Nur weil du nicht mehr leben kannst, kannst du noch lange nicht sterben!

Am nächsten Morgen rief ich, wie geplant, auf der Station an. Ganz unverfänglich, nur mal so fragen, wie mein Vater denn die Nacht verbracht hatte. „Ach, ganz gut soweit“, antwortete eine freundliche Stimme und ich war ein bisschen überrascht. Diese Überraschung nahm zu, als ich später das Zimmer meines Vaters betrat und ihn dort mit einem Tellerchen Suppe antraf. Er konnte zwar nicht mehr als ein oder zwei Löffel davon essen, sein grundsätzlicher Entschluss, nichts zu sich nehmen zu können, schien aber nicht mehr ganz so unumstößlich zu sein. Noch wurde er zwar per Infusion mit Flüssigkeit und Nährstoffen versorgt, aber offenbar hatte man doch beschlossen, den Magen- und Darmtrakt meines Vaters nicht komplett außen vor zu lassen. Umso besser, dachte ich.

Mein Vater machte noch immer einen schwächlichen Eindruck, hatte aber keine Schmerzen und war aber ein bisschen interessierter an seiner Umwelt als am Vortag. Die Stationsärztin war schon kurz dagewesen und es bestand der Plan, ihn im Laufe des Tages zum Röntgen zu bringen, um einen etwas klareren Eindruck von seinem Innenleben zu gewinnen. Dazu hatte mein Vater zwar wenig Lust, aber die Ärztin hatte ihn davon überzeugt, dass man doch klären sollte, dass man gerne irgendeine Art von Hindernis (also vermutlich einen nachgewachsenen Tumor) als Ursache für die Verdauungsbeschwerden ausschließen wollte. Das konnte man dann zum Glück auch, so dass dann guten Gewissens Medikamente verschrieben werden konnten. Die dann auch tatsächlich halfen. Mein Vater aß zwar wie ein sehr kleines, sehr krankes Vögelchen, aber er aß. Schon nach kurzer Zeit benötigte er keinen Tropf mehr… und er wurde wieder klarer im Kopf.

Ich war überrascht gewesen, schon nach zwei oder drei Tagen einen Rollator und einen Rollstuhl im Zimmer meines Vaters vorzufinden. Noch lag er platt im Bett. Aber es dauerte gar nicht so lange, bis er dann doch wieder die Kraft fand, aufzustehen und immerhin selbst ins Badezimmer zu gehen. Er stellte auch bald fest, dass der bequem aussehende Sessel in seinem Zimmer gar nicht so gemütlich war. Also, für seinen knochigen Hintern. Also schleppten mein Bruder und mein Freund den sauteuren, in alle Richtungen verstellbaren Ledersessel von zu Hause ins Krankenhaus. Mein Vater, der das erst mit „Das ist doch nicht nötig!“ hatte abwehren wollen, war dann doch selig. Ein typisches Bild, wenn man aus den hochsommerlichen Temperaturen draußen in sein Zimmer kam, war dann ein gemütlich in seine übergroße Bettdecke eingemummelter Vater mit Mütze auf dem Kopf in seinem Sessel. Bei aufgedrehter Heizung, versteht sich.

Noch überraschter war ich, als ich weitere zwei oder drei Tage später morgens ins Krankenhaus kam und meinen Vater in Begleitung einer Physiotherapeutin brav am Rollator im Gang auf und abschreitend vorfand. Das ging sogar ganz gut und er wirkte recht aufgeschlossen für diese Maßnahme. Ich freute mich sehr und bemerkte irgendwo in meinem Hinterkopf einen kleinen Gedanken, der klang wie: „Vielleicht erholt er sich ja doch noch einmal. Vielleicht kann er ja sogar noch mal wieder nach Hause.“

Die freudigen Gedanken hielten nicht lange an. Der Eindruck, dass der Zustand meines Vaters sich stabilisierte, hielt zwar an, aber offenbar löste das auch wieder Ängste in ihm aus. Er war zwar froh, wieder alleine aufs Klo gehen zu können, und nahm auch brav die ihm vorgesetzten kleinen Mahlzeiten zu sich, aber insgesamt war seine Begeisterung eher verhalten. Er freute sich wahnsinnig über unsere Besuche und hätte uns gerne immer abwechselnd den ganzen Tag um sich gehabt, aber außer der Familie wollte er – obwohl viele seiner Freunde  und Bekannten fragten, ob sie ihn besuchen dürften – niemanden sehen. Er wollte auch weder lesen noch fernsehen noch Musik hören. Warum, konnte er nicht so genau sagen, aber mir war schon klar, dass er sich schwer damit tat, seinen Zustand zwischen Leben und Sterben näher zu bestimmen. Und deswegen, so schloss ich laienhaft aber messerscharf, waren ihm die meisten Anreize von außen nicht nur lästig, sondern sogar unangenehm. Das mit dem Loslassen fiel ihm zwar sehr deutlich schwerer, als er selbst erwartet hatte, aber ganz offensichtlich wollte er sich nicht noch weitere und neue Bindungen ans Leben aufbauen, die aufzugeben dann wieder schmerzhaft sein würde.

Trotzdem traf es mich dann aus relativ heiterem Himmel, als ich irgendwann beim „Schichtwechsel“ zufällig vor dem Krankenhaus meine Mutter und meinen Bruder traf, die mich gleich zur Seite nahmen, weil sie unbedingt etwas mit mir besprechen wollten.

„Er hat gesagt, er möchte jetzt sterben. Und zwar so bald wie möglich“, berichtete meine Mutter.

Ich stand da wie vor den Kopf geschlagen. Sterben, ja gut. Das war „der Plan“. Aber so bald wie möglich? Jetzt, wo es ihm gerade wieder ein bisschen besser ging?

„Ich habe ihn gefragt, ob er… äh, wenn das möglich wäre… Sterbehilfe wollen würde“, fuhr meine Mutter fort. „Und er hat Ja gesagt. Glaubst du, das können wir hinkriegen?“

Hinkriegen? Ich muss ausgesehen haben wie ein Huhn bei Gewitter. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander und es dauerte eine Weile, bis ich einen ganzen Satz formulieren konnte.

Meine Mutter starrte mich erwartungsvoll an und mein Bruder starrte betreten zu Boden.

„Glaubst du, Papa möchte in die Schweiz reisen, um dort in einem hässlichen Wohnmobil ohne feste Adresse Gift zu nehmen?“ fragte ich meine Mutter. „Ich glaube nicht, dass er das schafft. Und du auch nicht. Und in Deutschland ist Sterbehilfe in dem Sinne nicht erlaubt. Worüber ich übrigens sehr froh bin. Soweit ich weiß, sind erfahrene Ärzte bei furchtbaren Schmerzen und wenn ein Patient das möchte, durchaus großzügig mit dem Morphium und nehmen damit in Kauf, dass der Tod früher eintritt. Ich glaube allerdings nicht, dass solche Maßnahmen bei einem Patienten angezeigt sind, der keine Schmerzen hat, sondern ’nur‘ mit sich und seiner verbleibenden Zeit nichts anzufangen weiß und sich seinen Ängsten vielleicht nicht so furchtbar gerne stellen möchte.“

Nun sah auch meine Mutter betreten zu Boden.

Ich überlegte noch einmal kurz, ob ich wirklich sagen sollte, was ich sagen wollte, und sagte es dann: „Für mich ist der Gedanke an Sterbehilfe so ähnlich wie der Gedanke an die Todesstrafe. Mir wird davon übel und ich glaube, dass jeder, der sich anmaßt, solche Maßnahmen zu entscheiden, sein Karma unglaublich belastet.“ Okay, das war vielleicht etwas melodramatisch, aber meine Mutter wirkte plötzlich doch ganz erleichtert.

„Gut“, sagte sie. „Wahrscheinlich hast du recht und wir müssen ihm anders helfen. Du glaubst, er hat Ängste?“

„Ja“, erwiderte ich. „Das glaube ich unbedingt. Und ich denke, dass er diesen Ängsten auf den Grund gehen muss, damit er letztendlich loslassen und sterben kann. Er hat noch etwas zu erledigen und darum ist er noch da. Und ich glaube auch, dass er hier an der richtigen Adresse ist. Hier wird ihm so gut geholfen, dass er sich auf das Wesentliche konzentrieren kann – ich denke auch, alle, die für ihn sorgen, haben dafür ein offenes Ohr. Er müsste vielleicht den Krankenhauspastor und die Psychologin nur nicht unbedingt wegschicken, sondern mal probieren, ihre Gesprächsangebote anzunehmen. Und du kommst doch auch nicht jeden Tag her, um ihm aufs Klo zu helfen und die Kissen aufzuschütteln. Kümmere dich um die Sachen, die wichtig sind. Für ihn und für dich auch! Du willst doch einen richtigen Abschied von ihm, oder?“

Das gefiel meiner Mutter nun, die Therapeutin in ihr erwachte wieder und sie beschloss, von nun an alles zu tun, um meinen Vater dabei zu unterstützen, sich mit seinen Ängsten und Widersprüchen auseinanderzusetzen. Und das Argument, dass sie diese Zeit mit ihm vielleicht genauso dringend brauchte wie mein Vater, leuchtete ihr bei näherer Betrachtung auch ein. Sie musste nur von ihrem total gestressten Kümmermodus, in dem sie zu Hause ja seit über einem Jahr gewesen war, wieder umschalten auf Ehefrau und Vertraute. Und Witwe in spe.

Wir trennten uns dann, immer noch im Krankenhausgarten stehend; mein Bruder fuhr meine Mutter nach Hause und ich ging zu meinem Vater. Der schon ungeduldig wartete. Um mir zu sagen, dass er sterben wollte. Ich war darauf ja nun schon vorbereitet, trotzdem ging es mir sehr nahe, meinen Vater diese Worte aussprechen zu hören. Ich stammelte ein bisschen rum und brach dann in Tränen aus. Was meinen Vater natürlich auch zum Weinen brachte, aber er war ganz klar und freundlich dabei. Und es war eigentlich sehr schön, als wir dann – keine Ahnung, wie wir da hingekommen sind – plötzlich mit feuchten Augen nebeneinander auf dem Sofa saßen und Händchen hielten. Das hatten wir, soweit ich mich erinnern konnte, noch nie getan.

Irgendwann zwischendurch kam die Ärztin vorbei, der mein Vater seinen Entschluss auch mitteilte. Gar nicht in irgendeiner Weise dramatisch, sondern eher sachlich und halt ein bisschen resigniert. Er fühle sich zwar wieder etwas besser als bei seiner Einlieferung, ihm sei aber klar, dass er nicht wieder gesund werden könne, und er wolle auch nicht mehr kämpfen, sondern eben gerne so bald wie möglich sterben.

Die freundliche Ärztin schien das völlig in Ordnung zu finden und das fand ich wiederum sehr beruhigend. Sie fragte mich, wie es mir mit dieser Mitteilung und grundsätzlich dem Zustand meines Vaters gehe, und war durchaus zufrieden mit meiner Antwort: Ich wolle meinen Vater natürlich unterstützen und müsse noch besser darin werden, die Momente, in denen ich versuchte ihn aufzumuntern, von den Momenten, in denen ich die Traurigkeit einfach nur mit ihm aushalten könne und müsse, zu unterscheiden.

Wir sprachen an diesem Tag noch über den Tod, aber nicht über irgendwelche Methoden, diesen beschleunigt herbeizuführen. Ich hatte auch nach wie vor nicht den Eindruck, dass mein Vater unbedingt auf der Stelle tot sein wollte. Er wollte aber nicht länger in einer aussichtslosen Situation, mit der er nur schwer umgehen konnte, verharren. Trotzdem, so schien es mir zumindest, war er möglicherweise doch weniger offen für Sterbehilfe als für Lebenshilfe – und die konnten und wollten wir ihm doch alle gerne geben.

 

4 Kommentare

  1. Du bist so reflektiert, nicht nur in der Rückschau, sondern anscheinend auch damals in der Situation.
    Ich wünschte ich wäre auch so/ gewesen…
    Dankeschön fürs Teilen!
    Liebe Grüße,
    Jule

    1. Vielen Dank für das Kompliment. Es gab auch genügend Momente, in denen ich mir absolut nicht sicher war, ob ich wirklich genug reflektiert habe. Wie gesagt, wir hatten auch sehr viel Glück!
      Viele Grüße
      Bettina

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