Mein Leben mit den Fräuleins. Teil 2.

Schon bald drei Monate wohnen Frl. Leonie Mau und Frl. Lotte Miez jetzt schon bei mir. Sie waren ja von Anfang an ziemlich entspannt und auch freundlich, aber ich merke trotzdem noch immer täglich, dass sie mehr und mehr bei mir und in unserem gemeinsamen Leben ankommen. Sie haben die Wohnung in Besitz genommen, erschrecken nicht mehr ständig über ungewohnte Geräusche von draußen und finden täglich neue Sitz- und Schlafplätze.

Als erwachsene Katzen haben sie beide schon recht ausgeprägte Charaktere mitgebracht… und natürlich ihre bisherigen Erfahrungen. Die offenbar durchgehend gut waren. Selten habe ich so vertrauensvolle und friedfertige Katzen getroffen. Sie sind völlig unterschiedliche Charaktere, so wie Olga und Ida auch, aber nicht ganz so harmonisch miteinander wie die Keinzahnkatzen. Sie liegen selten zusammen irgendwo und manchmal prügeln sie sich auch mit Fauchen und Kneifen und Kratzen. Fünf Minuten später allerdings teilen sie sich dann wieder völlig relaxed einen Futternapf.

Was die Ernährung angeht, so haben sie sich in kürzester Zeit von zwei Katzen, denen das Essen scheinbar egal war, weil ja immer ein voller Napf mit Trockenfutter zur Verfügung stand, zu zwei Katzen entwickelt, die sich zweimal am Tag voller Begeisterung auf ihr Nassfutter stürzen und dieses auch einfordern, wenn ich nicht schnell genug bin oder zu spät nach Hause komme. Trockenfutter bekommen sie nur noch wenig – und manchmal ist es halt auch aufgefuttert und dann bleibt der Napf eben mal für ein paar Stunden leer.

Leonie hat mich von Anfang an abends beim Heimkommen direkt an der Tür begrüßt. Lotte ließ sich zu Beginn erst nach und nach mal sehen, wenn ich nach Hause kam, aber inzwischen wartet auch sie im Flur, schaut mich mit großen Augen an und deutet stumm und anklagend auf die leeren Näpfe in der Küche. Wenn es dann ans Servieren geht, miaut sie mich mit hellem Stimmchen an und vollführt kleine ungeduldige Tänze. Allerliebst.

Beide Fräuleins sind sehr menschenbezogen und werden täglich anhänglicher. Bei Leonie sieht alles ein bisschen selbstverständlicher aus als bei ihrer Schwester; sie hüpft mir einfach auf den Schoß und macht es sich gemütlich. Sie lässt sich überall gerne anfassen, am liebsten am Köpfchen, aber im Grunde ist es egal, wie und wo man sie streichelt, sie findet alles toll. Bei Lotte geht es alles nicht ganz so schnell, sie klettert eher als dass sie hüpft, aber dann macht sie es sich auch bequem und will möglichst viel Berührungsfläche.

Leonie findet es auch in Ordnung, wenn ich mit der Nase in ihrem Fell wühle und an ihr schnüffele. Das ist mir sehr wichtig, denn es hat eine ungeheuer beruhigende und tröstende Wirkung auf mich, wenn ich an einer Katze schnüffeln kann. Lotte lässt sich zwar gerne auf den Hinterkopf küssen, allzuviel Gewühle meinerseits ist ihr aber noch ein bisschen unheimlich. Dafür ist sie groß und warm und flauschig genug für richtige Umarmungen, was ziemlich super ist.

Ich bin echt verliebt in die beiden Fräuleins und sehr froh, dass ich nicht länger gewartet habe, bis sie bei mir einziehen durften. Für mich ist es überhaupt kein Widerspruch, in Trauer um Olga und Ida zu sein und gleichzeitig glücklich mit Lotte und Leonie zusammenzuleben. Und es ist einfach schön, nach Hause zu kommen und von zwei kleinen flauschigen Mitbewohnerinnen erwartet zu werden.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es vergeht kein Tag, an dem ich Olga und Ida nicht vermisse. Heftig vermisse. Vor allem Ida ist noch immer so präsent in allem, was ich denke, fühle und mache… sie ist wirklich einfach immer bei mir.

Bei Olga, die ich nicht weniger liebe/geliebt habe, habe ich dieses Gefühl nicht. Ich glaube fast, sie hat mich bereits weitgehend losgelassen, unsere Verbindung hat sich verändert. Olga hat einen riesigen wunderbaren sonnigen Platz in meinem Herzen und ich denke in Liebe und Dankbarkeit an sie und unsere gemeinsame Zeit. Ihre Seele fliegt frei.

Ida hat sich noch nicht so weit von mir gelöst. Sie ist halt meine Seelenkatze und ich bin sicher, dass sie mich nicht ganz verlassen wird, solange sie nicht ganz sicher ist, dass ich wirklich ohne sie auskommen kann. Wirklich wirklich. Bis dahin bleibt sie mir nahe. Und ich bemühe mich, nicht zu oft nach ihr zu rufen, um sie zu weinen oder um ein Zeichen ihrer Nähe zu bitten. Denn ich möchte ja, dass auch ihre Seele frei fliegen kann.

Lotte und Leonie wissen über meinen Verlust natürlich genauestens Bescheid. Sie haben ja selbst ihr bisheriges Leben und ihre bisherigen Menschen verloren. Sie sind in große Fußstapfen getreten, aber das schüchtert sie nicht ein. Sie vertrauen darauf, dass es trotz aller Trauer für sie genug Liebe in meinem Herzen gibt. Und so ist es auch: Sie sind Katzen. Mir anvertraut. Wie könnte ich sie nicht lieben? Wie könnte ich unser gemeinsames Leben nicht so intensiv wie möglich genießen?

Meine Trauer ist ein Prozess. Der braucht seine Zeit. Mein Leben geht weiter und es darf auch ein gutes Leben sein. Mit zwei zauberhaften Katzen, die mich zum Lachen bringen und mir beim Weinen die Pfote halten.

„Es wird alles gut, Ida. So wie du es vorhergesagt hast.“

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