Abschied von Lotti. Eine Chronik der letzten Tage.

Es ging alles viel zu schnell. Eben schien noch Lottis verletzte und sich nicht richtig bessern wollende Pfote das Problem zu sein, als nächstes hörte die Tierärztin ein Herzgeräusch und verordnete einen Herzultraschall, dann konnte Lotti – wie wir dachten, aufgrund von Übelkeit, bekannter Nebenwirkung des für die Pfote verordneten Schmerzmittels – nicht mehr richtig fressen. Die Pfote machte weiterhin Probleme.

Die Vertretungstierärztin machte Röntgenaufnahmen von Pfote und Restkatze, die nicht dramatisch aussah, und empfahl uns wegen Lottis aufgeregten Hechelns dringend, den Termin für den Herzultraschall noch vor die Feiertage zu legen. Das war am 14. Dezember. Lotti bekam mehr Schmerzmittel und noch ein Antibiotikum dazu, das über zehn Tage zweimal täglich eingenommen werden sollte.

Ein paar Tage später holte ich, weil Lotti immer weniger fraß, noch ein weiteres Medikament ab, ein Psychopharmakon, das ins Ohr geschmiert wird und den Appetit anregen soll. Eine direkte Wirkung ließ sich in unserem Fall allerdings nicht feststellen.

Der Ultraschall fand am 22. Dezember bei einem auf Kardiologie spezialisierten Tierarzt statt. Dieser untersuchte Lotti sehr gründlich, fand sie munter und aufmerksam, sah sich die acht Tage alten Röntgenaufnahmen der Haustierarztpraxis an, ließ sich die bisherige Geschichte mit der Pfote erzählen und führte dann die Ultraschall-Untersuchung durch. Diese ergab nichts Dramatisches, Empfehlung: ein Atemtagebuch führen und in ca. 9 Monaten wiederkommen für einen weiteren Ultraschall. Auf einem der Röntgenbilder hatte der Doktor einen kleinen Schatten auf der Lunge wahrgenommen, sodass er uns ein erneutes Röntgen der Lunge empfahl. Wasser habe Lotti aber nicht in der Lunge, das hatte er geprüft.

Ein bisschen erleichtert gingen wir in das lange Feiertagswochenende, nahmen das Antibiotikum zu Ende und überlegten, wie wir Lottis Appetit anregen bzw. ihre offensichtliche Übelkeit eindämmen könnten. Sie kam zwar ein bis zweimal täglich in die Küche, aß dort aber nur winzige Portiönchen. Die restliche Zeit lag sie recht gemütlich auf ihrem Korbstuhl im Schlafzimmer oder im Bett, ließ sich bürsten und streicheln. Die Pfote tat aber offensichtlich noch immer sehr weh, sie hatte Schwierigkeiten beim Springen und ich gewöhnte mir an, sie ab und zu zu fragen, ob ich sie irgendwo hintragen sollte. Auch gab ich das Schmerzmittel weiter, das ich eigentlich hatte absetzen wollen (beides natürlich in Absprache mit dem Herzspezialisten).

Meine Hoffnung, dass es Lotti nun langsam besser gehen würde, erfüllte sich nicht. Sie fraß noch weniger, stand noch seltener auf und wirkte insgesamt ziemlich schwach. Ich servierte ihr Wasser, Trockenfutter und Leckerchen im Bett, aber sie aß nur ganz wenig und manchmal gar nichts. Trinken tat sie immerhin und sie schleppte sich auch in die Küche, um aufs Klo zu gehen. Musste sich aber auf dem Weg ein-, zweimal hinlegen und ausruhen. Vom Klo zurück trug ich sie dann und setzte sie wieder ins Bett, wo sie es sich dann gemütlich machte.

Das war am 25. Dezember. Mein Gefühl war schlecht und meine Hoffnung, dass Lotti sich erholen würde, sank stündlich. Unsere Haustierärztin hatte keinen Dienst über die Feiertage. Irgendein Nottierarzt, der uns und die Vorgeschichte nicht kennt, war, solange ich nicht das Gefühl hatte, dass Lotti sehr leidet, Schmerzen oder Luftnot oder Panik hat, keine Option. Und den Eindruck hatte ich glücklicherweise nicht: Lotti lag im Bett und versuchte, es sich komfortabel zu machen. Sie schnurrte und gab Köpfchen und kuschelte sich an mich an, wann immer ich mich zu ihr setzte.

Nun habe ich ja inzwischen ein bisschen Erfahrung mit Menschen in ihrer letzten Lebensphase und auch, wenn der Sterbeprozess bei Katzen sicherlich nicht ganz deckungsgleich verläuft, so habe ich doch einen besseren Blick und vor allem weniger Angst, genauer hinzuschauen: Lotti kam mir nicht sterbend vor. Aber auch nicht sehr weit davon entfernt. Die schmerzende Pfote und die Tatsache, dass wir deren Ursache nicht kannten, schien mir in diesem Moment nicht so wichtig zu sein. Meine Befürchtung war vor allem, dass Lottis Leberstoffwechsel wegen ihrer Appetitlosigkeit gekippt sein könnte. Bei Katzen ist es ja – im Gegensatz beispielsweise zu Hunden und Menschen – gar nicht gesund, wenn sie länger als 24 Stunden nichts essen. Ihnen fehlen irgendwelche Enzyme zur Verwertung ihres eigenen Körperfetts und so bildet sich bei ihnen im Falle des Abbaus ihrer „Reserven“ ziemlich schnell eine Fettleber, die ein großes gesundheitliches Problem darstellt bzw. in vielen Fällen tödlich ist.

Ich dachte sogar kurz über eine Zwangsernährung nach, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder. So etwas habe ich ja damals bei Ida versucht und im Nachhinein denke ich, dass – in Kombination mit der Tatsache, dass ich an Idas letzten Tagen auf dieser Welt wegen meines Jobs viel zu wenig Zeit hatte – diese uns den Abschied versaut hat. Dadurch, dass ich mehrmals täglich mit einer Päppelspritze hinter ihr herjagte und sie zum Essen nötigte, obwohl ihr nicht danach war, wurde sie vorsichtig mir gegenüber und wir hatten gar keine richtig entspannten Momente miteinander.

So beschloss ich, Lotti über die beiden Weihnachtsfeiertage möglichst nicht aus den Augen zu lassen beziehungsweise einfach nur bei ihr zu sein. Futter und Wasser anzubieten, aber sie nicht zu drängen. Mein Eindruck war, dass Lotti mit diesem Vorgehen sehr einverstanden war. Wir hatten eine gute Zeit miteinander. Auch Leo ließ sich immer mal im Schlafzimmer sehen und verbrachte etwas Zeit mit ihrer Schwester. Sie war ganz klar verwirrt und möglicherweise mehr gestresst als Lotti. Sie tat mir ein bisschen leid, aber immerhin fraß sie gut, sodass ich mir wenigstens keine Sorgen um sie machte.

Am 27. Dezember würden wir so früh wie möglich zur Tierärztin gehen, das stand fest. Eine kleine Hoffnung, dass diese noch ein Ass aus dem Ärmel schütteln und alles in Ordnung bringen würde, hatte ich noch – sehr realistisch kam mir die Hoffnung allerdings nicht vor; ich musste mich auch auf den Abschied vorbereiten. Egal. Bis zum 27. Dezember um 12 Uhr wollte ich einfach nur Zeit mit Lotti verbringen. Ihr keine Angst machen, sondern Mut. Sie liebhaben. Ihr glückliches Schnurren hören, wenn ich mich neben sie legte. Ihren deutlich dünner gewordenen Bauch kraulen. Erinnerungen schaffen. Ihr sagen, wie wichtig sie mir in den letzten vier Jahren geworden ist und dass ich unendlich dankbar für ihre Liebe und ihr Vertrauen bin. Sie hörte mir stundenlang sehr zufrieden zu und ich spürte, dass wir noch einmal, vielleicht zum letzten Mal, im Gleichtakt miteinander schwangen. Es war schön.

Der Morgen des 27. Dezember kam. Zu schnell und gleichzeitig nicht schnell genug. Lotti schimpfte im Transportkorb und im Taxi, während ich beruhigend auf sie einredete, ihr Näschen leuchtete vor Aufregung pink. Bei der Tierärztin war sie aber ganz lieb, ließ sich ohne Protest untersuchen, abhören und abtasten. Die Tierärztin teilte meine Sorge, auch weil Lotti seit dem letzten Wiegen noch einmal beträchtlich an Gewicht verloren hatte. Die verletzte Pfote fühlte sich kalt an und außerdem tastete sie einen Knoten im Unterbauch, der vor einigen Tagen noch nicht fühlbar gewesen war. Wir besprachen das weitere Vorgehen: Eine Blutuntersuchung, die die Tierärztin selbst auswerten würde, so dass wir nicht lange auf das Ergebnis warten müssten. Außerdem schlug sie vor, ein weiteres Röntgenbild zu machen, vor allem auch von der Lunge, wie vom Herzspezialisten vorgeschlagen.

Die Blutabnahme war fürchterlich. Lottis Blutdruck war im Keller, das Blut floss nur sehr zögerlich und Lotti hatte keine Geduld mit uns. Sie knurrte, fauchte und versuchte, sich unsichtbar zu machen. Als wir endlich genügend Blut in den verschiedenen Röhrchen hatten, waren wir alle drei ziemlich erschöpft. Das Röntgen (weil an diesem Tag keine Mitarbeiterin da war, durfte ich assistieren) war dagegen ein Kinderspiel. Dann wurde Lotti im ruhigen Hinterzimmer geparkt und ich nahm im Wartezimmer Platz, um die Auswertung der Blutanalyse abzuwarten. Das dauerte eine knappe Stunde.

Im Hinterzimmer zeigte mir die Tierärztin die neuen Röntgenbilder, das von der Lungenregion und das vom Unterbauch. Und dann sah ich es: Aus dem „Schatten auf der Lunge“, der vor nicht ganz zwei Wochen wirklich ein Schatten gewesen war, war nun eine riesige Raumforderung geworden, die die Lunge auf dem Röntgenbild fast verdeckte. Auch der Knoten im Unterbauch war deutlich zu erkennen.

„Wie kann so etwas so schnell wachsen?“, frage ich fassungslos.

Die Tierärztin erklärte mir, dass das selten sei, aber durchaus vorkomme. Und auch alles erkläre. Es gebe eine winzige Restchance, dass das Ganze kein Krebs sei, sagte sie traurig, aber eben: winzig. Und nur durch eine Punktion mit ans Labor eingeschickter Probe zu 100 Prozent zu klären.

„Die Zeit haben wir doch nicht!“, wiederholte ich laut, was meine innere Stimme laut schrie.

Die Tierärztin nickte traurig. Sie könne Lotti jetzt Cortison geben und ein anderes Antibiotikum. Und dann nach zwei Tagen noch einmal gucken. Ich fragte irgendwas und sie antwortete, bis ich die Frage, die ich eigentlich stellen wollte, formulieren konnte: „Und wenn es deine Katze wäre?“

„Für mich käme es nicht so überraschend“, sagte sie leise. Und schluckte.

Ich schluckte ebenfalls und sagte: „Ich hatte jetzt zwei Tage mit Lotti. Ich bin auf alles gefasst. Wir müssen nicht irgendwas mit Lotti machen, was ihr sehr wahrscheinlich sowieso nicht hilft, um mir mehr Zeit zum Verarbeiten zu verschaffen.“

Wir redeten ein bisschen hin und her, erwogen Möglichkeiten und Prognosen. Währenddessen gingen wir zurück ins Behandlungszimmer und ich konnte Lotti endlich wieder anfassen. Sie freute sich sehr, mich zu sehen, sah aber vollkommen erledigt aus. Und ihre Nase war nicht mehr pink, sondern bläulich.

„Das ist neu“, sagte ich und wir schauten beide die blaue Nase an.

„Das ist nicht gut!“, stellte die Tierärztin fest.

„Ich weiß“, erwiderte ich.

Die letzte Entscheidung, Lotti an Ort und Stelle gehen zu lassen, war dann gar nicht mehr so schwer. Während wir auf die Wirkung der ersten Spritze, der Narkose, warteten, machte Lottis Atmung plötzlich gurgelnde Geräusche, die sehr deutlich auf Wasser in der Lunge hindeuteten. Auch ihre Lippen und ihr Zahnfleisch wurden bläulich. Ich streichelte sie weiter und sprach leise mit ihr, hoffte, dass sie vom Aufgeben ihrer Organe nicht mehr so viel spürte. Sie war ganz ruhig und entspannt und wehrte sich nicht. Als ihr die Tierärztin dann einige Minuten später die Euthanasie-Spritze gab, atmete sie schon sehr flach und bewegte sich nicht mehr. Noch etwas später wurde die Atmung unregelmäßig und hörte schließlich – ohne den berühmten letzten tiefen Atemzug – ganz auf.

Wir warteten noch ein bisschen, bevor die Tierärztin Lotti noch einmal abhörte und bestätigte, dass die arme Maus es nun geschafft habe.

„Es war die richtige Entscheidung“, versicherte sie mir noch einmal, aber das wusste ich schon. Ich war erschöpft und tieftraurig, aber irgendwie auch erleichtert. Es ging alles sehr schnell, viel zu schnell. Aber dieses Mal war ich vorbereitet und ich hatte meinen Abschied von meiner liebsten Lotti.

Das Jahr endet nicht gut für uns. Leo ist verwirrt, sehr anhänglich und ganz klar traurig. Obwohl ich, wenn es nur um mich ginge, damit noch warten würde, schaue ich bereits nach einer neuen Zweitkatze, damit Leo nicht vereinsamt, wenn ich ab 8. Januar wieder arbeiten muss.

Lotti. Lotti Kompotti. Herrje. Dies ist gar kein Nachruf geworden, sondern eine bloße Schilderung der Ereignisse der letzten Tage und Wachen. Der Nachruf wird nachgereicht, versprochen. Ebenso die Antwort auf die Frage, ob Lotti ein Testament hinterlassen hat und was aus der Weltherrschaft und Jettes pinkfarbenen Pumps wird.

Kommen Sie gut ins neue Jahr. Wir bemühen uns auch um Zuversicht (die ja bekanntlich mein zweiter Vorname ist). Lassen Sie uns Lotti so erinnern, wie sie war: eine ganz besondere wunderschöne Katze mit dem Temperament eines Sofakissens und einer Vorliebe für Junkfood, die ihr Leben genossen hat. Ich glaube, sie hat es richtig gemacht.

 

 

 

16 Kommentare

    1. Das tut mir sehr leid. Lese es grad in der Bahn und Tränen laufen über mein Gesicht. Passt gut auf Euch auf und ich wünsche Euch viel Kraft.

    1. Liebe Bettina,
      Es tut mir unendlich leid, dass Lotti nicht mehr bei Dir und Leo ist. Ich hätte ihr noch ein paar Jahre mit vielen Leckerchen gegönnt. Aber ich freue mich für die, dass sie es die letzten Jahre bei Dir sein durfte und dass die letzten Tage für sie so gut als möglich sein konnten.
      Dir und Leo wünsche ich, dass ihr schnell eine neue Mitbewohnerin findet, die euch gut tut. Und ich bin mir sicher Lotti beobachtet Euch genau und passt auf euch auf.

  1. Jetzt muss ich heulen. Ich habe in diesem Jahr selbst so viele geliebte Katzen verloren, und jetzt so plötzlich noch deine Lotti, die ich von Beginn an ins Herz geschlossen hatte …
    Alles, alles Liebe dir und Leo (und natürlich auch dem freundlichen Mann und seinem Hund) aus Jordanien.

  2. Es tut mir so leid. Um Lotti. Um Leo.
    Um alle Katzen die uns verlassen, um die Katzen die sie vermissen, und die dazugehörigen Menschen.
    Aber wir wissen ja, Katzen sterben. Auch die, die wir lieben. Das ist leider nicht zu ändern.

  3. Liebe Bettina,
    das tut mir so leid, ich weine. Ich wünsche Dir/Euch Trost und Kraft. Mein herzliches Beileid.
    Lotti, auch ich werde Dich Süßnase vermissen.
    Alles, alles Liebe für Euch, Martina

  4. Die Liebe siegt und bleibt in Erinnerung, der Schmerz geht nicht ganz aber wird kleiner.

    Mein herzliches Beileid.
    Fühl dich gedrückt und Leo.

  5. Ich verfolge den Blog seit längerer Zeit und habe Lotti sehr ins Herz geschlossen, in ihrem Gemüt erinnert sie mich an meinen Kater. Die liebe Lotti werde ich sehr vermissen. Ich hoffe und glaube, dass sie nun an einem schönen Ort ist.
    Meine Katzen mussten auch immer an bzw. ganz dringend nach einem Wochenende eingeschläfert werden. Das Warten auf den Tierarztbesuch gönne ich keinem.
    Mein herzliches Beileid.

  6. Mein Beileid! Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Man weiß ganz genau, wann man ein Tier über die Regenbogenbrücke weghehen lassen muss. Ich hoffe ihr beiden findet bald einen neuen Lebensgefährten.

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