Hospiz in Zeiten von Corona. Sterbebegleitung mit Mundschutz.

Wieder ist eine Hospizbegleitung von mir zu Ende gegangen. Eine Begleitung, die so ganz anders war als alle meine anderen Begleitungen. Wegen der Umstände natürlich und wegen des Gastes.

Dass ich für diese Begleitung überhaupt angefragt wurde, war schon besonders. Es sind nämlich im Moment nur ganz wenige, ausgewählte Ehrenamtliche im Einsatz. Nur dann, wenn ein Gast sonst gar keinen Besuch hätte und aber, trotz der coronainduzierten Schwierigkeiten und Einschränkungen, welchen möchte.

Mein Gast wurde Mitte April direkt aus dem Krankenhaus, wo er wegen eines Knochenbruchs behandelt worden war, ins Hospiz verlegt. Er war in meinem Alter, litt an einer weit fortgeschrittenen Krebserkrankung und hatte sich gegen weitere Therapieversuche entschieden. Eine selbstbestimmte Entscheidung, trotz großer kognitiver Einschränkungen aufgrund einer Hirnschädigung bei der Geburt.

Weil er aus dem Krankenhaus kam, musste er die ersten zwei Wochen im Hospiz in Quasi-Isolation bleiben und einen Mundschutz aufsetzen, sobald jemand sein Zimmer betrat. Und alle, die das Zimmer betraten, trugen sowieso einen Mundschutz – und natürlich weitere Schutzkleidung, wenn sie körpernahe Tätigkeiten ausführten.

Die brauchte ich nicht; ich bekam die Anweisung, beim Betreten des Hauses meine Hände zu desinfizieren, mich in die Besucherliste einzutragen und meinen Mundschutz aufzusetzen. Ferner: Nichts anzufassen und niemandem zu nahe zu kommen, vor allem nicht meinem Gast. Meinen Stuhl zwei Meter entfernt von ihm aufzustellen und dort sitzenzubleiben, komme was wolle.

Ich trug Mitte April ja schon seit drei Wochen brav meinen Mundschutz, allerdings bisher nur im Bus und beim Einkaufen. Und meine Kommunikationsversuche hatten sich bisher auf Sätze beschränkt wie: ‟Baff Bröddffen bippe. Meim, bass. Forry, iff kann nifftf dafür.” Ansonsten schwieg ich hinter meiner Maske und bemühte mich, still und schnell meine Geschäfte zu erledigen und wieder nach Hause zu kommen.

Und nun sollte ich einem sterbenskranken Menschen, der ebenfalls einen Mundschutz tragen musste, begegnen. Mit Mundschutz, mit Abstand und ohne was anzufassen. Nicht wirklich meine Idee von einem entspannten Kennenlernen. Aber was soll‘s, ich bin ja neugierig und durchaus bereit, mich auch mal kurzfristig aus meiner Komfortzone herauszubewegen.

Theoretisch.

Praktisch… nun ja, was soll ich Ihnen sagen? Dass es im Hospiz natürlich schön warm war und meine Brille schon vor dem Anlegen des Mundschutzes so beschlug, dass ich fast gegen eine Glastür gelaufen wäre? Dass ich schwitzte wie in der Sauna und mich völlig isoliert von der Welt fühlte? Dass ich mich ununterbrochen argwöhnisch umschaute und jederzeit damit rechnete, von Viren angefallen zu werden, auch wenn ich nichts anfasste?

Das alles, bevor ich das Zimmer des Gastes überhaupt betreten hatte.

Im Zimmer nahm ich dann die Brille ab, um von meinem neuen Gast mehr als einen verschwommenen Umriss zu sehen. Was so mittelhilfreich war, denn ich bin kurzsichtig und brauche auf eine Distanz von zwei Metern durchaus die Brille, um scharf zu sehen. Aber egal.

Der Mann, der vor mir im Bett lag, war sehr groß, sehr dünn und sehr schwach. Ich begrüßte ihn, stelle mich vor, entschuldigte mich wegen des lästigen Mundschutzes und setzte mich.

Keine Antwort seinerseits. Zehn Sekunden. Zwanzig Sekunden. Dann fummelte er sich mühsam auch einen Mundschutz vor das Gesicht und starrte mich an. Nochmal zehn Sekunden.

Können Sie mir die Fußnägel schneiden?”

Leider nein”, erwiderte ich und erklärte, dass ich so oder so nicht gut Fußnägel schneiden kann, aber selbst wenn, dann wäre das nicht meine Aufgabe als Ehrenamtliche. Dass es aber bei der Pflege möglicherweise jemanden geben könnte, der sich das zutraut.

Keine Antwort. Offenbar hatte ich schon bei ‟leider” seine Aufmerksamkeit und sein Interesse verloren.

Ein paar Versuche, ein Gespräch anzufangen, und einige einsilbige Antworten später wurde mir langsam klar, dass ich mir wohl keine Hoffnung auf angeregte Unterhaltungen mit diesem Gast machen musste. Na gut, dachte ich, dann bin ich eben einfach da und präsent. Ohne irgendwas zu wollen. Aber präsent.

Diese Überlegung wurde unterbrochen von der Ankündigung meines Gastes, er wolle sich nun lieber ausruhen und ich solle bitte gehen. Natürlich, kein Problem, versicherte ich ihm. Ob ich in ein paar Tagen mal wiederkommen solle? Ja.

Leicht verunsichert verließ ich das Zimmer, setzte meine Brille wieder auf und lief gegen die nächste Glastür.

So ähnlich blieb es auch bei meinen weiteren Besuchen, jedenfalls im Großen und Ganzen. Nie hatte ich das Gefühl, meinen Gast auch nur ansatzweise ‟geknackt” zu haben. Nicht einmal ließ er mich spüren, dass er sich freute, mich zu sehen. Unsere Unterhaltungen waren mühsam, seine Aufträge und Wünsche konnte ich im Allgemeinen nicht erfüllen und das Konzept des ‟Gesellschaftleistens” war ihm offenbar nicht vertraut.

Nach fast jedem Besuch telefonierte ich mit unserer Koordinatorin, die mir viel von der Ermutigung und Bestätigung gab, die mir im Umgang mit dem Gast fehlte. Sie war der Meinung, dass meine Besuche gerade wegen meiner Absichtslosigkeit (die sich, ganz subjektiv, manchmal stark nach Nutzlosigkeit anfühlte) sinnvoll seien. Und versicherte mir, dass unser Gast sich nicht nur im Umgang mit mir als spröde und wortkarg erwies, sondern dass das wohl ganz allgemein seine Art sei. Und dass die hauptamtlichen KollegInnen es auch nicht leichter mit ihm hatten, nur natürlich viel mehr Erfahrung als ich.

Ich blieb also dabei, wenn auch mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit gegenüber meinem Gast und dem ständig nagenden Zweifel, ob nicht jemand anderes aus dem Kreis der Ehrenamtlichen das alles irgendwie besser hinkriegen würde. Eine merkwürdige Erfahrung, in der Tat.

Nach zwei Wochen wurde mein Gast dann endlich von der Mundschutzpflicht befreit und hätte sich im Hospiz verhältnismäßig frei bewegen dürfen. Allerdings verschlechterte sich sein Zustand da schon relativ gravierend, so dass er sein Bett nur noch mit viel Unterstützung und unter großen Anstrengungen verlassen konnte.

Die Besuche wurden nicht einfacher, das Sprechen strengte ihn an und er nuschelte von Mal zu mal unverständlicher. Das mit den zwei Metern Abstand erledigte sich schnell, aber auch, wenn ich direkt vor ihm stand, konnte ich ihn oft nicht verstehen. Vielleicht es ja auch so, dass man mit Mundschutz und ohne Brille schlechter hört… irgendwie brauchen sich die einzelnen Sinne eben doch auch gegenseitig.

Letztes Wochenende sah er für meine laienhaften Augen schon so sterbend aus, dass ich etwas Sorge hatte, er würde möglicherweise meinen Besuch nicht überlegen. Er sprach kaum noch und wirkte sehr in sich selbst versunken. Ich trug, wie man das halt so macht, Besuchstermine für die Folgewoche in seinen Kalender ein und glaubte nicht wirklich daran, ihn noch einmal wiederzusehen.

Aber es rief niemand an, um mir zu sagen, dass ich nicht mehr zu kommen brauche, also ging ich am Mittwochnachmittag wieder ins Hospiz. Und mein Gast war noch da. Und er sprach zu mir, als ich ins Zimmer kam.

Können Sie mir die Fußnägel schneiden?”

Und wieder konnte ich nicht viel für ihn tun. Nur etwas bei ihm bleiben, freundliche, absichtslose Präsenz ausstrahlen und hoffen, dass ihn ein bisschen davon erreichen möge.

Gestern hätte ich ihn, so stand es im Plan, wieder besuchen sollen, aber dazu kam es nicht mehr. Mein Gast ist am Freitagabend im Beisein einer Kollegin von der Pflege friedlich gestorben. Vielleicht konnte sie ihm ja vorher noch mit seinen Fußnägeln helfen. Das hätte ich ihm jedenfalls gewünscht.

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