Zwei Jahre ohne Ida.

Heute vor zwei Jahren musste ich Ida gehen lassen. Ida, die beste Ida der Welt.

Manchmal hadere ich ein bisschen mit dem Schicksal, weil die Pandemie erst ein paar Wochen nach dem Tod der Keinzahnkatzen begann. Wie gerne hätte ich die Monate im Homeoffice, die Phase der Kontaktbeschränkungen und vor allem die lange erste Zeit voll Angst und Unsicherheit mit Olga und Ida geteilt. Schlicht und ergreifend, weil ich dann so viel mehr Zeit mit ihnen hätte verbringen können. #staythefuckathome? Sie hätten diesen Hashtag geliebt.

Statt Olga und Ida kamen Lotti und Leo in den Genuss meiner ständigen Anwesenheit, kaum dass sie hier eingezogen waren. Auch ihnen hat das gut gefallen, behaupte ich mal, und sie werden überrascht und möglicherweise auch beleidigt sein, wenn ich irgendwann wieder außer Haus arbeite und sie tagsüber weitgehend sich selbst und einander überlassen bleiben. Aber wie gut, dass sie bei mir waren, als der Lockdown kam. Ohne Katzen im Haus hätte ich das alles sicherlich nicht so gut ausgehalten.

Aber zurück zu Ida. Wie gerne hätte ich mehr Zeit mit ihr und für sie gehabt, gerade zum Schluss, in den neun Tagen, in denen sie ohne Olga leben musste. Ich konnte mir keinen Urlaub nehmen, um sie zu unterstützen und zu päppeln. Die paar Stunden, die ich durch frühere Feierabende gewann, gingen, so erinnere ich es zumindest, komplett dafür drauf, schnell noch was bei der Tierärztin abzuholen oder in einem Laden für Tierbedarf oder in einem Drogeriemarkt zu stehen und fieberhaft zu überleben, was ich der armen Katze noch an Leckereien anbieten kann. Sie konnte ja immer weniger essen und in den letzten Tagen aus eigenem Antrieb gar nichts mehr.

Selbst an unserem letzten Tag – wobei ich morgens nicht wusste, dass das unser letzter Tag sein würde – war ich im Büro, hatte abends um halb sechs einen kurzfristig angesetzten Termin bei der Tierärztin und wusste, dass ich nicht viel früher gehen können würde, weil ich dummerweise – Wochen vorher – versprochen hatte, an diesem Abend für eine Kollegin, die ihre Kinder aus der Kita abholen musste, das Telefon zu hüten. Und dann, als ich endlich loskam, war da diese schreckliche Treckerdemo in Hamburg, die den gesamten Verkehr in der Stadt blockierte, und ich war schon völlig mit den Nerven am Ende, bevor wir bei der Tierärztin ankamen. Mein Puls und mein Blutdruck an diesem Spätnachmittag dürften über Stunden im „ist eigentlich nicht mehr lebensfähig“ Bereich gelegen habe.

Das änderte sich rasant, als meine Tierärztin mir dann mit tieftrauriger Stimme mitteilte, dass sich Idas Werte, und zwar alle relevanten Werte, noch weiter verschlechtert hatten und dass ein allmähliches Organversagen der Grund dafür war, dass sie nicht mehr essen konnte. Bis dahin hatten wir ja gehofft, dass sie aus Trauer um ihre Schwester das Essen verweigerte und dass sich die Situation noch einmal verbessern würde. Puls und Blutdruck fielen beim Hören dieser Diagnose schlagartig auf unter Null, zumindest fühlte es sich so an. Mit ihnen fielen meine Hoffnung, meine Zuversicht, meine Freude.

Und Ida saß da in ihrem Transportkorb und sah mich traurig an. „Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen soll“, gestand sie mir leise, „aber ich muss zu Olga. Ich liebe dich, mehr als ich dachte, dass man Menschen lieben kann, und ich würde gerne bei dir bleiben, aber ich muss zu Olga. Es tut mir leid.“

„Ich weiß ja“, sagte ich, „ist schon in Ordnung.“

(Leo hüpft hier gerade auf den Tisch und fragt, warum ich weine. „Weil Katzen so etwas Wunderbares sind“, sage ich, und sie legt sich wieder hin, zufrieden und beruhigt.)

Na ja. Dann ging Ida mit freundlicher Unterstützung der Tierärztin zu ihrer Olga und ich blieb alleine zurück. Okay, nicht völlig alleine, aber ohne Katzen. Als ob „ohne Ida“ nicht schlimm genug gewesen wäre, fand ich mich komplett ohne Katzen wieder. Zum Glück nicht für lange, denn Ida hatte ja vorgesorgt und veranlasst, dass mich der erste Hinweis auf Lotti und Leo noch in der Nacht ihres Todes erreichte. Sie war eben die Allerallerbeste und wollte nicht, dass ich alleine bleibe. Und ich bin heute noch so unglaublich froh darüber, dass ich diesen Hinweis verstanden habe und die beiden Fräuleins wenige Wochen später bei mir einziehen ließ. Die Gewissheit, dass Ida das genau so gewollt und eingefädelt hatte, ließ bei mir keinerlei Zweifel aufkommen.

Nun sitzen Olga und Ida auf ihrer Wolke, schon seit zwei Jahren. Noch immer mit sehr viel Essen, um alles nachzuholen, was sie im Laufe ihres Lebens versäumen mussten. Und aus Gewohnheit, denn Essen ist geil. Das Großartige am Rumsitzen auf Wolken ist, dass die Kalorien dort so gut wie keine Bedeutung haben und man deswegen niemals dick wird, auch wenn man vielleicht ein bisschen mehr isst als unbedingt nötig. „Ein bisschen mehr“, hihi. Natürlich reservieren Olga und Ida mir dort auf ihrer Wolke schon ein Plätzchen, zu diesem Zweck habe ich Ida damals – erstaunlich geistesgegenwärtig, wie ich finde – ein Handtuch mitgegeben. Ich kann jederzeit kommen, sagen sie, aber ich darf mir auch noch ein bisschen Zeit lassen. Schließlich muss ich ja auf Lotti und Leo aufpassen.

Damit ich das nicht verkacke, passen Olga und Ida von ihrer Wolke aus auf mich auf. Mit Hähnchenschlegeln in der Hand und so, aber mit voller Aufmerksamkeit. Ich sei schließlich auch ihr Seelenmensch, hat Ida mir noch zugeflüstert, und ich solle mir keine Sorgen machen. Sie hätte auch gerne mehr Zeit mit mir gehabt, auch am letzten Tag noch, aber die Zeit, die wir miteinander hatten, die hatten wir und die bleibt uns auch. Es ist alles in Ordnung, sagt Ida.

6 Kommentare

  1. Es ist so passend, gerade heute morgen musste ich an Heiner denken, ob ich beim Hundespaziergang einen Schlenker zu seinem Grab mache und was für ein toller Kater er doch war..
    11 Jahre ohne den besten Kater der Welt und es tut noch immer weh.

    1. Musst du auch nicht, wenn es sich für dich nicht richtig anfühlt. Wir gehen alle unterschiedlich mit den Dingen um und das ist okay.
      Du hast recht, es hört nicht auf. <3

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