Nein, nein und nochmals nein. NEIN!

„Orrrrrr“, seufzte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau und plumpste in ihr Bett und zwar so vollkommen, dass Frl. Leonie Mau, die gemütlich auf ihrem Kissen residierte, kurz von selbigem abhob, bevor sie mit einem etwas dezenteren Plumps wieder landete. „Nun reicht es aber wirklich mit diesem Draußen. Da sind viel zu viele Menschen!“

„Igitt, Menschen!“, stimmte Leo ihr zu und rümpfte entsetzt ihr vornehmes Näschen.

„Menschen?“, fragte Fritt-Fritter Frittenbart interessiert. „Was denn für Menschen? Haben die Essen dabei?“

„Zu 95 Prozent Touristen!“, behauptete die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Natürlich in Gruppen. Zum Durchdrehen. Ich meine, es ist jetzt halb elf Uhr abends und da draußen ist ein Betrieb wie am verkaufsoffenen Sonntag in der Fußgängerzone. Vom Hauptbahnhof, an dem ich 27 Minuten auf den Bus warten musste, der nach 7 Minuten hätte kommen sollen, gar nicht zu reden.“

„Was hat der Bus denn so lange gemacht?“, erkundigte sich Leo mitfühlend. „War er in einen Unfall verwickelt?“

„Das weiß man nicht!“, erwiderte die nicht mehr ganz so dicke Frau mürrisch. „Die Anzeige wechselte zwischen ‚in 4 Minuten‘ und ‚sofort‘. 27 Minuten lang. Und das, nachdem der Metronom in Bremen auch schon mit einer Viertelstunde Verspätung gestartet war, die auch nicht in der App oder auf dem Bahnsteig angezeigt wurde. Es war wirklich nervig. Und proppevoll.“

„Und warum sind schon wieder so viele Touristen in der Stadt?“, fragte Leo.

„Weil sie es können, nehme ich an“, brummte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Und weil sie an langen Wochenenden zwanghaft verreisen müssen. Vermutlich hat ihr Leben einfach keinen Sinn, wenn sie an einem langen Wochenende mal zu Hause bleiben müssen. Oh, das erinnert mich…“

Und schon war sie aufgesprungen und stand vor dem Schuhschrank im Flur, auf dem sich die ungeöffnete Post der letzten zwei Wochen stapelte. Nach kurzem Wühlen kam sie mit einem mittelgroßen Umschlag triumphierend zurück ins Schlafzimmer, fiel ins Bett (woraufhin Leo auf ihrem Kissen noch einmal einen Satz machte) und rief: „Ha!“

„Ha was?“, fragte Fritte und versuchte, der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau den Umschlag aus der Hand zu reißen. Auch Leo reckte den Hals, um die dick aufgedruckten Buchstaben auf dem Umschlag lesen zu können: „Olympia-Referendum. Amtliche Abstimmungsunterlagen“, las sie dann vor. „Aha. Du willst also deine staatsbürgerliche Pflicht tun und verhindern, dass noch mehr Touristen in die Stadt kommen!“

„Allerdings!“, bestätigte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau mit Nachdruck. „Das könnte diesen geldgeilen Vollpfosten so passen.“ Sie riss den Umschlag auf und blätterte kurz durch die Unterlangen. „Verdammt!“, murmelte sie dann. „Jeder nur ein Kreuz? Das ist aber ein bisschen wenig. Ich möchte mindestens zehnmal NEIN!!! auf den Wahlzettel schreiben. Oder zwanzigmal mit ebensovielen Ausrufezeichen und Einself!“

„Mach den Wahlzettel nicht ungültig!“, warnte Leo, „nachher werden die 20 Neins nicht gezählt. Da ist doch ein Kreuzchen an der richtigen Stelle sinnvoller.“

„Das stimmt“, gab Fritte ihr recht. „Das wäre blöd, vor allem, wenn die Abstimmung wieder so knapp ausgeht. Da kommt es doch auf jede Nein-Stimme an.“

„Ich weiß“, sagte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Ich werde den Wahlzettel nicht ungültig machen, sondern nur ein sehr energisches Kreuz bei Nein draufmalen.“

„Wann war nochmal die letzte Abstimmung?“, fragte Fritte. „Damals in Rumänien habe ich das nicht so im Detail verfolgt.“

„Das war 2015“, erklärte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. Es hat ohnehin nur ungefähr die Hälfte aller abstimmungsberechtigten Hamburger*innen mitgemacht und zum Glück haben von denen, die mitgemacht haben, 51,6 Prozent gegen Olympia in Hamburg gestimmt. Das war schon verhältnismäßig knapp, hat aber gereicht. Zum Glück.“

„Und wie sind die Aussichten jetzt?“, fragte Fritte.

„Man weiß es nicht genau“, erwiderte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Offenbar hat es in Hamburg in den letzten Wochen zwei große Umfragen zu dem Thema gegeben, die zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen gekommen ist. Die eine sagte, eine Mehrheit ist dafür, die andere sagt, die Mehrheit ist dagegen.“

„Sind eigentlich auch Haustiere befragt worden?“, fragte Leo. „Oder wieder nur Menschen?“

„Ich befürchte, sie haben wieder nur Menschen befragt“, sagte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau düster. „Und vermutlich auch vor allem junge, sportlich interessierte und überwiegend gutverdienende Menschen. Keine Haustiere, keine Wildtiere, keine Wohnungslosen, keine Bürgergeldempfänger, keine Mobilitätseingeschränkten und keine Menschen, die sich für Klimaschutz und Nachhaltigkeit einsetzen. Eben diese ganzen unbedeutenden Minderheiten, die zusammengenommen eigentlich eine Mehrheit darstellen könnten.“

„Hmpf“, machte Leo empört. „So typisch für die Hamburger Pfeffersäcke und -säckinnen, egal welche Farbe. Und was können wir tun?“

„Vielleicht ein paar von den Menschen, die selbst denken und zu vernünftigen Entscheidungen kommen, davon überzeugen, dass ihre Stimme wichtig ist?“, schlug die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau vor. „Das größte Potenzial liegt ganz bestimmt nicht darin, jemanden umzustimmen, der sowieso mitmachen will, sondern Stimmberechtigte, die keinen Bock auf Olympia, aber auch keinen Bock auf das Referendum haben, zum Mitmachen zu bewegen.“

„Bin dabei!“, rief Fritte aufgeregt. „Ich verkleide mich als Lebensmittelkontrolleur und gehe von Tür zu Tür. Erst dringe ich in die Küche ein, schaue mal in den Kühlschrank und dann gebe ich mich als äußerst überzeugender Olympia-Gegner zu erkennen, der vor nichts zurückschreckt. Ich helfe den Menschen dabei, ihr Kreuz an der richtigen Stelle zu machen, und trage, wenn es sein muss, sogar den ausgefüllten Stimmzettel zum nächsten Briefkasten.“

„Mensch, Fritte“, sagte Leo beeindruckt, „du hast ja mal richtig gute Ideen heute. Und nebenbei lässt du noch ein paar Lebensmittel mitgehen, oder?“

„Von mitgehen lassen kann nicht die Rede sein“, gab Fritte würdevoll zurück. „Wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob ein Lebensmittel noch gut ist, nehme ich es aber freundlicherweise mit, um es „im Labor untersuchen zu lassen“. Vor allem Fleisch, Fisch und Käse. Bei Gurken ist es mir egal, ob sie noch essbar sind.“

„Raffiniert“, fand die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau. „Aber das könnte klappen. Am besten sagt ihr noch allen anderen Haustieren und sonstigen Kumpels Bescheid, dass sie auch mitmachen sollen. Alles klar?“

„Alles klar!“, bestätigten Fritte und Leo in seltener Einmütigkeit. „Morgen fangen wir an. Jetzt müssen wir leider ins Bett und du auch. Gute Nacht!“

 

 

1 Kommentar

  1. Ein interessanter Beitrag.

    Ich freue mich sehr darüber.

    Herzliche Grüße an Leonie Mau und Fritte Fritikowski und den kleinen Hund.

    Andrea

Antworte auf den Kommentar von Andrea Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert