Stoppis Adventsgeschichte. Teil 2.

„Hier immer geradeaus, dann kannst du das Tierheim nicht verfehlen!“, rief der kleine gescheckte Hund, der trotz seines kuschelig aussehenden Wollpullis in einer weich und warm gefütterten Handtasche aus dem Bus und wahrscheinlich in ein gemütliches Zuhause getragen wurde. „Du hörst die Hunde schon von Weitem.“

Die kleine weiße Katze seufzte. Es war kalt und dunkel und in der Richtung, in die der Handtaschenhund gezeigt hatte, war gar nichts zu sehen. Selbst der Bus wollte wohl nicht dorthin, jedenfalls drehte er einfach um und fuhr wieder zurück. Die wenigen maskierten Menschen, die bis zu dieser Endhaltestelle mitgefahren waren, waren innerhalb von Sekunden in Hauseingängen und Seitenstraßen verschwunden. Kein Mensch, kein Hund mehr auf der Straße, nicht einmal eine Taube.

Die kleine weiße Katze seufzte noch einmal, aus tiefstem Herzen. Dann richtete sie sich zu ihrer ganzen Größe auf, hob das kleine weiße Plüschkinn und sagte mit der tiefsten Stimme, die sie in ihrer kleinen Brust erzeugen konnte: „Dann mal los. Das schaffe ich.“

Aber der Weg war weit, sehr weit für eine kleine weiße Katze mit kurzen Beinchen, die nicht zum Laufen gemacht waren. Der Wind kam von der Seite und von vorne – und er war eiskalt. Mühsam, Schritt für Schritt, tastete sich die kleine weiße Katze voran. Schon nach wenigen Metern war es ihr egal, ob ihr Fell schmutzig wurde, sie wollte nur so schnell wie möglich voran und irgendwo ins Warme. Aber hier war weit und breit nichts Warmes zu sehen. Eigentlich war gar nichts zu sehen, es war einfach nur alles schwarz.

Die kleine weiße Katze zwang sich zum zügigen Weitergehen. Bloß nicht stehenbleiben oder gar hinsetzen, dachte sie, sonst schläfst du ein und erfrierst. Einfach immer weitergehen. Irgendwann müssen doch die Lichter des Tierheims zu sehen sein.

Aber der Handtaschenhund hatte recht gehabt: Die kleine weiße Katze hörte das Tierheim, lange bevor sie es auch sehen konnte. Genauer gesagt: Sie hörte die Hunde. Die bellten, jaulten und weinten, es klang wie tausend traurige Höllenhunde in der dunklen Nacht.

„Das ist gut!“, sagte die kleine weiße Katze mit strenger Stimme zu sich selbst. „So kann ich das Tierheim nicht verfehlen.“ Und trotzdem wurden ihre Schritte etwas zögerlich, denn mit jedem Meter, den sie nun zurücklegte, wurde der traurige Lärm noch lauter. Sie strengte sich an und hörte genau hin, weil sie wissen wollten, ob auch Katzen weinten, da hinten im Tierheim, aber sie konnte keine Katzenstimmen erkennen. Zum Glück, denn anderenfalls hätte sie vielleicht noch ganz kurz vor dem Ziel kehrtgemacht und wäre zurück zur Bushaltestelle gegangen.

So stand sie aber nun ein paar Minuten später endlich vor dem erleuchteten Eingang des Tierheims. Mühsam kletterte sie ein paar flache Stufen empor und drückte dann mit ihrer ganzen Kraft und ihrem gesamten Gewicht gegen die schwere Glastür. Die sich nicht bewegte, egal wie sehr die kleine weiße Katze sich abmühte.

„Mist!“, sagte die kleine weiße Katze zu sich selbst. „Abgeschlossen. Aber irgendwo müssen hier doch Leute sein. HALLO! HAAAAALLLOOOOO! AUFMACHEN!“

Sie trommelte mit ihren kleinen weißen Pfoten gegen die Glastür und rief um Hilfe, so laut sie konnte. Was, ehrlich gesagt, nicht gerade sehr laut war, vor allem nicht im Vergleich zum Heulen der Hunde. Die sie aber wohl hören konnten, denn sie bellten und jaulten gleich noch lauter. Die kleine weiße Katze musste sich die Ohren zuhalten, so laut wurden sie. Und nirgendwo war ein Mensch zu sehen.

Erschöpft ließ die kleine weiße Katze sich auf die oberste Stufe vor der verschlossenen Tür des Tierheims sinken und begann leise zu weinen. Die Tränen rannen ihr, ohne dass sie es verhindern konnte, über das kleine Gesicht und über das ganze Fell. Wahrscheinlich würden sie dort innerhalb kürzester Zeit zu Eis erstarren, dachte sie. So kalt fühlte sich der Abend inzwischen an und so mutlos war die kleine weiße Katze.

Fast hätte sie der Versuchung, einfach in irgendeine Ecke zu kriechen und sich dort zusammenzurollen, nachgegeben, da fiel plötzlich das Licht eines Autoscheinwerfers auf die Treppe vor ihr und ein Auto hielt vor dem Eingang zum Tierheim. Der Motor wurde nicht ausgeschaltet, aber eine dunkel gekleidete Person mit einer Gesichtsmaske und einer Mütze, die weit ins Gesicht hinuntergezogen war, stieg aus. Sie öffnete die hintere Tür des Autos, nahm etwas Großes heraus und näherte sich dann mit diesem Gegenstand der Tür und somit auch der kleinen weißen Katze.

„Hey, hallo! Können Sie mir helfen?“, rief die kleine weiße Katze hoffnungsvoll. „Die Tür ist zu. Haben Sie einen Schlüssel?“

„Müh dich nicht ab!“, sagte eine gelangweilte Stimme, die aus dem großen Gegenstand zu kommen schien. „Der Typ ist hoffnungslos. Er will etwas loswerden, nicht irgendwem helfen. Schon gar nicht einer Katze. Gut, dass ich ihm, bevor er mich eingefangen und in die Box gesteckt hat, noch in die Hausschuhe kacken konnte.“

„Aber… aber… aber… in die Schuhe gekackt?“, fragte die kleine weiße Katze gleichermaßen entsetzt und interessiert, während die dunkle Gestalt den großen Gegenstand mit der Stimme darin auf der obersten Stufe abstellte und hastig die Stufen wieder hinunterrannte, um zu seinem Auto zu kommen und sofort wegzufahren, „und wieso stellt er dich hier einfach hin und fährt dann weg? Es ist doch viel zu kalt hier.“

Sie spähte vorsichtig durch die Gitterstäbe in die Box hinein. Dort leuchteten im Halbdunkel vor allem zwei glühende Augen, aber dann bewegte sich etwas und die kleine weiße Katze konnte das Gesicht eines getigerten Katers erkennen, der ziemlich groß und ziemlich ungehalten wirkte.

„In der Tat, es ist arschkalt“, bestätigte der Tigerkater, „wir sollten also besser mal auf uns aufmerksam machen, damit sie uns ins Warme holen. Das was der Typ da eben gemacht hat, das nennt man übrigens: ein ungewolltes Tier aussetzen.“

„Das ist ja schrecklich unfreundlich von ihm“, sagte die Katze, „und wieso bist du ein ungewolltes Tier?“

„Tja“, sagte der Tigerkater und bemühte sich, cool zu wirken, obwohl seine Stimme ein wenig zitterte, „das ist ganz plötzlich passiert. Die alte Frau, bei der ich gewohnt habe, ist nämlich gefallen und hat sich ein paar Knochen gebrochen. Deswegen durfte sie nicht mehr alleine in ihrer Wohnung bleiben und wurde von diesem Typen, den du eben gesehen hast und der ihr Sohn ist, in ein Seniorenheim gebracht – obwohl sie das überhaupt nicht wollte. Das ist so etwas ähnliches wie ein Tierheim, nur für ältere Menschen und mit wesentlich schlechteren Chancen, adoptiert zu werden.“

„Du meine Güte!“, sagte die kleine weiße Katze aufgeregt, „und sie konnte nichts dagegen tun?“

„Leider nicht“, sagte der Tigerkater, „sie hat alles versucht, aber der Sohn ließ nicht locker und er hat sie schrecklich unter Druck gesetzt. Und belogen. Er hat ihr nämlich auch gesagt, er würde mich mit nach Hause nehmen und für mich sorgen. Wie gut er das macht, kannst du hier gerade sehen.“

„So eine Gemeinheit!“, sagte die kleine weiße Katze mit Bestimmtheit. „Die arme alte Dame. Und du armer Tigerkater. Und was machen wir jetzt?“

„Wir schreien, so laut wir nur können“, schlug der Tigerkater vor. „Mir wird nämlich langsam kalt an den Schnurrhaaren und ich möchte ins Warme. Und du siehst sowieso schon völlig verfroren aus.“

Daran hatte die kleine weiße Katze gar nicht mehr gedacht vor Aufregung, aber es stimmte. Ihr klapperten sogar schon die Zähne vor Kälte.

„Also los!“, forderte der Tigerkater sie auf. „Wir schreien: MIAU! MIAUUUUUUUU! MIIIIIAUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUU!“

Und die kleine weiße Katze stimmte ein, nicht ganz so lautstark allerdings: „MIAUUUUU! MIIIIAAAUUUUUUUUUUUU!“

Nichts passierte, aber nun ließen sich die beiden Katzen nicht aufhalten. Sie feuerten sich gegenseitig an und schrieen in die kalte Winternacht, was ihre Lungen hergaben: „MIIIIIIIIIAAAAAUUUUUUUUUU!“

Es dauerte ein oder zwei Minuten, da ging plötzlich hinter der verschlossenen Glastür ein weiteres Licht an und eine sich nähernde Gestalt wurde sichtbar. Sie schaute kurz durch die Tür hinaus, sah die Katzentransportbox und schloss sofort von innen die Tür auf: „Was ist denn hier los?“

„Hilfe!“, rief die kleine weiße Katze, und auch der Tigerkater brüllte in voller Lautstärke: „Hierher, schnell!“

Eine junge Frau, die nicht sehr warm angezogen war, trat vor die Tür und griff nach der Transportbox mit dem Tigerkater. „Meine Güte, du armes Kerlchen, stehst du hier schon lange?“

„Nein“, rief die kleine weiße Katze, „er ist gerade erst angekommen. Aber ich stehe hier schon ewig und mir friert langsam das Hirn ein!“

Zum Glück bemerkte die junge Frau auch die kleine weiße Katze und nahm sie sofort hoch. „Und wo kommst du her, du kleine Plüschmaus?“

„Mit dem Bus!“, erklärte die kleine weiße Katze. „Und ich bin keine Maus. Plüsch allerdings, das könnte schon sein.“

„Kommt mal erstmal rein, ihr Mäuse“, sagte die junge Frau freundlich, „sonst holt ihr euch noch eine Blasenentzündung, so wie ich immer, wenn ich auf kalten Steinen sitze.“

Die kleine weiße Katze wusste zwar nicht genau, ob sie eine Blase hatte, und falls ja, wofür, aber sie war froh über die freundlichen Worte der Frau und ihre warmen Hände. Schon waren sie und der Tigerkater, der mit dem Schreien aufgehört hatte und nun freundlich schnurrte, drinnen, wo es hell und warm war und sogar ein bisschen nach Essen roch. Die Glastür wurde wieder verschlossen und dann trug die junge Frau sie in ein kleines Büro.

Die kleine weiße Katze wurde ohne viele Umstände auf eine wunderbar warme Heizung gesetzt und der Tigerkater in seinem Tragekorb einfach auf den Schreibtisch.

„Na, du Hübscher, ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, vielen Dank, ich komme klar“, schnurrte er, „aber ich könnte eine kleine Mahlzeit vertragen und möchte aus diesem blöden Korb raus. Das ist ja, als müsste ich zum Tierarzt.“

„Du kommst erst einmal ins Quarantänezimmer!“, erklärte die junge Frau dem Tigerkater, „und morgen wirst du dann dem Tierarzt vorgestellt.“

„Verdammt“, murmelte der Tigerkater, „ich wusste es doch. Aber nicht wieder rasieren!“ Er sah dabei jedoch ganz zufrieden aus und gar nicht ängstlich.

„Und ich?“, fragte die kleine weiße Katze besorgt, „wo komme ich hin?“

„Du kommst am besten mit mir“, schlug der Tigerkater vor, „dann kann ich dich beschützen. Außerdem ist es in der Quarantäne zu zweit nicht so langweilig. Also, falls es kein Fernsehen gibt.“ Und er miaute kläglich in Richtung der kleinen weißen Katze auf der Heizung und streckte durch das Gitter der Box eine Pfote nach ihr aus.

„Ja, natürlich“, sagte die freundliche junge Frau, die gerade am Schreibtisch ein Formular ausfüllte, „deine kleine Freundin nehmen wir mit. Das ist doch klar.“

„Ja, aber … „, rief die kleine weiße Katze, „aber wir kennen uns doch kaum. Ich bin ganz bestimmt nicht seine kleine Freundin!“

Der Tigerkater sah sie amüsiert an. „Nun mach dir nicht ins Hemd!“, grinste er dann. „Ich werde dich schon nicht fressen. Ich sehe doch, dass du eine Dame bist. Aber im Quarantänezimmer gibt es ganz bestimmt auch eine Heizung und wir können es uns gemütlich machen. Ist ja nur für eine Nacht.“

„Also gut“, erwiderte die kleine Katze, nachdem sie tief Luft geholt hatte. „Dann gehen wir eben zusammen in Quarantäne und machen es uns gemütlich Und du erzählst mir dann ausführlich, wie das mit dem in die Hausschuhe kacken vor sich ging.“

Sie hielt der freundlichen jungen Frau ihre kleinen weißen Arme entgegen, als diese sie von der Heizung heben wollte. Und dann wurde sie zusammen mit ihrem neuen Freund, dem Tigerkater, in einen anderen Raum getragen.

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