Auftrieb durch Auftrieb oder: So gut wie fast schwerelos.

Möglicherweise erwähnte ich es bereits: Mein Freund und ich haben uns vor ein paar Wochen im Fitness-Studio angemeldet und miteinander einen Deal gemacht, der beinhaltet, dass der eine von uns den anderen erschießen oder an die Katzen verfüttern darf, wenn dieser nicht mindestens zweimal pro Woche freiwillig dort hingeht bzw. mitkommt.

Bisher leben wir beide noch, was ich schon als Erfolg werten würde. Wir haben uns aber auch ein besonders schönes Studio ausgesucht, neu, groß, hell – und mit Swimming Pool. Der Pool war mir besonders wichtig, denn Schwimmen war im letzten Jahr das einzige, was mit Bewegen zu tun hatte und was ich freiwillig gemacht habe. Wenigstens ab und zu. Wegen des Pools gehen wir sogar in ein Fitness-Studio, das nicht direkt um die Ecke liegt, sondern zu dem man mit dem Auto oder dem Bus fahren muss. Aber das ist es wert.

Siebzehn Meter lang und – ich glaube – elf Meter breit ist das Schwimmbecken und mit 1,30 Metern gerade tief genug, um effektiv zu schwimmen. (Nicht, dass ich besonders effektiv schwimmen könnte). Nur selten ist es im Becken so voll, dass man nicht mehr in Ruhe Bahnen schwimmen kann und Kinder habe ich im ganzen Studio noch überhaupt keine gesehen. Das ist für eine schlechte, störungsanfällige und lahme Schwimmerin wie mich sehr wichtig. Manchmal, zu gewissen Tageszeiten, hat man Glück und ist ganz alleine im Pool. Das ist wirklich herrlich. Aber auch mit drei oder vier Mitschwimmern – mehr sind es selten – geht es sehr entspannt zu.

Tiefer als 1,30 Meter durfte der Pool nicht werden, denn sonst hätte das Studio keine Aquafit-Kurse mehr anbieten können. Oder nur sehr kurze Trainingseinheiten, denn mit dem Kopf unter der Wasser halten die meisten Kursteilnehmer nicht länger als ein, zwei Minuten durch. Und Aquafit ist – wie ich zu meiner eigenen Überraschung feststellen durfte – super und genau mein Ding!

Bisher, also in früheren Zeiten mit aktiver Fitness-Studio-Mitgliedschaft, konnte ich nie an irgendwelchen Kursen teilnehmen. Auf Kommando hopsen hatte ich noch aus Schulzeiten – also aus den Schulzeiten, in denen ich noch kein Attest hatte, das mich vorm Sportunterricht bewahrte – noch in extrem traumatischer Erinnerung. Außerdem reicht meine Kondition einfach nicht aus. Vor knapp zwanzig Jahren ließ ich mich mal zu einer Einheit „Bauch – Beine – Po“ hinreißen. Mit dem Erfolg, dass mein Bauch, meine Beine und mein Po sich hinterher zur Adoption freigeben lassen wollten… von meiner Lunge und meinem Kreislauf wollen wir in diesem Zusammenhang lieber gar nicht erst sprechen. Zum Glück hatte damals noch kaum jemand ein Mobiltelefon, schon gar nicht mit eingebauter Kamera, Fitnesstracker und Musik drauf, das beim Sport immer dabei war, so dass leider niemand den rotköpfigen, japsenden, am Boden liegenden Haufen im „I just can’t sleep when there is a creamcake in the fridge“-T-Shirt fotografieren und posten konnte. Sicher wäre ich sonst inzwischen noch viel berühmter als ich es ohnehin bin.

Wassergymnastik wird aber ja für rotköpfige, japsende, übergewichtige Haufen besonders empfohlen – und ich habe im letzten Sommer mal an einem im Schwimmbadpreis enthaltenen Vormittagskurs beim Hamburger Bäderland teilgenommen. Ich war mit Abstand die jüngste Teilnehmerin, wie alt die älteste war, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Männer nahmen nicht teil. Der Kurs wurde von einer sehr netten älteren und übergewichtigen Dame angeleitet und es ging recht behäbig zu. Machte aber trotzdem Spaß, weil einfach das Gefühl, im Wasser zu hüpfen, ohne beim Wiederaufkommen auf dem Beckenboden die Knie knacken zu hören (die sind ja unter Wasser, das schluckt die Geräusche), ein gutes war.

Und so ging ich nichtsahnend in unserem neuen Fitness-Studio zu einem Aquafit-Kurs. Und wurde überrascht: Keine Rentner, nicht nur Frauen (wenn auch mehrheitlich) und keine gemütliche Kursleiterin, die mit uns im Wasser plantschte. Stattdessen hüpfte am Beckenrand eine höchst energische kleine Person mit Headset auf und ab und erteilte Kommandos. Dazu gab es laute und aufmunternde Musik. Eine Übung jagte die nächste, Twisten, Scherenschritt, Hampelmann, Kicken vorne, Kicken hinten, Bein hoch, Joggen, Knie höher, andere Seite, Joggen, Hüpfen, Schweben, Bein hoch, anderen Bein auch hoch, Kopf über Wasser halten, Joggen, schneller Joggen, mit den Armen schaufeln, mit den Armen schneiden, schneller Hüpfen, Knie hoch und Warum schwimmst du mit dem Bauch nach oben und bewegst dich nicht mehr?

Ich kam heftig aus der Puste – aber ich kam mit! Ein Wunder! Manche der Übungen fielen mir leicht, andere nicht, aber ich musste nie zwischendurch pausieren und erstmal wieder Luft kriegen. Und es machte Spaß!

Wasser ist, wie ja jeder weiß, absolut überlebenswichtig. So ähnlich wie Luft. Es hat aber Eigenschaften, die es in einem deutlich besseren Licht dastehen lassen als Luft, zum Beispiel den Auftrieb. Selbst wenn man ihn nicht physikalisch erklären kann, bewirkt er, dass ein Körper nur noch ein Zehntel seines Gewichts tragen muss. Das heißt in meinem Fall offensichtlich, dass die Kräfte, die sonst den ganzen Tag lang meinen dicken Hintern rumschleppen müssen, nicht ausgelastet sind und sich deswegen für eine sportliche Betätigung nutzen lassen. Was sich ganz erstaunlich anfühlt… bis man das Wasser dann wieder verlässt und sich auf der Hühnerleiter aus dem Becken hievt wie ein nasser Sack. Im Wasser aber fühle ich mich so gut wie schwerelos. Das ist ein gutes Gefühl, ein sehr gutes. Auftrieb durch Auftrieb.

Mindestens ebenso gut ist, dass das Aquafitnesstraining trotz der vermeintlichen Anstrengungslosigkeit dem Körper und der Kondition etwas bringt: Wasserwiderstand, Temperatur und andere Druckverhältnisse als an Land verlangen dem Körper nämlich durchaus einiges ab und fördern Muskelaufbau und Kondition. Der Kalorienverbrauch beträgt je nach Intensität und Tempo zwischen 400 und 800 Kilokalorien pro Stunde.

Man kann sich beim Aquafit sogar Muskelkater holen. An den Bauchmuskeln zum Beispiel, für die es besonders fiese Übungen gibt, bei denen man über dem Beckenboden „schweben“ muss und dann aus dem Bauch heraus den Unterkörper in verschiedene Richtungen schwingt. Beim ersten Mal hing ich dabei im Wasser wie eine tote Qualle und war einfach nur mit Überleben beschäftig. Am nächsten Tag hatte ich Muskelkater aus der Hölle… meine Bauchmuskeln (ich habe Bauchmuskeln?) wollten offenbar einfach nur weg. Seitdem mache ich diese Übungen zu Übungszwecken auch alleine, wenn ich ohne Gymnastik einfach nur schwimme – und siehe da, so langsam kriege ich es hin. Und mein Bauch ist mittlerweile flach und hart wie ein Brett… unter der weichen Schutzschicht, versteht sich.

Das Beste am Aquafitnesstraining ist natürlich, dass die Teilnehmer im meist bewegten Wasser stehen und sich gegenseitig kaum sehen können. Selbst die Kursleiterin am Beckenrand sieht nicht viel, vor allem nicht, wenn man nicht in der ersten Reihe hüpft. Das finde ich gut, denn dadurch entscheide ich einfach eigenverantwortlich, ob ich eine Übung richtig mache, ob ich sie schnell genug mache, ob ich Spaß habe und ob mir die Trainingsstunde etwas bringt. Und das entscheide ich gerne: Ich mache die Übungen im Allgemeinen so richtig, dass man einen Lehrfilm mit mir drehen könnte. Meine Geschwindigkeit ist atemberaubend (okay, ich hechele). Spaß habe ich dabei jede Menge und ich gehe anschließend zufrieden und in dem Bewusstsein nach Hause, etwas für mich getan zu haben. Und wegen des gewaltigen Kalorienverbrauchs ein Käsebrot mehr essen zu können. Wenn das nichts ist, was glücklich und schön macht, dann weiß ich auch nicht.


Gut, vielleicht müssen wir mal wieder über Eigen- und Fremdwahrnehmung sprechen…

Was ich denke, wie ich beim Aquafit aussehe:

giphy


Wie sich die Situation für meine Umwelt möglicherweise darstellt:

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4 Kommentare

  1. Für mich das schönste am Aquafitness….ich komme nicht ins Schwitzen (bzw es fühlt sich nicht so an) und kann mich der Vorstellung hingeben, die du so schön mit den letzten beiden kleinen Filmchen gezeigt hast. Das Walross in mir fühlt sich schwerelos.
    Klasse Text und ein sehr amüsanter Blog, den ich sicher öfter besuchen werde.
    Herzliche Grüße
    Mitzi

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