Meine Mutter, das Krankenhaus und ich.

Letzte Woche ist ja meine Hospizgästin, die ich seit November letzten Jahres begleitet hatte, aus dem Hospiz ausgezogen. In ein Seniorenheim. Niemand hatte damit gerechnet, sie am allerwenigsten, aber ihr Zustand hatte sich nach und nach tatsächlich so weit stabilisiert, dass sie die Bedingungen für den Aufenthalt im Hospiz nicht mehr erfüllte. Was ja irgendwie sehr cool ist, wie sie auch selber fand. Der Abschied von ihr war tränenreich – wir hatten uns wirklich gegenseitig ins Herz geschlossen und viele sehr angeregte Stunden miteinander verbracht.

Die Besuche werde ich vermissen, dachte ich, nachdem ich zum letzten Mal bei ihr gewesen war, aber hey: Eine kleine Pause kann ich auch mal gut brauchen. Schließlich ist Sommer, mein Freund hat gerade Urlaub und ich habe auch zu viele andere spannende Dinge im Kopf und im Terminkalender, um jetzt wirklich Zeit und Muße zum Vermissen zu haben. Ein bisschen mehr freie Zeit – herrlich.

Mit diesem schönen Gedanken wachte ich am nächsten Morgen auf, weil mein Telefon klingelte. Das Heim meiner Mutter war dran: Meine Mutter sei in der Nacht per Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil ihre Beine so stark angeschwollen waren.

Kennen Sie das, wenn Sie von einem Moment auf den nächsten hellwach sind? Ich eigentlich nicht.

In dieser Situation allerdings stand ich in Sekundenbruchteilen senkrecht im Bett und googelte die Telefonnummer des Krankenhauses.

Dort konnte man mir noch nicht sehr viel sagen, weil die Diagnostik noch in vollem Gange war. „Unklarer Infekt“ ist dann eine schöne Arbeitsdiagnose. Von geschwollenen Beinen sagte übrigens keiner was. Besuchszeit sei von 13 bis 17 Uhr und zwischen 14 und 15 Uhr könne ich möglicherweise auch mit der Stationsärztin sprechen.

Gegen halb zwei stand ich dann auf der Inneren Medizin, im Gepäck zwar weder Kamm noch Zahnbürste für meine Mutter (mir war zu dem Zeitpunkt auch noch nicht klar, dass man ihr im Heim außer ihrer Versichertenkarte wirklich nichts, gar nichts mitgegeben hatte), dafür aber Kekse und – schließlich habe ich ja viel gelernt in den letzten Jahren – die Patientenverfügung/Vorsorgevollmacht meiner Mutter.

Die freundliche Pflegekraft, die mich ins richtige Patientenzimmer brachte, erzählte mir mit großen Augen, dass sie meine laut schreiende Mutter vor wenigen Minuten im Bett umgelagert habe. „Ich beneide Sie nicht“, sagte ich, „aber es liegt nicht an Ihnen. Sie bekommt leider sehr schnell Angst, wenn man ihr nahe kommt oder sie anfasst. Und dann schreit sie. Laut. Das geht allen so, auch den Pflegekräften im Heim, die sie ja gut kennt.“

Meine Mutter lag mit wirren Haaren und trübem Blick in ihrem Bett und döste. Ich konnte sie nur kurz wecken und befragen, sie war aber zum Glück nicht unzufrieden mit ihrem Zustand. Ich saß eine Weile an ihrem Bett, bis es vierzehn Uhr wurde und Zeit, auf die Suche nach der Stationsärztin zu gehen.

„Es ist schwer, Ihre Mutter zu untersuchen“, sagt diese, eine junge, sehr freundliche und kompetent wirkende Ärztin. „Sie lehnt alles ab, protestiert lautstark und wehrt sich auch. Es laufen noch ein paar Untersuchungen, aber es ist alles sehr schwierig mit ihr.“

„Das kann ich mir vorstellen“, erwidere ich, „aber ein bisschen war das auch schon so, bevor sie dement wurde. In gewisser Weise ist sie sich selber treu geblieben.“

Nun sieht mich auch die Ärztin mit großen Augen an.

„Sind wir schon so weit“, frage ich, „dass wir über die Patientenverfügung meiner Mutter sprechen sollten? Ich bin ihre Vorsorgebevollmächtigte.“

„Haben Sie die denn dabei?“

„Klar“, sage ich, „keinen Kamm, keine Zahnbürste, aber die Patientenverfügung.“

„Sehr gut“, sagt die Ärztin.

Die gemeinsame Patientenverfügung meiner Eltern, in der sie sich gegenseitig als Vorsorgebevollmächtigte und mich als Ersatzbevollmächtigte eingesetzt haben, ist ein notarielles Dokument von ungefähr zehn Seiten (inklusive einer Extraseite mit weiteren Ausführungen meiner Mutter und einem Nachtrag, der sich auf künstliche Ernährung im Sterbeprozess bezieht) mit Umschlag, Siegel und Bändchen. Es ist schwer zu lesen und noch schwerer zu kopieren. Sie ist aber auch sehr wichtig, denn aus dieser Patientenvollmacht kann man wirklich sehr gut und unmissverständlich lesen, dass meine Mutter die meisten schulmedizinischen Untersuchungen, Behandlungen und auch Ärzte ablehnt. Sie vertraut ihnen einfach nicht, nimmt bewusst alle möglichen Konsequenzen in Kauf und bittet um die Respektierung ihres Willens. Sehr klar, sehr deutlich.

Ich habe die Patientenverfügung erst nach dem Tod meines Vaters (der ja zum Glück bis zum Lebensende seine Entscheidungen selbst treffen konnte) gründlicher gelesen und fand sie immer harten Tobak. Aber sie stimmt genau mit dem überein, was meine Mutter mir in zahllosen Gesprächen in den letzten Jahrzehnten und den unterschiedlichsten Gesundheits- und Bewusstseinszuständen immer wieder gesagt hat: Sie möchte das alles nicht. Punkt.

„Okay“, sagt die Ärztin, nachdem sie den Text überflogen hat, „das ist ja alles ziemlich eindeutig.“

„Dafür bin ich sehr dankbar“, sage ich.

„Das würde auch bedeuten“, fährt die Ärztin fort, „dass wir Ihre Mutter, wenn sie jetzt – wonach es nicht aussieht, aber grundsätzlich – einen Herzstillstand hätte, nicht reanimieren würden. Und auch nicht intubieren.“

„Ich denke schon, dass das ihr Wille ist“, erwidere ich, etwas nachdenklicher als vorher, „oder sehen Sie das anders?“

„Ich wünsche Ihrer Mutter nicht, intubiert auf der Intensivstation aufzuwachen“, sagte die Ärztin, „sie würde das alles nicht verstehen und wäre allein mit ihrer Angst. Und eine medizinische Indikation dafür sehe ich, ehrlich gesagt, auch nicht.“

„Dann sind wir uns ja einig“, sage ich und deute auf das Schild mit dem Hinweis zum angrenzenden Palliativtrakt: „Und auch sonst gilt: So wenig Stress und Quälerei wie möglich. Symptomkontrolle ja, klar. Und gerne bald wieder nach Hause. Notfalls können Sie das Bett vielleicht auf die Palliativstation rüberrollen?“

„Da arbeite ich auch“, erklärt mir die Ärztin, „kein Problem.“

Ich fühle mich halbwegs beruhigt, als ich mich wenig später verabschiede, aber als ich draußen vor dem Krankenhaus angekommen bin, merke ich, dass meine Knie weich sind. Also setze ich mich erstmal mit einem in der Cafeteria erworbenen Kaltgetränk auf eine Bank und versuche mich zu sammeln.

Ich habe gerade zum ersten Mal wichtige gesundheitliche Entscheidungen für meine Mutter getroffen. Lebenswichtige Entscheidungen. Ich bin mir hundertprozentig sicher, in ihrem Sinne zu handeln, aber es fühlt sich trotzdem an, als wäre ich mit einer Abrissbirne gekeult worden.

Wahrscheinlich muss das so sein.

Wie übel wäre das jetzt, wenn ich nicht sicher sein könnte, dass ich weiß, wie meine Mutter sich in dieser Situation entscheiden würde?

Ich bin heilfroh, dass sie mir wieder und wieder gesagt hat, was sie will. Und vor allem, was sie nicht will. So kann ich in ihrem Sinne handeln und entscheiden.

Dass das Spaß machen oder mit einem Gefühl der Befriedigung erfüllen würde, das hat niemand gesagt. Und es ist auch nicht so, warum sollte es auch? Dass meine Mutter, möglicherweise lange bevor sie sich tatsächlich in einem mehr oder weniger unmittelbaren Sterbeprozess befindet, ihren Willen nicht mehr kundtun kann, ist schließlich auch Scheiße. Das muss niemand gut finden.

Meine Mutter wurde dann zum Ende der Woche mit mehreren nicht abgeschlossenen Untersuchungen und halbgaren Diagnosen aus dem Krankenhaus entlassen und unter großem Geschrei ihrerseits wieder ins Seniorenheim zurückgebracht. Immerhin hat man die Thrombose, die für die geschwollenen Beine verantwortlich gewesen war, orten und medikamentös auflösen können. Insofern hat sich die Krankenhauseinweisung schon gelohnt. Wenigstens das. Von den Strapazen und ihrem Wutgebrüll hat sie sich zum Glück schnell erholt. Genauer gesagt: Sie hatte das alles eigentlich sofort wieder vergessen und machte sich mit gutem Appetit über ihr ans Bett servierte Mittagessen her. Niemand soll sagen, dass Demenz nicht auch ihre guten Seiten hätte.

4 Kommentare

  1. Ach ach … es ist schon alles immer auch etwas irre, wenn es auf ein Lebensende irgendwann zugeht. Da wird man, wenn man dabei begleitet und emotional extrem gebunden ist, schon auf ein völlig neues Level Mensch sein gehoben.

    Aber es ist und bleibt eine Freude Deinem Geschreibsel immer wieder folgen zu dürfen!

  2. Die Frau Mama ist mir sehr sympathisch. Werde ich mir zum Vorbild nehmen.
    Zu Lebzeiten gegen jede unnötige ärztliche Plagerei protestieren, und für den Fall der Fälle eine entsprechende Patientenverfügung. Läuft.
    Gottseidank hatten wir beim Tod von meinem Papa verständnisvolle Ärzte, die menschliche Entscheidungen trafen. Auch ohne Patientenverfügung.
    Alles erdenklich Gute für die Mama!

    1. Vielen lieben Dank. Ja, es ist äußerst sinnvoll, sich immer mal wieder mit diesen Themen zu beschäftigen… und die Ergebnisse auch festzuhalten.
      Alles Gute und viele Grüße
      Bettina

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