Stoppi in the Name of Love: Liebe auf den ersten Blick

Es dauerte ewig, bis Bettina an diesem Tag wieder nach Hause kam. Ich wartete auf meinem blauen Hocker, versuchte Ruhe zu bewahren und war doch sehr aufgeregt. Es dauerte Stunden, bis endlich unten im Haus die Tür aufging und ich die bekannten Schritte auf der Treppe hörte. Dann ging die Tür auf und Bettina und ein mir unbekannter junger Mann betraten die Wohnung, jeder mit einem Transportkorb in der Hand. Einer der Körbe war ein bisschen größer als der andere.

„Erstmal ins Schlafzimmer“, schlug Bettina vor und so bewegte sich die ganze Party – ohne mich – eben dorthin. Ich reckte meinen Hals, soweit ich konnte, aber ich konnte nichts sehen. Nur hören.

„Kann ich jetzt endlich mal raus hier? So eine Frechheit, uns durch die ganze Stadt zu kutschieren. Lotte, bist du da?“

„Ich bin hier, Leonie. Aber wo sind wir?“

„Ich habe keine Ahnung.“

Im nächsten Moment lief eine aufgeregt aussehende Katze an mir vorbei, ohne nach rechts oder links zu gucken. Überwiegend grau getigert mit weißen Pfötchen und rosa Nase. Ich erkannte sie sofort wieder, obwohl ich sie ja bisher nur auf Fotos gesehen hatte: Leonie Mau. Sie war wunderschön. Und beachtete mich überhaupt nicht.

Gerade wollte ich ein paar freundliche Worte des Willkommens an Leonie richten, da kam – sehr viel zögerlicher und mit etwas panischem Blick – eine weitere Katze um die Ecke und mich traf fast der Schlag. Diese Farben, diese Kurven, diese Augen! Auch sie hatte ich bereits auf Fotos gesehen und hübsch gefunden, aber in Wirklichkeit war sie einfach nur umwerfend: Lotte Miez.

Ich bin nicht oft sprachlos, aber als ich Lotte zum ersten Mal sah, fiel mir doch tatsächlich nichts ein. Sie starrte mich an und ich starrte zurück. Selbstverständlich ohne zu blinzeln.

Lotte hingegen blinzelte heftig und lief weiter. Im nächsten Moment sah ich, wie sie versuchte, sich unter der Kommode zu verstecken. Die Kommode hat kurze Beine und Lotte ist vielleicht ein ganz bisschen übergewichtig (diese Kurven!), jedenfalls passte sie nicht drunter. Scharrte, kratzte, quetschte… und passte dann doch nicht. Als ihr das klar wurde, drehte sie sich um und rannte zurück ins Schlafzimmer, das inzwischen menschenfrei war.

Bettina verabschiedete sich von dem jungen Mann und schloss die Tür hinter ihm.

„So, ihr Katzen, dann schaut euch mal in Ruhe um“, sagte sie freundlich und nahm mich hoch, „Stoppi und ich setzen uns jetzt mal ganz gemütlich aufs Sofa, damit ihr freie Bahn habt.“

Das machten wir und wir warteten dort eine ganze Weile, ehe die beiden Katzen sich ein bisschen entspannten. Bettina nahm ein Buch zur Hand und tat so, als würde sie lesen, aber ich war sogar dafür zu angespannt. Wann würde Lotte Miez sich in die Nähe des Sofas wagen? Würde ich diesmal ein Wort rausbringen? Wie saß meine Frisur?

Wir merkten schnell, dass es auch bei diesem Katzenpaar eine klare Rollenverteilung gab. Leonie Mau war die gut sozialisierte Erstkatze und Lotte Miez das schüchterne Fräulein im Hintergrund, das erstmal seine Schwester vorschickte, um die Lage zu sondieren. Leonie kam bald zu uns und aufs Sofa, zu unruhig noch, um sich lange aufzuhalten, aber doch neugierig und aufgeschlossen. Bettina kraulte ihr das Köpfchen und Leonie schmiegte sich kurz an sie, bevor sie weiter ihre Umgebung erkundete. Und sich mir zuwandte.

„Hallo, Leonie“, sagte ich fröhlich, „ich bin Stoppi und hier der Hausherr. Herzlich willkommen. Wie findest du uns?“

Sie starrte mich einen Moment lang überrascht an, bevor sie näherkam und an mir schnüffelte. Ich wollte gerade kichern, weil das kitzelte, da stieß mich Leonie doch tatsächlich etwas unsanft mit der Schulter an und schubste mich von meinem Kissen. „Hallo, Stoppi“, grinste sie, „schön dich zu treffen.“

Ich lag noch strampelnd auf dem Rücken und versuchte, mich wieder aufzurichten, da war sie schon weiter. Wow, dachte ich, eine Klassefrau!

Lotte brauchte etwas länger, bis sie sich zum Sofa traute, noch immer wirkte sie sehr aufgeregt und etwas ängstlich. Als sie mich auf dem Sofa sitzen sah und schüchtern lächelte, fing mein Herz wie verrückt an zu schlagen. So große grüne Augen, die mich direkt in die Seele dieser Katze blicken ließen… so wunderbares rot-schwarz-weiß geflecktes Fell, das seidenweich aussah… so sanfte Kurven, die meinen Blick einfingen und gar nicht wieder loslassen wollten. Wie gerne hätte ich meine Arme ausgestreckt und sie sanft gestreichelt, aber ich wollte sie auf keinen Fall erschrecken.

„Da ist ja das Lottchen“, sagte Bettina schmeichelnd und streckte die Hand aus. „Komm doch mal her, du Kleine!“

Lotte kam einen Schritt näher und schnupperte an Bettinas Hand. Dann machte sie noch einen Schritt nach vorne.

Bettina beugte sich vor, um sie zu streicheln, und fing an zu grinsen.

„Du bist ja ein doppeltes Lottchen“, kicherte sie. „So von oben siehst du wirklich ein kleines bisschen dick aus. Du bist ja zwei Katzen in einer Verpackung.“

„Ich möchte nicht wissen, wie du von oben aussiehst“, erwiderte Lotte. „Wahrscheinlich wie 20 Katzen in einer Verpackung. Aber du kannst ganz gut kraulen. Hier, etwas weiter links bitte.“

„Du bist nicht dick!“ rief ich laut. „Und wenn. Ich finde dich wunderschön.“

Zwei große grüne Augen starrten mich überrascht an. „Du findest mich schön? Mich?“

„Gestatten, King Türstoppi. Für dich natürlich Stoppi. Ich bin ein Kater von Welt und ich sage dir: Du bist wunderschön.“

Keine Ahnung, ob alle Katzen erröten können, aber ich schwöre: Lotte kann es. Auf eine anbetungswürdige Weise.

„Vielen Dank“, flüsterte sie. „Das ist sehr nett. Du bist übrigens auch sehr äh stattlich. Vielleicht können wir später noch plaudern. Im Moment muss ich noch hektisch hin- und herrennen.“

Und damit drehte sie sich um und fing wieder an, hastig durch die Wohnung zu laufen. Ich sah ihr nach und fühlte, wie sich Wärme in mir ausbreitete. Und Freude. Lotte brauchte Zeit, um anzukommen, das war klar. Die sollte sie bekommen, ich hatte es ja nicht eilig und konnte warten. Wobei ich fast sicher war, dass ich sie an diesem Tag noch küssen würde. Jawohl, küssen. Auf den wunderschönen Lotte-Miez-Mund. Mit Plüschkaterschmackes.

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