Über Socken, Überschwemmungen und Zahnschmerzen. Und vom Warten.

Wenn jemand sich in einem langen und langsamen Sterbeprozess befindet, woran merkt man dann eigentlich, dass er jetzt wirklich stirbt? Oder bald sterben wird?

Wir lebten nun seit Wochen in einem geschützten Raum, in dem mein Vater seinen Abschied vom Leben nehmen konnte und wir unseren Abschied von ihm. Seit dem Umzug ins Hospiz ohne irgendeinen zeitlichen Druck. Mein Vater durfte an der Schwelle zum Tod stehen und trotzdem das Leben, soweit er konnte und wollte, genießen. Sicher konnten die erfahrenen Mitarbeiter des Hospizes viele kleine und größere Anzeichen des nahenden Todes sehr viel besser deuten als wir, aber ich begriff schnell, dass das gar nicht ihr Ziel war. Es gab keine Tempovorgabe und es gab auch keine Kausalketten im Sinne von „Wenn dies passiert ist, passiert innerhalb der nächsten Woche ganz sicher auch das“. Zu ihrem Verständnis von „Sterben in Würde“ gehörte auch das Recht jedes Hospizgastes auf sein eigenes, individuelles Sterben.

Ich fragte mich natürlich, wo mein Vater inzwischen eigentlich stand? Wenn man ihn so anschaute, sah man einen stark abgemagerten, gelbgesichtigen Mann mit dem typischen Nach-Chemo-Flaum auf dem Kopf… wenn er seine Mütze mal abnahm. Die Unterschenkel waren noch immer geschwollen und verbunden, darüber trug er so eine Art Elefantenschuh. Die Chemotherapie war mittlerweile seit etwa sechs Wochen unter- bzw. abgebrochen und selbstverständlich lag der Gedanke nahe, dass der Tumor und vor allem die Metastasen den Körper seitdem ungebremst in Besitz nahmen, vermutlich eher schnell als langsam. Trotzdem war mein Vater noch – wenn er es denn wollte – vollkommen klar im Kopf. Wenn er es nicht wollte, dann machte er – so nahm ich es zumindest wahr – zunächst kürzere und später dann ausgedehntere Ausflüge in irgendwelche Zwischenwelten, aus denen er sich oft nur unwillig zurückrufen ließ. Schmerzen hatte er nicht, aber gegen die ununterdrückbare Unruhe durfte er die unterschiedlichsten Medikamente ausprobieren (die alle keine überzeugende Wirkung zeigten).

Noch immer waren die Besuche von Familie und Freunden die Höhepunkte im Tagesablauf. Abends, wenn meistens nur noch mein Bruder oder ich bei ihm waren, zeigte sich manchmal, wie erschöpft mein Vater eigentlich war. Das konnte natürlich nur sehen, wer sich von der ständigen Aktivität und der Unruhe nicht täuschen ließ. Da sich abends bei ihm – wie auch bei den meisten anderen Hospizgästen – die Ängste und die Unruhe eher verstärkten, bekam er nach dem Abendessen meist die größte Medikamentengabe des Tages. An guten Abenden ging es dann einigermaßen; wenn die Besucher gegangen und die Bewohner versorgt waren, saß er oft halbwegs gemütlich am Esstisch und plauschte mit dem Spätdienst oder auch dem Nachtdienst, während dieser die Küche aufräumte. An schlechten Abenden blieb die Küche sich selbst überlassen, weil der Spätdienst mit meinem Vater eine Runde nach der nächsten drehen musste. Einmal rief mich der Nachtdienst kurz nach Mitternacht bei mir an, weil mein Vater nicht aufhörte, nach meiner Mutter zu rufen (und die Kollegen natürlich wussten, dass ich viel näher am Hospiz wohnte als meine Mutter). Ich verließ also mein gemütliches Bett wieder, bestellte ein Taxi und verbrachte eine gemütliche Plauderstunde mit meinem Vater, bevor er mich wieder nach Hause schickte (und versprach, auch meine Mutter bis zum Morgen schlafen zu lassen).

Mein Vater war noch immer recht beweglich. Kürzere Strecken schaffte er ganz ohne Gehhilfe, ansonsten benutzte er im Haus entweder den Rollator oder seinen Stock. Den Rollstuhl brauchte er nur draußen und auch da stand er gelegentlich auf, um ein paar Schritte zu gehen. In den ersten zwei Wochen im Hospiz machte er noch regelrechte Gehübungen, sogar mit Treppenstufen. Meine Mutter war enthusiastisch, ermutigte ihn wie ein Personal Trainer zu immer noch einer Stufe mehr, freute sich sehr an seinen Fortschritten und war sehr überrascht, als mein Vater von einem Tag zum nächsten seine diesbezüglichen Bemühungen einstellte. Sein Interesse am Treppensteigen war erloschen, warum, konnte er selbst nicht sagen.

Ich hatte natürlich längst und bereits mehrmals „Anzeichen des nahenden Todes“ gegoogelt – und absichtlich wieder vergessen. Ich wollte meinen Vater ja nicht „belauern“ und anhand irgendwelcher Symptome und Wahrnehmungen meinerseits auf ein bestimmtes Stadium festlegen. Trotzdem fiel mir auf, dass er anfing, die sogenannte Symbolsprache zu benutzen. Als Symbolsprache wird eine meistens sehr bilderreiche Sprache bezeichnet, die Menschen in Ausnahmesituationen und vor allem Sterbende benutzen, wenn ihre „normale“ Sprache ihre Erlebniswelt nicht mehr beschreiben kann. Es ist auch eine Möglichkeit, seine Umwelt verschlüsselt darüber zur informieren, dass man sich der Tatsache, dass man sterben wird, bewusst ist. Typisch bei Menschen, die sich auf den Tod hinbewegen, sind Bilder, die mit Reisen, Warten und Heimat zu tun haben. Bei meinem Vater war es das Abgeholtwerden. Immer wieder erzählte er uns, er müsse sich vorbereiten, weil ja bald abgeholt werde. Die Frage, wer ihn denn abholen komme, konnte oder wollte er mir aber nicht beantworten. Ein bisschen beunruhigend war das schon, aber trotzdem fand ich dieses Bild ganz schön und tröstlich, denn Abgeholtwerden bedeutet ja vor allem, dass man einen Weg nicht alleine antritt. Die Vorstellung, dass wir meinen Vater bis zu einem gewissen Punkt begleiten und ihn dann in die Obhut anderer Begleiter entlassen würden, die „drüben“ schon auf ihn warteten, gefiel mir. Vor meinem geistigen Auge sah ich verschiedene Freunde und Verwandte… und diverse Katzen.

Ein bisschen schwieriger wurde es, als mein Vater anfing, sich Dinge einzubilden. Ich erinnere mich gut an einen Samstag, an dem mein Freund und ich vormittags mehrere Stunden in der Stadt unterwegs waren und verzweifelt nach Socken suchten, die dehnbar genug waren, um über einen verbundenen Fuß zu passen. Hoffnungslos, wie wir nach dem Durchkämmen von Sanitätshäusern, Fachgeschäften und Kaufhäusern feststellten – angeblich gab es so etwas gar nicht. Wir kauften schließlich die größten und dehnbarsten Socken, die wir finden konnten, wissend, dass sie nicht groß genug waren, aber immerhin besser für Elefantenfüße geeignet als die starren Wollsocken, die mein Vater normalerweise trug (ich bestellte – ein Hoch auf das Internet! – später am Abend übrigens perfekte Socken bei einem der großen Allround-Versandanbieter, die mein Vater ganz großartig fand und immerhin noch einen Tag lang trug).

Da es an diesem Tag in Strömen regnete und die Hamburger Innenstadt so voll war wie eben die Hamburger Innenstadt an einem Samstagvormittag ist, kamen wir schließlich, viel später als geplant, sehr erschöpft im Hospiz an. Mein Vater war nicht gut drauf und meckerte nur über die Socken, die wir ihm zur Ansicht mitgebracht hatten. Da es noch regnete, konnten wir ihn nicht mit einem Spaziergang im Park ablenken. Mein Freund und ich waren erschöpft und frustriert über den vergurkten Vormittag und hatten etwas Mühe, uns diesen Frust nicht anmerken zu lassen. Aber es kam noch schlimmer.

Mein Vater, der eben noch übellaunig vor sich hingeglotzt hatte, schrie plötzlich entsetzt: „Oh Gott, da ist ja überall Wasser auf dem Fußboden!“

Wir sahen zu Boden. Nichts. Natürlich.

„Papa, da ist kein Wasser. Da spiegelt sich nur das Licht von der Lampe bei diesem komischen Dämmerlicht. Oder so!“

„Da ist überall Wasser“, beharrte mein Vater. „Ihr müsst was tun!“

Da uns nichts Besseres einfiel und wir schnell merkten, dass Widerspruch meinen Vater nur noch mehr aufregte, rutschten mein Freund und ich in der nächsten halben Stunde etwas ziellos auf dem Fußboden des Zimmers herum, wischten mal hier und da (trockenen Boden, versteht sich) und zeigten abwechselnd meinem Vater trockene Hände und Hosenbeine. Was ihn nicht dauerhaft beruhigte. Etwas später betrat die famose Pflegekraft Frau K. das Zimmer, eigentlich um den Fußverband zu wechseln, und gesellte sich zu uns. Sie hatte auch keine besseren Argumente als wir, kommunizierte aber mit sehr viel weniger Unsicherheit, so dass es ihr weit besser als uns gelang, meinen Vater zu beruhigen. Ich bewunderte ihre Gelassenheit und die Fähigkeit, sich auf die schräge Wahrnehmung meines Vaters einzulassen. Sie versuchte nicht, ihm etwas auszureden, schaffte es aber, offenbar vor allem durch ihre Ruhe und Bereitschaft, sich auf die hinter der vordergründigen Angst vor einer Überschwemmung seines Zimmers einzulassen, ihm das Gefühl zu vermitteln, doch in Sicherheit zu sein.

Was an diesem Nachmittag mit ihm los war, konnten wir nicht genau klären. Vielleicht hatte es auch mit den verschiedenen Medikamenten, die mein Vater bekam, zu tun. Da seine Unruhe nach wie vor ein riesiges Problem darstellte und er sich, der nun doch nach und nach schwächer wurde, durch seinen Bewegungsdrang ständig selbst in Gefahr brachte, probierten wir bzw. das Pflegeteam in Absprache mit der Ärztin, die mehrmals wöchentlich vorbeischaute, verschiedene starke angstlösende Medikamente. Nacheinander natürlich, aber eben doch in kurzem Abstand. Und auch wenn die gewünschte Wirkung bei meinem Vater nicht oder nicht so wie gewünscht eintrat, durfte man natürlich die möglichen Nebenwirkungen nicht aus den Augen verlieren. Wahrnehmungsstörungen standen sicher auf allen Beipackzetteln und da keiner im Familienkreis niemand über Erfahrungen mit dieser Art Medikament verfügte, vertrauten wir auch in dieser Hinsicht dem erfahrenen Pflegeteam des Hospizes.

Dass mein Vater es – auf welcher Ebene auch immer – schwer hatte, seinen Frieden mit sich und der Welt zu machen, war uns mittlerweile ja hinlänglich bewusst. Auch der geschützte Raum, den das Hospiz ihm und uns bot, konnte ihm die Arbeit, die er offenbar mit sich selbst noch zu erledigen hatte, nicht abnehmen. Mein Vater war froh, noch am Leben und im Hospiz zu sein, war auch dankbar für diese Zeit der Selbstreflexion – und litt doch zunehmend darunter, zwischen Rastlosigkeit und Schwäche gefangen zu sein. Er wollte kein wie auch immer beschleunigtes Sterben, aber er wünschte sich mehr und mehr, es möge doch einfach passieren.

Ich versuchte oft, mir vorzustellen und nachzufühlen, was mein Vater durchlebte. Ich erinnerte mich an einen ganz und gar furchtbaren Zustand, in den mich eine entzündete Zahnwurzel vor Jahren gebracht hatten: Nach einer Wurzelbehandlung hatte mein Zahnarzt mich mit Schmerzmitteln (für den Fall, dass die Entzündung durch nur eine Behandlung noch nicht unter Kontrolle zu bringen war) nach Hause geschickt, unter anderem mit speziellen codeinhaltigen Zahnschmerztabletten für die Nacht. Die nahm ich, da die Schmerzen nicht aufhörten, sondern wieder schlimmer wurden, auch ein, dazu im Laufe des Abends noch die für den nächsten Tag. Das Codein hätte mir ja eigentlich beim Schlafen trotz Schmerzen helfen sollen; da die Schmerzen aber zu stark waren, schlief ich nicht, sondern geriet in einen äußerst fiesen Zustand der Benebelung, der mich eigentlich komplett bewegungs- und entscheidungsunfähig machte. Kombiniert mit Zahnschmerzen, die mich die Wände hochlaufen ließen. Mein Körper war durch Schlafmangel und Codein völlig platt, aber mein Kopf war hellwach und mein Schmerzempfinden auf höchster Einstellung. Ich glaube, ich habe mich weder vorher noch später jemals wieder so ausgeliefert und hilflos gefühlt. Diese Nacht liegt mindestens zwanzig Jahre zurück, aber ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich mich damals gefühlt wirklich an der Grenze zum Wahnsinn befand.

Wie gesagt, sicherlich ist meine Erfahrung ein Dreck im Vergleich zu dem, was mein Vater in diesen letzten Wochen durchlebte. Aber sie hatte mich in kürzeste Zeit an die Grenze der Belastbarkeit gebracht. Und mein Vater befand sich nun seit Wochen in einem solchen Zustand -ohne die geringste Aussicht darauf, dass irgendwann alles gut werden würde und er zu einem normalen Leben zurückkehren könnte. Er war unglaublich erschöpft, aber er konnte einfach nicht ruhen. Er musste weiter, weiter, weiter. Irgendwohin, irgendwem entgegen. Es war schwer, das auszuhalten, und ich hoffte sehr, dass die inneren oder spirituellen „Begleiter“, auf die mein Vater so sehnlichst wartete, nun bald kommen würden, um ihn abzuholen.

Und so antwortete ich ihm, als er das nächste Mal verzweifelt fragte, wie lange es denn noch dauern würde: „Sie werden bald kommen, Papilein. Sie kommen, um dich abzuholen. Ich bin sicher, es wird nicht mehr lange dauern.“

Mein Vater sah mich einen Moment an, als überlege er, ob er sich vielleicht verhört hatte. Dann rückte er etwas näher, holte tief Luft und fragte: „Glaubst du das wirklich? Dann bin ich froh.“ Und ich nickte und er lächelte und ich lächelte zurück und freute mich auch.

 

 

 

2 Kommentare

  1. Ja, allerdings. Und das Hirn wegblasen, so dass man, was eine Antwort betrifft, mühsam irgendwelche Worte aneinanderreiht, ohne eine Ahnung zu haben, was man eigentlich sagen will bzw. sagen sollte. Jedenfalls ging es mir so und ich war heilfroh, dass mein Vater mit meinem Gestammel zufrieden war.

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