Zwischen den Stühlen, aber zack zack.

Zwei Tage nach dem ersten Fuß schlug mein Vater sich bei seinem unruhigen Hin und Her auch den zweiten Fuß blutig. Fortan war er mit zwei dick verbundenen und trotzdem nässenden Elefantenfüßen unterwegs, die nur notdürftig mit Plastiküberziehern geschützt werden konnten. Was ihn aber nicht davon abhielt, ständig auf Tour zu sein. Zu sehr hatte ihn die Nachricht, dass er ins Hospiz umziehen müsse, aufgescheucht. Obwohl wir mit unserer Anmeldung in zwei Einrichtungen und den Besichtigungen ja die Forderung des Krankenhauses erfüllt hatten und nun – so wie die Ärztin und die Dame vom sozialen Dienst es angedeutet hatten – weitere Entwicklungen erst einmal in Ruhe abwarten konnten, hatte sich jetzt der Gedanke in meinem Vater verdichtet, dass er lieber früher als später umziehen wollte. Und das verstärkte seine Unruhe natürlich noch.

Allein eierte er mit seinem Rollator durch die Gänge und sobald Besuch kam, musste dieser ihn im Rollstuhl über das gesamte Krankenhausgelände schieben. Man kannte uns schon: Der freundlich grüßende Herr mit dem bekleckerten Pulli und der hochgeschobenen Schlafanzughose, aus dem riesige feuchte Watteklumpen zu ragen schienen. Durch die Gegend bugsiert von einer erschöpften Begleitung mit hängender Zunge und tiefen Ringen unter den Augen.

Nachdem er zunächst nur sehr zögerlich die ersten nicht zur Familie gehörenden Besucher zugelassen hatte, konnte mein Vater nun plötzlich kaum genug von der Gesellschaft diverser Freunde und Bekannte bekommen. Was sich in seinem Bekanntenkreis in Windeseile herumsprach und dazu führte, dass er einen Besuchskalender anlegen musste, in dem die mit den Besuchswilligen vereinbarten Termine und Zeiten festgehalten wurden. Denn erinnern und richtig wiedergeben konnte er die besprochenen Details meistens nicht. Aber auch mit schriftlich fixierter Terminplanung ging vieles schief und mein Bruder und ich mussten immer häufiger feststellen, dass gerade die  Zeiten, die uns, die wir ja mehr oder weniger täglich kamen, einen halbwegs sinnvollen Tagesablauf (bzw. wenigstens ab und zu auch mal eine andere, eventuell sogar urlaubsartige Aktivität) ermöglicht hätten, von irgendwelchen externen Besuchern, die ihren Einmal-pro-Woche-Besuch auch zu jeder anderen Zeit hätten planen können, belegt waren.

Natürlich war ich wieder diejenige, die deswegen auf den Putz hauen musste. Mein Bruder war dafür zu nett und meine Mutter zu gestresst. Sie hatte es schwer in dieser Zeit, weil sie nie wusste, was sie bei meinem Vater erwartete: Es gab Tage, da bekam er seine Unruhe während ihrer Besuche halbwegs unter Kontrolle, es gab intensive Gespräche zwischen den beiden und eine Innigkeit, die ihnen umständehalber in der letzten Zeit (die, wenn man es genau nahm, ja schon weit über ein Jahr andauerte) verwehrt geblieben war. An anderen Tagen bekam mein Vater seine Unruhe nicht in den Griff, umkreiste wie ein rollatorendes Duracell-Häschen meine Mutter, die verzweifelt versuchte, ihren Fokus nicht zu verlieren, und zum Schluss waren beide erschöpft und frustriert.

Manchmal fragte ich mich, ob mein Vater vielleicht zu viel Besuch bekam und die reichlich vorhandene Ablenkung auf längere Sicht sein Nicht-zur-Ruhe-kommen nur verstärkte. Gesprächsangebote hatte er sicherlich genug, außer Freunden und Bekannten sprach er ja auch mit der Familie und natürlich mit dem großartigen Team der Palliativstation, wo wirklich jeder ein professionelles und offenes Ohr für ihn hatte. Aber Zeit für kontemplative Betrachtungen zwischen den ganzen Begegnungen schien er sich – zumindest für meine Wahrnehmung – nur wenig zu nehmen. Er erzählte auch kaum darüber, was er mit seinen Besuchern unternommen hatte (weitaus häufiger erzählten die Besucher davon). Meine Mutter stimmte mir in dieser Hinsicht zu. Da aber inzwischen viele Freunde und Bekannte direkt bei meinem Vater anriefen oder eben vor Ort gleich neue Termine mit ihm ausmachten, hatte sie nur wenig Gelegenheit, Einfluss zu nehmen.

Es arbeitete in meinem Vater, das war deutlich zu sehen. Er war im Großen und Ganzen gut drauf, freute sich über das schöne Wetter, freundliche Menschen und gutes Essen. Gleichwohl war offensichtlich, dass er sich nicht mehr zu sehr an Dingen freuen konnte und wollte. Er lebte im Hier und Jetzt und verweigerte sich jeder Aktivität und im Grunde jeder Regung, die eine weitere Bindung an irgendwas bedeutet hätte. Kein Fernsehen, keine Bücher, keine Musik (außer wenn mein Bruder mit Gitarre anrückte). Er wollte auch keinen Laptop, um an seinen Grafiken und anderen unfertigen Dingen weiterzuarbeiten. Ganz offensichtlich hatte er, wenn auch überstürzt, Abschied von diesen Komponenten seines Lebens genommen und wollte sich die Schmerzen einer erneuten Annäherung, die ja irgendwann ein weiteres Loslassen notwendig machen würde, nicht mehr antun.

Wir akzeptierten dies natürlich, aber die Tatsache, dass ihn eigentlich nur menschliche Kontakte unterhielten und ihm Freude bereiteten, war durchaus auch belastend. Wir versuchten, je nach individueller Einschätzung der Gesamtsituation mit mehr oder weniger Überzeugung, nun aber immerhin unter Einbindung aller freiwilligen Besucher aus der Verwandtschaft und dem Freundeskreis, den Wunsch meines Vaters nach möglichst viel Besuch zu erfüllen. Das bedeutete, dass meine Mutter, mein Bruder und ich uns nicht mehr mit den Tagen abwechselten und so wenigstens alle zwei oder drei Tage mal besuchsfrei hatten, sondern uns meistens nur noch darüber verständigten, wer morgens, mittags und abends zu meinem Vater fuhr.

Die Zeiten, die wir in den Besuchskalender eingetragen hatten, mussten wir dann unter allen Umständen einhalten. Wenn die Besucher sich nicht ohnehin die Klinke (oder die Griffe des Rollstuhls) in die Hand gaben, sondern mein Vater zwischendurch allein war, wartete er extrem ungeduldig auf uns, kam uns oft schon in der Eingangshalle des Krankenhauses entgegen. Und strahlte, wenn wir dann endlich (nach normaler Zeitrechnung etwa eine Viertelstunde früher als vereinbart) hektisch hereingestolpert kamen.

„Ach, Bettina“, rief er mir dann entgegen, „da bist du ja endlich! Wie schön!“ Und die Freude schien ihm wirklich aus allen Knopflöchern und ich konnte mich nicht an eine einzige Situation in unserem früheren Leben erinnern, in der mein Vater seiner Freude über mein Erscheinen so ungefiltert und dankbar Ausdruck verliehen hatte. Unter anderen Umständen hätte mich dies sicherlich sehr verlegen gemacht, aber ohne mir viel Gedanken darüber zu machen, merkte ich, dass ich über dieses Stadium längst hinaus war.

„Hallo Papilein“, rief ich also zurück. „Ich freue mich auch, endlich wieder hier zu sein. Ist ja mindestens zwölf Stunden her. Und wenn du mir jeden Tag etwas weiter entgegenkommst, holst du mich übermorgen wahrscheinlich vom Bus ab und ab nächste Woche von zu Hause!“

Dann gingen wir meistens in sein Zimmer, weil ich vor unserer ersten Rollstuhl-Runde über das Krankenhausgelände etwas trinken musste, und mein Vater eröffnete die Unterhaltung mit der üblichen Frage: „Hat sich das Hospiz gemeldet?“

„Nein“, sagte ich. „Bisher noch nicht. Das hätte ich dir doch sofort erzählt.“

„Aber warum dauert das denn so lange?“ im Ton von „Sind wir bald da? Kann ich ein Eis? Ich muss Pipi.“

„Weil das Hospiz dir keinen freien Platz anbieten kann, solange es keinen hat. Und damit ein Platz frei wird, muss einer der Bewohner dort sterben. Und zwar, wenn er dazu bereit ist. Das würdest du doch nicht beschleunigen wollen, oder?“

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte mein Vater. „Aber es dauert doch nun schon sehr lange, oder? Könnt ihr nicht noch einmal dort anrufen und fragen?“

„Sicher“, antwortete ich, „aber noch nicht heute. Ich war doch vorgestern erst dort. Ein bisschen Zeit zwischendurch müssen wir den Menschen doch lassen.“

Mein Vater hat kein valides Gegenargument, war aber sehr unzufrieden mit meiner Auskunft. Umso mehr, als wenige Tage später wieder ein freundlicher Arzt hereinkam und uns unter offensichtlichem Bedauern darüber informierte, dass die Krankenhausleitung leider von ihm verlangte, uns zum Gehen aufzufordern. Mein Vater könne nicht im Krankenhaus bleiben und wenn nicht in sehr absehbarer Zeit ein Hospizbett für ihn frei würde, sollten wir uns bitte nach einer anderen Lösung bzw. Zwischenlösung umschauen.

Mein Vater war entsetzt und panisch und meine Mutter ließ sich von ihm anstecken. Ich interpretierte den nicht sehr glücklich aussehenden Arzt, dessen Botschaft sehr offensichtlich nicht seiner eigenen Überzeugung entsprach, dahingehend, dass er hier seiner Pflicht genügte, uns „hinreichend Druck zu machen“, persönlich aber nicht die Absicht hatte, meinen Vater vor die Tür zu setzen. Das konnte er uns aber natürlich nicht unverblümt sagen. Er kam nur seiner Pflicht nach und hoffte mit uns, dass, während wir „andere Lösungen bzw. Zwischenlösungen“ prüften, uns doch plötzlich ein Platz im Hospiz angeboten würde. Oder dass mein Vater den Löffel abgab… aber den Eindruck hatte man, wenn man ihn so durch die Station toben sah, wirklich nicht. Was würden wir also tun, wenn in den Hospizen – vielleicht wegen des schönen Sommerwetters – nun gar niemand mehr sterben wollte und wenn das Krankenhaus langsam die Schraube anzog?

 

Sachlicher Nachtrag:

Der freundliche Arzt der Palliativstation hat uns gegenüber das Wort Fallpauschale nicht benutzt. Erst später hatte ich Zeit und Muße, mich über diesen schönen Begriff und andere Vokabeln wie „mittlere Verweildauer“ und „obere Grenzverweildauer“ zu informieren. Ich lernte, dass Palliativstationen jahrelang von diesen Werkzeugen zur Kostensenkung verschont geblieben waren, seit 2014 aber auch über das Fallpauschalen-Vergütungssystem der Krankenkassen abrechnen müssen. Es geht also auch bei der Begleitung schwerst- und sterbenskranker Menschen vorrangig um Wirtschaftlichkeit. Eine Überschreitung der oberen Grenzverweildauer kann nicht mehr oder nur noch mit einem riesigen Dokumentations- und Nachweisaufwand finanziert werden… oder aus anderen Quellen wie z. B. Spendengeldern. Die man aber natürlich sehr viel lieber zur Finanzierung anderer Extras einsetzt und die ja meistens auch langfristig verplant sind, wie ich annehme.

Einen sehr interessanten Artikel zu dieser Problematik kann man hier lesen:

http://www.merkur.de/leben/gesundheit/palliativ-medizin-sterben-zeiten-fallpauschale-2984161.html

 

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