essen oder muss ich nicht?

Am Morgen nach der ersten Spritze erwachte ich und spürte noch immer nichts. Also, außer dem was ich normalerweise morgens so spüre: Müdigkeit, Widerwillen gegen das Aufstehen, Schmerzen in dem einen und/oder dem anderen Teil meines Körpers und das dringende Bedürfnis, ein dringendes Bedürfnis zu verrichten. Mein Bauch war still. Weder spürte ich Hunger noch irgendeine Art des Unwohlseins. Soweit war offenbar alles okay.

Frl. Leonie Mau, die die Stunden seit ihrem Frühstück bei mir verbracht hatte und nun über mich wachte, während Fritco Fritteroni allein in der Küche gegessen hatte und dann bei dem großen freundlichen Mann und dem kleinen freundlichen Hund noch ein paar Stunden schlafen durfte, hatte auch nichts Ungewöhnliches an mir wahrgenommen. Ich wuchtete mich also aus dem Bett, trottete ins Bad und betrachtete dort argwöhnisch mein Spiegelbild. Nichts. Ich wollte schon etwas wie „Verdammt, ich bin unsichtbar!“ rufen, da fiel mir auf, dass meine Augen noch geschlossen waren. Entschlossen klappte ich die Lider hoch und – AH! – es wurde hell. Aus dem Spiegel schaute mir eine verschlafen aussehende und leicht verknautschte ältere Frau mit einem grauen Vogelnest auf dem Kopf entgegen. Alles wie immer also.

Auch beim Trinken meines Morgenkaffees mit Hafermilch gab es keine besonderen Vorkommnisse. Der große freundliche Mann und der kleine freundliche Hund fragten natürlich sofort, ob ich irgendwas spürte. Nö, sagte ich, eigentlich nicht, und horchte aufmerksam in mich hinein. Keine besonderen Vorkommnisse, meldete mein Körper. Hunger? Ach, geht so. Frühstück wäre schon okay bei Gelegenheit. Aber keine Eile diesbezüglich. Da es noch nicht besonders spät am Vormittag war und ich morgens normalerweise nie sehr früh etwas aß, war das auch keine Abweichung vom üblichen Normalzustand.

Beim Frühstück selbst aß ich mit Appetit, aber zurückhaltend: Ein Brötchen weniger als sonst, wenig Käse, mehr Gurke und Apfel. Schließlich wollte ich nicht gleich die ganzen Kalorien, die ich Pi mal Daumen als Tagesgrundumsatz mit Gewichtsreduktionshintergrund berechnet hatte, bei der ersten Mahlzeit verballern. Mein Magen protestierte nicht, als ich beschloss, dass es nun genug war, sondern tat so, als wäre er satt.

Natürlich wusste ich, dass es – so hatte mein Hausarzt mir die Sache erklärt und so hatte ich es auch schon drölfzigtausendmal im Internet nachgelesen – mit weniger Essen noch nicht ganz getan war. Als gewohnheitsmäßige Kohlenhydrate-zu-jeder-Mahlzeit-Esserin stand mir eine Veränderung in Form einer stärkeren Fokussierung auf Proteine bevor. Und natürlich mehr Bewegung. Ich hatte jedoch beschlossen, diese Veränderungen nicht alle gleichzeitig anzugehen, sondern nacheinander. Erstens weil ich mir nicht mehr Stress als unbedingt notwendig machen wollte. Zweitens weil ich auch mögliche Auswirkungen und/oder Nebenwirkungen der einzelnen Schritte zuordnen können wollte.

Somit war mein Plan für die ersten Tage mit der Abnehmspritze:

  1. Spüren, ob sich was ändert, z. B. am Hungergefühl, an der funktionierenden Verdauung oder an meiner Stimmungslage.
  2. Nach Möglichkeit so essen, dass ein Kaloriendefizit zur Gewichtsreduktion führt.
  3. Aber mir selbst keinen Stress machen!
  4. Vor Ablauf der ersten Woche noch nicht mal darüber nachdenken, ob ich schon was abgenommen habe.
  5. Nach Ablauf der ersten Woche eine erste Bestandsaufnahme machen und dann überlegen, ob es schon der Zeitpunkt ist, an weiteren Stellschrauben zu drehen.

Ich hatte nur kurz überlegt, ob der Einsatz der Abnehmspritze irgendetwas an meinem vor vielen Jahren gefassten Beschluss, keine Waage mehr zu besitzen und mich auch nicht versehentlich irgendwo wiegen zu lassen, ins Wanken bringen sollte … und mich dagegen entschieden. Die Entscheidung, mich keinem wie auch immer gearteten Wiegeterror mehr auszusetzen, egal ob täglich, wöchentlich oder unregelmäßig, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens gewesen. Die würde ich ohne echte Not nicht revidieren. Ob ich abnehme, würde ich schon beim Blick in den Spiegel oder am Sitz meiner Jeans merken. Das musste reichen.

Auch das sehr akribische Kalorienzählen hat sich bei mir nicht bewährt, für mich baut das nur unnötigen Druck auf. Außerdem führt es, so ist zumindest meine Erfahrung, gerne dazu, dass man ekelhaftes und ungesundes Zeug isst, nur weil es wenig Brennwert mitbringt. Reiswaffeln zum Beispiel oder Hüttenkäse. Wobei, das hatte ich schon mehrfach gelesen, Hüttenkäse als sehr brauchbarer und diätkompatibler Proteinlieferant gilt.

Früher mal, als Vegetarier noch als krasse Randgruppe galten und selbst Schuld hatten, wenn sie in Restaurants nur Beilagen zu essen bekamen (und selbst aus denen manchmal die Speckwürfel rausklauben mussten), da kannte ich mich mit dem Kaloriengehalt der meisten Lebensmittel ziemlich gut aus. Das war in den 1990er-Jahren. Seitdem sind ja viele der Hauptakteure der Lebensmittelindustrie – zunächst widerwillig, dann geschäftstüchtig – auf den Veggie-Zug aufgesprungen. Manche der fleischlosen Convenience-Gerichte und Fleisch-Ersatzprodukte esse ich sogar ganz gerne. Für die googelte ich jetzt also erst einmal Nährwertangaben, um zumindest eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, wieviel ich so esse.

Am Abend des ersten Tages nach der Spritze bestellten wir Vöner, also veganen Döner. Der große freundliche Mann im Plural, ich ein einziges Teil, das allerdings recht stattlich aussah. Obwohl ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, war ich nicht megahungrig. Aber ich hatte Appetit und freute mich auf eine „kleine Mahlzeit“. Nachdem ich diese verdrückt hatte, sah ich dem großen freundlichen Mann beim Essen zu. Ohne besonderen Neid wohlgemerkt. Ich fühlte mich wohl mit einem Vöner im Bauch. Sicherlich hätte ich noch mehr essen können, aber ich musste nicht. Das fühlte sich nicht sonderlich spektakulär an, aber sehr entspannt.

Später am Abend merkte ich dann doch voller Verblüffung, dass etwa anders war als vor der Spritze: Als der große freundliche Mann anfing, Kekse, Schokolade und Gummitiere (vegan) in sich hineinzustopfen. So, wie wir es bis dato immer gemeinschaftlich getan hatten, egal wie reichhaltig das Abendessen gewesen war. Und nun spürte ich nichts. Keinen Hunger, keine Versuchung, keine Sucht. Das war sehr eigenartig, aber auch sehr schön. Und ich fing so langsam an zu glauben, dass das mit der Spritze und mir etwas werden könnte.

Lesen Sie demnächst: Wieso ist das so einfach? Mache ich was falsch? Wieso rutscht meine Jeans? Seid ihr alle verrückt geworden mit eurem Eiweißwahn? Und: Was zum Geier ist „food noise“?

 

1 Kommentar

  1. „food noise“? Also nachdem Signore Fritteroni auf dem letzten Bild nicht sofort die Augen aufgerissen hat, scheint es sich nicht um „Tütchenrascheln“ zu handeln…?
    Gutes Gelingen ohne unerwünschte Nebenwirkungen weiterhin! Und liebe Grüsse an alle Zwei- und Vierbeiner, Martina

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