Sterbebegleitung für Fortgeschrittene

Am letzten Wochenende ist eine meiner Begleitungen im Hospiz zu Ende gegangen. Eine Begleitung, von der ich Ihnen noch gar nichts erzählt hatte. Was damit zu tun hatte, dass sie nicht sehr lang war. Gut drei Wochen nur; siebenmal habe ich meinen Gast besucht, dann ist er gestorben.

Es war eine intensive Begleitung, die ich sicherlich nicht vergessen werde.

Erstens, weil dieser Gast jünger war als ich. Nur ein paar Jahre, also eigentlich war er genau meine Generation. Das war eine neue Erfahrung für mich; meine bisherigen Gäste waren alle deutlich älter und „richtige Senioren“. Dieser Mann war kein bisschen alt und er wirkte sogar trotz seiner Erkrankung eher noch jünger, als er tatsächlich war.

Zweitens – und das wiegt noch erheblich schwerer – hatte das Krankheitsbild meines Gastes (auf das ich hier nicht näher eingehen werde) zur Folge, dass er trotz einer ausgeklügelten, trickreichen und individuell immer wieder neu angepassten Schmerzbehandlung noch immer an starken Schmerzen litt. Damit gehört er zu einem sehr kleinen, aber eben doch (noch) vorhandenen Anteil an Palliativpatienten (die Wissenschaft geht von einem kleinen einstelligen Prozentsatz aus), bei denen die wahrhaft umfassenden Möglichkeiten zur Symptomkontrolle nicht hinreichend greifen.

Mein Gast hing an einer Schmerzmittelpumpe, um durchgehend einen stabilen Pegel zu halten, und bekam zusätzlich mehrmals täglich verschiedene Schmerztropfen und -tabletten. Für den Tumorschmerz, den Durchbruchschmerz, den stechenden Schmerz und so weiter. Er konnte auch mir zu jedem Medikament genau sagen, gegen welche Art Schmerz es wirkt. Oder wirken soll.

Trotz all dieser Medikamente, die mein Gast auch brav einnahm, hatte er immer wieder Schmerzen. Schmerzen, die sich nicht eindämmen lassen wollten und die, wenn er Pech hatte, durch jede Bewegung, zum Teil sogar durch Berührungen schlimmer wurden.

Die Schmerzen führten dazu – drittens – dass mein Gast nur noch in seinem Bett liegen konnte. Es war ihm nicht einmal möglich, schmerzfrei im Bett zu sitzen. Von Aufstehen war schon lange nicht mehr die Rede und auch die Versuche der Hospizkollegen, ihn in einen extrabequemen Rollstuhl zu setzen oder auf die sogenannte „Siesta-Liege“ zu betten, waren nicht von Erfolg gekrönt. Die letzten Reste seiner Mobilität bestanden also darin, sich im Bett ganz vorsichtig und mit Hilfe des Aufrichters (auch Bettgalgen genannt) selbst umzulagern, wenn es ihm in der aktuellen Position zu ungemütlich wurde.

Das alles bei klarem, viel zu klarem Bewusstsein. Schmerzen, Übelkeit und Müdigkeit konnten nicht verhindern, dass mein Gast sehr gut wusste, wo er stand. Er kam nur schwer mit seinem veränderten, kaputten Körper klar – und wusste nur zu genau, wie er auf andere Menschen wirken musste.

Ich mochte meinen Gast. Wir hatten von Anfang an einen Draht zueinander und haben gerne miteinander gequatscht und gelacht. Oder Fernsehen geglotzt, wenn ihm nicht nach Reden oder Lachen zumute war. Oder ich habe einfach an seinem Bett gesessen, wenn ihm wegen Schmerzen, Übelkeit oder Müdigkeit auch Fernsehen zu anstrengend war.

Sterben, auch wenn in einem Hospiz stattfindet, ist nicht immer schön oder würdevoll oder gar romantisch. Es sieht nicht schön aus, riecht nicht gut uns klingt nicht gut. Das ist für den Sterbenden, dessen Bewusstsein (noch) nicht getrübt ist, nicht leicht zu ertragen. Für die Menschen, die ihn betreuen, pflegen und besuchen, ebenfalls nicht. Sie kommen ins Zimmer und erleben das Leid, das dort herrscht, möglicherweise mit allen Sinnen und sehr massiv.

Aber: Wir anderen Menschen, Hospizmitarbeiter, Ehrenamtliche und Zugehörige, können das Zimmer wieder verlassen. Wann immer wir wollen oder müssen. Er, der Sterbende, kann das nicht. Er kann sich selbst und seinem Verfall nicht entgehen.

Ich gebe es zu: Beim letzten Besuch bei meinem Gast gab es einen Fluchtimpuls meinerseits beim Betreten des Zimmers. Das Leid, auf das ich dort traf, war so stark, dass ich mich im ersten Moment komplett hilflos und überfordert fühlte.

Natürlich floh ich nicht. Ich blieb und rief mir in Erinnerung, dass es in der Sterbebegleitung nicht nur um Lachen, Quatschen, Fernsehen, Tischabwischen, Zigarettenholen, Vorlesen und Trösten geht, sondern auch ums Aushalten. Mit dem Gast aushalten und den Gast aushalten. Das aushalten, was die Situation mit mir macht. Aber vor allem: Die Situation mit dem Sterbenden aushalten, bei ihm bleiben, wenigstens für eine Stunde, auch wenn die Lage hoffnungslos, unerträglich und furchterregend ist. Ich setzte mich zu meinem Gast und saß für eine Weile bei ihm. Etwas später hatten wir sogar noch ein kurzes Gespräch, das mir sehr zu Herzen ging. Er wollte endlich sterben oder, wenn das noch immer nicht ginge, wenigstens schlafen. Einfach nur noch schlafen.

Da er diesen Wunsch nicht nur mir gegenüber geäußert hatte, bekam mein Gast, worum er gebeten hatte: Eine sogenannte palliative Sedierung, also eine Medikation, durch die das Bewusstsein so weit gedämpft wird, dass der Sterbende schläft und seine Schmerzen nicht mehr bewusst erlebt. Im Hospiz gibt es gar nicht so oft Situationen, in denen sie notwendig oder sinnvoll erscheint, aber in einem derartigen Fall eines sterbenden Menschen, dessen Schmerzen – siehe oben – anders nicht in den Griff zu bekommen sind, ist sie manchmal das letzte Mittel, einen Sterbeprozess erträglicher zu machen.

Mein Gast starb zwei Tage nach meinem letzten Besuch. Ruhig und ohne kämpfen zu müssen, so wurde mir berichtet. Ich war einige Stunden später kurz bei ihm, um mich zu verabschieden, und war froh, ihn endlich „entspannt“ zu sehen. Und dass er nun, wenn auch in einem Sarg, endlich dieses Zimmer verlassen konnte. Sehr froh. Ich hoffe, dass er seinen Frieden gefunden hat. Vergessen werde ich ihn nicht.

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