Runter vom Sofa. Aber wie?

Von Natur aus bin ich ja eher ein unpolitischer Mensch. Natürlich nehme ich Anteil am öffentlichen Leben und gesellschaftlichen Entwicklungen, aber es ist mir kein dringendes Bedürfnis, ständig über gesellschafts-, partei- oder sonstwiepolistische Fragen zu sprechen. Selbst Kulturpolitik kann ich nur in kleinen Dosen vertragen, sonst langweilt sie mich sehr schnell.

Das heißt aber natürlich nicht, dass ich keine Ansichten zu politischen und gesellschaftlich relevanten Themen hätte. Diese sind vielleicht nicht immer hundertprozentig durchdacht und auf der Grundlage größtmöglichen Wissens entstanden, aber sie sind ehrlich, authentisch und meine eigenen. Aus dem Alter, interessanten und charismatischen Persönlichkeiten, die ich bewundere oder sexy finde, nach dem Mund zu reden, bin ich zum Glück schon eine Weile raus. Mein Wertesystem ist möglicherweise altmodisch, aber damit kann ich leben.

Ich glaube an Menschlichkeit. An Mitmenschlichkeit und Solidarität. An Vielfalt und Offenheit. Ich bin davon überzeugt, dass einzelne Menschen und Menschengruppen am Rande des Spektrums gesehen und gewürdigt werden müssen, weil es besser für das große Ganze ist. Ich wünsche mir Rücksicht, Achtsamkeit und Wertschätzung. Und Weltfrieden natürlich, aber das versteht sich ja von selbst.

Mir ist in meinem Leben schon sehr oft geholfen worden, bei großen und bei kleinen Dingen. Von Verwandten, von Freunden und auch von Fremden. Es ist mir wichtig, das nicht zu vergessen, und ich freue mich immer, wenn ich jemandem helfen kann, bei kleinen oder bei großen Dingen.

Ich bin gegen Gleichmacherei und gegen Ausgrenzung. Schöner als erzwungene Anpassung finde ich es, trotz aller vorhandenen Gegensätze nach sehr wahrscheinlich auch vorhandenen Gemeinsamkeiten zu suchen und zu finden.

Vor Gewalt fürchte ich mich. Ich habe keine Mittel, um sie zu beantworten; es fällt mir schwer, vor Gewalt nicht zu fliehen. Auch in der Gemeinschaft fühle ich mich in entsprechend aufgeladenen Situationen nicht unbedingt wohler.

Auf Demos gehe ich nur noch ganz selten. Ich fühle mich in Menschenmengen einfach zu unwohl und Lärm kann ich auch nicht mehr gut ab. Ich weiß, das klingt wie eine billige Ausrede, und ich würde mir wünschen, es wäre anders. Gerade jetzt, wo man ja fast täglich zum Beispiel gegen Fremdenfeindlichkeit, Neonazis/AfD-Demagogen, an ihrem Amt klebende Innenminister und die reine Dummheit auf die Straße gehen könnte und sollte. Zum Mitgehen lasse ich mich manchmal sogar überreden, auch wenn ich dann immer am Rand der Kundgebung bleiben muss und mich sofort verdrücke, falls es brenzlig wird. Aber wenn Veranstalter, Polizei und Medienvertreter zum Durchzählen der Demonstranten kommen, dann bin ich da.

Eine gute Idee bzw. einen Tritt in den Hintern könnte ich brauchen. Eine Idee, wie ich Gesicht zeigen und mich stark machen kann gegen die erschreckend unverdrossen erstarkende braune Soße. Wie ich meine zum Teil noch phlegmatischeren und ängstlicheren Kollegen davon überzeugen kann, auch mitzumachen. Wie wir als Menschen, als Kulturschaffende und Mitarbeiter eines der größten Hamburger Unternehmens – eines Unternehmens, das von kultureller Vielfalt und randgruppentypischer Kreativität lebt – Flagge zeigen können und Farbe bekennen. Die Chance, den Anfängen zu wehren, haben wir längst verpasst. Vom Sofa aus scharfsinnig und selbstverständlich dagegen zu sein, das genügt schon lange nicht mehr.

2 Kommentare

  1. Präsenz zeigen finde ich wichtig, deshalb gehe ich zu Demonstrationen. Nicht zu allen, und ich bin auch keine von denen, die Slogans brüllt. Aber da bin ich, jedenfalls solange von der Demonstration keine Gewalt ausgeht. Ich spende an Organisationen, deren Arbeit ich für wichtig halte. Eine große Rednerin bin ich nicht, deshalb ist die aktive (Partei-)Politik nichts für mich. Ich widerspreche Nazis, wenn ich die Gelegenheit habe. Wenn sprechen nicht mehr möglich ist, gehe ich klar auf Distanz. Letzteres gilt für den Kollegen- und Freundeskreis. (Wer AfD wählt, sitzt nicht bei mir am Kaffeetisch.)

  2. Danke! <3 Mir geht es ähnlich.
    Demos finden hier kaum statt (im Süden vor den Bergen…), erschreckende Seiten haben sich, v.a. vor 2015 wohl eher verborgen, an so manchem Menschen offen gezeigt, doch so weiß ich immerhin woran ich bin und versuche auch mein Möglichstes, nicht viel, aber so gut ich es kann.
    Der letzte Absatz oben spricht mir auch aus der Seele. Gegen Dummheit hilft kein Reden. Vor längerem hat mir dies öfter die Tränen in die Augen getrieben, v. a. da es oft auch Leute sind, denen es so so gut geht (gesundheitlich, finanziell, familiär)… und die eigentlich immer schon nur sich gesehen haben.
    Liebe Grüße, Martina

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