„Haben Sie meine Brust gerade fett genannt?“

„So. Stellen Sie sich bitte genau hierhin und legen Sie Ihre linke Brust auf die Platte. Noch etwas weiter drauf. Ja, so… nein… etwas weiter li… ich fasse Sie mal kurz an, okay?

Okay. Schieben Sie meine linke Brust ruhig in Position. Sie soll sich ja schließlich von ihrer besten Seite zeigen.

„So ist es gut. Kopf hoch. Jetzt haken Sie die Hand hier hinein und halten gegen. Kopf hoch. Nun nicht mehr bewegen bitte!“

Ich kralle mich an einen kleinen Griff auf der Hinterseite der unteren Platte, auf der meine linke Brust liegt, während die obere Platte runterfährt und sie einklemmt. Das ist ein bisschen unangenehm, tut aber nicht weh. Das riesige Gerät, an dem ich festklemme, surrt und macht eine sicherlich wunderschöne Aufnahme von meiner Brust. Beziehungsweise deren Innenleben.

Sobald die Aufnahme gemacht ist, geht es weiter mit der rechten Brust. Das mich herumziehende und auf der Platte arrangierende Fachpersonal hat schließlich keine Zeit zu verlieren. Mir ist es recht; ich würde auch gerne noch etwas essen, bevor meine Mittagspause endgültig zu lang wird.

Ich bin beim Mammographie-Screening, einem Programm zur Früherkennung (nicht Vorsorge) von Brustkrebs für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren OHNE SYMPTOME. Das heißt, ich werde automatisch eingeladen, weil ich zur Zielgruppe gehöre, ohne dass ein bestimmter Anlass vorläge. Wenn ich meiner Frauenärztin nicht neulich, als ich bei ihr war, von der Einladung erzählt hätte, wüsste sie gar nicht, dass ich jetzt hier bin. Die Teilnahme am Mammographie-Screening ist freiwillig und hat gar keine Auswirkungen auf die Leistungen von Ärzten und Krankenkassen für den Fall, dass bei mir tatsächlich eines Tages Brustkrebs diagnostiziert werden sollte. Das versprach zumindest die Broschüre, die der Einladung beilag.

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Ich bin freiwillig hier, ich habe keinerlei Symptome und ich bin ziemlich entspannt. Ganz anders als vor zwei Jahren, als meine Brüste zum ersten Mal – abgesehen von den erotischen Fotos, die ich zu Online-Dating-Seiten meistens mit der Selbstauslöser-Funktion gemacht hatte – abgelichtet wurden. Da war ich sehr angespannt. Und hatte mir schon ein paar Tage lang überlegt, was eigentlich passieren würde, wenn ich jetzt wirklich eine Krebsdiagnose bekäme.

Angefangen hatte alles mit meinem neuen Sofa. Es war Gründonnerstag, kein Feiertag, aber ich hatte einen freien Nachmittag und war mit meinem Freund bei Ikea gewesen, um endlich ein neues bequemes Sofa zu kaufen, auf dem zwei Menschen und zwei Katzen Platz finden. Das Geld dafür hatte ich kurz vorher zu meinem fünfzigsten Geburtstag bekommen. Es war viel Verkehr auf den Straßen gewesen, bei Ikea war es auch voll und das Sofa war entsetzlich schwer. Aber wir hatten es geschafft, es zu Hause kurz montiert und saßen nun Probe. Sehr gemütlich. Liegen ging auch, nicht nebeneinander, aber ineinander verschränkt irgendwie. Ebenfalls nur zu Testzwecken wurde mein Freund dann handgreiflich und ging mir an die Wäsche.

Das fing gerade an, mir zu gefallen, da sagte er plötzlich: „Da ist was.“

„Klar“, sagte ich, „das ist meine linke Brust.“

„Nein“, erwiderte er, „da ist was, was da nicht sein sollte.“

„Oh“, sagte ich.

Gründonnerstag, Karfreitag, Ostersamstag, Ostersonntag, Ostermontag. Ein schönes langes Wochenende voll mit unterdrückter Panik. Ich wollte ja niemanden beunruhigen oder das Wochenende versauen. Also malte ich mir still und heimlich schon mal aus, wie ich mein Leben ordnen würde, falls sich herausstellen sollte, dass ich nur noch wenige Stunden zu leben hätte.

Am Dienstag dann versuchte ich, so schnell wie möglich einen Termin bei meiner Frauenärztin zu bekommen. Klar, dass sie ein noch etwas längeres Wochenende machte und erst ab 15 Uhr wieder zu erreichen war. So sagte der Anrufbeantworter, den ich morgens am Telefon hatte. Um 15 Uhr sagte er das noch immer. Auch um 15.05, um 15.10 und um 15.15 Uhr. Dann reichte es mir und ich ging – in eine Tüte atmend – ohne Voranmeldung in die Praxis. Immerhin durfte ich, nachdem ich dort erklärt hatte, was los war, auch direkt bleiben und wurde recht bald aufgerufen.

„Mein Freund hat da was getastet“, erklärte ich, kaum dass ich das Sprechzimmer betreten hatte, „links, relativ weit unter der Oberfläche“. Ich klang einigermaßen ruhig, aber mein Mund war ganz trocken und mein Puls schlug in meinem Hals, das konnte ich deutlich spüren. Und meine innere Stimme klang erst recht hysterisch, als sie murmelte: „Du bist nicht der Typ für Krebs, du bekommst keinen Krebs.“ Kein Wunder, das murmelte seit nunmehr fünf Tagen durchgehend.

Meine Ärztin tastete, drückte, hob, schob, tastete noch einmal und verkündete: „Ich kann da nichts fühlen! Wir machen mal einen Ultraschall.“

Nichts? Aber irgendwas musste da doch sein, das hatte mein Freund doch ertastet. Meine innere Stimme überschlug sich gerade mit: „Habe ich doch gesagt. Du bist nicht der Typ für Krebs!“

Auch der Ultraschall zeigte nichts in meiner Brust, was dort nicht hingehörte. Langsam merkte ich, wie die Panik von mir abfiel. Meine Ärztin erklärte mir, dass sie ziemlich sicher sei, dass es nichts zu tasten gebe, mich aber trotzdem zur Mammographie schicken wolle. Um ganz sicher zu gehen. Damit war ich natürlich einverstanden, auch wenn ich mich schon sehr erleichtert fühlte. Schließlich hatte mein Freund meine Brust betastet und nicht geröntgt – und, auch wenn er das natürlich sehr gut und fachmännisch kann – mit dem Innenleben von Brüsten, da war ich ziemlich sicher, kannte meine Ärztin sich doch besser aus. Schließlich hatte sie das studiert und er nicht.

Zwei Tage später ging ich dann in eine Mammographie-Praxis, wo mich allein die Atmosphäre – so freundlich/gedämpft/fürsorglich – direkt wieder nervös machte. Die Untersuchung war ganz ähnlich wie heute; Brust auf Platte, zweite Platte drauf, Freeze! und Foto. Anschließend, und das war dort anders als heute, durfte ich mit dem Arzt die Aufnahmen anschauen, auf denen nichts Besonderes zu sehen war. „Hier in der linken Brust gibt es eine etwa drei Millimeter große Fettgeschwulst. Wenn Ihr Freund die getastet hat, ist er gut!“ sagte der Arzt und: „Es ist sehr vorteilhaft, dass sich das Drüsengewebe der Brust schon recht weit zurückgebildet hat. Drüsengewebe lässt sich nämlich nicht so gut durchleuchten.“

Ich war sehr froh. Aber wohl trotzdem sehr im Stress, denn die Antwort auf diese Steilvorlage, „Haben Sie meine Brust etwa gerade fett genannt?“ fiel mir erst eine halbe Stunde später ein.

Heute ist beim Durchleuchten meiner Weichteile kein Arzt dabei. Es werden aber, so steht es in den Infomaterialien, die mir mit der Einladung zum Mammographie-Screening zugeschickt wurde, zwei Ärzte unabhängig voneinander meine Aufnahmen ansehen und beurteilen. Ich bin zuversichtlich, dass sie mich auch nur fett nennen werden. Das Ergebnis dieser ärztlichen Betrachtungen bekomme ich per Post, voraussichtlich eine Woche nach dem Termin.

Natürlich gibt es auch gute Gründe, nicht zum Mammographie-Screening zu gehen. Das wird in der Broschüre und dem Begleitbrief, die ich bekomme habe, sehr interessant und gut erklärt. Die wichtigsten dieser Gründe sind Fehldiagnosen und Überdiagnosen (neben der Belastung durch die Röntgenstrahlen, denen man bei der Untersuchung ausgsetzt ist). Fehldiagnosen sind, klar, Diagnosen, die sich nachher als falsch erweisen – bei einem Brustkrebsverdacht bringt das vor allem Stress und psychische Belastung mit sich. Überdiagnosen beziehen sich auf Früh- und Vorstadien von Brustkrebs, bei denen oft nicht klar ist, ob sie gut- oder bösartig sind bzw. bleiben. Das heißt, es ist theoretisch möglich, dass man nach der Mammographie eine Diagnose bekommt, auf die die Ärzte eine Behandlung (meist eine Operation) empfehlen, mit der eine Krebs-Vorstufe beseitigt wird, die sonst unentdeckt geblieben wäre und bei Nichtbehandlung vielleicht niemals ein Problem verursacht hätte.

Einer Bekannten von mir ist das passiert. Beim Mammographie-Screening wurde bei ihr ein sogenanntes Duktales in-situ-Karzinom (DCIS) gefunden. Dieses Teil war an sich (noch) nicht bösartig und wäre es vielleicht auch nie geworden. Das wird sie aber nie erfahren, denn sie ließ sich auf Anraten ihrer Ärzte die befallene Brust abnehmen. Damit konnte sie die Sache abhaken, sie brauchte nach der OP auch keine Chemotherapie oder Bestrahlungen, denn das Ding war ja nicht-invasiv gewesen. Ohne Mammographie wäre diese Brustkrebs-Vorstufe wohl nie entdeckt worden – und möglicherweise wäre auch nie ein echter Brustkrebs daraus geworden.

In der Broschüre steht ganz klar, dass es Argumente für und gegen die Mammographie gibt und dass jede Frau sich eine eigene Meinung dazu bilden darf und soll. Die Entscheidung, der Einladung zu folgen oder eben nicht, hat keinen Einfluss auf Möglichkeiten und Kostenübernahmen der Krankenkasse für den Fall, dass man tatsächlich eines Tages eine Brustkrebs-Diagnose bekommen sollte.

Ich fand diese Broschüre wirklich informativ und interessant. Darüber hinaus hätte ich auch noch ein Aufklärungsgespräch mit einem Arzt führen können, wenn ich das gewollt hätte. Das habe ich nicht in Anspruch genommen; ich war mir ja schon vorher sicher, dass ich am Mammographie-Screening teilnehmen werde. Das habe ich mir bei der hastig angesetzten Mammographie vor zwei Jahren vorgenommen und dabei ist es auch geblieben. Ich finde es gut zu wissen, dass vor zwei Jahren nichts Auffälliges auf meinen Bildern zu sehen war, und ich bin, wie gesagt, zuversichtlich, dass auch der aktuelle Stand unauffällig sein wird.

Falls wider Erwarten doch etwas auf den Bildern zu sehen sein sollte, was dort nicht hingehört, werde ich noch einmal in das Mammographie-Zentrum eingeladen und es werden weitere Bilder gemacht. Und vermutlich weitere Untersuchungen.

Wie gesagt, ich glaube nicht, dass es bei mir einen Befund gibt. Aber selbst wenn es so wäre, wäre es mir erheblich lieber, dies würde bei so einem Untersuchungstermin festgestellt als bei einem gemütlichen Sofa-Probesitzen mit Handgreiflichkeiten.

Als ich wenige Minuten später fertig bin und mich wieder anziehen darf, bin ich froh und zufrieden. Zufrieden, dass ich die Untersuchung gemacht habe und dass ich mich in keiner Weise panisch fühle. Beim Verlassen der Kabine bin ich einen Moment lang alleine im Wartezimmer und nutze die Zeit, um ein Foto zu machen. Denn eine Frage liegt mir ja doch noch auf dem Herzen: Warum, zum Teufel, sind die Steckdosen in dieser Praxis auf Deckenhöhe angebracht? Können die Putzfrauen fliegen?

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Update vom 25. Oktober

Heute kam der Brief vom Mammo-Zentrum, dass an meinen Brüsten nichts Auffälliges sei und man daher auf einen weiteren Besuch meinerseits verzichten könne. Ich verzichte auch gerne und freue mich.

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