Neue Erfahrungen: Diese Woche habe ich zum ersten Mal in meiner über vierjährigen Karriere als Social-Media-Beauftragte fürs Hospiz Kommentare unter einem Facebook-Post gelöscht. Übergriffige und beleidigende Kommentare. Unter einem Post, in dem ich über den Besuch eines Ponys im Hospiz berichtet hatte, mit hübschen Fotos und so. Die erwähnten Kommentare gingen darauf allerdings inhaltlich nicht ein, sondern störten sich an dem von mir verwendeten Ausdruck „Gästin“, und das nicht nur kritisch hinterfragend (was selbstverständlich in Ordnung ist), sondern abwertend und, wie ich schon sagte, einander beleidigend.
Die User*innen, die diese unangemessenen Kommentare schrieben, waren keine regelmäßigen Leser*innen unseres Accounts, sondern Menschen, die unseren Post wohl wegen der für unsere Verhältnisse sehr großen Anzahl von Interaktionen in ihre Timeline gespült bekamen. Das kommt nicht so häufig vor, normalerweise bleiben unsere Beiträge innerhalb unserer Bubble.

Nun weiß ich natürlich aus anderen Zusammenhängen, dass das Gendern nicht überall so richtig gut ankommt, und auch, dass es manche Menschen richtig sauer macht. Mehr Männer als Frauen, aber nicht nur. Es gibt Stimmen, die sich über die schlechtere Lesbarkeit von Texten beschweren, vor allem wenn es um das Binnen-I, Sternchen oder Doppelpunkte und Glottisschläge geht. Für viele Menschen aber geht es um die Inhalte: Sie finden es einfach falsch, verwerflich oder zumindest überflüssig, sich um gendergerechte und inklusive Sprache zu bemühen (die Vermutung, dass sie auch sonst keine Fans von Inklusion, Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Minderheiten sind, liegt durchaus nahe, wurde von mir aber nicht im Detail überprüft).
Ich habe bekanntlich Spaß an der Sprache und daran, wie sie sich entwickelt. Das hat sie immer getan und wird es wohl auch weiterhin tun. Eine gute (Vor-)Lesbarkeit von Texten ist eine Anforderung, die mir sinnvoll und richtig erscheint, auch im Sinne der Inklusion. Ich bilde mir ein, ein ganz gutes Gefühl für Sprache zu haben, und bemühe mich durchaus, mich klar, verständlich und unkompliziert auszudrücken. Das klappt mal mehr, mal weniger gut, je nach Sachverhalt.
So bemühe ich mich oft und gerne, in Texten und in Gesprächen männliche Formen, die alle anderen grammatischen und biologischen Geschlechter „mitmeinen“, durch neutrale Varianten zu ersetzen. So werden aus Mitarbeitern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter*innen bei mir die Mitarbeitenden, aus Besuchern, Besucherinnen und Besucher*innen die Besuchenden. Besuchende, das sind bei uns im Hospiz die Menschen (und Tiere), die die Hospizgäste besuchen, also An- und Zugehörige.

Und, haben Sie es bemerkt? Ich habe „Hospizgäste“ geschrieben und nicht Hospizgästinnen und -gäste oder gar Hospizgäst*innen. Warum? Tatsächlich weil mein Gefühl mir sagt, dass „Gäste“ als verallgemeinernder Plural (noch) in Ordnung und deutlich flüssiger ist. Das kann sich natürlich in der Zukunft ändern. Im Moment klingt es für mich aber okay. Das gilt allerdings vor allem im Plural.
Im Singular, beim einzelnen männlichen oder weiblichen Gast, empfinde ich das anders. Und so schreibe und sage ich statt dessen Gästin und Gast. Wobei – am Rande angemerkt – ich neulich, als wir über einen griffigen Slogan für ein neues Rollup für unseren Infostand sprachen, der Formulierung „Am Ende entscheidet der Gast“ zugestimmt habe. Aber da geht es eben auch nicht um einen bestimmten Menschen, sondern um den weitaus abstrakteren und überhöhten „Mustergast“.
(Verdammt! Je länger ich darüber nachdenke, desto besser finde ich: „Am Ende entscheidet die Gästin“!).

Wenn es um einen bestimmten Menschen geht, den ich als männlich, weiblich oder divers vor Augen habe, dann finde ich es aber sehr angemessen, von Gästinnen und Gästen zu sprechen (und in dem Fall, dass ein Mensch beide Begriffe für sich nicht als richtig empfindet, gut nachzufragen und dazuzulernen).
Im Übrigen ist der Begriff „Gästin“ mittlerweile nicht nur laut Duden korrekt, sondern schon viel älter, als die meisten von uns denken: Schon die Brüder Grimm, die der Welt ja nicht nur Märchen, sondern auch ein Wörterbuch hinterließen, führten es ebenda auf und verwiesen auf mehrere Texte, in denen es schon vorher verwendet worden war. Der Vorwurf, die „Bezeichnung“ Gästin sei eine ekelhafte Erfindung oder ein Auswuchs der (völlig überflüssigen) weiblichen Emanzipation im 20. Und 21. Jahrhundert, ist also nicht mal annähernd zutreffend.
Im Übrigen 2 bin ich auf der Hospiz-Website auf der Unterseite „Über uns“ mit der Überschrift „… und die vierbeinigen Hospizbegleiter*innen“ davongekommen. Darauf bin ich ein bisschen stolz.
Im Übrigen 3 arbeiten Fräulein Leonie Mau und ich nun schon seit fast zweieinhalb Jahren daran, Fritthelm-Jacob Frittengrimm klarzumachen, dass er mit dem Oberbegriff „Katze“ liebevoll mitgemeint ist. Äußerst liebevoll.
Falls Sie mal schauen möchten, hier die Links zu dem erwähnten Post:
Bei Instagram: https://tinyurl.com/3n3hh38b
Bei Facebook: https://tinyurl.com/mwpvdpmv
Auf unserer Website (da aber ohne Kommentare): https://deich.hamburger-hospiz.de/ein-pferd-im-hospiz/

Bin ich also eine Gästin bzw eine Kommentatorin?
Tiere im Hospitz sind eine gute Idee.
Vom Gendern halte ich nichts.
Herzliche Grüße an Leonie Mau und Fritte Fritikowski und den kleinen Hund.
Andrea
Ach, ach. Wie zu erwarten sind es die mit von jeder Fachkenntis unbeleckten Sprachpuristen, denen nicht nur diese fehlt. Friedrich Wilhelm Riemer, Bibliothekar, Philologe, Hauslehrer bei Wilhelm von Humboldt und seit 1814 Goethes Sekretär, schrieb ihm selbstverständlich von den italienischen Badegästinnen, wie er in seinen „Mittheilungen“ (1841) festhielt.
Woher er das Wort hatte? Bis heute verzeichnet Matthias Lexers Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch (³1885, S. 75 Sp. 1) die gestinne, auch: gestîn als starkes Femininum, ein in der Hochsprache ganz geläufiges Wort. Anzunehmen, dass es den Schreihälsen wie immer darum geht, ihre Meinung zu äußern. Das kann man ja auch ohne Bildungshintergrund