Wann gibt es endlich Abendessen?

„Was ist denn mit dir los, Fritte?“, fragte die nicht mehr ganz so dicke Frau amüsiert. „Du hast ja einen ganz dicken Schwanz!“

Haselfritt Frittenmaus zog unverzüglich den Bauch ein, drückte die Brust raus und sträubte seinen Schwanz noch etwas heftiger. „Jawohl!“, rief er theatralisch. „Sie konnten mir vieles nehmen: Meine Zähne, meine Eier … meine wunderschönen Eier. Aber nicht meinen dicken Schwanz!“

„Eigentlich ist er eher puschelig als dick“, sinnierte die nicht mehr ganz so dicke Frau. Und von der anderen Seite des Sofas meldete sich Frl. Leonie Mau zu Wort: „Ich finde, er sieht ein bisschen wie eine Klobürste aus.“

„Pöh!“, machte Fritte und galoppierte noch eine Runde durchs Wohnzimmer, natürlich weiterhin mit maximal gesträubtem Fell. „Dieses ganze Tatü Tata da draußen und die ganzen Einsatzwagen, die mit Blaulicht falschrum durch die Einbahnstraße kacheln, machen mich ganz wuschig.“

„Meinst du, die suchen dich?“, fragte Leo unschuldig. „Hast du wieder ein Fischgeschäft überfallen und dabei vergessen, deine Maske aufzusetzen?“

„Nein“, erwiderte Fritte würdevoll. „Das war nicht ich. Das war ein Waschbär. Er wollte mir später einen Teil seiner Beute verkaufen, aber die Fische rochen irgendwie eigenartig. Da habe ich mir beim Bäcker an der Ecke ein Käsebrötchen geklaut, ohne Gurke natürlich, und bin nach Hause gegangen.“

„Bei dem Bäcker, der dein Fahndungsfoto an der Wand hängen hat?“, fragte Leo interessiert. „Der hat neulich zu mir gesagt – als ich mir eine kleine Portion Sahne gekauft habe – dass er dich anhand der Gurkenspur, die vom Bäcker bis zu unserem Haus führt, überführen würde.“

„Unsinn!“, grinste Fritte. „Der tappt komplett im Dunkeln. Und ich habe die Gurke extra vor die Tür des Nachbarhauses geworfen. Ist von der Sahne noch etwas übrig? Frage für einen Freund.“

„Leider nein“, lächelte Leo hoheitsvoll und rieb sich den Bauch. „Wie gesagt, es war nur eine kleine Portion.“

Fritte betrachtete Leos flauschiges Bäuchlein bewundernd. „Und sie steht dir ganz bezaubernd. Darf ich mal anfassen?“

„Wehe!“, fauchte Leo. „Mein Bauch gehört mir.“

Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau schaltete sich wieder in die Unterhaltung ein: „Ganz richtig, Leo. Lass dir nichts anderes einreden. Dein Bauch gehört dir und kein Kerl hat daran rumzugrabbeln.“

„Genau“, bestätigte Leo. „Und zuallerletzt Fritte, der eine Waschbärmaske trägt.“

„Ist nicht mal langsam Zeit fürs Abendessen?“, fragte Fritte. „Ich habe schrecklichen Hunger und es ist bestimmt schon sehr spät. Glaube ich.“

„Na klar“, lächelte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Nur noch ungefähr acht Stunden. Es ist zehn Uhr morgens.“

„Aber mein Magen knurrt!“, rief Fritte verzweifelt. „Du weißt doch, dass Hungern für Katzen sehr gefährlich ist, dass sie nach gerade mal einen Tag lang nichts essen sofort eine Fettleber bekommen und sterben können. Das kannst du doch nicht wollen!“

„Natürlich nicht“, bestätigte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Deswegen gibt es ja zwei Mahlzeiten am Tag, in regelmäßigen Abständen. Wie gesagt: Abendessen in acht Stunden.“

„Du kannst dich ja schon vor deinen Napf setzen und eingefallen aussehen“, schlug Leo vor. „Vielleicht kriegen wir dann schon um viertel vor sechs was.“

„Bis dahin bin ich längst verhungert!“, protestierte Fritte aufgebracht. „Das wird euch noch sehr leidtun.“

„Bestimmt“, stimmte ihm Leo zu. „Sehr, sehr leid. Wir werden beim Abendessen sitzen, an dich denken – und es wird uns sehr leidtun.“

„Nimmt mich hier eigentlich niemand mehr ernst?“, rief Fritte wütend und puschelte mit dem letzten Rest seiner Energie seinen Schwanz so auf, dass dieser aussah wie eine XXL-Klobürste. „Ihr seid doch doof.“

Leo und die nicht mehr dicke freundliche Frau warfen sich einen Blick des stillen Einverständnisses zu und sagten nichts. Fritte starrte sie noch eine Weile zornig an, bevor es ihm zu langweilig wurde und auch ein bisschen zu anstrengend, sein Fell so stark zu sträuben. Also nahm er nach und nach wieder normale Ausmaße an und setzte sich hin, um sich hingebungsvoll zu putzen, wobei er die Uhr im Auge behielt, um bloß nicht das Abendessen zu verpassen.

Auf der anderen Seite des Sofas rollte sich Leo wieder zusammen und begann leise zu schnurren.

Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau nahm ihr Telefon in die Hand und tippte darauf herum.

Ein entspannter Sonntagvormittag im Hause Keinzahnkatzen.

 

 

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