Stoppis Adventsgeschichte. Teil 3.

„Meine Güte, bin ich satt“, stöhnte der Tigerkater und ließ sich zufrieden auf die warme Kuscheldecke an der Heizung sinken. „Das Essen hier ist zwar nicht das allerbeste, aber immerhin kommt es regelmäßig und reichlich.“ Er rollte ein bisschen zur Seite, streckte das linke Hinterbein steil in die Luft und fing an, sich am Rücken zu putzen. Sofern er da noch hinkam, sein weicher Bauch, der nicht getigert, sondern eher blond war, hatte in den wenigen Tagen im Tierheim durchaus etwas an Umfang gewonnen.

Die kleine weiße Katze sah lächelnd zu ihm hinüber. Sie mochte den Tigerkater sehr, er war ein freundlicher, pragmatischer, hilfsbereiter Kerl ohne Allüren und ihr ein guter Freund geworden. Er beschützte sie, falls es nötig war, auch vor den anderen Katzen, mit denen sie mittlerweile ihr Zimmer teilten: dem misstrauischen roten Ex-Straßenkämpfer, der nur noch drei Beine hatte, und dem etwas distanzlosen aber sehr gutmütigen schwarz-weißen Moppel, der nie Streit suchte aber immer Leckerlis. Beide zeigten durchaus Interesse an der kleinen weißen Katze, aber sie legte Wert auf Abstand und Hygiene, so wie es im Jahr 2020 nun einmal üblich war. Auf Masken konnte innerhalb des Zimmers zum Glück verzichtet werden.

Seit sie wusste, dass der Tigerkater sie nur aus Spaß „meine kleine Freundin“ genannt hatte, schenkte sie ihm ihr ganzes Vertrauen. Er hatte ihr in der ersten gemeinsamen Nacht im Quarantänezimmer gestanden, dass er keinerlei weitere Interessen an weiblichen Katzen hatte, egal wie klein, weiß und süß diese sein mochten. Er hatte sein Herz schon vor Jahren an einen jungen Kater namens Schulz verloren, der in der Nachbarwohnung gewohnt hatte und leider von einem Auto überfahren worden war. Der Tigerkater hatte sehr getrauert, ihn niemals vergessen und sich nie wieder neu verliebt. Und nun war er ein älterer Herr. „Nicht, dass ich kein Interesse an gutaussehenden jungen Tigerkatern mehr hätte“, bekannte er freimütig, „aber ich habe auch ein ausgeprägtes Interesse an Fußbodenheizungen, kuscheligen Sofas und regelmäßigen Mahlzeiten. Meine alte Dame hat sich hervorragend darum gekümmert, dass es mir an nichts fehlt. Ich frage mich, wie es ihr wohl geht und ob ihr blöder Sohn ihr noch immer etwas vorlügt. Menschen sind, sofern sie gut erzogen sind, wirklich sehr angenehme Mitbewohner, die noch dazu den Vorteil haben, groß genug und langsam genug zu sein, um nicht ständig unter Autos zu geraten. Aber es gibt auch noch eine andere Sorte Mensch und vor der sollten wir uns in Acht nehmen.“

Die kleine weiße Katze schauderte. Bei Menschen war sie sich noch nicht so sicher (sie kannte ja noch nicht so viele), aber Autos fand sie sehr unheimlich, obwohl sie natürlich den Vorteil hatten, einem das Busfahren zu ersparen. Die neun Stationen zwischen dem Hauptbahnhof und der Endhaltestelle der Linie 112, von der sie zum Tierheim gelaufen war, saßen ihr noch immer in den Plüschknochen. Laut war es gewesen, kalt und voller gestresst wirkender Menschen, die sich hinter ihren Masken versteckten. Oder die demonstrativ ihre Maske so trugen, dass ihre Nasen nicht bedeckt waren, und damit den Zorn ihrer Mitmenschen auf sich zogen. Die kleine weiße Katze war im Schatten des Feuerlöschers unter der Sitzbank von niemandem entdeckt worden, aber allein die Stimmung im Bus machte sie furchtbar nervös. Sie war froh, als sie endlich aus dem Bus aussteigen konnte.

„Das liegt hinter mir“, versicherte sie sich selbst und kuschelte sich noch etwas enger an die Heizung. „Ich muss nicht mehr mit dem Bus fahren. Ich muss nur den doofen Menschen aus dem Weg gehen und von den richtigen Menschen gefunden und adoptiert werden.“

Ihr war mittlerweile klar, dass das gar nicht so einfach sein würde. Es kamen nämlich fast gar keine Besucher ins Tierheim. Der rote Dreibeiner und der schwarz-weiße Moppel hatten ihr erklärt, dass das mit der Corona-Pandemie zu tun hatte und damit, dass Menschen sich zurzeit eben so gut wie irgendwie möglich aus dem Weg gehen sollten. Deshalb konnten sie nicht einfach durchs Tierheim schlendern und „nur mal so gucken“, wer sie denn durchs Gitter oder die Glasscheibe anflirtete. Die Menschen, die auch oder gerade in diesen Zeiten gerne ein Tier adoptieren wollten, konnten im nur Internet schauen, wo es Fotos und Beschreibungen der Tiere im Heim gab, und dann ganz konkret Besuchstermine für diese Tiere ausmachen.

„Ja, aber… aber… vom Tigerkater und mir gibt es doch gar keine Fotos. Und schon gar nicht im Internet!“, rief die kleine weiße Katze. „So kann sich doch niemand für uns interessieren.“

„Sie werden schon kommen“, versicherte ihr der Moppel. „Du kannst dich auch schon mal putzen, um auf dem Foto möglichst attraktiv auszusehen.“

„Okay,“, sagte die kleine weiße Katze, dankbar für diesen Hinweis. Wenn sie etwas gar nicht mochte, dann war es fotografiert zu werden, bevor sie sich hübsch gemacht hatte.“

„Ich bin ja auch schon dabei“, warf der Tigerkater ein, der inzwischen abwechselnd auf die Innenseiten seiner Vorderpfoten spuckte und sich damit im Gesicht herumwischte, „und ich schlage vor, dass wir beide uns zusammen fotografieren lassen. So rührende Fotos von einem erwachsenen Kater, der eine kleine Plüschkatze mit sich herumträgt, kommen bestimmt gut an und dann kommen jede Menge Interessenten, von denen wir uns die besten aussuchen können.“

„Das heißt, wir werden dann auch zusammen adoptiert?“, fragte die kleine weiße Katze entzückt. „Das wäre ja toll.“

„Das will ich sehr hoffen“, sagte der Tigerkater mit Bestimmtheit. „Du kannst mich doch nicht einfach alleine zurücklassen! Du bist doch meine kleine Freundin!“

Die kleine weiße Katze kicherte und fühlte sich geschmeichelt. Wenn sie des Tigerkaters kleine Freundin war, dann war er schließlich ihr großer Freund und das fühlte sich großartig an. Sie hatte den Tigerkater wirklich sehr gern und außerdem kannte sie ja sonst niemanden auf der Welt bis auf einen großen schwarzen Hund, dessen Adresse sie nicht hatte. Lumpazivagabundus… das war auch ein toller Typ. Wo er wohl war? Ob er noch an sie dachte? Ob er Tigerkater mochte? Und ob der Tigerkater ihn mögen würde?

„Sag mal“, ließ sie ganz beiläufig ins Gespräch einfließen, „magst du eigentlich Hunde? Große Hunde?“

„Hunde???“, rief der schwarz-weiße Moppel entsetzt. „Igitt. Gegen Hunde bin ich allergisch!“

„Hunde?“, wiederholte der rote Dreibeiner und kniff die Augen zu messerscharfen Schlitzen zusammen. „Knechte der menschlichen Herrschaft. Diener des Establishments. Unwürdige Wesen.“

„Hunde?“, fragte nun auch der Tigerkater. „Was weißt du denn von Hunden? Ich denke, du kennst niemanden?“

„Das stimmt auch“, erwiderte die kleine weiße Katze hastig und konnte nicht verhindern, dass sie ein bisschen errötete, „aber in der Stadt hat mich ein sehr netter Hund angesprochen und mir den Weg zur Bushaltestelle gezeigt. Er hieß Lumpazivagabundus und ich habe mich gar nicht richtig bei ihm bedankt.“

„Lumpazivagabundus? Lumpazivagabundus?“, überlegte der rote Dreibeiner, „das habe ich doch schon mal irgendwo geh…“

„Hallo, ihr Katzen!“, unterbrach ihn eine menschliche Stimme. „Habt ihr es nett? Ich will jetzt mal ein schönes Foto von dem neuen Tiger machen, damit wir dich dann auch gut vermitteln können.“

Die freundliche Tierpflegerin, die vorhin schon das Essen serviert hatte, betrat das Zimmer. In der Hand hielt sie ihr Smartphone.

„Hast du Leckerchen dabei?“, fragte der schwarz-weiße Moppel und ging ihr sofort entgegen und zwischen die Beine.

Das gab dem Tigerkater Zeit, zu der kleinen weißen Katze auf den Liegeplatz an der Heizung zu hüpfen. Schützend legte er die Pfote um sie und lächelte die Tierpflegerin dann freundlich an.

„Ach, wie süß!“, rief diese erwartungsgemäß und tippte sofort wie wild auf ihrem Smartphone herum. „Bleib mal kurz so sitzen bitte, das wird bestimmt ein supertolles Foto mit deiner kleinen Freundin!“

Die kleine weiße Katze fragte sich, was das war, dass alle sie immer als klein bezeichnen mussten, aber sie blieb brav sitzen, schmiegte sich an den Tigerkater und lächelte in die Kamera.

„Wunderschön!“, jubelte die Tierpflegerin und drückte gleich noch einmal ab. „Da kommen bestimmt jede Menge Anfragen.“

„Und wir?“, fragte der rote Dreibeiner etwas giftig. „Für uns gibt es mal wieder keine Interessenten? Vielleicht solltest du uns auch mal mit Fräulein von Plüsch fotografieren. Komm in meinen Arm, Kleine!“

Er winkte der kleinen weißen Katze mit seiner einzelnen Vorderpfote und zwinkerte ihr zu. Sie wusste, dass er nur Spaß machte, aber er war ihr trotzdem etwas unheimlich. Sie drückte sich noch dichter an den Tigerkater.

Der strich ihr sachte über das Fell und erwiderte dem roten Dreibeiner ganz cool: „Nimm doch den Moppel in den Arm, dann kriegt ihr auch wunderschöne Fotos und tausend Adoptionsanfragen!“.

„Was?“, riefen der rote Dreibeiner und der schwarz-weiße Moppel wie aus einem Mund. „Wir sind doch nicht schwul!“

„Dann kann ich euch auch nicht helfen“, sagte der Tigerkater bedauernd und rollte sich mit der kleinen weißen Katze im Arm vor der Heizung zusammen. „Und nun entschuldigt uns bitte. Es wird Zeit für unser Verdauungsschläfchen.

6 Kommentare

  1. Ich bin so neugierig, wie es weitergeht, Stoppi.
    (Jetzt haben sich hier vor Spannung alle für später zum Espresso bereitgestellten Plätzchen in … Luft aufgelöst?)
    <3 Danke und herzliche Grüße an Deine Ladies, habt alle einen schönen 3. Advent,
    Martina

  2. Eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte für groß und klein, danke lieber Stoppi.
    Bin auch schon so gespannt auf den nächsten Teil.
    Liebe Grüße auch an dein Frauchen Bettina,
    Leonie und Lotti.
    Habt eine besinnliche Vorweihnachtszeit.
    Liebe Bettina da du dich doch sehr in der Hospizarbeit angagierst , möchte ich dir eine Seite im Internet oder Facebook ans Herz legen: villa- anima.de.
    Sowas müsste es mehr geben

    1. Vielen Dank, Stoppi schreibt und schreibt ohne Unterlass. Die Geschichte geht weiter.
      Euch auch eine schöne Weihnachtszeit weiterhin, ohne Schlangen, mit Gesundheit.
      Die Seite schau ich mir mal an, vielen Dank für den Hinweis!

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