Gespräch zur Nacht. Mit der Katze des Hauses.

„Was ist?“, fragt die Katze, als sie abends zu mir ins Bett kommt. „Weinst du etwa?“

„Entschuldige bitte“, sage ich. „Aber bei Twitter ist schon wieder eine Katze gestorben. Das macht mich traurig, auch wenn ich sie gar nicht persönlich gekannt habe.“

„Verstehe“, sagt die Katze. „Das ist ja auch traurig. Aber mach bitte nicht mein Fell nass!“

„Natürlich nicht“, sage ich. „Ist ja schon wieder gut.“

Die Katze klettert eine Weile auf mir herum und roll sich dann auf meiner Brust, etwa zehn Zentimeter von meinem Kinn entfernt, zusammen. Ich kann mein Buch nicht mehr sehen, lege es also brav zur Seite und beginne, die Katze zu kraulen. Die wiederum schnurrt wohlig.

„Sag mal“, unterbricht die Katze etwas später unser entspanntes Schweigen, „was würdest du denn machen, wenn ich sterbe?“

„Du?“ frage ich entsetzt. „Aber du bist doch ganz gesund und gerade erst zehn Jahre alt. Außerdem haben Katzen sieben Leben. Oder neun. Das weiß doch jeder!“

„Natürlich“, erwidert die Katze, „das ist ja klar. Ich habe auch nicht die Absicht, in der nächsten Zeit zu sterben. Aber es könnte trotzdem passieren. Und irgendwann, in einer hoffentlich fernen Zukunft, passiert es auf jeden Fall. Das weißt du doch, oder?“

„Ja“, gebe ich widerwillig zu. „Das weiß ich. Du bist ja nicht die erste Katze, mit der ich zusammenlebe.“

„Eben“, sagt die Katze. „Also, was würdest du tun, wenn ich sterbe?“

„Weinen“, antworte ich, „ich würde weinen. Sehr laut, sehr lange und sehr feucht.“

Die Katze rückt ein kleines Stückchen von mir ab und beginnt, sich das Fell zu lecken, das ich gerade im Überschwang der Gefühle gegen den Strich gestreichelt habe. „Sicher würdest du weinen. Das ist ja klar und – bei euch Menschen! – angeblich eine ganz natürliche Reaktion. Davon bekommst du zwar Kopfschmerzen und siehst aus wie aus dem Tümpel gezogen, aber das muss wohl so sein.“ Wieder leckt sie sich ihre Rückenhaare, obwohl diese schon sehr akkurat liegen. „Aber du würdest doch deswegen nicht das Abendessen verpassen, oder?“

„Ich weiß nicht“, überlege ich laut. „Vielleicht würde ich wegen der Kopfschmerzen was essen, aber viel Lust dazu oder gar Appetit hätte ich sicher nicht.“

Die Katze betrachtet mich von oben bis unten und kommt vermutlich zu dem Schluss, dass eine übersprungene Mahlzeit in meinem Fall nicht lebensbedrohlich wäre. „Na gut“, gesteht sie mir zu, „dann lässt du von mir aus das Abendessen ausfallen. Aber am nächsten Morgen hast du bestimmt Hunger. Und dann isst du auch was.“

„Ja, wahrscheinlich“, stimme ich ihr zu. „Es nützt ja keinem was, wenn ich verhungere. Ich würde also keine Mahlzeit aus Pietät ausfallen lassen. Das würdest du doch auch nicht tun, oder?“

„Ich? Eine Mahlzeit ausfallen lassen?“ Die Katze ist so verblüfft, dass ich fast lachen muss. „Warum sollte ich eine Mahlzeit ausfallen lassen?“

„Na ja“, sage ich. „Aber wenn ich nun vor dir stürbe? Da würdest du dir doch sofort einen neuen Menschen besorgen, der dir Abendessen macht und das Katzenklo ausleert!“

„Da ist was dran“, sagt die Katze, „aber nur aus Pragmatismus. Der ist uns Katzen angeboren, wir können nichts dafür. Aber du wirst bitte nicht vor mir sterben, sondern schön auf dich aufpassen und hübsch gesund bleiben. Das war der Deal… erinnerst du dich?“

„Klar erinnere ich mich“, beruhige ich sie (sie hat einen etwas hysterischen Unterton bekommen). „Ich werde alles tun, um nicht vor dir zu sterben, versprochen. Aber du hast mir auch versprochen, etwa 45 Jahre alt zu werden, damit sich die Tierarztkosten aus dem ersten Jahr amortisieren können!“

„Und da bin ich ja auch dabei“, beruhigt mich die Katze (möglicherweise war mein Unterton auch gerade etwas hysterisch). „Wir werden beide zusammen alt und grau und sterben eines Tages gemeinsam an Altersschwäche. Falls ich aber nun doch kurz vor dir sterben sollte…“

„… dann werde ich furchtbar traurig sein und viel weinen. Und wenn ich trotzdem was esse, dann werde ich dabei auch weinen.“

„Das ist in Ordnung“, findet die Katze. „Du hast dann ja vermutlich sowieso keine Zähne mehr und so kann es nicht schaden, das harte Brot etwas aufzuweichen.“ Sie dreht sich, auf meinem Brustkorb stehend, einige Male um sich selbst, um sich dann in exakt derselben Position wie eben wieder niederzulassen. „Und wenn du alle Tränen geweint und halb Hamburg überschwemmt hast, dann holst du dir eine neue Katze. Aus dem Tierheim oder aus dem Internet, so wie mich damals!“

„Ja“, sage ich, „bestimmt. Schon, weil ich eine leere Wohnung so schwer aushalten kann. Aber keine andere Katze kann so sein wie du!“

„Natürlich nicht“, erwiderte die Katze, „keine Katze ist wie ich. Keine Katze ist wie die andere. Auch wenn wir angeblich nachts alle grau sind. Aber jede Katze wird dein Herz erobern. Sie wird dich an mich erinnern, wenn sie Dinge genauso macht wie ich… oder weil sie sich ganz anders verhält. Sie wird in meinem Eigenheim schlafen oder in einem neuen Eigenheim, das du extra für sie gekauft hast. Oder in deinem Bett. Vielleicht sitzt sie genauso auf deiner Brust und drückt dir die Luft ab wie ich gerade. Und dann wirst du ihr von mir erzählen. So wie du mir von meinem Vorgänger erzählt hast, der immer aus dem Bett gesprungen ist, sobald du das Licht ausgemacht hast, und dann auf dem Bettvorleger geschlafen hat.“

„Und dabei hätte ich mich so gefreut, wenn er die ganze Nacht bei mir im Bett geblieben wäre“, erinnere ich mich. „Aber ihm war das zu unheimlich.“

„Um die ganze Nacht bei dir im Bett durchzuhalten, braucht man aber auch starke Nerven“, sagt die Katze streng. „Du hampelst da wirklich die ganze Zeit rum und liegst nie still.“

„Aber dir macht das keine Angst“, sage ich. „Du bleibst die ganze Nacht im Bett und schläfst dabei sogar.“

„Ich weiß ja auch, dass du dich nicht auf mich drauflegst, nicht einmal im Schlaf“, beruhigt mich die Katze schnurrend. „Wir kennen uns ja nun wirklich schon lange genug.“

Ich streichle ihr freundliches kleines Gesicht mit den großen grüngelben Augen, die sie genießerisch schließt, wenn ich mit dem Zeigefinger über ihre Stirn nach oben streiche. „Ich habe dich lieb.“

„Ich dich auch“, versichert mir die Katze. „Du hast zwar ein paar merkwürdige Gewohnheiten, aber du kannst gut streicheln und wirklich erstklassig Dosen und Tütchen öffnen. Aber fassen wir nochmal zusammen: Wenn ich sterbe, dann bist du traurig und weinst. Du vergisst aber nicht, spätestens am nächsten Morgen wieder was zu essen. Und nach einer kleinen Weile, wenn die Trauer sich ein bisschen öffnet und auch eine Komponente von Sehnsucht bekommt – und vielleicht sogar Hoffnung – dann gehst du los und besorgst dir eine neue Katze. Sind wir uns darüber einig?“

„In Ordnung“, sage ich, „darüber sind wir uns einig. Können wir uns jetzt bitte auf die Seite drehen und versuchen zu schlafen?“

„Willst du nicht mal wieder diese Baldriantropfen zur Beruhigung nehmen?“ fragt die Katze, während sie von mir heruntersteigt und sich neben mir auf der Bettdecke zusammenrollt. „Die riechen so lecker… und du könntest bestimmt viel besser einschlafen!“

„Hahaha“, erwidere ich. „Als ob ich nicht wüsste, dass du mir dann quasi in den Mund kriechst, um meinen Atem zu trinken! Sehr lustig. Einmal und nie wieder!“

„Pah“, murmelt die Katze, die schon fast schläft, „aber es war einen Versuch wert. Dann schlaf doch so – wenn du kannst! Gute Nacht, Mensch.“

Ich streichle noch einmal über den ganzen zusammengerollten Katzenkörper und mache dann das Licht aus. „Gute Nacht, Katze. Schlaf gut. Bis morgen.“

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