Gastbeitrag von @esistok: Fidelio (Kadsen sterben)

Guten Morgen!

Darf ich um Aufmerksamkeit bitten für einen Gastbeitrag von @esistok, der von seinem Kater Fidelio erzählen möchte? Fidelio begleitete ihn ein Stück seines Weges (und @esistok ihn) vor langer Zeit, lange bevor Jette und Jehan in sein Leben traten, und auch, bevor wir beide uns trafen.

Fidelio muss ein wunderbarer, tapferer Kater gewesen sein – ich hätte ihn gerne kennengelernt. @esistok und seine Ex nahmen ihn auf, obwohl klar war, dass er eine Special-Needs-Katze war. Und auch, dass seine Lebenserwartung begrenzt war. Sie übernahmen die Verantwortung dafür, dass Fidelio nicht lange leiden musste. Als seine Zeit gekommen war, durfte er gehen. Vorher – special needs hin oder her – gab es eine Menge Abenteuer mit ihm zu erleben.

Viele Freude beim Lesen!

Fidelio (Kadsen sterben)

An einem Montagmorgen brachte ich den Abessinier Fidelio zum Tierarzt. Diesen Tag hatten wir kommen sehen; es gab eine Prophezeiung vom Doc.

(Die Vorhersage: Die Nieren des reinrassigen Abessiniers Fidelio werden früher oder später versagen.)

Vorher hatte ich beim Bettenmachen Katzenpipi gerochen. Und zwar in der Kuhle vom Bett, in der Fidel geschlafen hatte. Es dauerte etwas, bis ich den Zusammenhang herstellen konnte.

Ich rief also beim Tierarzt an, meldete der Helferin den Geruch in Zusammenhang mit der früheren Aussage und brachte Fidelio schweren Herzens hin.

Der Kater war zugewandt-lebhaft wie immer. Er sah sich gründlich im Wartezimmer um, wollte mit einem Hund Freundschaft schließen und wirkte so überhaupt nicht wie ein Kater mit nicht mehr funktionsfähigen Nieren. Im Sprechzimmer flitzte er wie gewohnt überall hin, aufs Fensterbrett, in alle Ecken, wieder auf den Tisch. Der Doc konnte es nicht glauben, untersuchte ihn und kam zum Ergebnis, dass seine Vorhersage tatsächlich eingetroffen war.

Es wurde sehr traurig im Raum.

Und Fidelio verließ uns, wie er eben war: freundlich und neugierig auf die nächste Welt.

So endete es.

Wie es begann:

Ziemlich lange nach der Zusammenführung unserer vier Katzen fragte mich ein Angestellter meines kleinen Taxibetriebs, ob ich für die Dauer seines Urlaubs (geplant waren 6 Wochen) auf Goa auf seinen Kater Fidelio aufpassen könnte. Ich sagte zu. Der Urlaub dauerte dann allerdings 6 Monate, die Wohnung des Angestellten war natürlich inzwischen gekündigt – Fidelio blieb also bei uns.

Das war ein ganz allerliebster Kater, obwohl er Schweres durchgemacht hatte. Ein Abessinier, immer auf der Suche nach Nähe und Schmusen.

Fidelios erster Besitzer kam damit nicht zurecht (vielleicht war er auch einfach nur ein Sadist und hauptberufliches Arschloch), jedenfalls hat er den Kater mit einer Gerte übelst malträtiert. Fidel fehlten rechts alle Zähne, seine Hüfte war gebrochen gewesen und ohne ärztliche Behandlung wieder zusammengewachsen. Das bedeutete, das Tier konnte seinen einen Hinterlauf nicht gebrauchen. Auch beim Sitzen oder Liegen stand das Bein immer unnatürlich ab.

Mein Angestellter war der zweite Besitzer, der Fidel zwar nicht misshandelt, aber auch nicht besonders lieb gehabt hatte.

So kam er schließlich zu uns. Er fügte sich völlig ohne Gefauche und Getue sofort als fünfte Katze und zweiter Kater in die bestehende feline Gemeinschaft ein. Selbst Gestreiftlisa mochte ihn nicht anschreien oder irgendwelchen Unmut kundtun (und das tat sie sonst eigentlich immer).

Als klar war, dass sich mein Angestellter verflüchtigt hatte, ging es mit Fidelio zum Tierarzt. Dort stellte man eine Niereninsuffizienz fest. Oh.

Aber wofür gibt es denn superteures Spezialfutter? Und Ringerlösung. 50 ml Ringerlösung 1 x täglich in jede Flanke spritzen. Subkutan. Der arme Fidel machte das problemlos mit. Ich hielt ihn fest, meine damalige Frau hob die Haut ein wenig an (sie ist Arzthelferin) und spritzte ihm die Infusionslösung drunter. Dann umdrehen und dasselbe noch einmal von der anderen Seite. Danach hatte Fidel in der Regel auch genug und ging, auf jeder Seite eine Beule in der Größe eines halben Golfballes, seiner Wege (die Beulen blieben nicht lange, weil die Lösung aufgenommen wurde).

Er war dermaßen entspannt beim Spritzen, dass wir ihn auch pieksen konnten, wenn wir den Ehepartner grad nicht zur Hand hatten. Fidelio blieb liegen, beim Hochziehen der Haut konnte man ihn mit dem Handrücken in Position gedrückt halten.

Das Essen war nicht so entspannt. Es gab nun fünf Katzen im Haushalt und nur eine bekam diese überaus leckere spezialfuttermäßige Leberwurstpaste. Das Zeug ist auch teuer, wir mussten die anderen Tiere auf Abstand halten. Also Fidelio zuerst, danach der Rest der Bande. Kratz, kratz, jammer, pieps, heul vor der verschlossenen Küchentür, während Fidel sein Bestes gab, um das Zeug zu inhalieren. Klappte manchmal auch nur so mittel. Er war nicht so der große Esser. Oftmals gab er seinem Personal zu verstehen, dass nun gut ist. Dann wurden die anderen Näpfe befüllt, und der Rest der Tiere stürmte rein und mampfte natürlich erstmal den Rest, den Fidelio übriggelassen hatte.

Tatsächlich war das Füttern fast nerviger als das Spritzen.

Der Tierarzt gab uns maximal 2 Jahre, wenn wir das mit dem Futter und dem Spritzen so lange täglich durchhielten. Wenn Fidel nach Katzenpipi riecht, sagte er, dann wäre Schluss. Das hieße, dass die Nieren gar nicht mehr funktionieren. Der Kater fängt in dem Fall eben an zu müffeln, da die Stoffe, die normalerweise mit dem Urin ausgeschieden werden, im Körper bleiben und dann über die Haut austreten. Es wurden tatsächlich über 4 Jahre, bis das eintrat. Fidelio war schmusig, zugewandt, aber auch interessiert-neugierig und lebhaft.

Einmal wollten wir einen Leihwagen zurückbringen, die Zeit drängte. Nur noch Katzen durchzählen, Fenster zu und los.
„1, 2, 3, 4… Wo ist Nummer 5?“
„Wer fehlt?“
„Fidel.“
„Hast hier, da, dort gekuckt?“
„Ja.“
„Hm.“
„Das Fenster ist offen.“

Dachgeschoss. Ok. Ich sehe also nach und den Kater mit seinem hängenden Bein durch die Regenrinne Richtung Nachbarhaus schlurfen.

„Fideeeelioo!“
Der dreht sich um: „Wen meinst du, mich?“
„Fidel! Komm!“

Mittlerweile hat er das Nachbarhaus erreicht und bewegt sich in Richtung offenes Dachlukenfenster der fremden Mansardenwohnung.

„Fidel! Lass das, komm her!“
Er schaut mich an: „Moi?“

Und verschwindet durch das Lukenfenster in der unbekannten Wohnung.

5 Etagen runter, zum Eingang Nachbarhaus, peilen, wer die Wohnung haben könnte, klingeln. Keiner da. Der Gattin, die schon beim Auto wartet, die Sachlage erklären. Hektisch werden. Wieder bei Unbekannt klingeln. Immer noch keiner da. Nochmal 5 Etagen hoch, das offene Fenster anschreien: „FIDEL!“.

Natürlich tut sich da nichts. Wieder runter, erneut beim vermuteten Besitzer der Dachgeschosswohnung klingeln. Mit der Gattin die Optionen besprechen. Das Leihauto muss tatsächlich jetzt zurückgebracht werden. Wieder hoch, nochmal die offene Luke beschwören, den Kater rauszurücken, nützt natürlich nix.

Zum Auto, reinsetzen, Motor an, ein letzter Blick hoch: Fidelio ist wieder in der Regenrinne und hinkt irgendwie fröhlich-gelassen zum eigenen Wohnungsfenster. Wieder hoch (5! Etagen. Sagte ich das schon?), den Kater reinlassen, zu fertig zum Schimpfen. Auto wegbringen.

Ich schrieb ja bereits, dass Fidel schmusig war. Um mal ein Beispiel zu bringen: Meine Frau schlief gern im Nachthemd. Eines Morgens wunderte sie sich, dass ihr so warm ist. Das lag daran, dass Fidelio unter ihrem Nachthemd unter der Bettdecke schlief. Sie hatte im Schlaf nicht bemerkt, dass er dorthin gekrabbelt war. Sie hat – im Gegensatz zu mir – einen sehr ruhigen Schlaf, bewegt sich fast gar nicht über die Nacht. Deshalb war ihre Bettseite bei Katzens stets sehr beliebt. Und deshalb konnte Fidelio unter den ganzen Lagen Bettdecke und Nachthemd auf ihrer Brust nächtigen.

So war das mit Fidelio.

Ich finde, er war ein ganz besonderer Kater. Und wir konnten ihm nach seinen schweren Anfängen auf dieser Welt wenigstens einige gute Jahre geben.

Archivfoto Abessinierkater

1 Kommentar

  1. So schön, das es menschen gibt, die tiere lieben. Erst recht die, die es besonders brauchen. Fidelio hat euch gebraucht und ihr seid für ihn da gewesen. So schön.
    Hatte selber 2 mit niereninsuffizienz aus dem TH. und auch wenn manchmal zeitintensiver als gesunde tiere…grade sie fehlen einem dann hinterher besonders. Und würde es immer wieder tun. Vielen dank fürs teilen

Schreibe einen Kommentar zu Petra Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.