Von unerwiderter Liebe. Und Balkonblumen.

Ich weiß ja nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich liebe ja Blumen! Blühende, duftende Boten der oft viel zu weit entfernten Natur, ihrer heimischen Erde grausam entrissen und rücksichtlos verschleppt in die schlimmsten Ecken der Innenstadt, in der kein Grashalm und kein Unkraut ohne fremde Hilfe überleben ka… ah, ich schweife ab. Jetzt schon.

Ich liebe Blumen. Nicht unbedingt Schnittblumen, die im ersten Moment toll aussehen, im zweiten meistens stinken und im dritten von den Katzen gefleddert in Kleinteilen auf den Polstermöbeln liegen. Nichts, was in einer Vase im Wasser stehen muss; wer mit Katzen oder Kindern zusammenlebt, gewöhnt sich das im Allgemeinen schnell ab. Selbst würde ich mir nie Schnittblumen kaufen. Wenn mir welche geschenkt werden, freue ich mich kurz und fürchte mich dann vor dem Moment, in dem ich sie loswerden muss, weil sie, wie bereits erwähnt, erstens stinken und zweiten Blütenstaub und andere undefinierbare Ekelpartikel verlieren. Das tun sie vor allem in dem Moment, in dem ich sie mit ihrer Vase in die Küche trage, um sie in den Müll zu stopfen. In den sie natürlich nicht widerstandlos hineinpassen. Ganz davon abgesehen, wie eklig das Wasser, das noch in der Vase verblieb, aussieht. Und bis zu diesem Moment dauert es bei mir nicht, wie bei Menschen mit grünen Daumen, nicht ein bis zwei Wochen, sondern maximal ein bis zwei Tage.

Aber Balkonblumen! Balkonblumen sind super. Sie bleiben draußen und sauen die Wohnung nur zweimal ganz kurz ein, nämlich wenn ich sie rein und raus bringe. In kalten Nächten (so zwischen März und Mai) klopfen die Stiefmütterchen, mit denen ich die Balkonblumen-Saison grundsätzlich einläute, zwar schon mal abends von außen an die Balkontür und begehren Einlass, aber bisher habe ich mich noch nie erweichen lassen.

Stiefmütterchen sind klein, günstig, pflegeleicht und dekorativ. Ich mag sie in verschiedenen Blau- und Lila-Tönen, abgesetzt mit Weiß und Dunkelrot. Gelb ist nicht so meine Farbe. Auf dem kleinen Wochenmarkt, der samstags am Ende meiner Straße stattfindet, gibt es immer mindestens zwanzig verschiedene Farbstellungen zur Auswahl. Jedes Jahr überlege ich, ob die kleinen Hornveilchen nicht eventuell hübscher und eleganter sind, und entscheide mich dann doch für klassische Stiefmütterchen.

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In Hamburg dürfen Stiefmütterchen nur verkauft werden, wenn sie vorher das „Seepferdchen“ abgelegt haben. Wenn Sie genau hinschauen, können Sie die kleinen Abzeichen auf der Badehose sehen.

Frohen Mutes trage ich dann Tüten oder Kisten voller Stiefmütterchen nach Hause. Üblicherweise an einem freien Samstagmorgen, an dem die Sonne scheint. Wenigstens auf dem Hinweg. Auf dem Rückweg bewölkt sich dann grundsätzlich der Himmel, starker Wind setzt ein und die Temperatur fällt um fünfzehn bis zwanzig Grad. Außerdem fällt mir auf dem Heimweg im Allgemeinen wieder ein, dass ich meinen Balkon nicht so gut vorbereitet habe, wie ich es mir im letzten Jahr in derselben Situation fluchend versprochen hatte.

Schon im Herbst, als gut organisierte Menschen mit Weitblick ihre Balkone wintersicher machten, indem sie alle einjährigen Pflanzen entsorgten und die mehrjährigen winterfest verpackten, habe ich nämlich mal wieder geschlampt. Erstens war ich zu spät dran: Im September und auch im Oktober sahen meine Sommerblumen und vor allem die Hortensien nämlich noch viel zu gut aus, um sie schon wegzuschmeißen bzw. zu beschneiden. Also zögerte ich diese Aktion wieder bis Mitte November hinaus. Zu der Zeit, in der ich dann fluchend und frierend auf dem Balkon stand und die Reste der Sommerbepflanzung entsorgte, lagen die Temperaturen schon im einstelligen Bereich und es regnete in Strömen. Möglichweise nicht überall, aber auf jeden Fall über meinem Haus.

Aus diesem Grunde konnte ich den Balkon auch nicht mehr gründlich säubern: Es war viel zu kalt und viel zu nass. Also stopfte ich einfach nasse braune Pflanzenreste in Müllsäcke und fegte alles, was sowieso am Boden lag und oder beim hastigen Eintüten runtergefallen war, mit energischen Strichen vom Balkon in den Hinterhof oder auf den Hinterkopf des unterhalb meines Balkons in seiner Ladentür stehenden und mir gründlich verhassten Ladenbetreibers.

In dem kleinen Ladengeschäft unter meiner Wohnung befindet sich zu meinem Leidwesen seit etwa einem Jahr so etwas wie ein Einrichtungsladen. Der Betreiber verspricht Einzigartiges mit individuellem Wohlfühlcharakter, trägt selbst aber eine Art Undercut mit Düttchen, raucht und benutzt ein Parfum, von dem mir selbst durchs geschlossene Fenster die Augen tränen. Wir nennen ihn liebevoll „Monsieur Fuck“ beziehungsweise – weil er sich selbst offenbar für frankophil hält –  „Monsieur Fuque“. Ich habe mit Monsieur Fuque noch nie ein Wort gewechselt; wenn er, was häufig vorkommt, in seiner offenen Ladentür steht und raucht, während ich gerade vorbeikomme, starre ich angestrengt an ihm vorbei und finde, dass er damit noch ganz gut bedient ist. Wie rauchfrei die im Laden angebotenen Artikel wohl duften, möchte ich lieber gar nicht wissen. Kunden sieht man bei ihm selten; insofern nähre ich verstohlen die Hoffnung, dass der einzigartige und individuelle Wohlfühlcharakter uns nicht ewig erhalten bleiben wird.

Ich schweife ab. Schon wieder. Also: Ich liebe Blumen. Balkonblumen. Ich gehe aber nicht auf den vorderen Balkon, solange Monsieur Fuque geöffnet hat. Das heißt, zum Bepflanzen, Aufräumen und Saubermachen bleiben mir nur die späten Abendstunden und der Sonntag. Nur das Blumengießen erlaube ich mir manchmal etwas früher und natürlich kann ich von oben nicht sehen, ob er nun gerade rauchend in der Tür steht, wenn ich einen Schwall Wasser an den Stiefmütterchen vorbei direkt vom Balkon kippe. Ich kann es nur ahnen bzw. hoffen.

So. Nun wissen Sie genug von den finsteren Zügen meines ansonsten so harmlos wirkenden Charakters. Im Grunde geht es ja auch gar nicht um Monsieur Fuque und seinen vollkommen lächerlichen Laden, sondern nur um eine weitere Ausrede dafür, dass mein Balkon im Frühjahr, wenn ich mit den ersten Blumen das Jahres nach Hause komme, aussieht, als wäre gerade eine Rotte Wildschweine durchgezogen. So auch gestern. Die letzten Sommerblumen von 2016 hatte ich Anfang letzter Woche abgeräumt, als es gerade mal trocken und zwölf Grad warm war. Als ich dann aber fegen und feucht wischen wollte, hat es schon wieder geregnet.

Die Winterdeko, nämlich einige unverwüstliche Heidepflanzen, die jetzt übrigens auch nicht unattraktiver aussehen als damals im November, als ich sie kaufte, stehen übrigens noch da. Aber die rupfe ich gleich schnell raus, die Wurzeln sind nicht so lang. Glaube ich. Und dann werden schnell die Stiefmütterchen eingesetzt.

Ganz allerliebste Stiefmütterchen habe ich wieder gekauft. Mittelblaue, dunkelblaue, hell-dunkel-violett-blau gefleckte, lilane mit oranger Mitte und weinrote. Die werden schon sehr hübsch aussehen. Ich überlege noch, ob ich die Töpfe zum Einsetzen der Pflänzchen in die Küche holen soll. Aber dann muss ich da auch wieder feucht wischen. Dann lieber draußen in der Kälte und zack-zack. Einfach in alle Töpfe, die im Winter nicht geplatzt sind, ein Stiefmütterchen, bisschen Erde anschütten, festdrücken, angießen, fertig.

Die beiden überlebenden Hortensien auf dem vorderen Balkon habe ich letzte Woche auch schon beschnitten. Sie haben eine Menge Knospen, das ist gut. Ansonsten sehen sie aber noch ziemlich traurig aus. Das ist gut, wenn man bedenkt, dass Monsieur Fuque sie wahrscheinlich jeden Tag mehrmals sieht und sich vor Entsetzen schüttelt.

Auf dem Küchenbalkon muss ich dann auch noch Katzengras aussäen. Die Katzen freuen sich immer sehr über einen großen Topf voll hohem Katzengras, in das sie sich gemütlich reinsetzen können. Es grünt und sprießt dort nämlich immer auf das Ansehnlichste, bevor es dann von einem Tag auf den nächsten verdorrt. Es ist fast schon ein bisschen unheimlich, finde ich, wie schnell das geht. In meinen Augen ist Basilikum ein echter Anfänger gegen Katzengras, denn Basilikum geht einfach – und wo ist da der Witz? – sofort ein, nachdem man die Supermarktplastiktüte entfernt und ihm einen hübschen Platz gesucht hat. Katzengras hingegen wächst und gedeiht wochenlang, kommt mit viel Sonne klar, aber auch mit Schatten, freut sich über frisches Wasser, ist aber auch nicht böse, wenn man es mal vergisst. Und dann, von einem Tag auf den nächsten, verliert es jede Spannkraft und hängt wie tot in der Gegend rum, als hätte die Rotte Wildschweine auch noch reingepinkelt. Aber das muss wohl so sein.

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Tag 1: Katzengras
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Tag 3: Katzenheu

Ich liebe Balkonblumen. Dass die Balkonblumen mich nicht auch lieben, ist schade. Ich kann es ihnen aber auch nicht verdenken. Sicher fragen sich die armen Dinger auch oft: Warum hat der besoffene Gärtner mich nicht einfach im Klo runtergespült? Aber hey, das Leben ist kein Ponyhof. Obwohl, ein Pony auf dem Balkon hätte ich auch gerne, auch wenn es wahrscheinlich das Katzengras und die Stiefmütterchen essen würde. Aber man kann eben nicht alles haben. Die Pflanzen keinen Pfleger mit einem grünen Daumen, ich keine Blumen, die meine Liebe erwidern, und Monsieur Fuque keinen Obermieter, dessen ästhetische Vorstellungen von Außenwirkung mit den seinen auf glückliche Weise zu vereinbaren wären. Tja. Aber mit dem Frühling kommt eben auch jedes Jahr die Hoffnung. Und die Stiefmütterchen, die guten, die sind ja auch tapfer und winken den Vorübergehenden aufmunternd zu. Bis ihnen vor Kälte die kleinen Arme abfallen.

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„Warum hat sie uns nicht einfach im Klo runtergespült?“

 

5 Kommentare

  1. Ach ja…. Stiefmütterchn und Hornveilchen. Die stehen nächstes Wochenende auf auf meinem Programm. Damit auch die Fellnasen was davon haben, vom kommenden Frühling. Und Hornveilchen mochten auch Fixi und Pupsy sehr <3 Also auch in Erinnerung an unsere Herzenskater sind die jetzt ganz wichtig!

    1. Sicher sehen Fixi und Pupsy von ihrer Wolke aus zu und sind schon sehr gespannt darauf, was Lani und Kimo von Hornveilchen halten.
      Remember: Alle Fotos von Blumen sehen noch besser aus, wenn Katzen mit drauf sind. Den Mädels war es heute allerdings zu nass dafür. Aber der Frühling kommt ja erst noch!

  2. Stiefmütterchen haben das Gesicht eines bärtigen, alten Mannes, das einen griegrämig und vorwurfsvoll anschaut. So etwas kommt nicht in meine Nähe.
    Aber – wo gibt es Katzengras, das nicht nach einem Tag Sonne stirbt, wenn es man es nicht mindestens vier Mal am Tag gießt? So eines hätte ich gerne. Und Paulchen bestimmt auch.

    Grüße von der Ostsee : )

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