Ein Donnerstag in der Notaufnahme.

Donnerstag, 13.44 Uhr
Ich verlasse ein viel zu lang geratenes XXL-Meeting, rase in mein Büro, kontrolliere mein stummgeschaltetes Telefon, raffe meine Sachen zusammen, rufe was von Friseur-Notaufnahme und Bis später! in die Gegend und renne los.

Donnerstag, 13.59 Uhr
Mit hängender Zunge erreiche ich den Friseursalon „Hauptsache“, in dem außer der Friseurin meines Vertrauens schon ein gemütlicher Sessel, ein zu enger Umhang, ein Haufen uninteressante Zeitschriften und eine Schüssel mit Farbe, die aussieht, als hätte die Friseurin meines Vertrauens sie aus einem Hundekottütchen gekratzt, auf mich warten.

Donnerstag, 14.26 Uhr
Die Friseurin meines Vertrauens streicht gerade die letzten Farbreste von ihrem Pinsel an meinem Ohr ab, da sehe ich das Display des vor mir auf der Ablage liegenden Telefons aufleuchten. Mein Bruder ruft an. Beim Annehmen sehe ich diverse unbeantwortete Anrufe von ihm und meiner Mutter. Mist, ich habe in der Eile vergessen, das Telefon wieder laut zu stellen.

Donnerstag, 14.27 Uhr
Mein Bruder eröffnet mir, dass meine Mutter auf der Straße gestürzt ist, mit dem Rettungswagen abgeholt wurde und nun mit gebrochenem Arm und gebrochener Nase in der Notaufnahme des Kreisstadtkrankenhauses auf das Erscheinen eines nahen Verwandten hofft. Mein Bruder kann es im Moment nicht einrichten.

Donnerstag, 14.31 Uhr
Nach mehreren Besetztzeichen erreiche ich endlich meine Mutter und kündige ihr mein Kommen für so bald wie möglich an. Sie antwortet mit: „Mein Akku ist gleich leer!“

Donnerstag, 14.34 Uhr
Während die Friseurin meines Vertrauens die Farbe aus meinen Haaren rauswäscht, tupfe ich mit einem feuchten Wattebausch an meinem Telefon rum und versichere ihm, dass es nun wenigstens keinen grauen Ansatz mehr hat.

Donnerstag, 14.39 Uhr
Ich stülpe mir eine Mütze auf den nassen Kopf, rufe was von Schneiden nächste Woche in der Mittagspause und stürme davon.

Donnerstag, 14.42
Verdammt! War hier nicht früher mal ein Taxistand?

Donnerstag, 14.48 Uhr
Habe mir an der nächsten großen Straße ein Taxi erkämpft. Während ich nebenbei versuche, meine Chefin oder irgendeinen Kollegen zu erreichen, führe ich mit dem Taxifahrer eine sehr interessante Unterhaltung über die auffallendsten Unterschiede zwischen der persischen und der deutschen Grammatik. Das Taxi kriecht durch Baustellen und Feierabendverkehr.

Donnerstag, 15.45 Uhr
Ich bezahle dem Taxifahrer mein halbes Monatsgehalt und darf vor dem Haupteingang des Krankenhauses aussteigen.

Donnerstag 15.52 Uhr
An der Rezeption des Krankenhauses habe ich erfahren, dass meine Mutter noch kein Bett bekommen hat und sich noch in der Notaufnahme befindet. Dort durchquere ich einen knallvollen Wartebereich, in dem an allen Wänden Plakate mit dem Manchester-Triage-System zur Ersteinschätzung der Dringlichkeit hängen, und werde nach hinten durchgelassen.

Donnerstag, 15.54 Uhr
Sie nennen es „Überwachungsbereich“.

Donnerstag, 15.54 Uhr
Ich nenne es „Windfang“.

Donnerstag, 15.55 Uhr
Auf einer Trage direkt an der großen Schiebetür, an der die Rettungswagen ihre Patienten einliefern, liegt eine Frau mit blutüberströmtem Gesicht. Schrecklich, denke ich, die Arme. Sicher wird sie aufgrund ihres Zustandes gleich stationär aufgenommen und irgendwo vernünftig untergebracht.

Donnerstag, 15.56 Uhr
Die blutüberströmte Frau ist meine Mutter. Meine Mutter sucht ihr Handy und hat eigentlich keine Zeit für die Frage, wie es ihr geht. Ich soll ihr einen Kaffee besorgen.

Donnerstag, 16.03 Uhr
Der aus der Cafeteria geholte Kaffee wird von einem aufmerksamen Pfleger konfisziert. Meine Mutter darf nichts trinken, weil sie wahrscheinlich heute noch operiert werden soll.

Donnerstag, 16.04 Uhr
Die große Glastür öffnet sich und lässt einen großen Schwall kalter Luft sowie zwei Rettungssanitäter mit einer Trage auf Fahrgestell hineinkommen, die mich sofort aus dem Weg schieben. Ich presse mich gegen eine Wand, die sich im nächsten Moment als Tür entpuppt und hinter mir verschwindet. Ein freundlicher Pfleger fängt mich auf und sagt: „Entschuldigung.“ Ich sage: „Entschuldigung.“

Donnerstag, 16.05 Uhr
Ich sehe mich im Überwachungsbereich um, in dem ganz offenbar Hochbetrieb herrscht. Die eben eingetroffenen Sanitäter verhandeln mit einem Pfleger, der an einer Arbeitsstation mit vier Stehpulten Daten in sein System eingibt. Hinter der eben eingetroffenen Patientin sehe ich noch verschiedene mobile Betten und Tragen, die an allen Wänden stehen. Für einen älteren Patienten gab es offenbar sogar nur noch einen Rollstuhl. Von dem windigen und nicht gerade großzügig bemessenen Überwachungsbereich gehen direkt alle möglichen Behandlungszimmer etc. ab. Fast überall stehen die Türen offen, obwohl die Räume in Benutzung sind und drinnen Gespräche geführt werden. Zwischen den Räumen eilen diverse Ärzte (weiß) und Pfleger (blau) hin und her.

Donnerstag, 16.04 Uhr
Ein freundlicher junger Arzt versucht, neben uns einen sicheren Platz zum Stehen zu finden, und erklärt meiner Mutter, dass das Röntgen die Brüche an Nase und Arm bestätigt habe. Die Nase sei nicht disloziert und könne ganz alleine heilen. Der Arm müsse, obwohl eigentlich ein glatter Bruch, operiert werden. Allerdings nicht heute. Es würde gleich ein Kollege kommen, der meiner Mutter eine Schlinge zur Stabilisierung anlegen und sie dann für heute entlassen würde.

Donnerstag, 16.59 Uhr
Ein weiterer freundlicher junger Arzt versucht, neben uns einen sicheren Platz zum Stehen zu finden, und erklärt meiner Mutter, dass das Röntgen die Brüche an Nase und Arm bestätigt habe. Die Nase sei nicht disloziert und könne ganz alleine heilen. Der Arm müsse, obwohl eigentlich ein glatter Bruch, operiert werden. Allerdings nicht heute. Es würde gleich ein Kollege kommen, der meiner Mutter eine Schlinge zur Stabilisierung anlegen und sie dann für heute entlassen würde.

Donnerstag, 17.17 Uhr
Meine Mutter sagt, Schlinge hin oder her, sie muss Pipi. Eine freundliche Pflegerin fährt sie im Rollstuhl zum Behindertenklo, während ich die Handtasche meiner Mutter, alle ihre Einkaufstüten, ihren Mantel, ihren Schal, ihre blutverschmierte Mütze und die Trage nach ihrem Telefon absuche. Nichts. Ich schreibe einen Zwischenbericht an meinen Bruder, in dem die Worte „nicht dramatisch“ vorkommen.

Donnerstag, 17. 35 Uhr
Meine Mutter ist zurück vom Klo und wird langsam sehr ungeduldig. Sie hat inzwischen auch ziemliche Schmerzen. Die größten Sorgen bereitet ihr aber das verschwundene Telefon. Jetzt, wo sie einen Kaffee trinken dürfte, will sie keinen mehr. Wasser auch nicht, weil ihr so kalt ist. Die Glastür öffnet sich nämlich dauernd, weil sich direkt davor offenbar einer der Personal-Raucherplätze befindet. Außerdem sind noch diverse andere Patienten angeliefert worden und ich kann aus den Gesprächen der Mitarbeiter mit den Sanis hören, dass nicht nur die Notaufnahme, sondern das ganze Krankenhaus voll bis auf den letzten Platz ist.

Donnerstag, 17.37 Uhr
Meine Mutter ist mittlerweile extrem ungeduldig und sehr wehleidig. Sie kann weder bequem sitzen noch bequem liegen, zum Aufstehen fehlt ihr aber auch die Kraft. Sie will jetzt unbedingt die Aufmerksamkeit des nächsten Arztes, der in ihrem Blickfeld erscheint. Leider ist ihr Blickfeld ziemlich eingeschränkt und ich überlege, ob das vorhin auch schon so war. Ihr Gesicht ist rund um Nase und Augen durch das Hämatom vom Nasenbeinbruch ziemlich blau und schwillt an, aber die Augen sehen eigentlich klar aus.

Donnerstag, 17.58 Uhr
Der freundliche Pfleger, der uns vorhin den Kaffee abgenommen hat, hat wohl ein Einsehen und versucht, meiner Mutter die Stabilisierungsschlinge anzulegen. Sie jammert lauthals, egal ob er sie anfasst oder nicht. Außerdem redet sie totalen Unsinn und wirkt mehr als nur verwirrt.

Donnerstag, 17.59 Uhr
Der freundliche Pfleger stimmt mir zu, dass sich der Zustand meiner Mutter gerade drastisch verschlechtert, und holt einen weiteren freundlichen Arzt. Dieser verordnet vorsichtshalber eine Craniale Computertomographie und enteilt, um uns in der Radiologie anzumelden. Der freundliche Pfleger bringt meiner Mutter einen Becher Wasser und nötigt sie, ein bisschen was zu trinken.

Donnerstag, 18.00 Uhr
Meine Mutter gießt mir einen halben Becher Wasser über die Füße.

Donnerstag, 18.15 Uhr
Eine freundliche Pflegerin hat das Handy meiner Mutter in irgendeiner Toilette gefunden. Die Wiedersehensfreude ist groß. Meine Mutter möchte das trotz aller Hektik wirklich sehr zugewandte Personal belohnen. Die Pflegerin weiß, dass es eine Kaffeekasse gibt. Sie weiß aber nicht, wo.

Donnerstag, 18.46 Uhr
Mein Bruder trifft ein und ist ziemlich schockiert über den Zustand meiner Mutter, die im Moment ähnlich entrückt und weit entfernt wirkt.

Donnerstag, 19.18 Uhr
Meine Mutter wird in die Radiologie gefahren, mein Bruder und ich dürfen mit und warten in einem dunklen und leeren Wartezimmer. Dann geht es zurück in den Windfang. Meine Mutter jammert heftig und kündigt an, gleich einfach nach Hause zu gehen.

Donnerstag, 19.49 Uhr
Der freundliche Pfleger erklärt uns, dass die Röntgenärztin die Bilder aus dem CCT befunden und dann dem Arzt in die Notaufnahme rüberschicken wird. Ja, bestimmt bald. Meine Mutter liegt mittlerweile quer auf der Trage, atmet flach und jammert in regelmäßigen Abständen.

Donnerstag, 20.05 Uhr
Auf der anderen Seite des Windfanges stehen seit mindestens vier Stunden zwei Tragen mit älteren Damen drauf. Eine von ihnen wird gerade auf eine Station verlegt und freut sich still, hier rauszukommen. Die andere, die im rosa Bettjäckchen und ohne Hose unter der dünnen Decke eingeliefert wurde, bekommt gerade Besuch von ihrer Tochter und spricht zum ersten Mal, seit sie hier ist. Ich überlege, wie es wohl wäre, eine stille und stumm leidende Mutter zu haben, und komme zu dem Schluss: Unvorstellbar.

Donnerstag, 20.47 Uhr
Meine Mutter stellt sich tot. Ich bin müde, muss Pipi und habe Hunger. Außerdem denke ich an zwei ebenfalls sehr hungrige Katzen, die seit Stunden auf mich warten. Mein Bruder, der auch einen vollen Arbeitstag hinter sich hat, sieht aus, als würde er gleich ins Koma fallen.

Donnerstag, 20.48 Uhr
Der freundliche Arzt hat Zeit gefunden, die Aufnahmen vom Hirn meiner Mutter anzuschauen, und hat zum Glück nichts entdeckt, was auf einen Schaden schließen ließe. Nachdem sie auch die Frage, wie viele Finger sie gerade vor ihrem Gesicht sieht, mit einer halbwegs soliden Trefferquote für sich entscheiden kann, sind wir damit sozusagen auf ziemlich unprätentiöse Weise entlassen.

Donnerstag, 20.54 Uhr
Während mein Bruder und meine Mutter sich langsam in Richtung Ausgang bewegen (zu Fuß, denn freie Rollstühle gibt es nicht), darf ich kurz – zum ersten Mal heute – ein Behandlungszimmer betreten, um den entlassenden Arztbrief in Empfang zu nehmen. Ich bedanke mich noch schnell bei dem freundlichen Pfleger, der sich schon sehr darauf freut, in sechs Minuten Feierabend machen zu können. Ich verstehe ihn gut. Immerhin weiß er, wo die Kaffeekasse ist.

Ich gleiche im Geiste die heutigen Erlebnisse mit meinen hauptsächlich durch Grey’s Anatomy geschulten Erwartungen ab: So richtig dramatisch ging es nicht zu. Ich meine, das einzige blutüberströmte Unfallopfer war schließlich meine Mutter. Trotzdem gab es unzählige Patienten, deren Behandlung ganz offensichtlich dringender war – und ich will damit in keiner Weise die Ersteinschätzung durch die Mitarbeiter dieser Notaufnahme anzweifeln – meine Mutter war zwar sehr arm dran, aber halt nicht wirklich in Gefahr (und in dem Moment, in dem das mal kurz in Frage stand, wurde sofort ein CCT gemacht). Die Mitarbeiter haben ganz offensichtlich alles richtig gemacht, denn schließlich gab es keine dieser Grey’s-Anatomy-typischen Szenen, in denen ein Patient, dem es die ganze Folge über gut ging und der dem Publikum richtig ein bisschen ans Herz wachsen durfte, plötzlich tot umfällt, weil bei der Ersteinschätzung keiner das Messer in seinem Rücken bemerkt hatte. Außerdem – und das finde ich eingedenk der Umstände dort wirklich bemerkenswert – waren die Mitarbeiter dieser Notaufnahme ausnahmslos sehr engagiert und auch sehr freundlich und zugewandt, und zwar untereinander ebenso wie zu den Patienten und ihren Angehörigen. Das hat mir wirklich imponiert.

Donnerstag, 21.31 Uhr
Nachdem wir meine Mutter vor ihrem Haus mit vereinten Kräften aus dem Auto gehievt haben, muss mein Bruder noch parken und ich beginne, meine Mutter die Treppe in den ersten Stock hochzuwuchten. Sie ist völlig erschöpft und kraftlos und jammert schon bei dem Gedanken an eine Berührung oder Bewegung. Ich fühle mich nicht unbedingt viel besser. Mir ist vollkommen klar, dass sie diese kommende Nacht nicht alleine verbringen kann, auch wenn sie natürlich das Gegenteil behaupten wird. Ich höre im Geiste hungrige Katzen nach mir rufen. Falls das kein valides Argument sein sollte, werde ich meinen Bruder wohl mit viel Geld bestechen müssen, sich zum Hierbleiben bereitzuerklären. Notfalls auch mit sehr viel Geld.

2 Kommentare

    1. Danke für die Nachfrage. Sie erholt sich einigermaßen gut (in einer Kurzzeitpflege, weil sie ja ohne Arm recht hilflos ist). Der Arm wurde gestern geröntgt und verhält sich offenbar kooperativ. Sie darf bald mit leichter Physiotherapie beginnen und wir hoffen, dass sie dann auch bald nach Hause kann.

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