Lando Bartolini: Abschied von einem Freund.

Zum ersten Mal habe ich ihn gehört, da war ich noch gar kein richtiger Opernfan, sondern hauptsächlich am Sprechtheater interessiert und nur ab und zu mal in der Staatsoper. Es war 1986 oder 1987 im Spätsommer, eigentlich noch in der Theater-Sommerpause. Die Staatsoper spielte wegen Renovierungsarbeiten im eigenen Haus vorübergehend in der Hamburger Laeiszhalle, die damals noch schlicht Musikhalle hieß. Kein Theater, sondern eine Konzerthalle, was bedeutet, dass Verdis Oper „Aida“ wie ein Konzert aufgeführt wurde: Das Orchester saß auf der bühnenbildlosen Bühne statt im Orchestergraben, der Chor ebenfalls und die Solo-Sänger*innen saßen in einer Stuhlreihe vor diesen Hundertschaften, trugen statt Opernkostümen Abendkleid oder Frack und standen, wenn sie dran waren, zum Singen kurz auf.

Ich hatte mir, weil ich an dem Abend nichts Besseres zu tun hatte, an der Abendkasse eine ermäßigte Studierendenkarte gekauft, für 15 Mark, und saß nun knapp links von der Mitte in der ersten Reihe! Ganz vorne! Ich fand das sensationell, auch wenn die Bühne natürlich erhöht war und ich wegen des geringen Abstands ziemlich steil nach oben gucken musste. Aber ich war so dicht dran. Zunächst an den sich einspielenden Orchestermusiker*innen, vor allem den Streichinstrumenten, die ja im traditionellen Orchesteraufbau immer am dichtesten beim Dirigenten sitzen. Die anderen Mitwirkenden waren noch gar nicht zu sehen.

Dann öffneten sich irgendwann die Bühnenseitentüren und der Opernchor zog ein, um in den Sitzreihen hinter dem Orchester Platz zu nehmen. Von einem gut gelaunten Publikum schon jetzt mit Applaus begleitet. Als alle saßen, öffnete sich die Tür auf der linken Seite wieder und ein gutaussehender Spanier im Frack mit einem Taktstock in der Hand betrat die Bühne: der Dirigent. Natürlich wurde auch er mit rauschendem Applaus empfangen. Er nickte dem fast vollen Haus freundlich zu, um ihm dann den Rücken zuzukehren. Klar, er wollte natürlich auch lieber sehen, was im Orchester los war. Dann hob er den Taktstock und es ging los: „Aida“ hat eine tolle Ouvertüre und das Orchester klang wunderschön.

Bis jetzt gefällt es mir sehr gut, dachte ich, da war die Ouvertüre auch schon vorbei, die Tür auf der Bühne öffnete sich erneut und zwei Herren im Frack betraten die Bühne. Den einen erkannte ich, es war der große Bassist Kurt Moll, der an diesem Abend den Priester Ramphis sang und den ich schon das eine oder andere Mal in der Staatsoper gehört hatte. Der andere Herr, der dann wohl den Radames darstellen sollte, war mir unbekannt, ein körperlich eher kleiner Italiener mit etwas schütterem schwarzem Haar und strahlend blauen Augen (die mir auch aufgefallen wären, wenn ich nicht in der ersten Reihe gesessen hätte). Lando Bartolini stand auf meinem Programmzettel. Was für ein Name, der klang ja schon wie Musik, auch wenn ich ihn vorher noch nie gehört hatte.

Zwar hatte ich „Aida“ zu diesem Zeitpunkt noch nie live gesehen, aber ich besaß zu Hause eine Gesamtaufnahme auf 3 LPs, die ich, weil ich die Musik großartig fand, nur ungefähr tausendmal gehört hatte. Der Radames, die männliche Hauptrolle, wurde da von Plácido Domingo gesungen, wunderschön natürlich, der Ramphis von Nicolai Ghiaurov und die Titelpartie der Aida von Montserrat Caballé. Alle große Stars zu der Zeit und der Rest der Besetzung war auch nicht schlechter.

Die beiden Herren auf der Bühne der Musikhalle fackelten nicht lange und stiegen sofort in einen kurzen musikalischen Dialog ein, den sie möglichweise schon vor ihrem Auftritt begonnen hatten, so schnell war er auch schon wieder vorbei. Kurt Moll ging wieder ab und der kleine Italiener namens Lando Bartolini trat einen Schritt nach vorne und begann mit dem Rezitativ zu seiner großen Arie „Holde Aida“. In dem Rezitativ, also der Einführung zur Arie, geht es um Krieg und Karriere, in der Arie um die große Liebe – und davon handelt auch die ganze Oper. Wenig überraschender Spoiler: Krieg und Karriere sind nicht wirklich gut für die große Liebe. Zum Schluss sind alle tot oder traumatisiert.

Lando Bartolini stand ziemlich genau vor mir und fokussierte über die Zuschauerreihen hinweg einen Punkt in der Ferne, Ägypten möglicherweise, denn da spielt diese Oper. Dann öffnete er den Mund und begann zu singen: mit einer vollen, männlichen Tenorstimme, viel Kraft und offenbar bemerkenswert wenig Anstrengung. Hui, dachte ich, der klingt ja gar nicht wie Domingo, dabei hat der ja auch eine eher dunkle Stimme. Aber er klingt verdammt gut. Und laut. Die Hamburger Laeiszhalle ist riesig für unverstärkte Stimmen, aber dieser kleine italienische Sänger füllte sie ohne Mühe mit seinem ganz eigenen Klang. In der unteren Lage, also bei den tiefen Tönen, klang er fast wie ein Bariton, aber seine hohen Töne, die er bombensicher herausschleuderte, hatten den etwas metallischen Klang eines Heldentenors, ohne dabei das Unverwechselbare, Persönliche, das ganz eigene Timbre zu verlieren.

Das Unverwechselbare in der Stimme dieses Radames gefiel mir, auch wenn ich – überkritisch wie ich, ungetrübt durch zu viel Sachkenntnis, damals war – natürlich auch bemerkte, dass er auch an den Stellen, an denen der Komponist vorgesehen und notiert hatte, dass „piano“, also leise, gesungen werden sollte, relativ gleichbleibend laut blieb. Das macht Domingo auf meiner Schallplatte aber anders, dachte ich (wie ich heute weiß, auch nur auf der Schallplatte, live hatte Domingo manchmal Schwierigkeiten, den schwierigen letzten hohen Ton der Arie überhaupt zu treffen – mal davon abgesehen, dass es vom Komponisten ganz schön fies ist, diese Arie direkt an den Anfang der Oper zu setzen, ohne dem Sänger die Möglichkeit zu geben, mit sich, seiner Stimme und der Bühne vorher ein bisschen warm zu werden).

Lando Bartolini hielt den letzten Ton seiner Arie, ein „hohes B“ eine ganze Weile, während Dirigent und Orchester nichts zu tun hatten und auf ihn warten mussten. Das wiederum hat der Komponist sehr sängerfreundlich eingerichtet. Danach gab es erstmal eine Weile begeisterten Applaus, auch von mir. Der Sänger bedankte sich freundlich, aber ohne große Gesten und ohne aus seiner Rolle zu fallen, was ich sympathisch fand. Dann blickte er seinem Schicksal, das in Form von zwei Damen im Abendkleid nun die Bühne betrat, entgegen, Aida und Amneris, die sich in den folgenden zweieinhalb Stunden um seine Liebe streiten sollten. Dies schien ihn aber nicht besonders zu schrecken, er warf sich voller Energie ins Wirrwarr der Handlung und sang voller Verve zweieinhalb Stunden lang um sein Leben (was ihm aber nichts nützte, zum Schluss wurde er doch eingemauert, also nicht wirklich, weil es sich ja um eine konzertante Aufführung ohne Bühnenbild handelte, aber eben doch sehr intensiv und tragisch).

Ein toller Opernabend, mein erster mit dem italienischen Tenor Lando Bartolini. Dass es der erste von vielen, vielen Opernabenden mit ihm sein sollte, dass ich meinen damaligen Lebensmittelpunkt vom Zuschauerraum des Schauspielhauses in den Zuschauerraum der Staatsoper verlegen würde, dass ich in den kommenden Jahren – nur um Lando zu hören – in alle möglichen Städte im In- und Ausland reisen sollte, dass wir wirklich gute Freunde werden und bis zum Ende seiner Sängerkarriere Anfang der 2000er-Jahre bleiben würden, dass selbst seine Frau irgendwann aufhören würde, misstrauisch zu sein, weil wir wirklich nur gute Freunde waren – das wusste ich damals alles noch nicht. Heute weiß ich es und ich bin unendlich dankbar dafür.

So viele fantastische Opernaufführungen mit ihm habe ich hören dürfen. Lando Bartolini war nicht richtig berühmt, außerhalb von Fachkreisen kannte man seinen Namen kaum, aber er gehörte von der Mitte der 80er bis Ende der 90er Jahre zur ersten Tenor-Garde und stand fast immer mit absolut erstklassigen Kolleg*innen auf den Bühnen der ganz großen Opernhäuser weltweit. Den Radames in „Aida“ hat er rund 240mal gesungen, nicht ganz so oft den Calaf in Puccinis „Turandot“ und auch sehr oft den Manrico in Verdis „Il Trovatore“, was im Grunde meine Lieblingsoper geblieben ist, obwohl die Handlung vollkommen schwachsinnig ist. Aber die Musik!!!

Mit Mitte 60 beendete Lando Bartolini seine internationale Sängerkarriere. Er hatte die italienische und die amerikanische Staatsbürgerschaft, war immer viel unterwegs gewesen und genoss es nun nach vielen Jahren des Reiselebens, in seinem Zuhause in der Nähe von Florenz sein zu können und nirgendwo hinreisen zu müssen. Leider habe ich es nie geschafft, ihn und seine Frau dort zu besuchen – eingeladen hatten sie mich natürlich. Am Anfang hörte ich noch ab und zu von ihm: Er rief mich an, wenn er einen Gesangsschüler zum Vorsingen schicken wollte, oder um zu fragen, wie der eine oder andere junger Sänger, der in Hamburg gesungen hatte, mir gefiel. Aber auch das hörte irgendwann auf; ich hörte, er sei krank und habe sich weitgehend zurückgezogen.

Nun ist Lando Bartolini gestorben, mit 87 Jahren, in seinem Haus in den toskanischen Hügeln. Das kam nicht über die großen Nachrichtenticker, aber im Internet verbreitet sich so eine Nachricht ja doch schnell; ich bin immer wieder fasziniert davon, wie schnell Wikipedia-Einträge etc. angepasst werden. In der Fachwelt wird durchaus getrauert: Wieder einer der großen Tenöre, einer der letzten ist dahin. Und: Einer der freundlichsten, kollegialsten und lustigsten Opernsänger, die ich kennengelernt habe. Einer, der gleichzeitig völlig normal sein und eine ziemliche Macke haben konnte. Ein echter Mensch, egal ob im Konzertfrack, im historischen Opernkostüm oder im italienischen Straßenanzug. Mit blauen Augen, die bis in die letzte Reihe im obersten Rang des Opernhauses blitzen konnten.

Ich werde niemals vergessen, wie viel Spaß wir immer hatten. Manchmal mit einer ganzen Gruppe von Freunden und Fans, manchmal nur zu zweit. Einmal war ich in Köln zu einer Vorstellung gewesen und musste, weil ich am nächsten Tag in Hamburg zu arbeiten hatte, morgens mit dem ersten Zug zurück, weswegen ich kein Hotelzimmer hatte, sondern die Absicht, die Stunden nach dem gemeinsamen Abendessen und vor der Abfahrt des Zuges im Wartesaal des Kölner Hauptbahnhofs zu verbringen. Lando fand das ein bisschen schrecklich und bot natürlich an, mir ein Hotelzimmer zu zahlen. Was ich aber nicht wollte, lohnte sich ja nicht und überhaupt … (er durfte mich grundsätzlich zum Essen und in die Oper einladen, meine Hotels und Reisen habe ich, egal wie knapp bei Kasse, immer selbst bezahlt). Wir saßen also so lange wie möglich im Restaurant herum. Als dieses dann schloss, bot Lando an, mich durch die dunkle Fußgängerzone zum Bahnhof zu begleiten. Es fing an zu regnen. Am Bahnhof war es nicht besonders schön, also beschloss ich, Lando zum Hotel zu begleiten. Am Hotel angekommen, fand Lando, dass es ganz schön dunkel sei und er mich nicht alleine draußen herumlaufen lassen könne. Dass ich ungefähr 20 Mark in der Handtasche hatte und er irgendwo in seiner Brusttasche einen Briefumschlag mit ein paar Tausend Mark Abendgage, wusste ja zum Glück niemand. Also begleitete er mich wieder zum Bahnhof. Es regnete stärker. Dann saßen wir noch eine Weile im Regen auf einer Bank vor dem Bahnhof, bevor wir uns endlich verabschieden konnten. Dafür, dass wir wirklich nur Freunde waren, waren wir manchmal ziemlich romantisch.

Übrigens: Piano singen, also leise, das konnte Lando Bartolini natürlich, auch wenn er das zu Beginn dieser ersten „Aida“ nicht so zeigen wollte oder konnte. „Piano“, das heißt auch gar nicht unbedingt leiser, es soll ja im großen Opernhaus trotzdem noch gehört werden, es heißt eher „verdichtet“ und „intim“. Das hat Lando sparsam eingesetzt, aber wenn, dann zeigte es seine Wirkung: Es fühlte sich an – für mich wie wahrscheinlich auch für alle anderen Zuhörer*innen – als sänge er für mich ganz allein.

Seine Stimme, die habe ich nicht nur für immer im Ohr, sondern auch im Herzen. Um sie mir zu vergegenwärtigen muss ich keine der zahlreichen Live-Mitschnitte anhören, die im Internet von ihm kursieren. Sie klingt in mir nach, nach so vielen Jahren und vermutlich für immer.

Ruhe sanft, lieber Lando. Danke für alles. Es war mir eine Freude.

3 Kommentare

  1. Liebe Bettina, auch unsere Fangemeinde ist sehr traurig über Landos Tod. Wie du weißt haben wir ihn auch jahrelang begleitet. Ich fand es schön, dass du seine sängerischen Qualitäten herausgestellt hast, aber es waren mir zu viele persönliche Erlebnisse über die du berichtet hast. Das geht niemanden was an – finde ich.
    Liebe Grüße von Edeltrud

    1. Liebe Edeltrud,
      danke für deine Rückmeldung.
      Es ist schön, dass Lando seine Spuren bei so vielen von uns hinterlassen hat – man wird sich an ihn erinnern.
      Deine Bemerkung über „persönliche Erlebnisse“ verstehe ich nicht ganz. Dies ist mein persönliches Blog, in dem ich vor allem über mein persönliches Erleben berichte. Ich finde, das ist genau der richtige Ort dafür.
      Herzliche Grüße
      Bettina

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