Lieber Papa. (Zum dritten Todestag.)

Lieber Papa,

nun bist du schon seit drei Jahren tot und so langsam kommt mir die Zeit ohne dich wie eine kleine Ewigkeit vor. Nicht, weil ich mich nicht mehr an dich und das Leben mit dir erinnern würde, aber weil seitdem so viel passiert ist und sich so viel verändert hat. Was natürlich damit zu tun hat, dass du bzw. dein Leben so viel Wirkung auf deine Mitmenschen hatte, dass sich durch deinen Tod wirklich viel bewegt hat. Was doch eigentlich ein ganz tröstlicher Gedanke ist.

Ich weiß ja nicht, ob du da oben wirklich auf deiner Wolke sitzt, Halleluja singst und – nach so vielen Jahren – dein USB-Stecker nun immer auf Anhieb in die Buchse passt und auch dein Drucker grundsätzlich funktioniert, ohne zu zicken. Vielleicht hast du dich längst umorientiert, bist auf eine Wolke über der südlichen Halbkugel umgezogen und wartest auf deine Wiedergeburt als Pinguin. Wäre doch denkbar. Wobei ich irgendwie glaube, dass du uns hier unten irgendwie noch auf dem Schirm hast. Vielleicht nicht durchgehend vierundzwanzig Stunden am Tag, das wäre zu frustrierend, vermute ich, und du brauchst ja auch Zeit für dich, aber eben doch so immer mal wieder, wenigstens so aus dem Augenwinkel.

Gehen wir also mal davon aus, dass du weißt, dass deine Frau, nein deine Witwe, meine Mutter, seit einem halben Jahr im Heim wohnt, weil es alleine in der Wohnung einfach nicht mehr ging und sie anfing, eine Gefahr für sich selbst und andere darzustellen. Du hast mitgekriegt, dass sie uns gedrängelt hat, ohne Ende, ihr nun endlich einen Heimplatz zu besorgen, koste es was es wolle – und dass sie dann, als sie endlich dort war, vom ersten Tag an gejammert hat, dass dort alles furchtbar ist und sie wieder zurück in ihre Wohnung will.

Das kam natürlich nicht in Frage. Wir waren heilfroh, als sie endlich im Heim einziehen durfte. Es ist wirklich sehr okay da, wenn auch natürlich eine riesige Umstellung, aber sie ist versorgt und geschützt und muss sich nicht mehr um irgendwelche komplizierten Angelegenheiten kümmern und dubiose Helfer engagieren, die ihr richtig viel Kohle abzocken, um dann alles anders zu machen, als Mama es sich vorgestellt hat. Aber das hatte sie – so eine demenzielle Erkrankung hat ja auch ihre Vorzüge – im Nullkommanix vergessen. Dass sie alleine in ihrer Wohnung noch viel unglücklicher und gestresster war, das hat ihre löchrige Erinnerung sofort irgendwo verbuddelt, unauffindbar. Na ja.
Es hat ungefähr drei Monate gedauert, bis sich die Situation nach und nach entspannt hat und man merkte, dass Mama im Heim nun endlich doch ein bisschen angekommen war. Halleluja! (Genau, ich kann auch mal frohlocken und brauche dafür nicht einmal eine Wolke!). Es gibt noch immer Tage, an denen alles für sie schwierig ist, aber objektiv betrachtet läuft es eigentlich ganz gut und ich darf und soll mich mal zurückhalten bzw. zurückziehen, wenn mir danach ist. Auch aus Gründen der Selbstfürsorge, weil ich irgendwann zwischendurch auch schon mal kurz vorm Durchdrehen war.

Was mir viel Freude macht, sind meine ehrenamtlichen Besuche im Hospiz. Das ist endlich mal etwas, was ich für mich tue und was so ganz anders ist als die sonstigen Komponenten meines Lebens. Großartig. Gerade in den letzten Wochen, im Spätsommer und Herbst, wo alles, die Stimmung, das Licht, die Geräusche, mich an deine Zeit dort erinnert haben, fühlte ich mich dort so richtig, so zu Hause und so verbunden. Verbunden mit dir, mit mir und dem Universum. Mein derzeitiger Gast ist ein ganz anderer Typ als du, aber seine Freude über meine Besuche erinnern mich immer an dich – denn obwohl du so viel Besuch von Freunden und Verwandten hattest, war dir doch immer bewusst, dass wir uns hier Zeit für dich freischaufeln, die auch sonst nicht leer und einsam gewesen wäre. Du wusstest es wirklich zu schätzen, dass wir für dich da waren, und hast uns das auch oft gesagt.

Bei meinem derzeitigen Gast ist das auch so. Gerade weil er gar keinen privaten Besuch bekommt, sondern nur von mir und der ehrenamtlichen Kollegin, mit der ich mich abwechsle, sind ihm diese Besuche so wichtig. Er sagt mir jedes Mal, wie sehr er sich freut, und bedankt sich höflich und herzlich, bevor ich wieder gehe. Und immer wenn ich erwidere: ‟Ich habe mich auch gefreut, Sie zu sehen”, dann weiß ich, dass du ebenfalls irgendwie anwesend bist und ein bisschen stolz auf mich.

Deinen Geburtstag in der übernächsten Woche werden wir auch irgendwie feiern, Mama, J. und ich. Bei schönem Wetter auf der Dachterrasse des Heims, sonst drinnen. Das haben J. und ich gerade besprochen. Ich hoffe, du kannst dann im Geiste bei uns sein. Es wäre schön, wenn Mama doch ein paar Erinnerungen an euer gemeinsames Leben behalten würde. Mal sehen, was wir da wieder zum Vorschein bringen können.

Du siehst, es läuft alles. Wir kriegen das hin. Nur weil du tot bist, bist du noch lange nicht weg.

Bis später, viele Grüße

Bettina

1 Kommentar

  1. Danke. Ich lese immer wieder berührt von „solchen“ Texten. Meine Mutter ist schon was länger tot und ich käme auf keine Idee, ihr einen – noch dazu öffentlichen – Brief zu schreiben. Ich rede mehr mit ihr – nicht nur einmal im Jahr ;). Aber ich lese berührt von dieser Veröffentlichung. Danke.

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