Hamburger Nächte sind lang. Am Theater.

Guten Tag. Wenn Sie diesen Text lesen, liege ich vermutlich noch im Bett, röchele leise vor mich hin und hoffe, dass bald (aber nicht zu bald) mein Freund mit Brötchen kommt und mich zum Kaffeekochen überredet. Wenn Sie diesen Text lesen, habe ich es geschafft, per WordPress-App diesen vorbereiteten Beitrag tatsächlich in meinem Blog zu veröffentlichen, ohne zu diesem Zweck den üblichen Sonntagmorgenweg vom Bett aufs Sofa anzutreten, um dort das Notebook in Betrieb zu nehmen.

Weil ich – und das weiß ich schon einen Tag vorher beim Verfassen dieses Textes – morgen früh, also kurz bevor Sie diesen Text lesen, vermutlich nicht in der Lage und auch nicht gewillt sein werde, mein Bett – außer vielleicht notgedrungen zum Zwecke der Katzenfütterung und/oder der Blasenerleichterung zu verlassen.

Woher ich das alles jetzt schon weiß? Ich lerne, wenn auch langsam, aus schmerzlichen Erfahrungen von nunmehr vierzehn Jahren: Am Tag nach der alljährlichen Theaternacht Hamburg bin ich grundsätzlich zu nichts zu gebrauchen. Meine Füße sind platt, meine Knie sind steif, mein Kopf ist leer und meine Willenskraft nicht existent. Außer, es geht darum, im Bett bleiben und mich nicht bewegen zu wollen.

Die Hamburger Theaternacht oder „Lange Nacht der Theater“ ist eine einmal im Jahr, zu Beginn der Spielzeit stattfindende gemeinschaftliche Werbeveranstaltung von etwa 40 der in Hamburg ansässigen Bühnen. Sie kennen das wahrscheinlich, denn Hamburg ist natürlich nicht die einzige Stadt auf dieser Welt, die eine Theaternacht veranstaltet. Außerdem gibt es inzwischen ja auch kaum noch irgendeine Branche, in der keine Langen Nächte veranstaltet werden. Ich weiß nicht genau, wie beliebt die Lange Nacht der Klohäuschen, die Lange Nacht der Augenärzte und die Große Hamburger Schrottplatznacht sind, aber die Nacht der Kirchen und die Lange Nacht der Wissenschaften finden auf jeden Fall großen Anklang bei den Hamburgern.

Erfunden haben diese Langen Nächte, soweit ich weiß, die Museen. Sie wussten damals nicht, was sie damit anrichten, schätze ich, deswegen darf man sie jetzt nicht allzu heftig beschuldigen. Außerdem ist so eine lange Museumsnacht gar keine üble Idee: Die Museen bzw. die dort stattfindenden Ausstellungen sind halt da und man schleust Menschen hindurch, die sich freuen, mit nur einer Eintrittskarte an einem Abend mehrere Häuser besuchen zu können. Und das auch noch mit Shuttlebussen, die direkt vor den jeweiligen Türen halten. Natürlich gibt es in Hamburg auch klitzekleine Museen, zu denen man fährt, um dann sehr lange in einer Warteschlange vor der Tür zu stehen, aber es gibt auch diverse große Häuser, in die man immer ohne Wartezeit hineinkommt. Meistens ist dort abseits der aktuellen Wanderausstellung auch viel Platz und Ruhe, um sich in der Dauerausstellung entspannt umzuschauen. Angereichert durch Vorführungen und Einblicke hinter die Museumskulissen kann man so recht beschauliche und informative Abende verbringen. Davon abgesehen ist das Museumsnachtticket auch am nächsten Tag noch in den teilnehmenden Häusern gültig, was ich einen sehr feinen Zug der Veranstalter finde.

Die lange Theaternacht funktioniert nicht ganz so reibungslos, was vielleicht vor allem daran liegt, dass wir keine Dauerausstellungen zu bieten haben, sondern einzelne Veranstaltungen in größeren und kleineren Sälen. Diese Säle sind – je nach Attraktivität des Programms, aber völlig unabhängig von ihrer Größe – irgendwann und häufig früher als später vollständig gefüllt. Alle Besucher, die zu spät kommen (und zu spät kann durchaus eine Dreiviertelstunde vor Einlass, also eine Stunde vor Beginn des Programms sein), stehen also vor verschlossenen Türen und müssen sich entscheiden, ob sie entweder dort stehen bleiben und eine Warteschlange für den nächsten Programmpunkt (der in einer Stunde stattfinden wird) bilden oder ob sie lieber weiterreisen zum nächsten Theater in der Hoffnung, dort sofort Einlass zu erlangen.

Die Staatsoper, mein Arbeitsplatz, besitzt natürlich einen der größeren Säle der Stadt, er fasst 1.670 Besucher. Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell sich 1.670 Besucher, die draußen schon eine Weile gewartet haben, nach Beginn des Einlasses auf 1.670 Plätze im Parkett und vier Rängen verteilen. Gefühlt dauert das ungefähr dreißig Sekunden – ich beobachte das immer von meinem Platz im Infostand im Parkettfoyer aus. Ein bisschen erschreckend ist das schon. Wesentlich erschreckender ist allerdings noch, wenn man hinterher aus irgendeinem Grund nochmal auf die Straße schaut und sieht, dass da immer noch eine Warteschlange mit den nächsten 1.670 Besuchern steht, die die ganze Seitenstraße in Anspruch nimmt und möglicherweise hinter der Ecke, die ich nicht mehr einsehen kann, noch weitergeht.

Ein Besucher, der jetzt erst anrückt, hat also keine Chance mehr, jetzt noch in den Großen Saal zu kommen – mit Glück bekommt er einen Wartelistenplatz für den zweiten Programmblock.

Wir spielen in der Theaternacht natürlich nicht nur im Großen Saal der Staatsoper, sondern auch in zwei kleineren Räumen, unserer Studiobühne „opera stabile“ und der Großen Probebühne. Beide fassen jeweils etwa 150 Besucher. Wer auch da keinen Platz findet, kann sich gemütlich unterm Glasdach in unseren „Biergarten“ vor dem Bühneneingang setzen und dem Geschehen im Großen Saal auf einer Großbildleinwand folgen. Das kann ganz urig sein, sofern das Wetter ein bisschen mitspielt. Damit rechnen wir an diesem Wochenende allerdings nicht (was sicher damit zu tun hat, dass parallel zur Theaternacht die Rolling Stones im Hamburger Stadtpark auftreten – da muss es ja regnen).

Ich habe schon von Theaternachtbesuchern gehört, die sich als erfolgreich betrachteten, wenn sie – bei umsichtiger Planung – ungefähr ein Drittel der Nacht in Shuttlebussen verbrachten, ein weiteres Drittel in Warteschlangen und ein letztes Drittel in den Veranstaltungen, die sie sich mit „im Notfall“ markiert hatten. Aber wie gesagt: Für eine derartige Erfolgsquote ist erhöhte Umsicht und viel Erfahrung Voraussetzung.

Die Theater bemühen sich natürlich sehr darum, möglichst vielen Besuchern die Möglichkeit zu geben, die gewünschten Veranstaltungen zu besuchen. Aus diesem Grunde wird viel Aufwand betrieben, um die Besucher am Ende jedes Programmblocks dazu zu bringen, wieder aufzustehen und ihren Platz anderen Besuchern zu überlassen. Das Einlasspersonal hat da oft einiges zu tun, wenn Besucher sich zum Beispiel schlafend oder bewusstlos stellen, um nicht von ihrem gemütlichen Platz im Warmen verjagt zu werden.

Um die Besucher von Vornerherein zu motivieren, ihre Plätze von alleine wieder zu verlassen und weiterzuziehen, haben wir in vierzehn Jahren Theaternacht-Geschichte mittlerweile die Programmplanung entsprechend optimiert. Unsere Vorführungen sind kurz und nicht zu aufregend. Nach jedem Programmhäppchen gibt es eine Pause, die mindestens so lang ist wie das Häppchen. Und dann wird erst einmal das Programm wiederholt, das eben schon gespielt wurde. Jede interessante und kreative Idee der Kollegen für ein Programm wird üblicherweise im Keim erstickt mit dem Totschlagargument, dass das zu gut sei und die Besucher dann nicht wieder gingen! Da lacht natürlich das Künstlerherz!

Noch ein wichtiger Fakt: Die auftretenden Künstler und alle anderen Mitarbeiter des Theaters werden für ihre Mitwirkung bei der Theaternacht nicht bezahlt. Die Mitwirkung ist kein Dienst in dem Sinne, sondern freiwillig. Wir schenken unserem Haus diesen Abend und machen uns – je nach Fähigkeiten und Neigung – nützlich. Wir moderieren, betreuen Künstler, bauen um, rennen planlos zwischen Bierstand und Inspizientenpult hin und her, haben im Notfall immer eine Telefonliste aller Kollegen in der Tasche und sind auch sonst ungeheuer wichtig. Ich zum Beispiel organisiere und bestücke jedes Jahr zwei Infostände, an dem meine Bürokollegen und ich die ganze liebe Theaternacht lang fragenden Besuchern Einzelheiten zum Programm, den Weg zum Klo und notfalls auch noch die Entstehung von Mondfinsternissen erklären. Oder sie trösten, weil sie müde, hungrig, genervt, seit vier Stunden unterwegs sind und noch immer kein Theater von innen gesehen haben.

Ich will nicht sagen, dass ich die Lange Nacht der Theater nicht mag. Wirklich nicht. Aber eine lange Nacht der Cocktailbars oder die lange Netflixnacht auf dem heimischen Sofa wären mir schon irgendwie lieber. Aber gut. Wenn Sie diesen Text lesen, dann habe ich die Hamburger Theaternacht 2017 überstanden. Mit platten Füßen, Kopfschmerzen und einem Hass auf Geräusche, Bewegungen, Gerüche und Licht vermutlich, aber überstanden. Lassen Sie uns das Thema also abhaken. Bis zum nächsten Jahr.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Im Theater, im Museum, im Bus, im Stadtpark, im Bett oder auf dem Sofa. Wo es Ihnen eben gefällt!

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1 Kommentar

  1. Na so ein Zufall. Am gleichen Abend fand in der Reformationskirche in Berlin-Moabit die lange Nacht der Chöre statt und ich war mit meinem Chor wie jedes Jahr wieder am Start (und habe davor und danach eine Weile zugehört). Ist eine tolle Veranstaltung, aber die für die Organisation verantwortlichen Personen beneide ich nicht.

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