Schrödingers Bücherregal. (Vorsicht, Staub!)

Nun befinde ich mich schon länger als ein halbes Jahr in meiner „Phase der beruflichen Neuorientierung“. Ich nutze diese Zeit gründlich, in meinem Fernstudium komme ich gut voran (habe jetzt 9 von 14 Studienheften durchgearbeitet, 9 Einsendeaufgaben abgegeben und mit der Note 1,0 zurückbekommen und knapp tausend digitale Karteikarten angelegt). Sogar meine Anmeldung für die behördliche Überprüfung zur Erlangung der Erlaubnis zur Tätigkeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie habe ich abgeschickt (und hoffe, da ich nach einem Monat noch immer keine Empfangsbestätigung erhalten habe, tief in meinem Inneren, dass sie verloren gegangen ist…).

Gelernt habe ich auch einiges, ich kann mich jetzt mit solidem psychotherapeutischen Halbwissen in viele Fachgespräche einbringen und diese damit innerhalb kürzester Zeit zum Versiegen bringen. Immerhin habe ich die Phase, in der ich jede Art von Verhalten bei mir, meinen Mitmenschen und den Katzen immer sofort mit einer Diagnose aus dem Kapitel V (F) aus der ICD-10 klassifizieren musste, schon fast überwunden. Frl. Lotte Miez kokettiert allerdings durchaus gerne mit ihrer F50.3, einer atypischen Bulimia nervosa bzw. der beliebten Binge-Eating-Störung. Sie sagt, seit die Sache einen Namen hat, kann sie sehr viel besser damit umgehen (jedenfalls glaube ich, dass sie das gesagt hat, denn sie hatte beim Sprechen den Mund voll).

Von der Weiterbildung zur Trauerbegleiterin und auch der praktischen Einführung in die Trauerarbeit im Hospiz habe ich Ihnen ja schon erzählt. So langsam nimmt das alles Gestalt an und ich kann mir allmählich wirklich vorstellen, aus diesen Neigungen, Fähigkeiten und Erfahrungen einen Beruf zu machen – und diesen dann auch erfolgreich auszuüben. Und gewisse Vorstellungen davon, wo und in welchem Rahmen ich tätig werde, gibt es auch schon.

Soweit läuft das alles schon ganz gut. Also, was meine innere Ordnung angeht.

Was ich mir außerdem für diese ja doch zu einem weitaus größeren Anteil als früher selbstbestimmte Zeit vorgenommen hatte, war etwas äußere Ordnung in meinem Leben zu schaffen. Und mit „in meinem Leben“ meine ich vor allem „in meiner Wohnung“. Das ist dringend notwendig, ich fühle mich durch das dort von mir im Laufe der letzten 23 Jahre angesammelte und angerichtete Chaos nämlich durchaus belastet.

Meine auf den ersten Blick hübsche Altbauwohnung ist ja das Gegenteil von „selbstreinigend“, sie ist „selbstverdreckend“. Doch, wirklich, dafür würde es mich gar nicht brauchen. Die Fräuleins und ich tragen natürlich viel zur Verschmutzung bei, aber der Staub kommt aber auch einfach so aus allen Ritzen und Löchern, selbst wenn ich nichts mache. Von dem ganzen Scheiß, der durchs Fenster reinkommt, rede ich da noch gar nicht.

Und dieser ganze Dreck fällt auf meinen ganzen angesammelten Kram und krallt sich daran fest. Und ich habe eine Menge Kram. Ich bin in einer Zeit großgeworden, in der ein meterlanges Bücherregal mit mehreren Tausend Büchern noch ein echtes Statussymbol war. Heute ist es für die meisten von uns, zumindest außerhalb von Büchereien und Buchläden, ein Alptraum. Ein staubiger Alptraum. Ebenso verhält es sich mit der Wand voller staubiger CDs – warum zum Geier besitze ich 50 verschiedene Gesamtaufnahmen von Händels „Messias“ und wann genau hörte es auf, dass Menschen mich deswegen mit Ehrfurcht betrachteten?

Wenn ich mir überlege, wie viel Geld und Liebe in den Buch- und CD-Sammlungen stecken! Auf manche Bestellungen aus Übersee habe ich wochenlang gewartet, einige Raritäten auf obskuren Flohmärkten von anderen Verrückten gekauft oder in abgelegenen englischen Antiquariaten gesucht und gefunden. Aber auch diese Sammlerstücke, auf die ich sehr stolz war oder bin, sind staubig geworden. Verdammt staubig.

Trennen kann ich mich nur schwer. Immerhin habe in den letzten Jahren einen großen Teil meiner VHS-Cassetten entsorgt, erst die selbstbespielten, dann auch einige der gekauften (ja, auch einige der in London gekauften). Der Rest wird dieses Jahr folgen, denn ich besitze keinen Videorecorder mehr. Immerhin habe ich nur wenige DVDs gekauft, weil ich lange auf dem Standpunkt stand, keine Filme auf DVD kaufen zu wollen, die ich schon mal auf VHS besessen hatte.

Bücher auszusortieren finde ich fast noch schwieriger als Filme, aber ich habe einfach zu viele und die meisten der angehäuften Schätze werde ich weder noch einmal lesen noch irgendjemandem empfehlen oder gar leihen. Zu viel special interest, zu viel auf Englisch. Aber genau diese Bücher wegzuwerfen, tut mir in der Seele weh.

Neulich hatte ich mir mal die App eines der großen Bücher-Aufkäufers installiert. Damit scannt man nur den Barcode (oder tippt die ISBN ein) und schon weiß man, ob das Buch für diesen Aufkäufer von Interesse wäre und was man mir dafür zahlen würde. DAS WAR FURCHTBAR. Viele meiner Bücher wollen sie gar nicht haben (weil sie halt wissen, dass ihnen die niemand abkaufen würde) und wenn sie doch mal bereit wären, ein Buch zu übernehmen, dann bieten sie doch tatsächlich volle 15 Cent dafür. In Worten: Fünfzehn. Cent. Für ein gebundenes Buch, das zu seiner Zeit im frühen 18. Jahrhundert vielleicht auf Bestsellerlisten stand, in gutem Zustand.

Bei den CDs ist es nicht besser. 15 Cent für eine Operngesamtaufnahme, für die ich mal über 30 Euro bezahlt habe. Und die vielen großartigen CDs ohne Cover, die ich aus dem Plattenladen gerettet habe, in dem ich als Studentin jobbte, die sind natürlich sowieso unverkäuflich, auch wenn die Musik vollständig erhalten ist. Die kann ich doch nicht einfach in den Müll kippen!

Es ist, wenn man es philosophisch betrachtet, ein bisschen eine Schrödinger-Problematik: Solange die Bücher, CDs und Klamotten (das ist noch so ein furchtbares Kapitel meiner Geschichte) unangetastet im Schrank hängen oder im Regal stehen, haben sie im Prinzip noch ihren Wert. Materiell und emotional. Egal wie staubig sie sind. In dem Moment aber, in dem ich sie in die Hand nehme und über ihre Zukunft sinniere, da sind sie plötzlich nur noch Ballast und Gerümpel. Verdammt staubiges Gerümpel. Es ist furchtbar.

Trotzdem: Ich muss da irgendwie ran und Sachen ausmisten. Verschenken (bloß: an wen?) oder entsorgen. Müllsack für Müllsack, wenn es sein muss. Zuerst die restlichen VHS-Cassetten, dann einen Teil der Bücher. Los jetzt. Ich kann das. Sofort, wenn ich mit dem Ausmisten des Vorratsschrankes in der Küche fertig bin, also sobald da keine Konserven mit vierstelligen Postleitzahlen und seit 2012 abgelaufenen Gewürze mehr zu finden sind. Dann könnte ich da eventuell sogar Lebensmittel unterbringen, die ich noch zu verzehren gedenke und die momentan noch auf allen möglichen freien Flächen in der Küche herumstehen. Das wird mich auch innerlich noch mehr befreien. Ganz sicher. So wie es sich in einer Phase der Neuorientierung gehört.

3 Kommentare

  1. Also, bevor sie weggeworfen werden.. CDs mit Opern von italienischen Komponisten nähme ich gerne (um mein staubiges CD Regal zu füllen) ‍♀️

  2. Noch besser wäre eine Liste mit den Büchern / CDs hier im Blog 🙂
    Wir haben eine derartige Aussortier-Aktion gerade hinter uns, ich weiß also sehr genau, wie Sie sich beim Gedanken ans Aussortieren fühlen!
    Unsere alten Bücher und CDs sind wir auf diversen Wegen losgeworden:
    – Öffentliche Bücherregale (da stell ich auch CDs ein. Die sind immer ganz schnell weg. Wichtig ist: immer nur ein, zwei Bücher oder CDs einstellen, keinen ganzen Stapel).
    – Halb-öffentliche Bücherregale, zB in Seniorenzentren.
    – Tafelladen (unbedingt vorher anfragen!).
    – Sozialkaufhaus (die nehmen meines Wissens allerdngs keine CDs. Und an Büchern nur solche, die sich noch verkaufen lassen).
    Eventuell sind Bibliotheken interessiert an einzelnen Werken? Das muss nicht immer die Stadtbibliothek sein. Oft haben auch andere Institutionen eigene Bibliotheken, zB Schulen, Fachbereichsbibliotheken von Uni / FH, Weltanschauungsverbände oder politische Gruppierungen.
    Wenn Sie Literatur zu speziellen Themen haben, könnten Sie auch mal bei Antiquariaten nachfragen.
    Was die CDs betrifft, könnten Sie mal am Konservatorium bzw. an der Musikhochschule fragen, ob es da eine Möglichkeit zum Verschenken gibt oder ob Sie eine Liste Ihrer CDs ans Schwarze Brett hängen dürfen.
    Und last not least: vielleicht gibt es in Ihrem Viertel ja mal einen Hofflohmarkt, wo Sie die Sachen anbieten könnten?
    Wenn Sie die Sachen wirklich sinnvoll loswerden wollen, dann ist das eine mühselige Angelegenheit, da lässt sich nix dran ändern. Doch solange Sie nicht unter Zeitdruck stehen, ist das vermutlich kein Problem.

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