Katzenfachchinesisch: Tortitude

Wenn Sie so gemütlich im Internet rumlesen, mal hier und mal da, stoßen Sie da auch gelegentlich auf Beiträge, die Sie ein bisschen ärgerlich machen? So ich heute wieder, während ich gemütlich und nichtsahnend auf dem Sofa saß. Ich stieß auf die Erwähnung des Wortes „Tortitude“.

Schon mal gehört? Tortitude hat leider nichts mit Konditoreierzeugnissen zu tun und zum Glück auch nichts mit Folter, sondern ist eine Zusammenziehung der Wörter „Tortie“ und „Attitude“. „Tortie“ ist Ihnen aber geläufig, oder? Nicht? Okay, „Tortie“ ist eine Abkürzung von „Tortoiseshell Cat“, was die englische Bezeichnung für eine Schildpattkatze ist.

Kommen wir zu den katzenfachchinesischen Grundlagen: „Tortie“ ist ein englisches Wort, das erfunden wurde, weil die Engländer, obwohl sie – als Gesamtheit – einen unfaßbar großen und großartigen Wortschatz besitzen, Eigennamen am liebsten zweisilbig und auf -i, – ie oder -y endend mögen. Wie man ja kürzlich gerade wieder aus dem britischen Königshaus hören durfte.

Und so heißen Schildpattkatzen halt im englischen Sprachraum „Torties“ und getigerte Katzen „Tabbys“. Und Schildpattkatzen mit einem – zumindest in Teilen erkennbaren – Tigermuster heißen… na… na, genau: „Torbies“.

Auch diese amüsante Zusammenziehung fand ich im Internet, aber schon im nächsten Absatz ging es dann um „Tortitude“, also die angebliche spezielle Attitüde der Schildpattkatze an sich.

Amerikanische Wissenschaftler (jawohl, die!) haben nämlich zu diesem Thema geforscht und die Meinung von über tausend Katzenhaltern zu der Frage „Sind Schildpattkatzen aggressiver oder zickiger als andere Katzen?“ ermittelt. Und was haben die amerikanischen Wissenschaftler dabei herausgefunden? Genau, Schildpattkatzen sind zickig, fauchig, bissig, kratzig und generell schwierig.

Wie bitte??? Ich glaube, mein innerer Wissenschaftler findet nicht mehr raus!

Wollen wir noch mal kurz einen Schritt zurück machen? Schildpatt ist keine Katzenrasse, sondern eine Farbstellung, die auf genetische Besonderheiten (nämlich die Information „Rot“ auf dem einen X-Chromosom und „Nicht Rot“ auf dem anderen X-Chromosom) zurückzuführen ist und bei sehr vielen sehr unterschiedlichen Katzenrassen dieser Welt auftritt. Bei zierlichen, extrem intelligenten, aktiven und eigensinnigen Devon Rex Katzen beispielsweise ebenso wie bei ruhigen, ausgeglichenen und oft recht großen Perserkatzen. Und natürlich bei Haus-, Feld-, Wald- und Wiesenkatzen aller Art.

Da liegt es natürlich nahe, alle diese Katzen, auch wenn sie nicht viel mehr miteinander gemein haben als ein unordentlich gemustertes schwarz-rotes Fell, über einen pseudowissenschaftlichen Allzweckkamm zu scheren und als schwierig zu bezeichnen. Das überzeugt doch im Ansatz. Und dann bleiben die Schildpattkatzen mit ihren Kumpels, den schwarzen Katzen, im Tierheim sitzen, weil sie wegen ihres schlechten Rufs und unheimlichen Aussehens keiner adoptieren will. Na toll.

Als ich vor über zehn Jahren zum ersten Mal mit Katze 1 und Katze 2, die damals erst seit kurzer Zeit bei mir wohnten, zum Tierarzt ging, sagte dieser, kaum dass ich die erste Katze auspackte: „Schildpatt! Die sind immer so zickig“. Da er dabei klang und die Arme rang wie Daffyd, der einzige Schwule im Dorf, dachte ich mir nicht allzu viel dabei. Außer: Arschloch. Natürlich. Dass Katze 1 ihm später im hohen Bogen aufs weiße Polohemd kackte – wohlgemerkt aus Panik und nicht weil sie eine Diva sein wollte -, fand ich dann auch ganz angemessen.

Katze 1 und Katze 2 sind nämlich die unzickigsten, dankbarsten und im guten Sinne des Wortes anhänglichsten Katzen, mit denen ich je zusammengelebt habe. Sie sind intelligent, neugierig und sehr lernfähig. Sie sind menschenbezogen, redselig und unterhaltsam. Sie sind schmusig und liebenswürdig, immer gut gelaunt, pflegeleicht, unheimlich tapfer und komplett unaggressiv. Selbst wenn sie ängstlich, erschrocken oder krank sind, kratzen und beißen sie nicht.

Ich brauche keine großangelegte Studie, um zu folgender Erkenntnis zu gelangen: Schildpattkatzen sind großartig. Und wenn ich mal eben, so mittelwissenschaftlich, von Katze 1 und Katze 2 auf den Rest der Tortie-Weltbevölkerung schließen darf, dann kann „Tortitude“ nur heißen: Eine bunte Katze mit einer vorbildlichen Haltung. Eine Katze, mit der es sich vorzüglich zusammenleben lässt. Eine Katze, die glücklich macht.

3 Kommentare

  1. Und ich hab‘ schon den zweiten schwarzen Kater und ich finde die großartig! Alle Schwarzkatzen, die ich kenne, haben Humor, sind verspielt, verschmust (selbst wenn man fremd ist) und wickeln mit ihrem Charme alle um ihre Pfoten. Also: Holt euch schwarze Katzen und Schildpattkaten und alles und überhaut und seid nett zu ihnen. Das steht ihnen nämlich zu.

  2. Ich habe heute aus dem Englischen den Begriff durch einen Eintrag auf meinen Facebookpost kennen gelernt. Musste sofort googeln und bin hier auf Ihre Seite gestossen. Krümel, meine Schildpatt, ist dem ehemaligen Besitzer aus gutem Grund im letzten Frühjahr weg gelaufen und in meinem Garten gelandet. Ein halbes Jahr kam sie immer nur spät in der Nacht fressen und war dann wieder komplett verschwunden. Im tiefen Herbst dann habe ich sie endlich reinlocken können. Sie war verletzt, mein riesiger Kater hatte sie gebissen. Die Wochen danach waren ein Alptraum und gleichzeitig eine große Freude. Natürlich wird ein traumatisierten Tier nicht über Nacht zahm, aber mittlerweile liegt sie neben mir auf der Couch, besteht auf Küsschen und ist eine absolut loyale, großherzige und sehr goldige Katze. Wenn sie mich anschaut, dann weiß ich, dass ich eine Freundin für’s Leben gefunden habe. Mein Kater Gypsy ist doppelt so groß, aber sie lässt sich trotzdem nichts gefallen. Sie steht ihre Katze. Das ist aus meiner Sicht nicht zickig, sondern tapfer. Ich habe sie übrigens Krümel genannt und sie hört darauf auch bei den Nachbarn. Ihren xNamen kenne ich auch, aber sie reagiert auf den Namen nicht, sondern geht einfach hoch erhobenen Hauptes weg.

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