Die vier Seiten des Miau. Nur so als Beispiel.

Ich muss Ihnen was gestehen: Ich kann überhaupt nicht zeichnen. Was normalerweise überhaupt kein Problem ist, weil ich auch nicht zeichnen muss. Heute aber ist das anders, denn ich verwurste auf die Schnelle ein eher wissenschaftliches Thema und – natürlich auch in Ihrem Interesse, damit der Blogpost nicht zu anspruchsvoll und mühsam zu lesen wird – benutze zur Verdeutlichung der komplizierten Sachverhalte einige mit viel Liebe erstellte eigene Zeichnungen. Dass diese hässlich sind, tut mir echt leid, aber da müssen Sie jetzt durch.

Am Dienstag fand wieder mein Hospizkurs statt; dieses Mal war eine externe Referentin eingeladen, eine Kommunikationsexpertin. Diese ging mit uns die Grundlagen der Kommunikationstheorie durch, um dann auf unsere besondere Situation als werdende ehrenamtliche Mitarbeiter im Hospiz zu sprechen zu kommen.

Für Sie ist das Modell „Die vier Seiten einer Nachricht“ vielleicht ein alter Hut und Sie haben sich schon tausendmal mit den verschiedenen Metaebenen der Kommunikation befasst oder befassen müssen. Mir geht es nicht so: Vielleicht bin ich zu alt, vielleicht war ich bisher in den falschen Kursen und Schulen… oder einfach nur ignorant. Keine Ahnung. Jedenfalls kenne ich das Vier-Seiten-Modell eigentlich nur vom Hörensagen und im Rahmen von Krisenintervention bei Partnerschafts- oder Familienproblemen. Aber nein, siehe da, es lässt sich offenbar auf so ziemlich jede Lebensäußerung überhaupt anwenden.

(Lustigerweise hat man beim Kommunikationsforschen auch festgestellt, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Auch Schweigen und Unbeweglichkeit kombiniert mit Pokerface sind eine Art der Kommunikation. Okay.)

Die externe Referentin war gut und auch ganz lustig und hatte natürlich auch verschiedene Beispiele für uns parat. (Falls Sie das berühmteste nachlesen möchten, googeln Sie einfach „Kommunikation Da vorne ist grün“.) Die Beispiele kamen im Kurs gut an; sie verdeutlichen wirklich sehr schnell vieles, was man sonst lange und mühsam erklären könnte.

Das Vier-Seiten-  oder auch Vier-Ohren-Modell kurz erklärt: Es gibt einen Sender und einen Empfänger, eine Nachricht und deren vier Seiten bzw. Ohren: für den Sachinhalt, die Selbstkundgabe des Senders, die Beziehung und den Appell. So lässt sich die Nachricht in (mindestens) acht Bestandteile auffächern, vier davon werden gesendet und vier empfangen. Natürlich kann, das was der Sender meint, deckungsgleich sein mit dem, was der Empfänger versteht: Es muss aber nicht. Keineswegs.

Der Sinn dieser Auffächerung ist es natürlich, Kommunikation zu verbessern und Missverständnisse zu vermeiden bzw. zu klären. Und zwar in jedem Lebensbereich. Für uns Ehrenamtliche gilt vor allem die Empfehlung, uns nicht zu leichtfertig auf die Beziehungsebene zu begeben. Will sagen: Nicht unbedingt jede Äußerung, die uns nicht in den Kram passt, uns verwirrt oder überfordert, ist persönlich zu nehmen. Auch die Appellseite einer Nachricht ist für uns mit Vorsicht zu genießen, denn für die meisten eventuell gewünschten oder geforderten Handlungen sind wir gar nicht zuständig und sie lenken uns von unserer eigentlichen Aufgabe ab. Stattdessen ist vorsichtiges Nachfragen angesagt, um Sachinhalte und Befindlichkeiten besser begreifen zu können.

Sie sehen: Es klingt alles recht theoretisch und verwickelt. Beispiele machen viel mehr Spaß und man verinnerlicht auch viel besser, was man lernen soll. Wie gesagt, ich hatte mich bisher mit dieser Thematik noch nicht viel beschäftigt und brauche auch wirklich noch ein bisschen Übung, um die einzelnen Ebenen der Nachricht auseinanderhalten zu können. In den letzten Tagen habe ich also schon fleißig darüber gelesen.

Und nun ist der Moment gekommen, an dem ich selber ein Beispiel erfinden werde – und Sie dürfen daran teilhaben. Um nicht zu viel Unsinn, den ich selbst nicht richtig begreife, in Umlauf zu bringen, halte ich mich dabei an Lebensbereiche, von denen ich was verstehe und in denen ich bereits erfolgreiche Kommunikationsabläufe vorweisen kann.

Also: Sie sitzen gemütlich auf dem Sofa, halten Ihr Smartphone in der Hand und überfliegen die Twitter-Timeline/den Wetterbericht/die Fußballergebnisse. Plötzlich, ohne dass Sie eine Bewegung oder ein Geräusch wahrgenommen hätten, steht eine Katze vor Ihnen, starrt Sie mit unbeweglichem Blick an und sagt: „Miau.“

„Miau.“

So, da haben wir unsere Nachricht. Beginnen wir, damit es zwischen unserem zwar geliebten, aber auch latent gewaltbereiten Haustier nicht zu Missverständnissen kommt, mit der Analyse.

„Miau.“

Also: Was will uns die Katze damit sagen? Und: Was kommt bei uns an?

Was die Katze sagt:
miau viereck

Was Sie möglicherweise verstehen:
miau viereck 2

Sie sehen schon: Ich gehe davon aus, dass Sie und Ihre Katze sich gut kennen und Sie deswegen schon recht genau einschätzen können, was Ihre Katze Ihnen sagen will. Obwohl natürlich diese letzte kleine Unsicherheit, die uns im Umgang mit unseren Katzen immer begleitet, immer im Hintergrund lauert. Aber: Im Grunde kann man bei diesem Beispiel von einer funktionierenden Kommunikation sprechen.

Trotzdem. Die erwähnte nagende Unsicherheit wird Sie ziemlich sicher nicht einfach aufspringen und, „Yes Sir, Katzenfutter kommt sofort, Sir!“ rufend in die Küche stürzen lassen. Stattdessen fragen Sie nach. Das ist im Prinzip gut und richtig, denn wir sollten alle auf der Suche nach Klarheit sein. Aber es birgt auch Gefahren. Sehen Sie selbst.

Was Sie sagen:
miau viereck 3

Was Ihre Katze möglicherweise hört:
miau viereck 4

Was sagen Sie? Erkennen Sie sich und Ihre Kommunikationsmuster wieder? Sehr gut. Dann wird jetzt alles noch viel schlimmer kommen wir jetzt zu der Sache mit den Ohren. Es ist nämlich so, dass wir uns anstelle der vier Seiten auch vier Ohren (beim Empfänger) und dazu passend vier Schnäbel (beim Sender der Nachricht) vorstellen dürfen. Die Ohren und Schnäbel stehen, genau wie die Seiten, für Sachebene, Selbstkundgabe, Beziehung und Appell.

Wir gehen davon aus, dass wir mit vier annähernd gleich großen Ohren geboren werden:

vier ohren 1
Eine Katze mit vier gleich großen Ohren. Rosa Ohr: Selbstkundgabe. Blaues Ohr: Sachebene. Oranges Ohr: Beziehung. Gelbes Ohr: Appell

Und der entsprechende Mensch (Symbolbild):

vier ohren 3
Wie ich schon sagte: Ich kann leider überhaupt nicht zeichnen.

Durch unsere Sozialisation, unseren  Umgang sowie erlernte und beobachtete Kommunikationsmuster bilden sich diese gleich großen Ohren allerdings im Laufe unseres Lebens unterschiedlich stark aus. Das führt dazu, dass möglicherweise das eine oder andere Ohr (gerne das Sachohr) verkümmert, weil sich – beim Menschen, niemals bei der Katze! – das Appellohr immer sofort in jede Bresche schmeißt  und den Einsatz aller anderen Ohren komplett überflüssig macht.

vier ohren 2
Die Ohren einer westeuropäischen Hauskatze. Rosa Ohr: Selbstkundgabe. Blaues Ohr: Sachebene. Oranges Ohr: Beziehung. Gelbes Ohr: Appell

Und hier der dazugehörige, von Katzen großgezogene Mensch:

vier ohren 4
Nein, das Gelbe ist kein Luftballon Das Gelbe ist das hervorragend entwickelte Appell–Ohr.

Wahrscheinlich ahnen Sie inzwischen, worauf ich hinaus will, oder? Falls ja, schreiben Sie es gerne in die Kommentare. Ich habe nämlich ein bisschen den Faden verloren. Was möglicherweise daran liegt, dass schon seit siebzehneinhalb Minuten eine Katze mit unbeweglichem Gesicht vor mir sitzt und in regelmäßigen Abständen „Miau!“ sagt. Ich will doch vorsichtshalber lieber mal fragen, was sie denn möchte. Nicht, dass ich hier schlechte Stimmung auslöse. Denn das ist ja das Geheimnis funktionierender Kommunikation, egal von welcher Seite man es betrachtet: Miteinander reden und einander zuhören ist alles. Und natürlich in die Küche gehen und ein Tütchen aufmachen. Miau.

5 Kommentare

  1. Ich gestehe, ich hatte spätestens nach der ersten Grafik den Faden etwas verloren, nach der ersten Ohrenzeichnung musste ich mir erst die Lachtränen wegwischen, um weiterlesen zu können. Ich habe mich erstmal darauf beschränkt, weiter zu lachen, später versuche ich dann nochmal, den Inhalt zu kapieren : )

  2. Weil ich bei dem Versuch, den verlorenen Faden weiterzuspinnen, meine neben mir sitzende Katze ignorierte, heute mir selbige ganz ohne Miau ihre Pfote samt Krallen auf die Schulter. Dafür brauchte ich gar kein Appellohr. Ich geh‘ erst Mal kraulen…

  3. Also, öhm, gut.
    Ich habe eben sicherheitshalber (um Zeit zu gewinnen!) auf das MIAU gerade erst einmal gesagt: Wie kann man nur so süß sein?
    Und von meiner Zwei- bis Vierohrkatze kam…. Ich bin’s einfach! zurück.
    Und jetzt weiß ich gar nix mehr.

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