Der Lebensmittelkontrolleur

„Hallo, nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau!“, rief Fritty MacFrittface laut in Richtung der Bettdecke, die offenbar eine unbewegliche ziemlich dicke Wurst komplett verhüllte. „Wann stehst du denn endlich auf? Mir ist langweilig!“

Die unbewegliche dicke Wurst unter der Bettdecke blieb unbeweglich und geräuschlos liegen, stellte möglicherweise sogar das Atmen ein.

„Ich weiß genau, dass du da bist“, rief Fritte und hob einen Deckenzipfel an, um die dicke unbewegliche Wurst noch gezielter ansprechen zu können. „Ich weiß auch, dass du schon eine Hose anhast.“

„MMMMrrrr“, machte es unter der Bettdecke und eine müde aussehende Hand erschien kurzzeitig, um den Bettdeckenzipfel zurück unter die Decke zu ziehen. „Lass mich. Ich habe noch nicht ausgeschlafen.“

Fritte zog seine fast echte Rolex aus der Bauchtasche. „Es ist aber schon ganz schön spät! Wann willst du denn aufstehen?“

„Sobald Picnicman klingelt“, erwiderte die Bettdeckenwurst undeutlich. „Deshalb habe ich ja die Hose an.“

„Picnicman kommt?“, fragte Fritte begeistert. „Bringt er leckere Sachen mit?“

Fr. Leonie Mau, die auch noch etwas verschlafen wirkte, wurde zwischen den nicht ganz geschlossenen Vorhängen auf der Schlafzimmerfensterbank sichtbar. „Bestimmt wieder alles vegan oder vegetarisch…“

„Egal!“, gab Fritte zurück, während er hektisch im Kleiderschrank wühlte. „Ich habe so einen Hunger, ich würde sogar Gemüse essen. Bloß keine Gurke.“

„Was suchst du denn?“, fragte Leo mäßig interessiert und fing an, sich zu putzen, ein Bein elegant in die Luft gestreckt.

„Meinen Laborkittel“, erwiderte Fritte und zog eine leicht zerknitterte orangefarbene Warnweste in XXS aus dem Schrank. „Hier ist aber auch wieder eine Unordnung. Und mein Kittel ist mal wieder nicht gebügelt.“

„Selbst ist der Kater“, ermutigte ihn Leo. „Du weißt doch, wo das Bügeleisen steht.“

„Harumpf!“, machte Fritte. – Könnten Katzen harumpfen? Falls nicht, dann machte er das harumpf-ähnlichste Geräusch, das er herausbringen konnte. „Lebensmittelkontrolleure bügeln doch nicht. Dafür haben sie doch eine süße Mieze zu Hause.“

Es war eigenartig. Eben noch war Leo noch komplett zwischen den Vorhängen sichtbar gewesen, nun war plötzlich nur noch ihre linke Mittelkralle zu sehen.

Empört zog Fritte sich die leicht zerknitterte Warnweste über und bewunderte seinen Anblick im Spiegel. Sehr elegant, fand er. Und so hochoffiziell. Gerade überlegte er, ob eine geringfügig zu große Sonnenbrille seinen Look vervollständigen könnte, da klingelte es auch schon.

„Ich gehe schon!“, schrie Fritte begeistert, während die Bettdecke plötzlich lebendig wurde und auf einer Seite nicht nur eine müde Hand, sondern auch noch zwei müde Füße und ein graues Vogelnest, das den Namen Frisur nicht verdiente, auftauchten. Schon stand er an der Wohnungstür und sprang elegant auf den Schuhschrank, von dem aus er den Türöffner, der unpraktischerweise auf etwa zwei Metern Höhe angebracht war, erreichen konnte. Anschließend versuchte er sich an der Türklinke, zu seinem Leidwesen wie immer erfolglos.

„Kann ich helfen?“, fragte Leo, die sich von hinten angeschlichen hatte, lächelnd? Elegant sprang sie vom Fußboden aus auf die Klinke, stemmte die Hinterpfoten gegen den Türrahmen und zog die Tür vorsichtig einen Spalt auf.

„Das hätte ich auch alleine hingekriegt“, maulte Fritte etwas beleidigt. „Sie hatte sich nur irgendwie verklemmt.“

„Natürlich“, erwiderte Leo friedfertig und zog sich wieder ins Schlafzimmer zurück, denn auf der Treppe wurden schwere Schritte hörbar.

Inzwischen stand auch die dicke freundliche Frau auf ihren zwei Beinen und torkelte verschlafen in Richtung Wohnungstür, während sie komplett wirkungslos versuchte, mit den Händen ihre Haare unter Kontrolle zu bringen.

Fritte begrüßte inzwischen Picnicman, der mit einer großen und offenbar schweren Plastikkiste angestapft kam: „Guten Tag, mein Name ist Frittikowski und ich komme vom Gesundheitsamt. Das hier ist eine Lebensmittelkontrolle. Zeigen Sie doch mal her, was Sie da alles mitgebracht haben.“

Leo und die dicke freundliche Frau konnten es von hinten nicht genau sehen, aber sie hatten beide den Eindruck, dass Fritte Picnicman zusätzlich zu seinem Spruch auch noch seinen Ausweis für die Stadtbücherei vor die Nase gehalten hatte, natürlich nur für einen Sekundenbruchteil.

Picnicman wirkte ziemlich beeindruckt von dem kleinen, haarigen Lebensmittelkontrolleur in seiner orangen Warnweste und stellte die Plastikkiste direkt vor Fritte ab, der kurzerpfot hineinsprang und anfing, in den gefüllten Plastiktüten zu wühlen. „Wer hat denn schon wieder das ganze Gemüse bestellt?“

Die dicke freundliche Frau zerrte den Lebensmittelkontrolleur aus der Kiste, der in jeder Pfote eine prall gefüllte Plastiktüte hielt. Dann nahm sie Picnicman zwei weitere Tüten ab, reichte ihm das bereitliegende Trinkgeld (sich dabei natürlich wie immer fragend, warum sie ausgerechnet bei Picnic kein Online-Trinkgeld geben konnte) und schloss die Tür hinter dem jungen Mann, der, sich ungläubig die Augen reibend, eilig davonstapfte.

Fritte hatte inzwischen schon alle Tüten kurz kontrolliert und einen kleinen Haufen von Lebensmitteln gebildet, die er sich noch genauer anschauen wollte. Die dicke Frau guckte kurz: „Haferflocken, Möhren, Äpfel, Hafermilch, vegane Klopse, Käse… Fritti, was willst du denn mit der Scheuermilch?“

„Er hat wahrscheinlich wieder nur ‚Milch‘ gelesen, der alte Analphabet“, kicherte Leo von hinten. „Da müsste das EU-Parlament mal wegen irreführender Bezeichnungen einschreiten!“

Fritte machte wieder ein harumpfiges Geräusch und öffnete routiniert mit seiner rechten Allzweckkralle die Verpackung der veganen Klopse. Probierte kurz und schüttelte den Kopf. „Die müssen erst gebraten werden, sonst schmecken sie nach gar nichts.“

„Später, Kumpel“, murmelte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Jetzt gibt es erstmal Kaffee. Hast du die Hafermilch schon kontrolliert?“

Etwas widerwillig reichte Fritte ihr das Tetrapak rüber, während er die veganen Klopse unauffällig in der Bauchtasche verschwinden ließ. „Die schöne Hafermilch! Warum du da immer diese stinkende schwarze Brühe reinkippen musst, ist mir ein Rätsel.“

„Das habe ich gesehen!“, verkündete die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Tauschst du gegen zwei Leckerlis?“

„Vier!“, verlangte Fritte und zog entschlossen den Reißverschluss der Bauchtasche zu.

„Also drei“, kürzte Leo das Verfahren ab. „Ich nehme auch drei. Wir treffen uns im Bett, sobald der Kaffee fertig ist.“

Zufrieden gingen Fritte und die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau in unterschiedliche Richtungen ab. Leo seufzte erleichtert, sprang elegant aufs Bett und rollte sich entspannt auf ihrem Kissen zusammen. „Herrlich, so ein Samstagmorgen!“

Disclaimer: No Picnicman was harmed during the making of this blogpost.

6 Kommentare

      1. Ein interessanter Beitrag.
        Die Katzen haben Recht: Qualitätssicherung ist immer gut.
        Ich freue mich sehr über den Beitrag.

        Herzliche Grüße an die Katzen und an den kleinen Hund auch.

        Andrea

    1. Sorry, wenn ich dir Illusionen raube, aber natürlich muss auch bar gegebenes Trinkgeld versteuert werden. Es ist nur weniger einfach zu kontrollieren, ob der angemeldete Betrag korrekt ist.

  1. Leonie Mau und Fritte Fritikowski haben Recht. Qualität ist immer gut.

    Fleisch ist besser als Gemüse.

    Herzliche Grüße an die beiden und an den kleinen Hund auch.

    Andrea

  2. Köstlich, wie Fritte mit kleinen Details charakterisiert wird („fast echte Rolex“, „etwas zu große Sonnenbrille“). Und die Fotos – herrlich!

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