Zeit fürs Frühstück.

„RRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR!“

„Fritte, warst du das?“, fragte Frl. Leonie Mau in die dunkle Nacht.

„Ich?“, fragte Ethelfritt von Frittenhusen zurück. „Natürlich nicht. Aber möglicherweise war das mein Magen.“

„Dein Magen?“

„Ja, ich habe schrecklichen Hunger!“, erwiderte Fritte. „Wie spät ist es eigentlich?“

Leo kletterte über den schlafenden Berg im Bett, der möglicherweise eine nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau, die sich in eine Bettdecke gewickelt hatte, war, um auf das Display des am Ladekabel hängenden Telefons zu gucken. „Viertel nach vier.“

„Hm“, murmelte Fritte enttäuscht. „Bestimmt sagt sie wieder, das sei zu früh für Frühstück.“

„Seid ihr wach?“, fragte eine leicht verschlafene Stimme, die auf etwas krummen Halbdackelbeinen ins Schlafzimmer tapste und eventuell zu einem kleinen freundlichen Hund gehörte. „Habt ihr auch so einen Hunger?“

„Das kommt davon“, erklärte Leo in oberlehrerinnenhaftem Ton, „dass ihr die Menschen gestern so früh ums Abendessen angeschnorrt habt. Das war um fünf Uhr nachmittags. Kein Wunder, dass ihr jetzt wieder Kohldampf schiebt.“

„Du hast aber auch fröhlich so früh gegessen“, sagte der kleine freundliche Hund. „Ich habe genau gehört, wie du hinter der verschlossenen Schlafzimmertür Trockenfutter geknabbert hast.“

„Äußerst damenhaft, wolltest du sicher sagen, oder? ODER?“

„Selbstverständlich!“, beeilte sich der kleine freundliche Hund zu versichern. „Wie eine echte Lady. Ein Stückchen nach dem anderen. Und zwischendurch immer das Besteck aus der Hand gelegt.“

„Welches Besteck?“, wunderte sich Fritte, der schon wieder von einem großen Magenknurren geschüttelt wurde und sich dabei erschrocken den Bauch hielt. „Meine Güte, das klingt, als hätte ich versehentlich den Nachbarshund verschluckt! Bevor er sein Abendessen zu sich nehmen konnte.“

„Wie spät ist es denn jetzt?“, fragte der kleine freundliche Hund hoffnungsvoll.

„Sechzehn Minuten nach vier“, gab Leo zurück. „Ich finde, das ist durchaus nicht zu früh, mit dem Aufwecken der Menschen zu beginnen. Natürlich ganz sanft, so dass sie schließlich denken, sie wären von alleine aufgewacht.“

Sie kletterte über das Gebirge im Bett zurück auf ihr Kissen und setze sich ganz gemütlich so hin, dass ihre Nase nur etwa fünf Zentimeter von der aus dem Bettdeckenburrito herausragenden Nase der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau entfernt war. Sie riss die Augen weit auf, starrte entrückt ins Nichts und begann mit einem Schnurren, das fast so laut war wie Frittes Magenknurren.

„Wahnsinn!“, murmelte der kleine freundliche Hund beeindruckt.

„Suggestivschnurren!“, stellte Fritte begeistert fest. „Das kann niemand so gut wie Leo. Normalerweise dauert es keine fünf Minuten, bis die nicht mehr ganz so dicke Frau davon aufwacht, ohne zu bemerken, dass Leo sie wachgeschnurrt hat.“

„Wahnsinn!“, wiederholte der kleine freundliche Hund. „Ob sie das auch bei dem großen freundlichen Mann mal probieren könnte. Der ist wirklich ein harter Brocken, wenn es ums Aufwecken geht. Außerdem hat er Stöpsel in den Ohren.“

„Wie weckst du ihn denn normalerweise?“, fragte Fritte interessiert, während Leo, die bemerkt hatte, dass die Augenlider der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau zuckten, noch einen Gang hochschaltete, so dass ihr Schnurren nun klang wie ein startender Hubschrauber. Das ganze Bett vibrierte davon und der kleine freundliche Hund machte vorsichtshalber einen Schritt zurück.

„Naja, entweder kuschele ich mich an ihn und schiebe ihn Millimeter für Millimeter zur Seite, sodass er fast aus dem Bett fällt. Kurz bevor er abstürzt, wacht er meistens auf. Bis dahin kann es aber eine halbe Stunde oder länger dauern.“

„So viel Zeit haben wir nicht“, sagte Fritte. „Ich bin schon ganz schwach vor Hunger. Schau mal, wie eingefallen ich aussehe.“

Soweit der kleine freundliche Hund das in der Dunkelheit beurteilen konnte, sah Fritte aus wie ein pausbäckiger Kater mit eingezogenen Wangen, aber vielleicht lag das auch der Dunkelheit im Schlafzimmer. Also behielt er diese Beobachtung vorsichtshalber für sich und fuhr fort: „Die andere Methode ist Schwanzwedeln. Wedel wedel wedel. Das erzeugt einen Luftzug und irgendwie eine Aura von Dynamik, regt also förmlich zum Aufstehen und Füttern an.“

„Und das funktioniert?“, fragte Fritte ungläubig.

„Selbstverständlich“, erwiderte der kleine freundliche Hund. „Wenn er sich nach zehn Minuten nicht rührt, ergänze ich das Wedel wedel wedel mit kleinen Quietschern. Dann wird er auf jeden Fall wach, weil er befürchtet, dass ich nicht mehr einhalten kann und auf die Badematte pinkle.“

„Du kannst gerne das Katzenklo benutzen!“, lud Fritte ihn ein. „Badematte klingt etwas unzivilisiert.“

„Nimm aber bitte Frittes Klo im Wohnzimmer!“, stieß Leo hervor, während sie ohne Unterbrechung weiterschnurrte. „Das Klo in der Küche ist meins und ein reines Damenklo.“

„Vielen Dank, sehr freundlich“, bedankte sich der kleine freundliche Hund und wedelte noch etwas heftiger: WEDEL WEDEL WEDEL.

Langsam kam Leben in das Deckengebirge im Bett. Eine Hand erschien und begann, die schnurrende Leo zu streicheln. „Hallo, Süße! Ist es schon Zeit fürs Frühstück?“

„JAAAAAA!“, riefen Fritte und der kleine freundliche Hund unisono und sprangen aufs Bett. Fritte kletterte auf den Bettdeckenburrito und trampelte dabei ordentlich herum. Der kleine freundliche Hund stellte sich auf die andere Seite des verwuschelt aussehenden Kopfes und wedelte, was die Rute hergab: WEDEL WEDEL WEDEL.

„Ihr seid ja auch alle da“, murmelte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Wie wundervoll.“ Sie drehte mühsam den Kopf und konnte aus dem Augenwinkel ihr Handydisplay sehen. „Es ist aber erst fünf vor halb fünf. Das ist ein bisschen früh fürs Frühstück, oder?“

Leo rutschte noch etwas näher an das Gesicht der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau heran. Ihre Nasenspitzen berührten sich jetzt und Leo erzeugte Geräusche, die klangen wie ein startender Düsenjet. Fritte begann, auf der nach oben zeigenden linken Hüfte der nicht mehr ganz so dicken Frau zu hopsen wie auf einem Trampolin und der kleine freundliche Hund wedelte nicht nur mit dem Schwanz, sondern auch noch mit einem spanisch aussehenden Fächer, den er in einer Schublade gefunden hatte.

Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau klappte das zweite Auge auf. „Ihr seid ja ein erstklassiger Weckdienst. Aber was ist mit dem großen freundlichen Mann? Kriegt ihr den auch wach? Ich wette zehn Leckerlis pro Nase, dass ihr dafür länger als zehn Minuten braucht!“

„Challenge accepted!“, riefen Fritte und der kleine freundliche Hund wie aus einem Mund, hechteten vom Bett und liefen ins Nachbarzimmer, um die Belagerung dort fortzusetzen. Leo schlenderte grinsend und schnurrend hinterher.

Die nicht mehr ganz so dicke Frau seufzte erleichtert, drehte sich wieder um und klappte die Augen zu. Sie wusste, dass die niedlichen kleinen Tiere nicht aufgeben, sondern den Terror fortsetzen würden, bis ihr Frühstück vor ihnen stand. Aber, so hatte die Erfahrung sie gelehrt, jede Sekunde Schlaf zählte, jede einzelne. „Alberne Pelzgurken“, murmelte sie schläfrig. Diesen Ausdruck hatte sie vor einigen Tagen im Internet gelesen und fand ihn irgendwie witzig. Und so schlief sie, während es im Nebenzimmer anfing zu schnurren, zu trampeln und zu wedeln, gemütlich wieder ein. Es war genau zwei Minuten nach halb fünf.

2 Kommentare

  1. Ist der Mann auch munter geworden?
    Fortzusetzung folgt?

    Die Beschreibungen sind großartig.

    Herzliche Grüße an Leonie Mau und Fritte Fritikowski und den kleinen Hund.

    Andrea

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