Lassen Sie mich durch. Ich brauche Luft.

Kennen Sie das Gefühl, von diversen Individuen und Instanzen in Ihrem Leben unterschätzt zu werden? Und von mindestens ebenso vielen Individuen und Instanzen überschätzt? Von einigen Individuen und Instanzen sogar beides gleichzeitig (wie auch immer das funktioniert)?

Dieses Gefühl begleitet mich schon mein Leben lang. Spätestens zum Ende der Grundschulzeit, als Empfehlungen und Entscheidungen hinsichtlich meines weiteren Werdegangs notwendig waren, kamen sie ans Licht: Die Sowohl-Alsauch-Vielleichtaberauchnicht-Wirtununsschwer-NagelnSieunspäternichtdarauffest-Statements.

Beispiel: „Natürlich ist Ihr Kind weit überdurchschnittlich intelligent. Es ist auch kreativ, allerdings wahrscheinlich zu kreativ für sein eigenes Wohl. Es hat keine Mühe, auch schwierige Sachverhalte zu verstehen und wiederzugeben. Außer die Sachverhalte interessieren das Kind nicht. Es kann sich übrigens oft nicht konzentrieren und wir haben keine Ahnung, ob das daran liegt, dass es alles schon beim ersten Mal verstanden hat, oder daran, dass es überhaupt keinen Zugang zur Materie findet. Sie sehen ja, die Noten im Grundschulzeugnis sind völlig uneinheitlich. Und die Handschrift erst. Sehr bedenklich. Außerdem kommt das Kind oft zu spät und ist morgens immer müde. Wenn es dann endlich wach ist, lacht es zu viel und stört den Unterricht. Wir können wohl nicht anders, als eine Empfehlung für das Gymnasium auszusprechen (denn was sollte das Kind auf einer anderen Schule?), aber wir melden ausdrücklich Vorbehalte an. Und außerdem: Dieses Kind macht Ärger, immer wieder. Darauf können Sie sich verlassen.“

Ich war in meiner Klasse bzw. meiner Schule bzw. dem gesamten meinen Eltern bekannten Universum nicht nur das einzige Kind, das schon in der Grundschule ein Schlafmittel verschrieben bekam, sondern auch das einzige Kind, das in der ersten Gymnasialklasse regelmäßige Sitzungen mit einem Psychologen in der Erziehungsberatungsstelle wahrnehmen durfte. Ob das irgendwas half? Das Schlafmittel jedenfalls nicht – aber ich weiß heute ja auch, dass ich nur deshalb nicht schlafen konnte, weil meine Oma erzählt hatte, dass eine Person ihrer Bekanntschaft im Schlaf gestorben war. Das wollte ich vermeiden. Die Erziehungsberatungsstelle? Vielleicht. Immerhin bin ich nicht kriminell geworden und habe auch die Schule nicht vor dem Abitur abgebrochen. Allerdings bin ich einmal sitzengeblieben und habe die Schule noch während der Abiturvorbereitungen in der Mitte der 12. Klasse (damals gab es noch 13 Schuljahre) gewechselt. Weil es nicht anders ging, aus meiner Sicht zumindest.

Meine Schulnoten und mein Abitur waren durchwachsen. Durchgehend akzeptable Zensuren hatte ich nur in Deutsch, Musik und Religion (weil ich in den Lehrer verliebt war). Durchgehend schlechteste Noten (und später ein Attest, das mich von der Teilnahme entband) hatte ich nur in Sport. In allen anderen Fächern, Sprachen, Naturwissenschaften etc. hatte ich alle Noten zwischen Eins und Sechs. Teilweise in schnellem Wechsel. Manchmal wusste ich genau, warum, manchmal nicht. Meine Eltern und meine Lehrer*innen gaben nach und nach auf, nach den Gründen zu fragen. Ich war schwierig, aber irgendwie liebenswert. Man konnte mir nicht helfen, wollte mir aber auch nicht unbedingt Steine in den Weg legen. Nicht mehr und nicht weniger.

Nach dem Abitur fiel ich in ein langes dunkles Loch. Meine hochfliegenden Pläne, in Berlin (damals West-Berlin) Germanistik zu studieren, zerschlugen sich bereits im ersten Semester. Auch an der Hamburger Uni fasste ich nicht wirklich Fuß. In dem privaten Gesangsstudium, das ich dann wegen meines angeblich so großen Talents begann, wurde ich dann wieder mit dem Phänomen konfrontiert, dass ich nicht wusste, wie man etwas lernt, und meine Lehrer nicht wussten, wie sie mir etwas beibringen konnten.

Meine erste Gesangslehrerin war wohl einfach schlecht: Sie sagte mir bereits in der ersten Gesangsstunde meines Lebens voraus, ich würde einmal die Tosca singen. Wie ich von meinem damaligen Status mit einem sicheren Tonumfang von etwa fünf Tönen in der Mittellage und einigen gekreischten hohen Tönen jemals auch nur in die Nähe einer funktionierenden Opernstimme kommen sollte, konnte sie mir aber nicht sagen. Wollte sie vielleicht auch nicht. Sie wollte mein Geld und die Illusion, eine hochbegabte Schülerin zu unterrichten.

Ich konnte Dinge oder ich konnte sie nicht. Lernen oder Üben? Wie geht das denn?

Das Phänomen, dass Menschen irgendwas in mir sehen und behaupten, mir ganz viel zuzutrauen, mich gar fördern und begleiten zu wollen, dann aber nichts dergleichen tun, zieht sich aus für mich nach wie vor nicht ganz nachvollziehbaren Gründen wie ein roter Faden durch mein Leben.

Okay, ich kann Komplimente nicht gut annehmen. Lob würde ich meistens nicht erkennen, auch wenn es mich in den Hintern tritt. Wenn mir was wichtig ist, packt mich noch immer gerne eine völlig nutzlose Schüchternheit, so dass ich mein Anliegen nicht gut benennen kann. Wenn ich mich dann mal traue, meine Bedürfnisse zu formulieren, schieße ich gerne meilenweit über das Ziel hinaus. Überhaupt erscheinen mir Menschen, die nett zu mir sind, von vorneherein verdächtig. Aber sonst bin ich pflegeleicht, ich schwöre.

Die zehn Jahre nach dem Abitur sind mit „Lücke im Lebenslauf“ bestens umschrieben. Ich sang/kreischte, machte Gelegenheitsjobs und hatte überhaupt keinen Plan, was meine Zukunft anging. Die Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin war eine Notlösung (damals dachte man noch, das wäre ein zukunftssicherer Beruf – schön, dass es ihn heute eigentlich gar nicht mehr gibt) und der Job bei der Staatsoper ein echter Glücksfall. Und Zufall. Natürlich brauchte ich dort höchstens ein Drittel der Inhalte der Ausbildung, dafür die Abfallprodukte der abgebrochenen Gesangsausbildung, nämlich ein gutes Ohr, Kenntnis der Opernliteratur und sogar Grundwissen über die Abläufe in einem Opernhaus.

Bei diesem Bildungsstand blieb es dann auch. Ich gewann natürlich Erfahrung und Routine ohne Ende hinzu, aber in über zwanzig Jahren gab es nicht eine einzige Fort- oder Weiterbildung. Nicht mal eine Excel-Schulung durfte ich machen; alles was ich da heute mit Formeln mache, habe ich mir selbst erarbeitet. Natürlich hätte ich in meinem Urlaub mal einen Sprachkurs machen können und den als Weiterbildung bezeichnen, aber… Moment: Ich habe vor zehn Jahren mal einen Polnischkurs in Krakau gemacht und als ich meiner Chefin vorab von diesem Plan erzählte, sagte sie verächtlich: „Was wollen Sie denn mit Polnisch?“ Ich fragte daraufhin nicht mehr in der Personalabteilung nach Bildungsurlaub.

Die Schulung für mein Ehrenamt im Hospiz, also die Zeit dafür, war mühsam erarbeitet. Wie natürlich das Ehrenamt selbst auch. Überwiegend mit durchgearbeiteten Mittagspausen, weil ich ja – als einzige Mitarbeiterin der Abteilung übrigens – eine Regelarbeitszeit habe und nicht einfach schneller arbeiten und dann früher gehen kann.

Als ich vor ein paar Jahren anfing, darüber nachzudenken, dass ich vielleicht doch nicht bis zur Rente in diesem Job verharren möchte, gab es auch wieder Menschen, die sagten: Mach das doch. Du hast noch lange nicht dein ganzes Potenzial ausgeschöpft. Natürlich wirst du etwas Neues finden, das dich mehr erfüllt und wieder so glücklich macht wie dein jetziger Job es vor zehn Jahren noch konnte. Hab keine Angst. Du wirst sehen, die Dinge kommen auf dich zu, wenn du dafür bereit bist.

Ich freute mich über alle ermutigenden Worte, natürlich. Aber gleichzeitig spürte ich noch immer einen Widerstand in mir und hörte meine innere Stimme, die mahnend sagte: Das sagen die lieben Menschen zwar, aber helfen können und wollen sie dir auch nicht. Sei froh mit dem, was du hast, und sei nicht so blöd, das alles hinzuschmeißen. Du bist über 50, du bist fett und unbeweglich, du hast graue Haare und keine Ahnung von dem, was du eigentlich willst. Wer soll dir denn einen Job geben?

Ich verschickte im letzten Winter drei Bewerbungen für Bürojobs im Hospiz-, Palliativ- und Geriatriebereich – alles Jobs, die ich mir sofort zugetraut und auch angeboten hätte. Ich wurde aber nicht zu einem einzigen Vorstellungsgespräch eingeladen. Siehste, sagte die innere Stimme. Keiner braucht dich, keiner will dich. Halt’s Maul, sagte ich, es ist ja schon gut. Ich überlege mir was anderes, um die letzten zehn Jahre in diesem Job zu überstehen.

Ich überlegte mir die Weiterbildung zur Trauerbegleiterin. Das ist keine Berufsausbildung, aber doch ein Anfang und eine zusätzliche Qualifikation. Dachte ich. Eigentlich hätte ich jetzt im Herbst damit beginnen wollen. Doch dann kam Corona und alle Pläne wurden erst einmal wieder auf Eis gelegt.

Wohl der und dem, die jetzt einen sicheren Job und ein festes Gehalt haben, dachte ich, als ich im Frühjahr im Homeoffice saß. Mir kann ja nichts passieren. Dachte ich.

Und dann passierte alles gleichzeitig. Ein Prozess kam in Gang und war nicht mehr aufzuhalten. Ich ärgerte mich wahnsinnig über die öffentliche Haltung der Theater-, Opern- und Veranstaltungsbranche zur Corona-Pandemie. So viele Menschen, die ich seit Jahren kenne und respektiere (bisher), erwiesen und erweisen sich als Aluhutträger, Schwurbler und Leugner. Und natürlich als geldgeil – und damit meine ich nicht die Kulturschaffenden ohne festes Einkommen oder auf Mindestlohnniveau, sondern die, die schon ein paar Jahre lang die Chance hatten, sich Rücklagen zu erarbeiten.

Ich fürchtete mich vor der Sorglosigkeit zahlreicher Kolleginnen und Kollegen, die zwar einen großen Teil des Tages damit verbringen, anderen das Hygienekonzept des Opernhauses zu erklären, sich selbst aber für nicht betroffen oder unverwundbar halten und entsprechend lax mit den Vorschriften im Büro umgehen.

Am Schlimmsten für mich war aber, dass mir von Tag zu Tag klarer wurde, dass in der Opernwelt von heute einfach nicht mehr meine Themen verhandelt werden. Weder auf noch hinter der Bühne und erst recht nicht in den Büros. Das liegt vielleicht nicht einmal an der Opernwelt, vielleicht habe auch ich mich verändert und entfernt. Könnte ja sein.

Das Ergebnis ist aber so oder so: Ich stehe nicht mehr voll dahinter. Und deshalb lohnt sich der ganze Stress bei äußerst mittelmäßiger, wenn auch sicherer Bezahlung für mich nicht mehr. Also reichte ich meine Kündigung ein, ohne einen neuen Job zu haben. Ohne vorher mit der Agentur für Arbeit oder meinem Hausarzt oder irgendwem außer meinem Freund und meinen Katzen gesprochen zu haben.

Und was soll ich Ihnen sagen? Es fühlt sich gut an und richtig. Und plötzlich eröffnen sich auch Möglichkeiten, ich bekomme Tipps und Empfehlungen. Eine unfassbar großartige Berufsberatung von der Psychologin, die im Hospiz für Presse-, Öffentlichkeits- und Trauerarbeit zuständig ist. Für Weiterbildungen. Und Angebote. Zum Beispiel – hier bitte einen Trommelwirbel einfügen! – darf ich ab November bei einer moderierten Trauergruppe im Hospiz assistieren/hospitieren. Das passt genau in die Zeit bis zum Beginn der Trauerbegleitungs-Weiterbildung und ist natürlich der perfekte Einstieg, über den ich mich wahnsinnig freue.

Darf ich Sie in diesem Zusammenhang noch einmal darum bitte, nach Möglichkeit das Corona-Virus nicht in irgendeiner Weise zu verbreiten? Eindämmungsmaßnahmen, die mit der Einschränkung von Zusammenkünften wie z. B. Trauergruppen zu tun haben, kann ich in der nächsten Zeit wirklich überhaupt nicht brauchen.

Mein Arbeitgeber hat mich übrigens gerade überredet, noch einen Monat länger zu bleiben, um die Einarbeitung meiner Nachfolgerin, die aus dem Nachbarbüro kommt und ihrerseits vorher selbst noch eine*n Nachfolger*in einarbeiten wird, die*der aber erst eingestellt werden muss, zu sichern. Und ausnahmsweise hat mal was geklappt: Ich habe gerne zusagt, aber zur Bedingung gemacht, dass ich keine Anwesenheitspflicht im Büro mehr haben werde, sondern nur noch nach Vereinbarung komme UND dass alle Kolleg*innen, die mir begegnen, sofort und ohne Diskussion ihre Masken aufsetzen. Und das wurde akzeptiert. Vielleicht weil ich diese Forderungen einfach so, schnörkellos und deutlich nämlich, formuliert habe.

Und ab Dezember bin ich dann frei. Und so langsam finde ich meinen Plan für die Zukunft so genial, dass ich sogar daran glaube, die Agentur für Arbeit davon überzeugen zu können. Falls die Mitarbeiterin mich irgendwann mal, wie seit zwei Wochen angekündigt, anruft. Aber ich habe ja Zeit. Mein Plan wird besser und besser. Meine Angst lässt nach und ich freue mich über die langersehnte Freiheit und die ganzen Möglichkeiten, die auf einmal im Raum stehen.

Es gibt Menschen, die an mich glauben. Die das nicht nur sagen, sondern auch so meinen. Eventuell sogar Aktionen aus dieser Überzeugung ableiten. Und was soll ich Ihnen sagen: Wenn das so weitergeht, dann glaube ich sogar irgendwann noch selbst an mich. Warten Sie es nur ab.

7 Kommentare

    1. Vielen Dank. Den Folgen-Button habe ich wegen der Datenschutzverordnung abschaffen müssen, aber du könntest dich per Newsletter über neue Posts informieren lassen.

    1. Natürlich. Schrieb ich aber eigentlich schon: Ich hatte keine Ahnung, wie ich mein Lernen selbst organisieren sollte, befand mich in einer Nach-Abistress-Depriphase und wusste nicht, wie man mit Ofenheizung und Klo im Treppenhaus überlebt. Die ganze Freiheit, auf die ich mich so gefreut hatte, überforderte mich gänzlich.

  1. Liebe Bettina,
    Ich finde es sehr mutig und toll, fast du mit über 50 noch einen neuen Weg (beruflich)einschlagen wirst.
    Leider weiss man mit 20 eigentlich meist gar nicht was einen wirklich interessiert und liegt und lernt einen Beruf der einen nicht befriedigt.
    Du schaffst das, da bin ich mir sicher.
    Für dich hatte somit covid19 auch was Gutes, nämlich das Ruder nochmal herumzureissen und einen neuen Weg beruflich einzuschlagen.
    Liebe Grüße
    Sanne und die Fellnasen

  2. Liebe Bettina Kok,
    es ist ein bisschen frappierend. Beim Lesen hatte ich sehr stark den Eindruck, dass Sie mich und meine derzeitige Situation beschreiben. Inklusive der Fragen zum Lernen des Lernens, das habe ich aber durch Sachzwänge vermutlich einigermaßen in den Griff bekommen. Ich bin ebenfalls Ü50 und meine Festanstellung endet Ende Februar nach 14 Jahren – leider nicht durch eigene Kündigung. Und bei allem, worum ich mich bewerbe, kann ich mir aussuchen, ob man mir sagt, dass ich über- oder unterqualifiziert sei … Das Freiheitsgefühl und die positive Aufbruchsstimmung fehlen mir aber noch – vielleicht weil ich noch zu tief im Trauerprozess stecke.
    Liebe Grüße, Ute

    1. Liebe Ute,
      ich muss mich entschuldigen: Ich dachte, ich hätte auf Ihren Kommentar längst geantwortet, aber entweder hat das Internet ihn gefressen oder ich habe nur geträumt, dass ich Ihnen geantwortet habe. Sorry.
      Es ist total interessant, wie viele Menschen (meist Frauen) sich plötzlich zu Wort melden, die in einer vergleichbaren Situation wie Sie und ich sind, nämlich einer kompletten Neuorientierung in einer Phase im Leben, in der man eigentlich nicht mehr damit gerechnet hatte.
      Dass die Entscheidung zur Veränderung nicht Ihre eigene, sondern von außen verordnet ist, ist sicher heftig: Mein Mitgefühl. Ich kann mir vorstellen, dass das die Begeisterung für neue Chancen und auch Ihre Energie zunächst etwas ausbremst.
      Das Wort Trauerprozess kommt mir da sehr angemessen vor. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie diesen gut und ohne besondere Komplikationen durchschreiten… und dass er nicht allzu lange dauern möge.
      Ich habe übrigens schon mit Anfang 30, nachdem ich eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin abgeschlossen hatte, auf fast alle Bewerbungen den Hinweis, ich sei über- oder unterqualifiziert (oder beides gleichzeitig), erhalten. Und ich frage mich noch heute, wer dann letztendlich für diese ganzen Stellen wohl engagiert wurde.
      Ich halte die Daumen, dass sich das Blatt für Sie bald wendet und dass Sie mit Zuversicht und Freude in einen weiteren Lebensabschnitt gehen können.
      Herzliche Grüße
      Bettina

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