Früher war alles besser. Vor allem Bänderdehnungen.

Natürlich war früher nicht alles besser, wirklich nicht, aber früher habe ich mir meine Bänderdehnungen und -risse im Knie doch wenigstens bei spektakulären Unfällen zugezogen.

Zum ersten Mal im Alter von elf Jahren, da war ich noch nicht mal richtig dick, beim Radschlagen im Sportunterricht. Plötzlich und wie aus heiterem Himmel schlug ich ein Rad und mein Knie noch ein weiteres, unabhängig vom restlichen Körper, ein bisschen so wie ein verrücktes Fahrgeschäft auf der Kirmes, wo sich die Gondeln nicht nur auf der Karussellplattform im Kreis, sondern auch noch um sich selbst drehen. Die Landung war außerordentlich schmerzhaft und ich verbrachte anschließend mehrere Tage mit hochgelegtem Knie und kalten Umschlägen auf dem Sofa. Dass das Knie sich nicht ganz erholte, war mir damals egal, ich hasste Schulsport und Radschlagen ja sowieso.

Der zweite Kniefall kam zwanzig Jahre später: Es war ein sehr heißer Sommer, vor allem in meiner Dachwohnung mit dem klitzekleinen Badezimmer. Ich glaube, es war das erste Jahr, in dem ich nicht nur morgens, sondern auch abends duschte. Da mein Badezimmer so winzig war, trocknete ich meine Badtextilien aber in der Küche – da hingen sie dann auch abends manchmal noch und dass ich sie jetzt im Badezimmer brauchen könnte, fiel mir oft erst ein, wenn ich schon unter der Dusche stand. So kam es, dass ich eines Abends aus meiner Duschwanne stieg, ohne Badematte ausrutschte und quer durchs Badezimmer glitschte, bis mein Kinn auf dem Klodeckel dem Fall ein Ende bereitete. Ich war nicht einmal zu Boden gegangen, dafür war kein Platz, und zunächst kam mir der Schmerz gar nicht so schlimm vor.

Am nächsten Morgen aber war ich vollkommen bewegungsunfähig. Mein Knie war auf ungefähr doppelten Umfang angeschwollen (was bei meinen ohnehin dicken Beinen schon spektakulär aussah), war blaugrünlila und strahlte Schmerzen in den ganzen Körper aus. Ich hüpfte mühsam und weinend aufs Klo, versorgte die Katzen und rief dann meine Mutter an mit der Bitte, mir eine Krücke vorbeizubringen. Was diese auch tat. Außerdem brachte sie mir ein Frühstück. Erstaunlicherweise ging ich schon zwei Tage später wieder zur Arbeit mit meiner Krücke und meinem dicken Knie – das kann ich heute schon fast gar nicht mehr glauben. Ich wohnte im Dachgeschoss, 64 Stufen rauf, 64 Stufen runter. Ich arbeitete in einem Plattenladen, also überwiegend stehend bzw. wenn keiner was von mir wollte auf einem Barhocker sitzend. Jeden Abend machte ich mir Heilerde-Umschläge und die Hausärztin verschrieb irgendwelche Kurzwellen-Behandlungen. Es dauerte Wochen und Monate, bis ich wieder schmerzfrei laufen konnte. Ich nahm mir vor, in Zukunft mit diesem Knie sehr vorsichtig umzugehen.

Das ging auch 15 Jahre lang gut. Dann erwischte mich an einem Spätjanuarabend auf dem Heimweg das Blitzeis, nur noch 50 Meter von meiner Wohnung entfernt. Ich ging, glitt und lag auf der Fahrbahn. In Sekundenbruchteilen. Starr vor Schock und Schmerz und völlig bewegungsunfähig. Ein freundlicher Mensch, der an der Bushaltestelle wartete, half mir auf und von der Straße. Ich versicherte ihm, dass ich es bis nach Hause schaffen würde. Die Treppe in den ersten Stock brachte mich fast um. Es war Samstagabend, das Knie schwoll über Nacht auf doppelten Umfang an und schmückte sich mit einem fetten Bluterguss in Winterfarben, ich lag den Sonntag über bewegungslos im Bett (ohne Krücke im Haus natürlich) und ging am Montag zum Orthopäden und ins Büro. Na ja, nicht ging, ich fuhr Taxi.

Der Orthopäde war nicht sonderlich empathisch, diagnostizierte eine Distortion und Arthrose im Knie, brachte einen Salbenverband mit Kompressionswirkung an (über die gesamte Beinlänge), wollte mir keine Krücke geben („Damit fallen Sie doch nur wieder auf die Schnauze!“) und ließ mich wieder gehen. Die ersten Tage taten infernalisch weh und das Knie brauchte ewig zum Abschwellen. Ich fuhr wochenlang Taxi, machte keinen Schritt mehr als nötig und jeden Abend einen Quarkumschlag.

Das Knie erholte sich auch von diesem Unfall nicht vollständig und ich bin seitdem so vorsichtig wie nur was geworden. Schließlich hatte mich inzwischen der Gedanke gestreift, was wäre, wenn ich plötzlich ins Krankenhaus müsste. Wer würde meine Katzen versorgen? Wer würde überhaupt von meinen Katzen wissen, falls ich nicht nur bewegungs- sondern auch kommunikationsunfähig sein sollte?

Seit diesem Unfall trug ich einen Notfallzettel mit der Telefonnummer meiner Eltern und dem Hinweis auf hungrige Haustiere im Portemonnaie. Und wurde noch vorsichtiger. Verlegte meine sportlichen Aktivitäten ins Wasser, um bei maximaler Schonung der Gelenke die Muskeln so gut wie möglich zu stärken, trug nur noch vernünftige und gut passende Schuhe aus dem Fachgeschäft.

So ist es geblieben. Längere Spaziergänge auf schlechtem Untergrund und zu viele Treppen, vor allem wenn ich zusätzlich zu meinem dicken Hintern auch noch Gepäck mit mir führe, versuchte ich zu vermeiden oder zumindest einzuschränken. Ich bemühte mich – mit mittelmäßigem Erfolg – Schon- und Fehlhaltungen zu vermeiden, um mir nicht noch an anderen Körperteilen Schäden zuzuziehen.

Glatteis meide ich seitdem wie der Teufel das Weihwasser. In meinem Badezimmer gibt es immer eine Ersatzbadematte in Griffweite der Dusche. Ich tue alles, um das Risiko eines weiteren Knieschadens zu verringern.

Und was passiert? Ich stehe eines schönen Sonntags (also letzte Woche) vom Klo auf und habe eine Bänderdehnung am Knie. Einfach so.

Wottzefack? Ich bin nicht ausgerutscht, ich hatte es nicht eilig und ich war nicht krumm (dafür ist in diesem noch kleineren Badezimmer kein Platz). Ich habe nichts gemacht.

Und das Knie so: Ätschibätschi.

Zum Glück ist die Schwellung dieses Mal nicht ganz so stark und einen Bluterguss gibt es auch nicht. Aber Schmerzen und, noch viel ekliger, Knacken und Gluckern im Knie. Wie so ein Schlottergelenk, dabei ist es durchaus stabil. Das Gluckern ist das Schlimmste, das macht mir jedesmal furchtbare Angst.

Noch mehr Angst macht mir der Gedanke, mir eine Verletzung zuzuziehen, mit der ich ins Krankenhaus müsste. Wegen Corona, klar, aber auch und vor allem wegen der Katzen. Meine Eltern können mir nicht mehr helfen (abgesehen von der Schutzengeltätigkeit meines Vaters), mein Freund sitzt noch immer in der Reha (und seine Katzen bei mir) und mein Bruder hat eigentlich auch so schon genügend um die Ohren. Er wäre aber, nachdem ich ja nun auch keine Kollegen mehr habe (und der einzige Ex-Kollege, den ich normalerweise auch jetzt noch um Hilfe bitten könnte, selbst gerade frisch aus dem Krankenhaus entlassen und rekonvaleszierend zu Hause sitzt), tatsächlich mein einziger Ansprechpartner. Er hat neuerdings sogar einen Wohnungsschlüssel von mir, für alle Fälle. Trotzdem würde ich ihn höchst ungern um Hilfe bitten und ich werde es wohl im Zusammenhang mit dieser Bänderdehnung auch nicht müssen. Aber wer weiß, was noch alles so kommt?

Diesmal war ich nicht beim Arzt (außer bei Dr. Jehan Jehanski, der ja sehr gerne auch Hausbesuche macht, natürlich). Dafür habe ich mir aber bei A*azon ein paar Krücken bestellt und bei einer Versandapotheke ein passendes Schmerzmittel. Sitzen, auch am Schreibtisch, geht zum Glück ohne Probleme. Zwischendurch ist es im Homofiss ja kein Problem, das Bein mal wieder ein Weilchen hochzulagern. Draußen war ich diese Woche allerdings nicht, auch meine Besuche im Hospiz musste ich leider absagen. Taxifahren wäre ja kein Problem. Aber ich hatte zu viel Angst vor meiner krummen Altbautreppe und keine Ahnung, wie ich sie, ohne mir weitere Schäden zuzufügen, hinunterklettern soll (wieder rauf würde schon eher gehen, glaube ich).

Morgen wird es hoffentlich wieder funktionieren. Die Schwellung ist fast weg, das unheimliche Gluckern wird weniger und ich kann das Knie zwar noch nicht ganz durchdrücken, aber immerhin vorsichtig auftreten, ohne zu heulen. Vorsichtig, ganz vorsichtig. Und wenn ich dann abends nach Hause komme, macht Schwester Jette mir eine Quarkpackung und Dr. Jehanski sagt, solange ich ihm noch Leckerlis zuwerfen kann, ist nicht alles verloren. Und darauf muss ich dann wohl einfach mal vertrauen.

6 Kommentare

  1. Gute Besserung. Aber mit dem 4-beinigen Pflegepersonal fehlt es Dir ja an (fast) nichts.
    Aber im Ernst, die Angst von jetzt auf nachher ins Krankenhaus zu müssen , ist immer da. Ich hab es letztes Jahr erlebt und das unglaubliche Glück, dass sich meine Schwester bei Nacht (ohne Nebel) auf eine 1 1/2stündige Fahrt begab um meine Katze zu versorgen. Und mich am nächsten Tag im KH mit Zahnbürste und Klamotten.
    Pass auf Dich auf!

      1. Liebe Bettina, was für ein hinterhältiger Anschlag deines Knies. Es meinte wohl, es wäre mal wieder Zeit sich ins Gespräch zu bringen. Ich drücke dir alle Daumen und große Zehen, dass deine Selfcare anschlägt und dein Knie mit der Fürsorge zufrieden ist. Ganz schnell gute Besserung.
        Herzlichst Norma

  2. Achje, was muss ich denn hier lesen – ich hoffe, daß sich das Knie vielleicht inzwischen weiter erholt hat, und Du auch? Von Herzen gute Besserung!
    Diese Sorge um die Katze/n im Notfall hatte mich auch immer begleitet. Ein Zettel im Geldbeutel, gut sichtbar und ein Kuvert mit zwei Seiten über meine Kleine und wo sich alles befindet im Kuvert an die Innenseite der Wohnungstüre geklebt, halfen da aber auch nicht so recht.
    Ich schicke viele gute Wünsche, daß es sich Dank Deiner Erfahrungen damit und natürlich Deinen Fachspezialisten, Dr. Jehanski und Sr. Jette, ganz bald wieder bessert.
    Alles Liebe, Martina
    PS: Dein Artikel zum Thema Sprache und Sterben ist toll!

    1. Danke, liebe Martina, für die guten Wünsche. Es geht seit Dienstag erheblich besser, gestern habe ich mich schon ohne Krücken (und ohne vorherige Schmerzmitteleinnahme) nach draußen gewagt. Die Katzen begleiten den Genesungsprozess mit Wohlwollen und so wird hoffentlich bald alles wieder gut.
      Bis bald, viele Grüße
      Bettina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.