Also, da war dieser Freitag neulich. Der Freitag, an dem ich nicht arbeiten musste, weil ich dafür am Sonntag beim Tag der offenen Tür im Hospiz in Altona dabeisein und die jährlich stattfindende Benefizkunstauktion eröffnen durfte.
Wie meistens, wenn ich am Donnerstagabend eine Trauergruppe im Bergedorfer Hospiz moderiere, spät nach Hause komme und noch später esse, hatte ich nicht besonders gut geschlafen. Als der große freundliche Mann und der kleine freundliche Hund am frühen Morgen anrückten (die beiden versuchen immer, den großen Verkehrsbehinderungen zwischen Bremen und Hamburg zu entgehen, was zu Zeiten von Rohrbrüchen in der Hamburger Innenstadt und Autobahnsperrungen im Süden von Hamburg an fast jedem Wochenende gar nicht so einfach und erst recht nicht gut mit meinen Terminen zu vereinbaren ist), war ich entsprechend unausgeschlafen. Gut gelaunt zwar wegen der anstehenden zwei Tage mit Mann und Hund, aber doch nicht so richtig stabil, weder körperlich noch nervlich. Was ich aber erst später so richtig registrierte.
Wir frühstückten und verbrachten einen entspannten Vormittag. Am frühen Nachmittag suchte uns dann aber ein kollektiver Durchhänger heim. Der große freundliche Mann und der kleine freundliche Hund legten sich in mein Bett, das viel bequemer und vor allem breiter als das Schlafsofa ist, auf dem die beiden nachts schlafen – wir sind beide unruhige Schläfer*innen und haben einen unterschiedlichen Schlafrhythmus. Frl. Leonie Mau lag gemütlich in ihrem Strandkorb auf der Fensterbank und Fritts-Eberhard Frittenweich und ich setzten uns im Wohnzimmer aufs Homeoffice-Sofa, um einen Blogpost zu verfassen. Schlafen wollte ich nicht, erstens weil ich gerade so halbwegs wach war und zweitens weil Picnicman auf dem Weg zu mir war. Die App zeigte mir ein „Johannes-Holunder ist in 12 Minuten bei dir“ an und ich fragte mich – nicht zum ersten Mal – ob bescheuerte Vornamen Bedingung sind, um bei Picnic zu arbeiten, oder ob dort einfach alle Mitarbeitenden beknackte Vornamen zugeteilt bekommen, ob sie wollen oder nicht.

Der wöchentliche Besuch von Picnicman, der mir meine Lebensmittel bringt, wird von Fritts-Eberhard (mit dem Namen müsste er da eigentlich auch arbeiten können, oder?) und mir immer mit Spannung erwartet. Von Fritts-Eberhard wegen der vielen zu kontrollierenden Lebensmittel („Ja, bitte machen Sie alles auf, ich muss das genau kontrollieren!) und ich, weil ich nie weiß, ob Picnicman ins Haus kommt, ohne dass ich runterlaufen und ihm die Tür öffnen muss.
Eigentlich ist unsere Klingelanlage nur halbkaputt, was sich dadurch äußert, dass der Türöffner unten zwar funktioniert, aber weder summt noch knackt, sodass man nur ins Haus kommt, wenn man aufs Geratewohl nach dem Klingeln gegen die Tür drückt. Neuerdings ist aber auch das Schloss in der Haustür oder der Türöffner oder beides nicht mehr in Ordnung und selbst beherztes Drücken hilft nicht immer. Ich hatte mich schon aufgerafft und die Verwaltung benachrichtigt; ein Schlosser kam, werkelte und danach funktionierte es wieder. Für drei Tage.
Natürlich habe ich in allen Apps Lieferanweisungen stehen wie: „Der Türöffner funktioniert, ist aber unhörbar. Bitte nach dem Klingeln gegen die Tür drücken, ich beeile mich. Falls die Tür nicht aufgeht, bitte klopfen, dann komme ich runter!“ Trotzdem ist das alles immer ziemlich stressig für mich: Mein Flur ist so eng, dass ich nicht gleichzeitig den Türöffner drücken und meine Wohnungstür öffnen kann, um zu hören, ob Picnicman nun reinkommt oder nicht. Und wenn ich aufgeregt drinnen rumhüpfe und vor mich hinschimpfe, kommt natürlich Fritts-Eberhard um die Ecke, um zu gucken, was los ist. Was er bisher nie gemacht hatte, war durch den Türspalt entwischen und im Treppenhaus rauf oder runter zu laufen. Bisher.

Während ich versuchte, die Haustür von oben mit dem nutzlosen Türöffner oder kraft meines Willens zu öffnen, drückte Fritte sich also an mir vorbei und lief nach unten. Meine Rufe „Dann mach Picnicman doch bitte die Tür auf!“ verhallten unbeachtet – Fritte hatte die offenstehende Kellertür gesehen und war im Dunkeln verschwunden.
Ich ging lauthals fluchend nach unten, öffnete die Tür, rief Picnicman ein „Schmeißen Sie es mir bitte oben vor die Tür, ich muss den Kater aus dem Keller holen!“ und ein „Trinkgeld gebe ich online!“ zu und kletterte vorsichtig die steile Kellertreppe hinunter, wohl wissend, dass es mir nicht möglich sein würde, Fritte diese Treppe hinaufzutragen, weil ich mich mit allen greiffähigen Gliedmaßen ans Geländer krallen musste. Ich musste ihn also nach oben scheuchen, was schwierig ist, weil er sich einfach nicht einschüchtern lässt. Leckerlis hatte ich natürlich gerade nicht dabei.
Es dauerte eine Weile, bis Fritte und ich wieder in der Wohnung waren, mitsamt Lebensmitteln und ohne Picnicman, der inzwischen wahrscheinlich drei weitere Lieferungen abgewickelt hatte. Als ich die Wohnungstür mit Schwung zuklappte, fragte eine schläfrige Stimme aus dem Schlafzimmer: „Alles in Ordnung?“, was ich aber aus Gründen der allgemeinen Sicherheit ignorierte.
Mir reichte es gerade, also zerrte ich die vollen Tüten in die Küche, wo ich nur schnell die Kühlwaren verstaute und den Rest erstmal in der Ecke liegen ließ.

Ich brauchte wirklich etwas Zeit, um mich abzuregen und Fritte nicht mehr mit dem Tierheim, das schwere Fälle auch am Wochenende aufnimmt, zu drohen. Irgendwann standen auch der große freundliche Mann und der kleine freundliche Hund wieder auf und lenkten mich von meiner Unruhe ab, indem sie begannen, die Optionen fürs Abendessen und ein entspanntes Seriengucken für den Rest des Tages zu besprechen. Nach und nach kam ich wieder runter und wir verbrachten einen gemütlichen Nachmittag und Abend.
Irgendwann, Stunden später, saß ich mit Kopfhörern in meinem Bett und hörte Musik, während ich auf dem Handy rumdaddelte. Der große freundliche Mann schlief nebenan und der kleine freundliche Hund auch. Dachte ich wenigstens.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich nicht nur Element of Crime vom Kopfhörer ins Ohr bekam, sondern auch noch polternde Geräusche aus der Küche. Verdammt. Kurzes Durchzählen im Bett ergab, dass Fritte nicht schuld war. Leo natürlich auch nicht, sie lag friedlich schnurrend auf ihrem Kopfkissen, ihre Krallenhände zärtlich meine Kopfhaut massierend.
Der kleine freundliche Hund ist wirklich ein reizender Zeitgenosse. Als Halbdackel, der eine enge Freundschaft mit meinen Katzen pflegt, hat er natürlich einen ziemlichen Dickschädel, den er mit großem Selbstbewusstsein vertritt. Zum Glück ist er aber in den meisten Belangen trotzdem pflegeleicht und entgegenkommend. Er fühlt sich in meiner Wohnung durchaus wohl, hat aber die interessante Neigung, nachts wenn alle schlafen, nach interessanten Dingen (interessant gleich essbar) zu suchen, zum Beispiel in den Papierkörben oder in liegengebliebenen Kekspackungen auf dem Couchtisch. Kürzlich hatte er sogar die Medikamententasche des großen freundlichen Mannes am Wickel, hat sie zum Glück nicht aufgekriegt, aber einfach auf dem ganzen Ding rumgekaut, so dass die Verpackungen drinnen echt verformt waren.

Diesmal kam das Hundejugend-forscht-Geräusch aus der Küche und mein Hirn schrie sofort und lange bevor ich mich körperlich sortiert hatte: Die Tüte mit den Katzenfutterschälchen, die Picnicman mitgebracht hat! Auf dem Fußboden! Der Hund hat im Gegensatz zum Kater noch Zähne!
Der Anblick des halbwegs in der Tüte befindlichen und begeistert auf den Katzenfutterschälchen rumkauenden kleinen freundlichen Hundes war allerliebst. Sein eben noch selig grinsendes Gesicht nahm einen enttäuschten Ausdruck an, als ich ihm die Tüte entriss. Dass ich ihn als Verbrecher und Gangster beschimpfte, fand er hingegen lustig. Auch die Drohung mit dem Tierheim, das rund um die Uhr eine Hundeklappe betreibt, beeindruckte ihn nicht besonders. Er sah mir interessiert dabei zu, wie ich ein völlig zerfetztes und leergeschlecktes Schälchen aus der Tüte zog und entsorgte. Dann sah ich die anderen Schälchen auf Bissschäden durch, fand aber nur eins mit einem Reißzahn-Loch im Deckel. Auch dieses Schälchen wanderte in den Müll. Ich erklärte dem kleinen freundlichen Hund noch einmal, was ich gerade von ihm dachte, und wünschte mir – nicht zum ersten Mal! – eine Küchentür.

Als ich, mindestens so aufgeregt wie am Nachmittag, zurück ins Schlafzimmer kam, hatte sich Fritte inzwischen genau in der Mitte des Bettes ausgebreitet, natürlich auf der Bettdecke, und streckte alle Arme und Beine von sich. Natürlich fest schlafend, ganz offensichtlich hatte er gar nicht mitgekriegt, dass der kleine freundliche Hund sich über sein Katzenfutter hergemacht hatte. Gerne hätte ich ihn gefragt, ob er eigentlich langsam alters-schwerhörig wird, aber im Grunde reichte es mir für den Tag auch mit Interaktionen und so klemmte ich mich an den Rand des Bettes, deckte mich dem einzigen freien Zipfel der Bettdecke zu und setzte mir die Kopfhörer wieder auf. Kriminelle Elemente im Kopfhörer fand ich nämlich im Gegensatz zu kriminellen Elementen in meiner Wohnung noch immer völlig okay.
