Elfte Woche im Homeoffice. Statistik und Einzelfall.

Wie lange bin ich jetzt im Homeoffice? Elf Wochen? Das sind 1.848 Stunden. In Worten: Eintausendachthundertachtundvierzig. Das sind so viele Minuten bzw. Sekunden, dass man sie mit bloßem Auge gar nicht mehr erfassen kann.
1.848 Stunden. Davon war ich wieviele Stunden nicht hier, in meiner unordentlichen Bude? Nun, ich führe momentan recht gewissenhaft Protokoll über meine Aktivitäten und Begegnungen, deswegen kann ich ziemlich genau sagen, dass ich in dieser Zeit etwa 150 Stunden außer Haus war (nämlich im Büro, im Hospiz, zum Einkaufen und im Park – sowie dreimal, einschließlich heute, für einen Tag in Bremen).

Die gesamte restliche Zeit habe ich zu Hause verbracht, und zwar – abgesehen von einem mehrstündigen Besuch meines Freundes und einem einminütigen Besuch von Rauchmelderkontrollmann – ausschließlich in Gesellschaft der Fräulein Miez und Mau. Und natürlich in Zoom-Konferenzen, bestimmt auch 200 Stunden.

Die Fräuleins haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ich immer da bin, glaube ich. Zumindest kreuzen sie jetzt in Fragebögen und Umfragen immer ‟Dreipersonenhaushalt” an. Das macht mir Mut. Auch sind sie zugewandte und aufmunternde Mitbewohnerinnen. Gelegentlich, aber nicht zu oft, laufen sie beim Zoomen durchs Bild und erfreuen meine Kollegen mit dem Anblick weit aufgerissener Augen. Oder ihrer Hinterteile.

Wir haben zahlreiche Pakete und Lieferungen erhalten, jede Woche die Gemüsekiste, Lebensmittellieferungen vom Online-Supermarkt, Essenslieferungen vom Indischen oder Asiatischen Imbiss unseres Vertrauens und natürlich alle möglichen Postpakete mit Katzenfutter, Mundschutzen, Sportgeräten, Kleinmöbeln, Büchern und und und.

Wenn ich meine Wohnung verlasse, habe ich immer einige Mundschutze in der Tasche, die ich aber normalerweise nur im Bus/Zug, im Büroaufzug und beim Einkaufen trage. Diese Woche zum ersten Mal auch in meinem Büro, als ich etwas mit einer Kollegin direkt besprechen wollte. Ansonsten begebe ich mich nicht in Situationen, in denen ich einen Mundschutz bräuchte. Nie nicht. Das Meiden von Menschen(-ansammlungen) ist mir in diesen elf Wochen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass ich mich da jemals wieder dran gewöhnen werde.

Etwas unpraktisch in der Großstadt.

(Falls jemand von Ihnen irgendwo auf der Strecke von Hamburg nach Bremen, möglichst in der Nähe eines Bahnhofs, eine für zwei Menschen und vier Katzen taugliche Wohnung zu vermieten hat: Bitte melden Sie sich. Gerne ruhig gelegen. Sehr ruhig. Auch wenn da Fuchs und Hase ganztägig Gute Nacht sagen, die Post nur zweimal pro Woche kommt und bei Lieferando statt 250 nur 2 Restaurants angeboten werden.)

Letzten Sonntag war der Abendzug von Bremen nach Hamburg für die derzeitigen Verhältnisse ziemlich voll und ich habe mich dort, trotz Abstand und Mundschutz nicht wohl gefühlt. Was vielleicht damit zu tun hat, dass viele Reisende ihre Mundschutze sehr nachlässig tragen und außerdem die ganze Zeit reden, lachen und telefonieren.

Meiner Meinung nach sollte das, zumindest nach den neuesten Erkenntnissen der Corona-Forschung, eigentlich auch verboten oder wenigstens auf das Allernötigste beschränkt werden. Eine wahrscheinlich nicht mehrheitsfähige Forderung, das ist mir klar. Andererseits verstehe ich nicht, dass nicht wenigstens die Empfehlung ‟Halten Sie in geschlossenen Räumen mit Publikumsverkehr nach Möglichkeit die Klappe!” ausgesprochen werden kann. So wenig Ausatemluft wie möglich und vor allem nicht mit Schwung ausgestoßen, das sollte doch im allgemeinen und gegenseitigen Interesse sein.

Na ja. Jedenfalls fühlte ich mich bei der Zugfahrt nicht wirklich geschützt, zumal ich auch nur eine normale Alltagsmaske trug und keinen besseren Mundnasenschutz. Was ich nicht wieder tun werde; heute habe ich außer den normalen Baumwollmasken auch meinen Urbandoo (mit Filter) und eine FFP2-Maske (ohne Ventil), die mein Freund mir geschenkt hat, dabei. Nächste Woche kommt mein zweiter Urbandoo-Loop, dann kann ich jeweils einen für die Hin- und Rückfahrt benutzen.

Es war nämlich sehr unangenehm in den letzten Tagen. Ich hatte nach meiner Rückkehr am letzten Sonntag beschlossen, dass die Fahrt von Bremen nach Hamburg zwar ungemütlich, aber nicht gefährlich war. Niemand hatte gehustet, geniest oder einen körperlich kranken Eindruck gemacht (selbst die Frau schräg gegenüber, die eine Stunde lang am Telefon ihren Freund auf eine ekelhaft passiv-aggressive Weise rundmachte, hatte sicherlich viele Probleme, aber nicht mit ihren Atemwegen). Also keine Ansteckung und jetzt Ruhe!

So beschlossen und von meinem Unterbewusstsein komplett ignoriert. Dieses stellte nämlich am Donnerstagabend ein Halskratzen fest. Also, in meinem Hals. Und schlug Alarm. Unsinn, sagte die Stimme der Vernunft, sei nicht albern, Unterbewusstsein! Wir haben vorhin unseren Salat zu schnell verschlungen, deswegen kratzt es im Hals. Corona haben wir nicht. Wenn du meinst, sagte das Unterbewusstsein, und wenn du dir ganz sicher bist. Und löste einen Hustenreiz aus.

Ein gemütlicher Abend zu Hause, dieser Donnerstagabend. Ich war nicht weit davon entfernt, Patientenverfügung und Testament rauszusuchen, eine Katzenfütteranleitung zu schreiben und ein Krankenhausköfferchen zu packen. Da ich nachmittags im Büro gewesen war und da, wie momentan üblich, die Arbeit von drei Tagen in drei Stunden erledigt hatte, war ich auch ziemlich müde und hatte zu wenig Energie, den fiesen Suggestionen meines Unterbewusstseins Einhalt zu gebieten. Ich ging, mich krank fühlend, ins Bett und schlief beschissen. Natürlich.

Trotzdem wachte ich zum Glück am Freitagmorgen ohne irgendwelche verdächtigen Symptome auf. Ein bisschen durcheinander war ich zwar noch, aber doch auf dem Wege der Besserung. Auch mein Unterbewusstsein hatte sich offenbar wieder entspannt. Puh.

Vielleicht bin ich auch ein bisschen verunsichert und besorgt, weil meine Chefs davon reden, irgendwann demnächst wieder hauptsächlich vom Büro aus arbeiten zu wollen. Weil es ja schließlich viel effektiver sei, wenn man einfach direkt miteinander sprechen könne. Und ich hätte ja schließlich ein Einzelbüro, was ich denn wolle?

Was ich denn wolle? Wolle Corona-Impfung kaufe? Oh ja, gerne, vielen Dank. Vorher wolle nicht unbedingt wieder hauptsächlich in Büro arbeite, auch nicht in Einzelbüro, das müsse mit Jägerzaun sichern gegen Kollegen, die wolle direkt spreche miteinander. Was ich nicht wolle? Wolle mich nicht anstecken mit der Scheiße. Weil mir dann nämlich die sensationell niedrigen Fallzahlen, die ermutigenden Statistiken und die durch die Lockerungen wiedergewonnene Lebensqualität egal sein können. In diesem Punkt bin ich mir mit meinem Unterbewusstsein übrigens völlig einig. Und mit Fraulein Miez und Fräulein Mau, die nicht schon wieder eine Veränderung in ihrem Leben möchten. Wir sind so vorsichtig, wie wir können und wie man uns lässt. Bleibt uns mit dem Scheißvirus bitte vom Leibe.

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