Letztes Wochenende im März. Heute Nacht stellen wir wieder die Uhren um: Die Eieruhr zu den Osterhasen, den Wecker auf den Balkon und die Smart Watch zu den Nachschlagewerken im Bücherregal. Morgen jammern wir dann, dass uns eine Stunde Schlaf fehlt – ein ständiges Hintergrundgeräusch, das nur langsam weniger wird, bis wir die geklaute Stunde dann im Oktober zurückbekommen, was aber nur bedingt Freude macht, weil es dann plötzlich wieder nachmittags um halb fünf schon dunkel wird. Ja, ich mag die Sommerzeit lieber, aber auf die Uhrenumstellerei könnte ich gut verzichten. Seit Jahren wird ja schon immer wieder darauf hingewiesen, dass es „jetzt“ das letzte Jahr sein könnte, in dem die Uhren umgestellt werden. Wenn sich die Mitgliedsstaaten der EU nur darauf einigen könnten, was die neue Normalzeit sein soll. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass sie sich jemals einigen werden, in dieser Frage genau so wenig wie bei vielen anderen wichtigen Themen.
Übrigens hatte ich mal wieder Geburtstag. Ja, schon wieder. Ja, ich habe auch das Gefühl, dass das immer häufiger passiert, dass die Jahre immer schneller vergehen. Zweiundsechzig. Unspektakuläre Zahl, aber meine Güte: Früher empfand ich Menschen mit 62 als alt. Heute weiß ich: Wir stehen quasi in der Mitte des Lebens. Klaus Hoffmann, dessen Konzert in der Hamburger Laeiszhalle wir heute Abend besuchen, ist vorgestern 75 Jahre alt geworden. In einem Fernsehbeitrag des NDR anlässlich seines letzten Hamburger Konzerts im Herbst 2024 sagte er zu diesem Thema: „Ich gehe jetzt in die zweite Lebenshälfte.“ So ähnlich fühle ich mich auch, aber durch die gefühlte und vielleicht sogar reale Beschleunigung des Lebens, die wir alle spüren, wird die zweite Lebenshälfte definitiv schneller rumgehen als die erste. Das ist vielleicht auch in Ordnung so, denn tatsächlich möchte die Stadt Hamburg sich mal wieder um die Olympischen Spiele bewerben. Ein bisschen wahllos die Zeitangabe: 2036, 2040 oder 2044, völlig egal. Hauptsache, Olympia. Das Hamburger Volk darf am 31. Mai in einem Referendum darüber abstimmen, ob diese Bewerbung wirklich stattfindet.

Beruhigenderweise sieht es momentan nicht so aus, als könnten die Olympia-Befürwortenden eine Mehrheit erringen. Schon 2015 hatten die Bürger*innen ein Referendum zum selben Thema abgeschmettert, man darf also auch dieses Mal optimistisch sein. Und falls nicht, so tröste ich mich immer, dauert es bis 2036, 2040 oder 2044 noch ein bisschen und ich glaube nicht, dass ich dann noch mitten in der Stadt wohne, sondern mit dem großen freundlichen Mann, dem kleinen freundlichen Hund, Frl. Leonie Mau und Herrn Frittenkerl von Frittenwitz irgendwo außerhalb, zwar in der Nähe einer Bushaltestelle, aber sonst mehr oder weniger in der Einöde.

Was mich an meinem Geburtstag besonders gefreut hat, war, dass der auf einer Sandbank gestrandete Buckelwal in der Lübecker Bucht in der Nacht klammheimlich seine Sandbank verlassen hat und nun wieder in der Ostsee unterwegs war wie ein Fisch im Wasser. Auch ich hatte natürlich die Bemühungen, das riesige Tier zurück ins Wasser zu bringen, verfolgt und, nachdem tagelang alle Rettungsversuche gescheitert waren, auf ein Wunder gehofft. Schließlich war ich viele Jahre bei Twitter auch unter dem Namen Miss_Wal unterwegs. Dass sich das dann am Morgen meines Geburtstages ereignete, fand ich toll. Leider habe ich jetzt nicht mehr Geburtstag und – Stand: Samstag gegen 14 Uhr – der Wal scheint wieder auf Grund gelaufen zu sein. In der Nähe der Insel Walfisch, so verrückt sich das auch anhört. Selbst wenn er sich dort befreien kann oder befreit wird, hat er noch einen langen Weg vor sich, bis er wieder im Atlantik ist, wo er eigentlich hingehört. Aber noch gibt es ein bisschen Hoffnung.

Das Konzert von Klaus Hoffmann heute Abend beginnt um 20 Uhr. Ganz schön spät, meinte der große freundliche Mann heute beim Frühstück, und: Weiß der Klaus, dass wir um halb zehn ins Bett müssen? Ich konnte ihn da nicht wirklich beruhigen. Soweit ich weiß, ist der Klaus noch immer ein Stehaufmännchen und seine Konzerte dauern noch immer rund zwei Stunden. Ja, auch mit 75 und obwohl er gestern schon in der Philharmonie in Berlin aufgetreten ist (sogar mit Gästen, sodass die ganze Chose vielleicht noch länger gedauert hat) und morgen in Hannover auftritt. Wenn er das durchhält, dann schaffen das auch die Konzertbesucher*innen, die zum größten Teil ja auch schon seit Jahrzehnten dabei und nebenbei in Ehren ergraut sind. Zum Glück haben wir gute Plätze mit Beinfreiheit und die Laeiszhalle quasi vor der Haustür. Und ich freue mich wie verrückt, dass wir da hingehen! Seit der Pandemie und seit ich von der Staatsoper weg bin, kann man die Abendveranstaltungen, die ich besucht habe, wirklich an den Fingern einer Hand abzählen. Einen weiteren schönen Satz hat Klaus Hoffmann schon vor zwölf Jahren gesagt, auch in Hamburg übrigens: „Ich habe keine Ehrfurcht vor dem Alter. Bescheuert kannste auch mit 80 sein.“ – So weit, so voller Hoffnung, würde ich sagen. Und: Wir berichten dann.

Alles Gute zum Geburtstag, nachträglich und viel Spaß beim Konzert.
Man hat die Qual der Wahl oder so?
Bezogen auf den Wal.
Herzliche Grüße an Leonie Mau, Fritte Fritikowski und den kleinen Hund.
Andrea
Alles erdenklich Gute, nachträglich, zum Geburtstag! Mögen Deine Wünsche sich für’s neue Lebensjahr erfüllen und viel Freude im Konzert.
Liebe Grüsse an Euch Alle, Martina