„NEIN!“, rief die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau, die hektisch auf ihrem Telefon herumwischte und offensichtlich erregt war. „Das Restaurant konnte nicht liefern und wollte unsere Bestellung stornieren. Das hat es aber vermutlich vergessen. Ich hätte gerne mein Geld zurück!“
Das Telefon antwortete nicht.
„Was macht sie denn da?“, fragte der kleine freundliche Hund leise. Fritosilius Frittelmann, der neben ihm unter dem Esstisch lag, auf dem sauberes, unbenutztes Geschirr traurig herumstand, antwortete: „Ich glaube, sie schreit einen Chatbot an.“
„Sie macht was?“
„Sie diskutiert mit einer Maschine.“
„Das geht?“
„Da bin ich nicht sicher. Aber sie will ihr Geld zurück, weil sie kein Essen bekommen hat. Das heißt, sie ist hungrig. Das heißt auch, sie wird nicht so leicht aufgeben.“

„Aber ist das der Maschine nicht egal?“, fragte der kleine freundliche Hund. „Oder reagiert sie auf Anschreien?“
„Eher nicht“, erwiderte Fritte. „Sie tut im Allgemeinen so, als hätte sie keine Gefühle. Das macht die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau ja so wütend.“
„Interessant“, fand der kleine freundliche Hund. „Also, wie leidenschaftlich sie wird, wenn es um Geld und Essen geht.“
„Vor allem um Essen“, mischte sich Fräulein Leonie Mau ein. „Das ist ihr viel wichtiger als das Geld.“
„Das kann ich gut verstehen“, gab der freundliche kleine Hund zurück. „Ich finde Essen auch viel wichtiger. Hast du übrigens gesehen, wie wenig Essen ich heute Abend bekommen habe? Da war quasi nichts in meinem Napf. Fast so, als hätte mich der große freundliche Mann nicht mehr lieb.“

„Das kenne ich!“, stimmte Fritte ihm zu. „In meinem Napf war auch nur eine winzige Hungerration. Fast so, als wäre ich auf Diät und nicht die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau.“
„Aber sie hat noch gar nichts gegessen“, gab Leo zu bedenken. „das ist noch viel weniger als zu wenig. Und das deutet darauf hin, dass sie gemeingefährlich werden könnte, wenn man sie reizt.“
Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau hatte mittlerweile aufgehört, auf ihrem Telefon herumzuwischen und auf die im Raum anwesende Technik einzureden. Stattdessen saß sie traurig da und wirkte sehr, sehr hungrig. So hungrig, dass sie für nichts garantieren konnte, das konnten die drei Keinfellnasen deutlich erkennen. Und so hielten sie lieber einen gewissen Sicherheitsabstand ein. Nicht, dass sie Angst gehabt hätten, nein, keineswegs. Aber sie wollten einfach kein Risiko eingehen. So lagen sie zu dritt unter dem unbenutzten Esstisch und warteten einfach ab.

Etwas später hörten sie Schritte auf der Treppe, die Tür wurde geöffnet und dann betrat der große freundliche Mann die Wohnung, in der Hand eine Tüte, die offensichtlich Essen enthielt. Nicht das Essen, das die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau ursprünglich bestellt hatte, sondern eine zweite, eine Ersatzbestellung, nachdem das erste Restaurant beschlossen hatte, heute wegen der vielen Straßensperrungen in der Hamburger Innenstadt nicht ausliefern zu können. Bei der zweiten Bestellung hatten die Frau und der Mann deswegen ein Restaurant in der Nachbarschaft gewählt und der große freundliche Mann war persönlich hingegangen, um das Essen zu holen. Ein zweites Missgeschick hätte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau heute nicht mehr ertragen, das war allen Beteiligten und auch vielen Unbeteiligten klar.
Angesichts der Tüte, aus der es verlockend duftete, wirkte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau sofort etwas heiterer. Voller Freude nahm sie an dem bisher unbenutzten Esstisch Platz, der große freundliche Mann setzte sich ihr gegenüber und die drei Haustiere bezogen Stellung unter dem Tisch.

„Wieder alles vegan“, murmelte der kleine freundliche Hund enttäuscht, nachdem er einen kleinen Moment geschnuppert hatte. „Das ist doch nicht fair.“
„Ich esse auch vegan!“, meldete sich Fritte zu Wort. „Das macht mir gar nichts.“
„Ich will gar nichts essen“, gab Leo ihren Senf dazu, „aber ich habe Durst und würde gerne das Glas der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau austrinken.“
„Du hast doch frisches Wasser in deinem Napf“, wunderte sich der kleine freundliche Hund. „Du kannst auch aus meinem Napf trinken, wenn du willst.“
„Danke, aber aus dem Glas schmeckt es einfach besser“, erklärte Leo. „Vor allem aus dem Glas der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau.“
„Und wie bekommen wir nun das Geld zurück?“, fragte Fritte, der inzwischen das Telefon der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau in der Hand hielt. „Es ist noch keine Rückerstattung eingetroffen. Vielleicht müssen wir da doch mal vorbeigehen, also bei dem Restaurant.“
„Gute Idee!“, rief der kleine freundliche Hund und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. „Es ist doch kein rein veganes Restaurant, oder?“
„Nein, keine Sorge“, beruhigte ihn Fritte. „Wir lassen uns unser Guthaben einfach in Fleischstücken auszahlen. Damit sollten wir gut übers Wochenende kommen. Sollen wir dir was mitbringen, Leo?“
„Ein Glas Wasser vielleicht?“
„Klar doch. Kein Problem. Los, Fritte, wir gehen.“
Der kleine freundliche Hund zog sein Halsband an, drückte Fritte die Leine und den Wohnungsschlüssel in die Hand und schon waren die beiden aus der Tür, die sie lautlos hinter sich ins Schloss zogen. Leo hüpfte auf die Fensterbank und beobachtete, wie die beiden aus dem Haus kamen und schnell davontrabten.
„Sehr gut“, sagte sie zu sich selbst, während sie sich wieder aufs Sofa setzte, sich gemütlich einrollte und leise anfing zu schnurren. „Sieht aus, als hätte ich eine Weile sturmfreie Bude. Falls ich die beiden nachher nicht bei der Polizei abholen muss, weil sie versucht haben, das Restaurant auszurauben. Naja, wir werden sehen. Erstmal ein kleines Schläfchen.“

Sonntag .. und Katzenblog .. beste Mischung 🙂
Danke <3
Ein sehr schöner Eintrag.
Was gibt es zum essen für die Fellnasen?
Herzliche Grüße an Leonie Mau, Fritte Fritikowski und den kleinen Hund.
Andrea