Stoppi in the Name of Love: Die traurigsten Tage.

Wenn Sie Bettinas Blog regelmäßig lesen, wissen Sie ja, wie die Geschichte weiterging. Es war plüschherzzerreißend, das kann ich Ihnen sagen. Der Tag, an dem es Olga so schlecht ging, dass Bettina morgens bei der Tierärztin anrief mit den Worten: „Ich habe kein gutes Gefühl…“ – Ida und ich sahen und verzweifelt an. Natürlich hatten wir auch kein gutes Gefühl, Olga ging es wirklich schlecht, sie lag nur traurig da und konnte weder fressen noch kuscheln. Trotzdem gingen uns diese Worte durch Mark und Bein, vor allem auch wegen des abgrundtief traurigen Tons, in dem Bettina sie sagte.

Wir warteten dann noch auf Bettinas Freund, der ja aus Bremen angefahren kam. Dann steckte Bettina die arme Olga in den Transportkorb und rief nach Ida, damit die sich von ihrer Schwester verabschieden konnte. Dann gingen die beiden Menschen mit dem Korb los und Ida und ich blieben allein zurück.

Ida stand eine Weile regungslos hinter der Wohnungstür, die sich hinter Olga geschlossen hatte. Dann kam sie irgendwann langsam zurück ins Wohnzimmer, wo sie sich ganz in meiner Nähe einfach auf den Boden fallen ließ.

„Ich fürchte, das war es für Olga“, sagte sie leise. „Stoppi, wie soll das nur werden? Wir waren doch noch nie getrennt…“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich schnurrte Ida nur leise an und versuchte, ein bisschen näher an sie heranzurücken. Als sie das merkte, schnurrte sie leise zurück und lächelte mich traurig an. So saßen wir und warteten. Und warteten.

Etwas später kamen Bettina und ihr Freund mit der toten Olga im Katzenkorb zurück. Ida folgte ihnen ins Schlafzimmer, wo Bettina den Korb aufs Bett stellte und den Deckel abnahm. Dann ließ sie die beiden Schwestern allein und setzte sich mit ihrem Freund aufs Sofa. Beide sahen verheult aus. Sie sprachen miteinander und Bettina telefonierte einige Male, aber ich hatte meine Ohren in Richtung Schlafzimmer ausgerichtet und hörte nicht hin.

Irgendwann kam Ida aus dem Schlafzimmer zu uns. Sie war ganz blass unter dem schwarzbraunen Monstermuster, aber sehr gefasst. „Okay“, sagte sie zu Bettina, „ich habe mich verabschiedet.“

Obwohl Bettina die Katzensprache nur sehr bruchstückhaft und oft auch sehr fehlerhaft spricht, verstand sie Ida in diesem Moment. Sie streichelte traurig ihr glänzendes Fell, drückte sie an sich und versprach ihr, sehr bald wieder zu Hause zu sein und etwas Schönes zum Essen mitzubringen.

Ida setzte sich wieder zu mir, als Bettina und ihr Freund ins Schlafzimmer gingen, den Korb schlossen und dann mit der toten Olga die Wohnung verließen. Sprechen mochten wir in diesem Moment beide nicht, aber es war schön, zusammen zu sein.

Irgendwann kam Bettina nach Hause, alleine, und sie sah noch verheulter aus als vorher. Falls das möglich ist. Sie begrüßte Ida, die ihr entgegeneilte, als hätte sie sie seit Tagen nicht gesehen. Und ging dann sofort in die Küche, um ihr Hähnchenfleisch zu kochen.

An dem Tag fraß Ida noch gerne und ganz gut, obwohl sie schrecklich niedergeschlagen war. Aber schon am nächsten Morgen, als Bettina ins Büro gegangen war und wir wieder alleine waren, sagte Ida plötzlich: „Verdammt. Jetzt geht das bei mir mit der Übelkeit auch los.“

Verdammt, dachte ich, genau so hat es bei Olga auch angefangen. Und sagte: „Vielleicht bist du nur erschöpft? Das war ja ein schwerer Tag gestern und davon musst du dich erst einmal erholen.“

„Stoppi“, erwiderte Ida, „das war ein schwerer Tag gestern, aber ich bin eine starke Katze. Ich will leben, auch wenn es sich ohne Olga sehr merkwürdig anfühlt. Ich will bei Bettina bleiben. Und bei dir natürlich.“

Natürlich. Wer würde das nicht wollen?

„Aber mir ist gerade kotzübel“, fuhr Ida fort, „und wenn hier gleich der Futterautomat aufgeht, dann muss ich, glaube ich, ins Schlafzimmer gehen, weil ich das Zeug echt nicht riechen kann.“

„Bestimmt ist noch Hühnerfleisch von gestern da“, sagte ich. „Das macht Bettina dir warm, wenn sie nachher nach Hause kommt. Das schmeckt sicherlich besser als das olle Tütchenfutter.“

So war es wirklich. Bettina wärmte, noch bevor sie sich die Schuhe auszog, das Hühnerfleisch aus dem Kühlschrank für Ida auf. Und Ida aß ein paar Häppchen, aber längst nicht so viel wie sonst. Und am nächsten Tag aß sie noch weniger und am darauf folgenden Tag noch etwas weniger. Bettina kochte Hühnchen, kaufte Thunfisch und Beefsteakhack und Sahne und ungefähr hundert verschiedene Sorten Katzenfutter und Leckerlis. Unter normalen Umständen wäre Ida außer sich vor Freude gewesen… und Olga erst! So bemühte sich Ida, wenigstens ein bisschen was zu essen, damit Bettina nicht so schrecklich besorgt aussah. Viel war es nicht, was sie runterbekam, und müde war sie auch. Schrecklich müde. Und Bettina trug durchgehend eine dicke Sorgenfalte auf der Stirn.

„Nun iss doch ein bisschen mehr, Ida“, bat sie. „Die drei Häppchen können dich doch nicht satt machen. Soll ich dir ein anderes Tütchen öffnen? Oder Hühnerfleisch aus dem Tiefkühlfach holen?“

„Ich weiß es ja auch nicht“, gestand Ida mir, „aber ein bisschen fühlt es sich so an, als säße ich in der Mitte zwischen Olga und Bettina und beide zögen an mir. Sie wollen mir beide nicht wehtun, aber beide brauchen mich und wollen mich bei sich haben. Und ich fühle mich zerrissen und weiß nicht, was ich machen soll. Und außerdem habe ich Kopfschmerzen.“

Arme Ida. Ich konnte ja nicht viel für sie tun außer ihr zuzuhören und ihr immer wieder meine Freundschaft zu zeigen. Ohne etwas von ihr zu wollen. Aber das tat ihr gut, glaube ich. Beziehungsweise: Hoffe ich.

Es kam, wie es wohl kommen musste. Letztendlich übernahm Idas Körper die Entscheidung, die ihre Seele nicht treffen konnte oder wollte. Und so hörten ihre Organe einfach nach und nach auf zu funktionieren.

Ida mochte gar nichts mehr essen. „Es macht einfach keinen Spaß, wenn Olga nicht neben mir schmatzt und guckt, ob in meiner Schüssel nicht etwas Besseres ist als in ihrer“, witzelte sie müde. „Wofür soll ich denn so noch essen?“ Trotzdem ließ sie sich mehrmals am Tag von Bettina füttern, mit einer kleinen Spritze ins Mäulchen. Und Tabletten eingeben, die fürchterlich schmeckten. Fast ohne sich zu wehren und das, wo Bettina dabei wirklich nicht gerade geschickt vorging und noch dazu gegen ihr schlechtes Gewissen kämpfte… Es war wirklich plüschherzzerreißend, ich kann es nicht anders sagen.

Und dann kam der schreckliche Tag, an dem Bettina wieder abends einmal früher nach Hause kam als sonst. Sie sah gestresst aus und unglücklich. Ida hatte sich schon am Vormittag ins Schlafzimmer zurückgezogen und sich fast den ganzen Tag lang nicht blicken lassen.

Mir schwante nichts Gutes. Gar nichts Gutes.

Bettina kam ins Wohnzimmer, nahm den dort abgestellten Katzenkorb und ging damit ins Schlafzimmer. Etwas später trug sie Ida im Korb ins Wohnzimmer und stellte sie aufs Sofa.

„Tja, Stoppi“, sagte Ida, „das war es dann wohl. Es war schön mit dir, aber ich denke, ich muss zu Olga.“

„Nein!“ rief ich entsetzt. „Das kannst du doch nicht machen, Ida. Was sollen Bettina und ich denn ohne dich machen?“

„Es tut mir leid, mein Süßer“, sagte Ida traurig, „wirklich. Aber du siehst doch: Ich kann nicht mehr. Und das wird auch nicht wieder besser.“

„Aber der Tierärztin wird doch sicherlich noch etwas einfallen!“ hoffte ich. „Wofür hat sie denn jahrelang studiert?“

„Ach, Stoppi“, lächelte Ida. „Das alles, was sie studiert hat, hilft eben irgendwann nicht mehr. Dann ist das Ende des Weges erreicht und man muss sterben. Auch wenn es schrecklich traurig ist und man vielleicht lieber hierbleiben möchte. Und immerhin komme ich dann wieder zu meiner Olga. Die braucht mich ja auch.“

„Sag ihr schöne Grüße“, bat ich und bemühte mich sehr, nicht laut zu schluchzen. „Ich denke an euch. An dich. Immer. Und ich werde nicht vergessen, dass es von nun an meine Aufgabe ist, Bettina zu beschützen. Ich werde gut auf sie aufpassen.“

„Das weiß ich“, sagte Ida. „Sonst könnte ich ja auch nicht gehen. Pass auch auf dich auf, Stoppi. Wir wachen von oben über euch. Ihr seid nicht alleine. Niemals.“

Dann kam Bettina, nahm den Korb, Ida zwinkerte mir noch einmal zu und dann klappte die Wohnungstür hinter den beiden zu. Ich war alleine. Im Treppenhaus hörte ich Ida laut singen: „Always look on the bright side of life!“. Dann ging auch die Haustür zu und ich hörte nichts mehr außer Stille. Es war schrecklich. Ganz und gar schrecklich.

„Nie, nie, nie werde ich zum Tierarzt gehen!“ schwor ich mir selbst. „Da kommt man ja nicht lebend zurück als Katze. Niemals kriegt ihr mich in den Korb und zum Tierarzt!“

Niemand antwortete. Es war entsetzlich still in der Wohnung und ich fühlte mich sehr unbehaglich. Aber was konnte ich tun? Nicht viel. Ich versuchte es mit lautem Singen, natürlich auch „Always look on the bright side of life!“, aber irgendwie heiterte mich das auch nicht auf. Also saß ich da, saß auf meiner CD-Box wie ein Häufchen Unglück, und wartete. Und wartete.

1 Kommentar

  1. [ schluchz ] – für den Erzähler Stoppi: <3
    [ schluchz ] – für Sie, Bettina, für Olga und für Ida: <3 <3* <3*
    [ schluchz ] – für den Freund in diesen Zeiten: <3 und die "Trostkatzen" <3 <3
    und – ich denke die beiden Schwestern Lotte und Leonie wissen nun auch
    Bescheid: <3 <3 – so ein passendes, liebevolles Zuhause habt ihr euch ausgesucht.
    Wie fein und besonders wieder geschrieben…. – mitten ins Herz.
    Ach, Ihr.
    Ganz liebe Grüße, schön, daß Ihr Euch habt! Martina
    schluchz.

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