Stoppis Adventsgeschichte. Teil 4.

„Nicht zu fassen“, erzählte die etwas fassungslose, aber durchaus heitere Tierpflegerin dem Tigerkater, während sie ihn mit einer weichen Bürste massierte und er vor Entzücken so laut schnurrte, dass die Wasseroberfläche des Trinknapfes Wellen schlug. „Seit ich dein Foto mit der kleinen Plüschkatze auf unsere Website gestellt habe, können wir uns vor Anfragen gar nicht retten. Allein heute kommen mehrere Interessenten, natürlich nacheinander.“

Sie beendete die Bürstenmassage beim Tigerkater, nahm die kleine weiße Katze von ihrem Lieblingsplatz auf der Heizung und strich ihr auch einige Mal mit der Bürste über das Fell. „Ich frage mich“, sagte sie nachdenklich, „ob wir einfach noch ein paar Stofftiere anschaffen für die Katzen, die nicht so viele Anfragen bekommen. Was sagt ihr dazu?“

Die letzte Frage richtete sich an den roten Dreibeiner und den schwarz-weißen Moppel. Beide winkten scheinbar gelangweilt ab, aber die kleine weiße Katze und der Tigerkater wussten, dass sie genau dieselbe Überlegung auch schon angestellt hatten und nachts, wenn das Licht aus war und keiner mehr guckte, heimlich mit den Spielzeugmäusen und Bällchen, die im Zimmer herumlagen, posierten.

„Wenn alles gut geht, dann bist du Weihnachten schon in deinem neuen Zuhause“, sagte die Tierpflegerin zum Tigerkater und dann mit einem Blick auf die kleine weiße Katze: „Genauer gesagt: Ihr seid dann schon in eurem neuen Zuhause. Und Silvester auch, obwohl das dieses Jahr vielleicht nicht ganz so schlimm wird wie sonst immer, weil nämlich wegen des Lockdowns kein Feuerwerk stattfinden darf.“

„Das wäre schön“, fand der Tigerkater, „aber erst mal kommen heute die Vorstellungsgespräche. Darf ich die Bewerbungsunterlagen der Interessenten bitte einmal sehen?“

Die kleine weiße Katze staunte, wie lässig der Tigerkater mit der ganzen Situation umging. Sie war schrecklich aufgeregt und ihr kleines Plüschherz schlug wie verrückt. Sie hätte niemals so cool mit der netten Tierpflegerin sprechen können. Diese lachte aber nur über die Ansprache des Tigerkaters und ging wieder.

Nur wenige Minuten später kam sie aber schon zurück und mit ihr vier Menschen mit Gesichtsmasken. Zwei davon waren kleiner als die anderen und sie wirkten ziemlich aufgeregt.

„Kinder!“, stellte der Tigerkater fest und machte zwei Schritte zurück. „Ich weiß nicht. Magst du Kinder?“

„Ich weiß nicht“, sagte die kleine weiße Katze, „ich kenne bisher keine Kinder. Sind die nett?“

„Meistens“, erklärte der Tigerkater, „aber sie wollen einen immer auf den Arm nehmen und rumtragen. Manchmal ziehen sie einem sogar lustige Klamotten an oder wollen, dass man in einem Legoraumschiff schläft.“

„In einem Raumschiff?“, fragte die kleine weiße Katze ungläubig. „Ist das nicht gefährlich?“

„In den meisten Fällen nicht“, erwiderte der Tigerkater, „aber die einzelnen Steine sind ziemlich unbequem.“

Die vier Personen hatten inzwischen mit ziemlich viel Getöse das kleine Zimmer der Katzen betreten. Die drei Kater und die kleine weiße Katze hatten sich vorsichtshalber in die hinterste Ecke zurückgezogen.

„Ihr wollt sie nicht?“, fragte der schwarz-weiße Moppel, „dann könnte ich mich ja mal vorstellen.“

„Mach ruhig“, stimmte der Tigerkater zu. „Das ist eine gute Idee.“

Etwas ungläubig, aber mit wachsender Begeisterung beobachteten die anderen Katzen, wie der schwarz-weiße Moppel mit einem breiten Grinsen, hocherhobenem Schwanz, eingezogenem Bauch und laut „Hallo! Hallo!“ rufend auf die Familie zuging, sich direkt vor den Füßen des kleinen Mädchens auf den Rücken warf und sein weiches Bäuchlein zeigte.

Der Trick funktionierte. Das kleine Mädchen kreischte begeistert: „So flauschig!“ und setzte sich zu dem Kater auf den Boden. Der schwarz-weiße Moppel schnurrte nun so laut, dass zwei Zimmer weiter im Büro der Tierpflegerinnen die Tassen fast aus dem Regal fielen. Wenig später saß die ganze Familie mit ihm auf dem Fußboden und flauschte, was das Zeug hielt. Die Tierpflegerin, die an der Tür stehengeblieben war und zugeschaut hatte, grinste zufrieden.

„Das ist unser Moppel“, erzählte sie, „er hat zwar kein Stofftier mitgebracht, aber er ist ein ganz toller Kater, der ganz viel Liebe zu geben hat.“

„Und der in einem rosa Puppenkleid mit Glitzer bestimmt allerliebst aussieht“, sagte der rote Dreibeiner verächtlich. „Ist ja peinlich, der Auftritt.“ Aber wegschauen konnte er auch nicht.

Es kam, wie es kommen musste. Wenige Minuten später durfte der schwarz-weiße Moppel in eine XL-Transportbox einsteigen und wurde, zusammen mit einer kleinen Tüte Diätkatzenfutter, dem aufgeregten Familienvater übergeben.

„Ist ja der Wahnsinn!“, rief er, „ich werde adoptiert! Leute! Ich werde adoptiert!“

„Toll“, sagte der Tigerkater, „das hat doch gut geklappt. Viel Freude mit deinen neuen Menschen, du wirst bestimmt viel Spaß mit ihnen haben!“

„Und sie mit dir“, fügte der rote Dreibeiner hinzu. „Hoffentlich überlebst du das.“

„Mach es gut!“, rief die kleine weiße Katze, „ich freue mich für dich.“

Der schwarz-weiße Moppel wurde von seiner Familie davongetragen und rief die ganze Zeit: „Ich werde adoptiert! Leute! Ich werde adoptiert!“

„Meine Güte“, sagte der rote Dreibeiner. „Hoffentlich bekommt er keinen Herzinfarkt von der Aufregung. Oder später, wenn er sieht, dass er nicht in einem Raumschiff schlafen soll, sondern in einem Puppenhaus.“

Der Tigerkater musste lachen bei der Vorstellung und sagte dann zu dem roten Dreibeiner: „Für dich finden wir auch noch jemanden.“

„Wer soll mich denn wollen?“, fragte der rote Dreibeiner. „Behindert, auf einem Auge blind und schon dreizehn Jahre alt. Außerdem steht ‚Protestpinkler‘ in meiner Akte.“

„Ach was“, erwiderte der Tigerkater. „Für jeden Topf gibt es einen Deckel und auch für dich gibt es irgendwo da draußen einen Menschen. Den müssen wir nur finden. Vielleicht kommt er da gerade.“

Tatsächlich, da kam die Tierpflegerin schon wieder, dieses Mal mit zwei Personen, einem Mann und einer Frau.

„Die sehen aber nett aus“, flüsterte die kleine weiße Katze dem Tigerkater aufgeregt zu. Der Tigerkater drückte ihr bestätigend die Pfote und ging den Leuten freundlich lächelnd entgegen.

„Der ist aber hübsch!“, rief die Frau und ging in die Knie, um den Tigerkater zu streicheln. Der schmiegte sich sofort an ihre Beine und rieb seinen dicken Schädel an ihrem Arm. Der dazugehörige Mann lächelte den Tigerkater an, warf dann aber einen vorsichtigen Blick hinter den Kratzbaum, wo der rote Dreibeiner saß. „Und wer sitzt da noch?“

„Los!“, zischte die kleine weiße Katze dem roten Dreibeiner zu, „der meint dich. Zeig dich doch mal.“

„Wozu denn?“, fragte der rote Dreibeiner. „Du siehst doch, die Frau findet den Tigerkater toll und er sie. Dagegen kann ich doch nicht anstinken.“

Die kleine weiße Katze war nicht sehr stark, aber sie war gerade sehr entschlossen und so war es möglich, dass sie den widerstrebenden roten Dreibeiner ein paar Schritte nach vorne schob, so dass der Mann ihn sehen konnte.

„Awwwww“, rief er, „Schatz, guck doch mal. Genau so hat der rote Kater von meiner Oma damals ausgesehen. Der, der immer mit mir zum Angeln gegangen ist und mir dort die Fische geklaut hat! Der ist ja toll.“

„Fische klauen könnte ich!“, bestätigte der rote Dreibeiner, der immer noch misstrauisch wirkte, aber auch durchaus interessiert.

Die junge Frau, der der Tigerkater inzwischen auf den Schoß geklettert war, wo er hingebungsvoll und mit geschlossenen Augen schnurrte, schaute nun auch den roten Dreibeiner an.

„Auf drei Beinen?“, fragte sie amüsiert. „Da hättest du ja fast eine Chance, die Fische zu behalten.“

„Das ist eins unserer Problemfellchen“, mischte sich nun die Tierpflegerin ein. „Er ist schon ein bisschen älter und hat ein paar Jahre auf der Straße gelebt. Deswegen sind seine Manieren nicht ganz so vornehm. Aber ich bin sicher, dass er bei viel Liebe und Zuwendung ein toller Kater wird.“

Der rote Dreibeiner war ja schon rot, aber die kleine weiße Katze war sicher, dass er gerade vor Verlegenheit noch etwas rötlicher angelaufen war. Sie grinste in sich hinein und bemerkte, dass auch der Tigerkater zwischen fast geschlossenen Lidern hindurchblinzelte, um nichts zu verpassen.

„Ich habe mich aber in diesen kleinen Charmebolzen verliebt“, sagte die junge Frau, die noch immer den Tigerkater auf dem Schoß hatte, nun zu ihrem Mann. „Wir können doch nicht gleich zwei Kater mitnehmen… Oder?“

„Drei!“, rief die kleine weiße Katze, „wir sind zu dritt, auch wenn ich kein Kater bin.“

„Zwei machen auch nicht mehr Ärger als einer“, war die Tierpflegerin ein. „Und viel mehr fressen tun sie auch nicht.“

Die beiden jungen Leute sahen sich an.

„Willst du denn überhaupt mitkommen?“, fragte der junge Mann den roten Dreibeiner, der noch immer einen Sicherheitsabstand von etwas mehr als 1,5 Metern zu ihm einhielt, ihn aber aufmerksam beobachtete.

„Nun mach schon!“, rief der Tigerkater, „gib ihm ein Zeichen. Dann kannst du mit uns unterm Tannenbaum sitzen.“

„Als ob ich das wollte“, gab der rote Dreibeiner zurück, aber dann machte er doch einen Schritt auf den jungen Mann, der sich inzwischen auch auf den Fußboden gesetzt hatte, zu. Und noch einen. Dann schnüffelte er vorsichtig an der ausgestreckten Hand des jungen Mannes.

„Ich könnte ihn jetzt beißen!“

„Das wäre aber ziemlich dämlich von dir“, fand die kleine weiße Katze, „und du bist nicht dämlich, das weiß ich.“

Der rote Dreibeiner starrte sie einen Augenblick überrascht an, aber dann machte er plötzlich noch einen Schritt nach vorne und rieb seine Stirn an der Hand des jungen Mannes.

„Tja“, sagte der und grinste plötzlich wie ein kleiner Junge. „Sieht aus, als würden wir zwei Kater adoptieren.“

„Drei!“, rief die kleine weiße Katze streng, „und ich bin kein Kater.“

„Keine Sorge“, beschwichtigte der Tigerkater sie, während er vorsichtig von dem Schoß der jungen Frau kletterte. „Ohne dich gehe ich hier nicht weg, das ist doch klar. Halt dich fest.“

Und er packte die kleine weiße Katze vorsichtig mit den Zähnen im Nacken und trug sie aus der schattigen Ecke des Zimmers ins Licht zu den beiden jungen Leuten. Dort setzte er die kleine weiße Katze vorsichtig ab und legte beschützerisch die Pfote um sie. Alle im Raum Anwesenden hielten die Luft an.

„Ich glaube, Sie müssen sogar drei Katzen adoptieren!“, sagte die nette Tierpflegerin fröhlich, „bei der kleinen Plüschkatze fällt aber keine Schutzgebühr an und fressen tut sie auch nicht viel.“

Die junge Frau jubelte laut und ihr Mann strahlte vor Freude, obwohl ihm gerade die Worte fehlten.


Ja, nicht was Sie jetzt denken! Natürlich ist die Geschichte noch nicht fertig, da fehlen ja noch Handlungsstränge bzw. deren Auflösung. Stoppi schreibt und schreibt und kommt nicht zum Ende. Fortsetzung folgt.

4 Kommentare

  1. Was für eine schöne Geschichte!
    Und wie toll, dass sie noch ein Mal weitergeht.
    (Jedoch – wie soll ich denn da jetzt schlafen, Stoppi?)
    Herzliche Grüße nach Hamburg, auch an Bettina (<3 Dankeschön!) und
    Leonie und Deine Lotte, Martina

  2. „Der schwarz-weiße Moppel schnurrte nun so laut, dass zwei Zimmer weiter im Büro der Tierpflegerinnen die Tassen fast aus dem Regal fielen.“
    Hihi. Dieser Satz wird nur von der Stelle aus dem ersten Teil überboten, an der es heißt, dass Menschen adoptieren, wenn sie keine eigenen Hunde oder Katzen bekommen können. Da habe ich mich gefragt, ob der Spruch „Das ist ja zum junge Hunde kriegen!“ wörtlich zu verstehen ist… Meine Freundinnen haben bis jetzt nur Menschenkinder zur Welt gebracht, aber wer weiß.

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