Weltkatzentag

„Was soll das heißen?“, fragte der kleine freundliche Hund ärgerlich. „Heute ist nicht mein Tag?“

„Es ist Weltkatzentag“, erklärte Frl. Leonie Mau geduldig. Und Herr Frittvol Frittenschön fügte hinzu: „Soweit ich weiß, bist du keine Katze.“

„Natürlich bin ich keine Katze“, gab der kleine freundliche Hund etwas zögernd zu. „Ich bin ein Hund. Ein Halbdackel. Aber die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau sagt ja immer, wenn ich sehr eigensinnig bin, ich sei eine Ehrenkatze.“

Leo blätterte in einem ziemlich umfangreichen Ordner, auf dessen Rückenschild in großen Buchstaben „Regelwerk“ stand und murmelte: „Hier steht nichts von Ehrenkatzen und schon gar nichts von Halbdackeln. Tut mir Leid, aber ich glaube nicht, dass das heute dein Tag ist.“

„Ach Menno!“, sagte der kleine freundliche Hund frustriert. „Das ist aber nicht sehr inklusiv.“

„Bestimmt hast du einen eigenen Tag“, versuchte Fritte ihn aufzumuntern. „Den Welthalbdackeltag.“

„Und wann soll der bitteschön sein?“, fragte der kleine Hund griesgrämig. „Es sind doch schon alle Tage vergeben, oft an so wichtige Sachen wie Weltnudeltag oder Tag des deutschen Schlagers. Und dann muss man sich den Tag nachher teilen und alle glauben, man würde den Tag der Blockflöte oder den Tag des Hot Dogs feiern.“

„Tag des Hot Dogs?“, fragte Fritte interessiert. „Das klingt doch schon mal gar nicht schlecht. Ich meine, du bist doch ein ziemlich heißer Hund, oder?“

„Natürlich“, gab der kleine freundliche Hund zurück. „Aber wenn du glaubst, dass ich mich zwischen zwei Brötchenhälften klemmen und mit Senf beschmieren lasse, liegst du falsch!“

Leo, die zwischenzeitlich ihr Smartphone aus der Bauchtasche gezogen und gegoogelt hatte, fing an zu lachen. „Es gibt sogar einen Weltdackeltag“, kicherte sie. „Den haben wir allerdings verpasst, denn er war am 21. Juni.“

„Das kann man sich doch gut merken“, fand Fritte. „Am selben Tag wie der Sommeranfang.“

„Und das ist kein Zufall!“, fügte Leo geheimnisvoll hinzu und musste wieder kichern.

„Was soll das nun wieder heißen?“, fragte der kleine freundliche Hund halb genervt und halb interessiert. „Wieso kein Zufall?“

„Ich zitiere aus Wikipedia!“, kündigte Leo an, räusperte sich und las laut: „Das Datum fällt bewusst auf die Sommersonnenwende, also den längsten Tag des Jahres – ein passender Scherz für den wegen seines langen Körpers bekannten Dackel.“

„WAS?“, rief der kleine freundliche (im Moment gerade etwas aufgebrachte) Hund. „Und das finden die Leute lustig?“

„Ich bin zwar nicht die Leute“, gab Leo hoheitsvoll zurück. „Aber ja, ich finde das lustig. Und du solltest dich geehrt fühlen mit einem eigenen Dackeltag. Es gibt nämlich keinen Tag des Jack Russell Terriers und auch keinen Tag des Bernhardiners.“

„Aber natürlich gibt es einen internationalen Tag des Hundes“, ergänzte Fritte. „Den feiern wir am 10. Oktober. Du kannst dir schon mal überlegen, wen du alles einladen möchtest. Und was es zu essen geben soll.“

„Was gibt es denn heute zu essen?“, erkundigte sich der kleine freundliche Hund hoffnungsvoll. „Vielleicht Katzenfutter für alle?“

„Ich weiß nicht, was du an dem Zeug findest!“, erwiderte Leo. „Es schmeckt doch wirklich ekelhaft.“

„Aber besser als Hundefutter!“, gab Fritte zu bedenken.

„Ich weiß nicht, was ihr habt!“, widersprach der kleine freundliche Hund. „Mir schmeckt es. Mir schmeckt allerdings auch fast alles. Aber Katzenfutter ist wirklich köstlich. Du solltest es mal probieren, Leo!“

„Nein danke“, gab Leo zurück und schüttelte sich. „So weit kommt es noch.“

„Als ob dein Trockenfutter kein Katzenfutter wäre“, sagte Fritte. „Und das knabberst du doch so weg!“

„Das ist doch etwas ganz anderes!“, fand Leo. „Trockenfutter macht viel mehr Spaß beim Essen und stinkt längst nicht so wie eure Dosen, Schälchen und Tütchen. Aber heute, zum Weltkatzentag, sollte es wirklich etwas Besonderes geben. So was wie Hirschstreifen!“

Fritte fing allein von der Vorstellung an zu sabbern. „Hirschstreifen! Das wäre toll!“

„Diesmal möchte ich die aber auch probieren!“, rief der kleine freundliche Hund. „Gegen so etwas Köstliches bin ich bestimmt nicht allergisch, das verspreche ich.“

„Dein Mensch sorgt sich halt um dich“, sagte Fritte mit besorgt klingender Stimme. „Und außerdem bleiben so mehr Hirschstreifen für mich.“

„Dafür bekomme ich Kartoffeln zu meinem Hundefutter“, sagte der kleine freundliche Hund wichtig. „Und du nicht.“

„Stimmt“, sagte Fritte. „Aber ich hätte auch sowieso lieber Fritten.“

„Fritten!“, riefen Leo und der kleine freundliche Hund mit verzückten Gesichtern. „Fritten!“

„Das wäre mal eine angemessene Würdigung“, fand Fritte. „Fritten satt. So richtig schön fetttriefende Fritten… omnomnom. Fritten für Fritte!“

„Hirschstreifen mit Fritten“, sagte Leo vor sich hin. „Ja, das klingt gut. Für mich bitte eine doppelte Portion.“

„Für mich auch!“, rief der kleine freundliche Hund aufgeregt.

„Für mich eine dreifache Portion!“, vervollständigte Fritte die Bestellung. „Und eure Reste esse ich auch noch.“

„Welche Reste?“, fragte der kleine freundliche Hund irritiert. „Ich glaube nicht.“

„Ruhe jetzt!“, befahl Leo. „Ich höre die Menschen kommen. Wir müssen sehr überzeugend auftreten.“

Im nächsten Moment öffnete sich schon die Wohnungstür und die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau und der große freundliche Mann betraten die Wohnung. Interessiert betrachteten sie die drei Haustiere, die mit eingezogenen Wangen reglos auf dem Fußboden lagen. „Habt ihr etwa Hunger oder was?“

„Und wie!“, schrie Fritte, während er aufsprang. „Ihr müsst uns unbedingt sofort etwas zu essen organisieren. Und zwar Fritten. Los, schnell!“

„Nicht wieder das öde Katzenfutter!“, rief Leo, während sie sich aufrappelte, wurde aber von dem kleinen freundlichen Hund sowohl umgerannt als auch übertönt: „Essen, essen, essen! Leckeres Hundefutter! Und Kartoffeln! Für mich!“

Die Menschen drängelten sich an der Haustierpantomime vorbei in die Küche. Dort wog der große freundliche Mann die vorgesehene Menge Hundefutter ab und mixte sie mit zwei halben Kartoffeln. Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau füllte währenddessen den Inhalt eines Katzenfutterschälchens in einen Napf und füllte dann großzügig Trockenfutter in einen Becher ab. Den Napf stellte sie Fritte vor die Nase und den Becher trug sie, vorsichtig den vor Aufregung tanzenden kleinen freundlichen Hund umkreisend, ins Schlafzimmer, wo Leo inzwischen aufs Bett gehüpft war und ihr mit großen Augen entgegensah. „Los jetzt, beeil dich!“

Der kleine freundliche Hund und der große freundliche Mann waren inzwischen ins Wohnzimmer getanzt, wo der große freundliche Mann die Tür schloss, während der kleine freundliche Hund sich über sein Essen hermachte. Fritte schob inzwischen seinen Napf durch die Küche und mampfte zufrieden. Leo fing an, sehr damenhaft an ihrem Trockenfutter herumzuknuspern, während die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau ihr frisches Wasser holte, natürlich in einem Glas, das sie dann auf den Nachttisch stellte.

„Frohen Weltkatzentag!“, verkündete sie. „Und wenn ihr nett seid, bekommt ihr nachher vielleicht noch ein paar Hirschstreifen.“

 

1 Kommentar

  1. Köstlich! Oh ja, diese eingezogenen Wangen, und mit den Augen machen sie manchmal auch irgendwas, damit sie noch verhungerter aussehen …

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